Was der deutsche Brauer nicht kennt

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Was der deutsche Brauer nicht kennt

 
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Von Sebastian Siegloch

Wenn das bevölkerungsreichste Land der Erde das Bier entdeckt, heißt das für die Brau-Industrie: Nichts wie hin! Auch die deutschen Brauer könnten den Bier-Boom in China nutzen, um den heimischen Absatzrückgang auszugleichen - hätten sie den Trend nicht verpennt.

Hamburg - Das Zelt ist ein typisches Bierzelt: Die Menschen saufen - so schnell wie möglich, wenn's sein muss auch mit Strohhalmen. Auf den Tischen tanzen die beschwipsten Bierfreunde. Unter den Tischen röcheln die ausgeknockten Bierleichen. Wer jetzt folgert: Theresienwiese, München, Oktoberfest, der hat sich verschätzt - um mehr als 8000 Kilometer.

Das größte Bierfest Asiens in Qingdao lockt jedes Jahr mehrere Millionen Besucher an Chinas Ostküste. Das zwei Wochen andauernde Gelage beweist: Bier boomt in China. Auch der Blick auf die nüchternen Zahlen stützt diese These: Mit 291 Millionen Hektolitern pro Jahr ist die Volksrepublik zum dritten Mal in Folge der größte Bierproduzent der Welt - vor den USA und Deutschland. Allein im Jahr 2004 ist die Produktion um 15 Prozent gestiegen. Trotzdem trinkt der durchschnittliche Chinese gerade einmal 20 Liter Gerstensaft pro Jahr. Zum Vergleich: Im Bierland Deutschland liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch bei 116 Litern.

Die internationalen Brauerei-Riesen haben das riesige Potential, das in China schlummert, längst entdeckt. Die größte Brauereigruppe der Welt, InBev Chart zeigen aus Belgien, ist schon seit 1997 auf dem chinesischen Markt aktiv. Heute ist InBev an sechs großen chinesischen Brauereien beteiligt und hat 28 Produktionsstandorte. Die Nummer zwei unter den Bierbrauern weltweit, der amerikanische Konzern Anheuser-Busch Chart zeigen, ist Partner der größten chinesischen Brauerei Tsingtao und der viertgrößten Harbin. Über 8000 Anheuser-Mitarbeiter arbeiten in China.

Deutsche Zurückhaltung

Auch deutsches Bier steht in China hoch im Kurs. In der Zehn-Millionen-Einwohner Metropole Shanghai gibt es drei Brauhäuser von Paulaner. Dort tragen die Kellnerinnen Trachten, im Hintergrund spielt deutsche Volksmusik. Das Weißbier fließt in Strömen, und dazu gibt es deftiges Essen, wie Schweinshaxe oder Rostbratwürste mit Sauerkraut.

"Die Häuser sind immer voll und die Stimmung ist super", sagt Lars Anke, China-Experte vom Ostasiatischen Verein, und erinnert sich an seinen eigenen Besuch. 1991 wurde das erste Paulaner Brauhaus in Peking eröffnet. Mittlerweile kann der chinesische Bayern-Freund in fünf Großstädten sein frisch gebrautes Weißbier trinken. Jürgen Schenk von Paulaner Bräuhaus Consulting sagt: "Die Chinesen lieben unser Bier."

Lars Anke teilt diese Einschätzung. "Deutschland ist das Bierland - auch für die Chinesen." Dieses Klischee sitze fest in den Köpfen. "Die Chinesen lieben solche Stereotypen. Sie bringen Deutschland in Verbindung mit Weißbier und Oktoberfest", sagt Anke.

Obwohl der germanische Gerstensaft in China einen erstklassigen Ruf genießt, sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den großen deutschen Brauereien und der Volksrepublik mehr als übersichtlich. "Wir machen keine Geschäfte mit China", sagt Stefan Leppin, Pressesprecher der Radeberger Brauereigruppe. Der größte deutsche Bierproduzent (Radeberger, Clausthaler, Schöfferhofer, DAB oder Berliner Kindl) ist weder an chinesischen Brauereien beteiligt, noch exportiert er ins Reiche der Mitte.

