Vor schweren Zeiten

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Vor schweren Zeiten MD11
MD11:

Vor schweren Zeiten

 
17.12.04 11:54
#1
EUROPA / Ein Türkei-Beitritt löst die innere Bindungskraft des Kontinents



Das Gemeinschaftsgefühl der Europäer wurzelt auch im Christentum. Wer es verletzt, der riskiert den Rückfall in die alten nationalistischen Muster.


Dieser 17. Dezember, der den Beschluss zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei markiert, wird in die Annalen der Europäischen Union als prägendes Datum eingehen, als Signatur der Wende vielleicht: Es könnte das Datum sein, das den Niedergang der großen Idee eines gemeinsamen Europa einläutet.
Von jeher war diese Idee nicht nur auf realpolitische Vorteile seiner Mitgliedsstaaten gegründet, etwa auf den Feldern der Wirtschaft oder der Außenpolitik. Immer auch war der Wille, solche Vorteile gemeinsam zu verwirklichen, von der Beobachtung getragen, im freien Europa eine Wertegemeinschaft vorzufinden, die sich mit dem Muster der eigenen politischen Absichten deckte. Diese Werte sind ganz zweifel- los Ausfluss abendländischer Gemein-samkeiten, die sich vor vielen Jahrhunderten auf den Schienen der lateinischen Sprache in Europa verbreitet und die uns tief geprägt haben. Trotz lateinischer Sprachwurzeln hat es zu einer gemeinsamen Sprache nicht gereicht, aber Kultur und Musik, Philosophie und Religion haben eine breite verbindende Basis geschaffen.

„Machten wir“, schrieb der spanische Philosoph Ortega y Gasset, „heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes auf, so würde sich herausstellen, dass das Meiste davon nicht unserem jeweiligen Vaterland, sondern dem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen. Vier Fünftel unserer Habe sind europäisches Gemeingut.“

Weil das so ist, finden wir in unseren Verfassungen auch die gleichen Grundrechte, den gleichen Respekt vor der Menschenwürde, eine identische Betonung der Gleichberechtigung. Das sind keine leeren Formeln: Dieses Europa ist eine eingeübte, kulturell aufeinander bezogene Idee, nach mörderischen Perioden wieder freigelegt und uns zur Verteidigung anheim gegeben.

Die Gemeinsamkeit dieser europäischen Identität wird bisher deshalb stark empfunden, weil sie sich aus christlich geprägten Verhaltensmustern nähren konnte, denen auch jene unterliegen, die nicht Kirchenmitglieder sind: Unsere übers Jahr gelebten Traditionen, die Art des rationalen und wissenschaftlichen Denkens, die säkularen Lebensformen haben einen gemeinsamen prägenden Ursprung, und wir haben all das über Jahrhunderte wiederholt im Ringen zwischen Staatsideen und sich wandelnden Verhaltensmustern der christlichen Religion verteidigt.

Nichts von alledem gehört zur Tradition der Türkei. Noch heute ist das Land vom Laizismus weit entfernt, dem es sich in einer sehr achtenswerten Anstrengung nähern will. Der sunnitische Islam prägt das Land, und er wird von staatlich angestellten Imamen durch Belohnung mit einem Monopol auf einem regierungsverträglichen Kurs gehalten – eine Unterdrückung des Politischen in einer zutiefst politischen Religion.

Das wird religiöse, fundamentalistische Gärungen verursachen in einem Moment, in dem auch die entlegenen Gebiete der islamischen Türkei die säkulare, alle Religionen gleichberechtigende Hand europäischer Prinzipien spüren, die zudem den Habitus gewohnter Ungleichheit von Mann und Frau zerstören, dort, wo auch heute noch die Burka zum Straßenbild gehört.

Diese Gärungen werden Europa erreichen, sie werden in das Europäische Parlament und den Europäischen Rat einziehen, sie werden die Gesetzgebung beeinflussen und auch die Europäischen Gerichtshöfe, die über die Auslegung des Rechts und auch über die Menschenrechte wachen. So entschieden die heutige politischen Elite Ankaras den Weg in die EU auch gehen will - sie wird zwei so unterschiedliche Kulturen nicht kompatibel machen können.

Zu befürchten ist vielmehr eine weitere Entfremdung der Menschen in der EU von der europäischen Idee, eine Schwächung ihrer inneren Bindungskraft. Das ist die Folge von Überdehnungen, von einer Umwidmung der Europäischen in eine europäisch-kleinasiatische Union. Diese Überdehnung wird tragisch sein, weil sie – insbesondere vom deutschen Bundeskanzler – unter sicherheitspolitischen Vorzeichen gutgeheißen wird und deshalb die EU notwendigerweise in alle Konfrontationen hineinziehen wird, die sich an den asiatischen Grenzen der Türkei abspielen werden.

Jeder, der vor allem in der Türkei selbst den ernsthaften Willen zu Reformbemühungen konstatiert, wird der Türkei auf dem Wege zu einem wirklich laizistischen Staat mit allen für uns selbstverständlichen Grundrechten helfen wollen. Unbedingt auch muss Europa eine Brückenfunktion der Türkei befördern zwischen Europa und den asiatischen Staaten – so die Türkei dort als Mittler akzeptiert wird. Auch war es richtig, die Türkei wirtschaftlich der EU zu assoziieren, ihr währungspolitisch beizustehen. Aber das alles ist auch möglich ohne den Preis einer hohen Selbstbeschädigung, den die gegenwärtigen Regierungschefs der Europäischen Union leichtfertig zahlen. Wer darüber in Deutschland diskutiert, handelt weder „schamlos“ (Claudia Roth), noch stiftet er - wie die Bundesregierung behauptet - „gesellschaftlichen Unfrieden“ – im Gegenteil.

Nichts hindert die Türkei daran, alle Ideen, die sie an Europa so sehr bewundert, für sich umzusetzen. Dies aber von der vollen EU-Mitgliedschaft abhängig zu machen, mindert ihre eigenen Optionen. Verfügte sie tatsächlich über die behauptete Bindungskraft zu ihren nahöstlichen Nachbarn, dann wäre die Türkei der ideale Kandidat als Leitgesellschaft für eine eurasische Union, die die aufklärerischen Gedanken des Westens dorthin trägt – in den Irak, den Iran, nach Armenien und Syrien, nach Georgien.

Man soll die Sorge um eine Auflösung der europäischen Idee nicht leichtfertig beiseite schieben. Sie greift bereits in der bestehenden EU seit Jahren um sich, weil man auf die Emotionen der Menschen zu wenig Rücksicht nimmt. Am Ende aller neuen Nationalismus- und Patriotismus-Debatten könnte der Zerfall Europas stehen – in Deutschland, England, Frankreich und anderswo. Wollen wir wirklich zurückfallen in einen Nationalismus, der Europa schon zu oft zerstört hat? Oder sollte nicht unser Bemühen sein, durch eine Pflege des Gemeinsamen (statt der Provokation des Spaltenden) in unserem kulturellen Erbe jene zutiefst humanistische Motivation zu fördern, die Robert Schuman und Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi, Jean Monnet, Charles de Gaulle, Paul Henri Spaak oder später Helmut Kohl für ihre europäische Vision hatten? Europa, so viel ist klar, steht vor schweren Zeiten.
Vor schweren Zeiten Happy End
Happy End:

Eben

 
17.12.04 12:03
#2
Entscheidend für Europa ist die humanistische Motivation, nicht die christliche!

PS: Quelle für Deinen "tollen" Artikel?
Vor schweren Zeiten MD11

Merkur o. T.

 
#3


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