Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem


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Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem

 
24.04.02 09:54
dem Abenteuer des Lebens.


Die Angst vor dem Untergang



Von MELANIE WASSINK und MATHIAS EBERENZ

Hamburg - Viele Monate knallten die Sektkorken auf dem Frankfurter Börsenparkett. Internet-Start-Up-Manager und Kapitalgeber feierten grandiose Börsenstarts. Doch dann stürzten im März die Kurse ab. Neue Aktien notierten auf einmal unter dem Ausgabepreis. Geplante Börsengänge wurden gleich dutzendweise abgesagt.
Und es kommt noch schlimmer. Was Insider schon seit längerem befürchteten, wird jetzt bittere Realität: Immer mehr Internetfirmen, ob börsennotiert oder nicht, geht das Geld aus. Jedes vierte der eben noch hochgejubelten Online-Unternehmen steht laut Experten, die das Abendblatt befragt hat, kurz vor dem Bankrott.
Markus Krämling, bei der Deutschen Bank zuständig für den Neuen Markt, sieht die Lage dramatisch: "Es wird eine massive, schnelle Konsolidierung geben." Noch negativer gestimmt ist Dietmar Hopp, Aufsichtsratsvorsitzender der Walldorfer Softwareschmiede SAP. Seine Prognose: "Von 100 Internet-Gründungen werden maximal zehn bis 15 überleben."
Das US-Marktfoschungsunternehmen Pegasus verbreitet in Zusammenarbeit mit dem renommierten Anlegermagazin Barron's regelrechte "Todeslisten". Demnach ist selbst ein führender Online-Dienstleister im zukunftsträchtigen US-Gesundheitsmarkt wie Healtheon vom Konkurs bedroht. Die Website DrKoop.com des ehemaligen US-Gesundheitsministers verfüge sogar nur noch über Barreserven für sechs Wochen. Auch die Pleite des Online-Musikhändlers CDNow stehe unmittelbar bevor. Und selbst die wegen ihrer Idee für digitales Bezahlen im Internet weltweit beachtete Firma Cybercash werde auf Dauer nicht genug Geld einspielen, um zu bestehen.

