Über die Russenphobie - kaltblütig

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Über die Russenphobie - kaltblütig bammie

Über die Russenphobie - kaltblütig

 
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Eine alte Weisheit lautet: Damit die anderen dich achten, fange zuerst damit an, dich selbst zu achten: für ein Werk, das du mit deinen Händen getan hast.

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MOSKAU, 04. Mai (Pjotr Romanow, RIA Novosti). Kaltblütig über die Feindseligkeit gegen Russen zu schreiben ist dasselbe, wie die Würde zu wahren, wenn man plötzlich von irgendwoher mit Gülle begossen wird. Versuchen wir es trotzdem nach Kräften, über diese Erscheinung ohne Kränkung zu sprechen. Wir wollen uns einmal nicht darüber empören, dass die Russen, wie die britische Presse schreibt, "die Dümmsten auf der Welt" seien. Mit einem nachsichtigen Lächeln quittieren wir Erwägungen von der Art, dass "den Krieg gegen Napoleon nicht die Russen, sondern die Läuse gewonnen hatten". Streiten wir uns nicht mit dem japanischen Spießer, dem die Russen deshalb unsympathisch sind, weil alle kalten Stürme seine Straße von Russland her überfallen. Vergessen wir die Finnen, die laut westlichen Umfragen uns weit weniger vertragen können als alle anderen Ausländer. Und das obwohl laut einheimischen Umfragen die Russen gerade mit den Finnen am meisten sympathisieren. Da ist nichts zu tun, Liebe lässt sich nicht erzwingen. Kurz, wir wollen uns beherrschen. Erinnern wir uns lieber an die Worte von Marquis George Nathaniel Curzon, Vize-König von Indien und seinerzeit Außenminister Großbritanniens: "Jeder Engländer kommt nach Russland als Russenfeind und reist als Russenfreund ab." Das aber bedeutet, dass der Antipathie gegen die Russen Unwissen und Mythen zugrunde liegen. Teils sind sie vom Leben selbst hervorgebracht, teils geschickt von Fachleuten geschaffen, die von unseren politischen Gegnern angeheuert sind: Es gibt nämlich einen Begriff wie Informationskriege. Zwar stammen sie nicht aus den Sowjetzeiten, sondern sind viel älteren Datums. Das Verschwinden der UdSSR hat, wie das Leben selbst beweist, an der Russenphobie nichts geändert. Das "neue Denken", von dem Gorbatschow träumte, hat sich nun einmal nicht eingestellt. Schließlich gibt es auch noch das historische Gedächtnis. Spricht man erst von ethnisch bedingten Phobien, so ist es eine weitere unerschöpfliche Quelle von vergiftetem Wasser.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen, aber selbst das, was oben gesagt ist, macht offensichtlich: Das Problem ist so vielseitig und in den Köpfen des westlichen Menschen dermaßen tief verwurzelt, dass man sich keinen Illusionen hinzugeben braucht: Jede Gegenmaßnahme ist hier nur ein Palliativum. Die Intensität der Russenfeindseligkeit lässt sich mindern, aber praktisch ist es unmöglich, sie endgültig aus der Welt zu schaffen. Übrigens erfordert selbst eine solche Minderung hohe intellektuelle Anstrengungen und finanzielle Investitionen. Zudem sind die russischen Fachleute auf dem Gebiet der außenpolitischen Propaganda (entschuldigen Sie mir das altmodische Wort) längst ins Rote Buch eingetragen. Nach dem Zerfall der UdSSR beschloss die neue Macht, jene Fachleute, die wissen, wie man mit den ausländischen Massenmedien zu arbeiten hat, seien nicht mehr nötig, alles werde sich von allein einrenken. Freund Bill und Freund Helmut würden helfen. Äußerstenfalls würden an die Stelle der früheren Profis junge und energische Snickers-Händler treten. Daraus wurde nichts. Dabei bedeutet Russlands schlechtes Image wirtschaftliche und politische Verluste für das Land. Keine geringen Verluste. Sobald die Rede auf die Russenfeindseligkeit kommt, zeigt sich, dass es Fragen über Fragen gibt, während die Anworten, selbst noch so hoch qualifizierte, praktisch immer einer wohlargumentierten Kritik ausgesetzt sein können. Das zeugt einmal mehr davon, wie kompliziert und mehrdeutig das Problem ist. So konstatieren von Ausländern durchgeführte Umfragen etwa, dass sich in den letzten Jahren die Einstellung zu den Russen praktisch in allen Ländern der Welt verschlechtert hat. Scheinbar kein Grund zum Feiern, indessen hat die Geschichte schon wiederholt bewiesen, dass ein geschwächtes Russland im Ausland weit weniger negative Gefühle auslöst als ein Russland auf dem Wege zur Besserung, wenn es, gleich dem Phönix, wieder einmal verjüngt aus der Asche emporsteigt. Folglich kann die Verschlechterung der Einstellung der Ausländer zu Russland gleichzeitig ein Zeichen dessen sein, dass Moskau eine falsche Politik treibt - oder umgekehrt eine richtige? Nicht einfach, da durchzublicken.