Auch die Brauerei-Kette Bitburger hält sich aus dem chinesischen Biermarkt weitestgehend heraus. "Wir haben keine Beteiligungen an chinesischen Brauereien", sagt der Bitburger-Pressesprecher Dietmar Henle. Auch beim Export ist der zweitgrößten deutschen Bierproduzent (Bitburger, Köstritzer, Licher, König Pilsener, Wernesgrüner) zurückhaltend. 10.000 Hektoliter exportiert das Unternehmen nach China, das sind nicht einmal vier Prozent des Gesamtexports.

International nur eine kleine Nummer

Radeberger und Bitburger begründen ihr bescheidenes Engagement im boomenden Markt ähnlich. "Für China sind wir eine deutliche Nummer zu klein", sagt Radeberger-Sprecher Leppin. "Gegen die großen internationalen Player haben wir keine Chance."

Ein Blick auf die jährliche Bierproduktion der internationalen Brauerei-Riesen beweist das. Dem Bericht des weltgrößten Hopfenproduzenten Joh. Barth & Sohn zufolge braute Marktführer InBev im letzten Jahr etwa 193 Millionen Hektoliter Bier. Die viertgrößte Brauereikette Heineken Chart zeigen kam immer noch auf 123 Millionen Hektoliter. Radeberger rangiert international auf Rang 19 mit einem Bierausstoß von nur 14 Millionen Hektoliter.

Heute hat deutsches Bier nur noch im Schlepptau der internationalen Konzerne in China eine Chance. Der Exportschlager Beck's gehört zu InBev, und auch Paulaner ging 2001 eine Allianz mit Heineken aus den Niederlanden ein.

An dieser Situation sind die Brauereien aber nicht schuldlos. "Die deutschen Brauer haben sich, mit ganz wenigen Ausnahmen, jahrzehntelang nur auf den heimischen Markt konzentriert und den Export vernachlässigt", sagt Rudolf Böhlke, Experte für den deutschen Biermarkt bei den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young. "Jetzt haben die Unternehmen im Vergleich zu den ausländischen Braukonzernen weder die Erfahrung noch die Strukturen, um in Märkten wie China aktiv zu werden", so Böhlke.

Nicht auf die Größe - aufs Timing kommt es an

Radeberger und Bitburger wollen sich jetzt auf den heimischen Markt konzentrieren - einen Markt, der schrumpft. Der jährliche Bierverbrauch der Deutschen ist zwischen 2000 und 2004 um gut neun Prozent auf 116 Liter pro Kopf gesunken. Der Umsatz brach im gleichen Zeitraum sogar um fast zwölf Prozent ein. Das Geschäft in China böte da einen lukrativen Absatzmarkt. Und das Beispiel der philippinischen Brauerei San Miguel zeigt: Mangelnde Größe hätte man durch gutes Timing wettmachen können.

San Miguel ist, was den jährlich Bierausstoß betrifft, in etwa so groß wie Radeberger. Nichtsdestotrotz wagten sich die Philippiner schon 1991 auf den chinesischen Markt. Heute betreibt das Unternehmen vier Brauereien. "Wir haben bisher über 300.000 Dollar in unser China-Geschäft investiert", sagt eine Unternehmenssprecherin.

Dabei waren die deutschen Brauer eigentlich früher als alle anderen in China auf dem Markt. Im Jahr 1903 gründeten deutsche Siedler die Brauerei Tsingtao in Qingdao. Heute ist das gleichnamige Bier das beliebteste der Volksrepublik. "Viele Chinesen wissen, dass Tsingtao-Bier deutsche Ursprünge hat", sagt China-Experte Lars Anke. Kaufen können sich die deutschen Brauer davon nichts. Seit April besitzt Anheuser-Busch 27 Prozent der Brauerei.

Und das sind bekanntlich Amerikaner.

spiegel.de


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