Die Meldung der Pegasus-Marktforscher, dass rund zwei Drittel der 280 untersuchten US-Internetfirmen Verluste machen, hat auch in der europäischen Internetszene für reichlich Unruhe gesorgt. Besonders bedrohlich: Für viele kränkelnde Internet-Start-Ups in Deutschland wird es kein weiteres Geld geben, keine neue Finanzierungsrunde. Das ergab eine Umfrage des Abendblatts unter Analysten und Wagniskapitalgebern. Denn die haben aus den jüngsten Pleiten gelernt. Etwa vom Absturz des britischen Internet-Kleidermarkts Boo.com, oder des US-Online-Spielzeughändlers Toysmart.
Mit dem Nürnberger Internet-Supermarkt Direktkauf.de meldete jetzt auch der erste deutsche Online-Hoffnungsträger Konkurs an. Den Hauptgrund für die vorhergesagte Konkurs- und Fusionswelle haben die Analysten schon ausgemacht: Bei immer mehr Internet-Unternehmen übersteigen die laufenden Kosten, insbesondere jene für das aggressive Marketing, die Umsätze. Besonders krass ist das Verhältnis beim britischen Online-Reisebüro Ebookers. Das Unternehmen verkaufte im ersten Quartal für rund drei Millionen Dollar Tickets, steckte aber mehr als acht Millionen ins Marketing.
Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Insider sehen die ersten Konkurse und die Kursstürze an den Aktienmärkten deshalb erst als Vorboten - als erste dunkle Wolken, die ein tosendes Gewitter am Internetmarkt ankündigen. Dietmar Hopp warnt eindringlich: "Selbst heute sind die Kurse noch abenteuerlich hoch. Es kann noch in diesem Jahr zu einer Halbierung der aktuellen Werte kommen." Das mag nicht für alle Werte am Neuen Markt gelten, aber wie dramatisch die Lage zum Teil ist, zeigen die Kursabstürze des letzten Quartals: Allein beim Softwareanbieter Abit waren es 86 Prozent, 81 Prozent verlor das Softwarehaus CPU.
Der Münsteraner Marketing-Experte Professor Heribert Meffert sagt sogar ein Massensterben im Internetmarkt voraus: "Bis 2006 oder 2008 werden höchstens noch zehn bis 20 Prozent der heutigen E-Commerce-Unternehmen existieren." Ganz oben auf der Liste der Pleitiers sehen die Experten Unternehmen, die ausschließlich auf den Handel mit Endkunden im Internet setzten. "In diesem Segment werden in den nächsten drei bis vier Jahren nur noch ein bis zwei große, weltweit tätige Firmen überleben", schätzt Rolf Drees von der Union-Investment-Gesellschaft in Frankfurt.
Als Sorgenkinder gelten dabei insbesondere die Kleinen der Branche: Unternehmen, die die kritische Größfe noch nicht erreicht haben, um sich im Markt durchsetzen zu können, die nicht mächtig genug sind, um im Einkauf die Preise zu drücken. Die von den Kosten ihrer Verwaltung erdrückt werden, für die moderne Logistiksysteme noch zu teuer sind. Nur wenn diese Newcomer schwer nachzuahmende Produkte oder Dienstleistungen anbieten, könnten sie überleben, so Drees. Wie etwa der israelische Smartcard-Hersteller On Track Innovations, der intelligente Lösungen im elektronischen Zahlungsverkehr anbietet. Solche Unternehmen können durch "Wachstum aus eigener Kraft oder als Übernahmekandidat" bestehen, sagt Rolf Mathies von der Venture Capital Gesellschaft Earlybird.
Als Beispiel für einen Übernahmekandidaten nennt Mathies die seit 1999 börsennotierte Netlife AG. Das Hamburger Softwarehaus sei auch mit dem für 2001 vorhergesagten Umsatz von 75 Millionen Mark noch viel zu klein für den Weltmarkt. Das sieht Netlife-Vorstand Claus Müller natürlich anders. "Wir spezialisieren uns auf Brokerage-Anwendungen in den Zielmärkten Zentraleuropa und Asien und befinden uns damit in einem absolut boomenden Markt."
Ganz anders als die Marktchancen von Netlife beurteilt Mathies dagegen den Netlife-Konkurrenten Brokat, der mit 3,2 Milliarden Euro eine mehr als zehnmal mal größfere Marktkapitalisierung vorweisen kann als die Hamburger - bei einem erwarteten Umsatz für 2001 von 270 Millionen Mark (laut Credit Suisse First Boston).
"Schwierig" ist nach Meinung des Investmentexperten Drees auch die Situation von Unternehmen wie dem Online-Buchversender Buch.de, der im Schatten des größften Internetbuchhändlers Amazon steht, oder dem Kunsthändler Artnet. Beide hätten praktisch keinen Mehrwert zu bieten. Die Kunden hingegen erwarteten Niedrigpreise, doch damit gingen die Gewinnspannen weiter in den Keller.
Wie Buch.de diese Entwicklung verhindern will, sagt Gründer Michael Urban: "Wir versuchen uns jetzt durch die Kooperation mit dem in Deutschland flächendeckend präsenten Buchhändler Phönix-Montanus zu vergrößfern." An Terminals in den Buchläden sollen Kunden Bücher online bestellen, die in den Regalen nicht vorliegen.
Angesichts der Schreckensszenarien in der Internetszene sind auch die Analysten und Kapitalgeber zurückhaltender geworden. Gerade erst eingeführte Bewertungsmaßstäbe werden über den Haufen geworfen. Etwa die Rechenregel, einen Mausklick auf einer Internetseite mit Tausenden von Mark zu bewerten. "Der Versuch, eine Firma mit Klicks zu bewerten, ist gescheitert", sagt Wagniskapitalgeber Mathies.
Viele hätten einsehen müssen, dass sich bloße Online-Kundenkontakte "nicht so schnell in Erträge umsetzen lassen". So belegten Studien, dass immer noch mehr als 40 Prozent der kaufwilligen Kunden beim Online-Kauf überfordert sind und die Bestellung abbrechen.
Der Hamburger Venture Capitalist Gottfried Neuhaus legt deshalb einen eher traditionellen Bewertungsmaßstab an. Sein Credo: "Nur wer Erträge zeigt, wird überleben." Der finanzielle Aufwand müsse in einem vernünftigen Verhältnis zur Geschäftsidee stehen. Im Übrigen seien Konkurse etwas ganz Normales, sogar gesund, so Neuhaus.
Von einer Normalisierung und einer heilsamen Beruhigung des Internetmarktes spricht auch Rolf Mathies: "Unter denjenigen, die jetzt an der Börse sind, wird sich der Markt verteilen. Sie haben keine Newcomer mehr zu fürchten. Schließlich wird es nicht noch einen x-ten Buchhändler oder Auktionator geben, der an den Neuen Markt geht." Der Grund: " Er wird keine Geldgeber mehr finden." Die Zeiten, "als Geld verbrennen noch sexy war", sind vorbei. Die Investoren - und auch die Aktionäre - sind vorsichtiger geworden.


"Die einzige Lösung [der globalen Krise] besteht darin, das ganze internationale Finanz- und Währungssystem durch ein ordentliches Bankrottverfahren zu reorganisieren: Dabei müssen fast alle weltweit aufgehäuften Schulden einfach [durch Abschreibung] vernichtet werden; dann muß die Realwirtschaft mithilfe eines neuen Systems wiederaufgebaut werden, das viele der charakteristischen Eigenschaften des internationalen goldgestützten Währungs- und Finanzsystems von 1945 bis 1963 aufweist. Wenn diese Reform jedoch unterbleibt, dann kommt es mittelfristig auf unserem Planeten unweigerlich zu einem neuen finsteren Zeitalter".

beste Grüße
Antworten
strike!:

Von 100 überleben 10.....

 
24.04.02 09:57
Und die anderen 90 Vorstände verlassen mit vollgestopften Taschen das Schiff...

Es ändert sich nichts, nie!
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