Übrigens, wenn schon die Rede darauf kommt: Es ist interessant zu verfolgen, wie der Westen im Laufe bisweilen von vielen Jahrhunderten in ein und denselben Fehler verfällt. Jedes Mal, wenn Russland die schwersten Zeiten durchlebt, beginnen die westlichen Politiker in ihrem Glauben, Russland sei schon eingegangen, allen Ernstes von seiner Vivisektion zu reden. Und umgekehrt: Sobald das "eingegangene" Russland unerwartet die Augen öffnet, befallen den Westen Todesangst und Hysterie. Das war der Fall in der Zeit der Wirren (Ende des 16. / Anfang des 17. Jahrhunderts), als Polen, Schweden und England die russischen Lande unter sich aufzuteilen gedachten. Unter Zar Alexej Michailowitsch (17. Jahrhundert), als Russland immer noch geschwächt war, legte Westeuropa um der Erhaltung des Friedens im eigenen Hause willen die Expansionszonen für die europäischen Hauptmächte fest: Gemäß dem "Friedensplan" sollte unser Land den Schweden zufallen. Das Einzige, was der deutsche Philosoph, Mathematiker, Jurist und Theologe Gottfried Leibniz, der Urheber dieses witzigen Plans, nicht vorhersehen konnte, war die Geburt Peters des Großen. Gegen Ende von Peters Zarentum war Schweden keine Großmacht mehr, Russland ein Imperium, und der russische Soldat hatte Europa so sehr erschreckt, dass es diese Furcht bis heute nicht loswerden kann.

Dann kam die Niederlage im Krim-Krieg (Mitte des 19. Jahrhunderts), die, so schien es vielen europäischen Politikern, das Zurückbleiben der Russen hinter der übrigen Welt für immer vorausbestimmte, aber Alexander II. verwirklichte seine liberalen Reformen, die Russland wieder aufrichteten. Später folgten der Erste Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg in Russland, und sofort kamen Churchills Pläne auf, Russland durch Zerstückelung für immer den Garaus zu machen. Auch diese Pläne scheiterten, stattdessen entstand die Sowjetunion, die die Westeuropäer beinahe in Angst und Schrecken versetzte. Der Zerfall der UdSSR schließlich weckte im Westen neue Hoffnungen, aber die Tatsache, dass am Staatsruder in Russland Putin steht, hat neue Enttäuschungen gebracht: Hass, mit Angst untermischt. Hier als Beispiel ein für den Westen typischer Standpunkt, den eine italienische Journalistin äußerte: "Die UdSSR galt als ein Land, das für immer untergegangen ist. Dass vor kurzem Russland als Nationalstaat auf den Plan getreten ist, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel." Die Signora wusste damals noch nicht, dass der Auftragsbestand der russischen Verteidigungsbetriebe im vorigen Jahr um 61 Prozent gewachsen ist, wie es der Präsident der Russischen Föderation dieser Tage mitteilte. Sonst hätte sie auch noch von einem betäubenden Donner schreiben müssen.

Kurz und gut, wir haben es hier mit einem Déjŕ-vu-Phänomen zu tun: Genauso schrieb man in Europa nach der Zeit der Wirren, nach dem Krim-Krieg und nach der Revolution von 1917. Natürlich ist nichts Erfreuliches an der Tatsache, dass zusammen mit der Angst vor dem russischen Bären, dessen Rachen in Europa ist und der Schwanz in den Fernen Osten hineinreicht, auch die Russenphobie zu Tage tritt. Aber ginge es nach mir, so würde ich trotzdem ein starkes Russland mit einer Belastung in Form der Russenfeindseligkeit wählen und nicht das Fell des russischen Bären vor dem Kamin in so einem westlichen Arbeitszimmer. Ich möchte auch nicht erleben, wie ein Hausherr den Bären stolz vorführt und ihn zärtlich zwischen den Ohren krault. Ohne dabei auch nur eine Spur von Russenfeindseligkeit zu empfinden!

Gibt es Mittel, die im Westen etwas sichern würden, was irgendwo in der Mitte zwischen der pathologischen Angst vor den Russen und einer nicht minder pathologischen Verachtung ihnen gegenüber liegen würde? Ich denke, doch. Alles will ich nicht aufzählen. Aber eines ist unbedingt zu erwähnen. Es ist notwendig, ein für allemal jene historischen Aufschichtungen aus dem Wege zu räumen, an denen die Russen tatsächlich schuld sind. Man denke zum Beispiel an die russisch-polnischen Reibungen wegen Katyns. Dass das stalinsche Regime eine Missetat verübte, ist der ganzen Welt bekannt. Doch Russland, auch das heutige Russland, kann und kann immer noch nicht den Mut aufbringen, den Polen die ganze Wahrheit von dieser Tragödie zu sagen. Wenn nötig, noch einmal offizielle Entschuldigungen vorzubringen, vor allem aber Warschau alle uns verfügbaren Dokumente endlich zu übergeben. Schließlich gibt es dort noch lebende Angehörige der Opfer, und sie haben durchaus das Recht zu wissen, wie ihre Verwandten starben. Warum das bisher nicht geschehen ist, kann ich nicht begreifen, erst recht deshalb nicht, weil das Verbrechen nicht von der heutigen Generation, sondern von einem grundsätzlich anderen, dem stalinschen Regime begangen wurde.

Zugleich damit dürfen wir meiner Meinung nach, wenn wir die notwendigen Schulden begleichen, in keinem Fall auch unsere eigenen Ansprüche vergessen. Im Unterschied zu unseren Nachbarn verzeihen wir gewisse Dinge viel zu leicht, und das fördert die Achtung vor Russland in keiner Weise. Ja, Katyn ist ein Fakt. Doch noch früher war da das nicht weniger furchtbare Schicksal der russischen Gefangenen, die gleich nach dem Fiasko der berühmten Offensive des späteren roten Marschalls Tuchatschewski gegen Warschau den Polen in die Hände gerieten. Dafür, wie diese Gefangenen behandelt wurden, liegen Zeugnisse vor, sowohl in Russland selbst als auch im Westen. Am 20. Oktober 1920 stellte die Abteilung Hilfe für Kriegsgefangene in Polen des Amerikanischen Verbandes der christlichen Jugend fest, dass die russischen Kriegsgefangenen unter unerträglichen Bedingungen gehalten wurden: in absolut unbewohnbaren Räumen, ohne Möbel, ohne Schlafgelegenheiten, vor allem aber mit trotz der Kälte unverglasten Fenstern. Die Gefangenen hatten keine Schuhe, keine Kleidung, keine Medikamente, es mangelte am medizinischen Personal und an Lebensmitteln. All das führe, wie die amerikanischen Beobachter schlussfolgerten, "zum raschen Aussterben der Kriegsgefangenen". Sie starben buchstäblich zu Tausenden. Nicht von ungefähr nannte die Zeitung von Lwow "Wperjod" vom 22. Dezember 1920 das Lager Tuchol, von dem hier die Rede ist, ein "Todeslager". Katyn und Tuchol stehen also in ein und derselben Reihe. Und das muss man auf eben diese Weise sehen und von den Polen Reue für ihre barbarische Behandlung der Russen verlangen. Übrigens, damit keine Illusionen entstehen: Ungefähr ebenso wie die gefangenen Rotarmisten wurde auch die weiße Armee des konterrevolutionären Generals Judenitsch behandelt, die bis zur Ostsee hatte zurückweichen müssen. Seine Soldaten durften die Grenze in kleinen Gruppen passieren, dann aber wurden ihnen die Waffen, nach einem weiteren Kilometer alle Wertsachen und dann auch die Kleidung weggenommen. Das war ein Schlag nicht gegen den "ideologischen Ausweis", sondern ein Schlag direkt ins russische Gesicht. Wenn wir unsere Ahnen, die den Erniedrigungen ausgesetzt waren, in Schutz nehmen, erreichen wir nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Achtung vor uns. Ein Mensch, der seine Ahnen vergisst, verdient keine Achtung. Im Übrigen ist selbst das, was weiter oben über die Russenfeindseligkeit gesagt wurde, nur ein kleiner Tropfen in einem Reagenzglas, die winzigste Scherbe eines riesigen Eisbergs.

Zudem gibt es noch das wichtigste Problem, ohne dessen Lösung jede Bekämpfung der Russenfeindseligkeit sinnlos wäre. Dieses Problem sind wir selbst: unser Lebensstandard, unsere Kultur, das Entwicklungsniveau unserer Bürgergesellschaft, unsere Innen- und Außenpolitik, unsere militärische und ökonomische Stärke. Ein Schwacher ist stets ein Objekt der Erniedrigung: So ist nun einmal die menschliche Natur beschaffen. Leider.

Keine noch so feinen und gekonnten Gegenmaßnahmen (wenn es auch ohne sie noch schlechter wäre) können trotzdem das ersetzen, wovon ich spreche. Demnach brauchen wir alle für die Bekämpfung der Russenfeindseligkeit in erster Linie ein gesundes und starkes Russland. Dass es sich in einem solchen Land auch angenehmer lebt, versteht sich von selbst.

Eine alte Weisheit lautet: Damit die anderen dich achten, fange zuerst damit an, dich selbst zu achten: für ein Werk, das du mit deinen Händen getan hast.

Und einmal später werden vielleicht selbst die nörglerischen Finnen ihre Ansichten über die Russen verändern.

Die Meinung des Autors stimmt nicht unbedingt mit dem Standpunkt der Redaktion überein.

de.rian.ru/analysis/20060504/47245766.html


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