Tu felix Austria - Tu felix Bavaria

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Tu felix Austria - Tu felix Bavaria kiiwii

Tu felix Austria - Tu felix Bavaria

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Weißblau-rotweißrote Geschichten

Bayern und Österreich sind auf dem Weg zu einer gemeinsamen Wirtschaftszone. Firmenverlagerungen zeigen: Was nie zusammengehörte, wächst zusammen.


CHRISTOPH HARDT | MÜNCHEN

Am 3. Januar 1778 verabredeten Kaiser Joseph II. und Kurfürst Karl Theodor von Bayern in Wien, dass Bayern ein Teil von Österreich wird und Karl Theodor dafür Belgien bekommt. Daraus ist bekanntlich nichts geworden. Am Karfreitag des Jahres 2005 unterzeichneten Georg Randa von der Münchener Hypo-Vereinsbank und der österreichische Unternehmer Hans Binder den Kaufvertrag über 50 Hektar Land bei Ingolstadt für den Bau einer riesigen Holzfabrik. Daraus ist etwas geworden.


Was beide Geschichten miteinander zu tun haben, davon soll im Folgenden auch die Rede sein. Österreich und Bayern, das ist eine besondere und eine ganz aktuelle Angelegenheit.


Interpark heißt die gewaltige Fläche von 1,2 Millionen Quadratmetern östlich von Ingolstadt, die, voll erschlossen, lange Jahre darauf wartete, von fleißigen Unternehmern besiedelt zu werden. Hans Binder, früher Formel-1-Rennfahrer, jetzt in der Nachfolge seines Vaters Sägewerksbesitzer aus dem Zillertal, das bekanntlich in Tirol liegt und damit seit längerem zu Österreich gehört, hätte sich lange Jahre nicht träumen lassen, einmal in Bayern Millionen zu investieren. Man kennt das ja alles: Hochlohnland, Bürokratie, Steuerwirrwarr ...


Folglich wollte Binder, dessen Firmengruppe im vorigen Jahr mit sechs Standorten gut 1 100 Menschen Arbeit gab und 290 Millionen Euro umsetzte, in der Slowakei expandieren. Im Herzen des neuen Wirtschaftswunderlandes, in Banska Bystrica, hatte Binder geglaubt, fündig geworden zu sein. Doch dann kamen die Enttäuschungen: „Am Ende fand sich in der ganzen Region nicht ein für uns passender Standort“, sagt der drahtige Unternehmer mit der Kurzhaarfrisur.


Und so sann der Mann, der im Windschatten Niki Laudas einst Grand-Prix-Punkten hinterherjagte, nach Alternativen. „Ich habe mich damals gefragt: Müssen wir eigentlich so weit weg von der Heimat sein?“ erzählt Binder. Und so kam auch das gute alte Deutschland in Gestalt Bayerns ins Spiel.


Bayern und Österreich, das ist eine ganz besondere Geschichte, eine Geschichte vieler Gemeinsamkeiten. Sieben Millionen Österreicher sprechen, hochdeutsch betrachtet, bayerischen Dialekt, die Unternehmer beiderseits der Grenze sprechen also buchstäblich dieselbe Sprache. „In der Mentalität gibt es praktisch keine Differenz“, sagt Hans Binder, der Holzunternehmer aus Tirol.


Wohl auch deshalb wächst jetzt ökonomisch so viel zusammen. So konnte es der Sägewerksbesitzer verschmerzen, dass die Steuern in Bayern noch immer so hoch sind wie im Rest des Nachbarlandes, er nahm sogar hin, dass es in Bayern überdurchschnittlich viele Beamte gibt. Aber eben auch viel Holz. Und weil Holz ein Rohstoff ist und Rohstoffe auf der ganzen Welt begehrt, so wird Holz allmählich knapp auf der Welt.


In Bayern aber gibt es sogar noch mehr Holz, als dies die Experten vorhergesagt haben. 32 Standorte in ganz Deutschland ließ Binder sondieren, Ingolstadt blieb am Ende übrig. „Unsere Versorgung ist in einem Umkreis von 100 Kilometern um unser Werk auf Jahre gesichert, und es gibt gute Arbeitskräfte in Hülle und Fülle.“
Zu den Lieferanten Binders gehört auch das Haus Wittelsbach, zu dessen Mitgliedern einst Karl Theodor gehörte, das ehemalige bayerische Kurfürsten- und spätere Königshaus also. Womit wir nun tief in einer weiteren bayerisch-österreichisch-deutschen Geschichte stecken.


Denn das Gelände, auf dem Binder Holz binnen weniger Monate eine der modernsten Holzfabriken Europas baute und 150 Millionen Euro investieren will, gehörte der Hypo-Vereinsbank. Es ist damit Teil der Immobilien, die der Münchener Bank in der Vergangenheit beinahe das Genick gebrochen hätten.


Kurz vor der Wende hatten die Münchener Banker rund um die nordbayerische Industriemetropole in großem Umfang Ländereien gekauft in der Hoffnung, hier, am Schnittpunkt von Rhein-Main-Donau-Kanal, werde sich bald eine Boomregion entwickeln. Millionen wurden in die Erschließung investiert, dann fiel der Eiserne Vorhang – und die Ländereien wurden praktisch unverkäuflich.


Später hatte die Hypo-Vereinsbank einen Berg von notleidenden Immobilienkrediten im Nacken, die größte Bank Österreichs gekauft und ein mitteleuropäisches Bankenreich gegründet. 2005, da verhandelte die HVB schon mit der Unicredit, hat Herr Randa, seines Zeichens Banker aus Wien, Herrn Binder aus Tirol im Auftrag der Münchener Bank einen guten Preis für das gewaltige Grundstück gemacht.


HVB, Bank Austria, Binder Holz und Wittelsbach – das alles ist nur ein ganz kleiner Teil einer gemeinsamen Geschichte. Politisch ging sie meist nicht gut aus. Joseph II. wollte sich Bayern einverleiben, dann holten sich die Bayern mit Hilfe Napoleons Tirol. Das ging nicht gut, weil Andreas Hofer dazwischenkam. Es gab einen Österreicher mit Schnauzbart, der politisch in München groß wurde und später Unheil über die Welt brachte. Er stammte aus Braunau am Inn. Das gehörte bis 1778 zu Bayern, später zu Österreich. 1938 wurde das Ganze noch einmal für kurze Zeit von Berlin aus zusammengeworfen – mit entsprechendem Ergebnis.


Vergessen wir die Politik, die Statistik belegt, wie Bayern die restlichen Bundesländer seit 1994 beim Wirtschaftswachstum sukzessive hinter sich gelassen hat. 1994 stimmten die Österreicher für die EU. Man könnte hierin den Beginn der Geschichte einer ökonomischen Verbindung sehen, die heute so gut funktioniert wie noch nie.


Längst ist Österreich zum wichtigsten europäischen Außenhandelspartner Bayerns geworden, 2005 wuchs das Handelsvolumen um zehn Prozent auf 21,6 Milliarden Euro, in den ersten fünf Monaten 2006 stieg der Handelsaustausch gar um fast 20 Prozent. Es dürfte nicht mehr lange dauern, und der Nachbar wird die Amerikaner als wichtigstes Zielland für bayerische Exporte abgelöst haben (siehe Tabelle). „Wir sind sehr zufrieden mit der österreichischen Wirtschaft“, hat der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber kürzlich gesagt.


Binder Holz ist beileibe kein Einzelfall. Auch ein direkter Wettbewerber, der Tiroler Holzverarbeiter Klausner, investiert in Landsberg am Lech 75 Millionen Euro in ein neues Sägewerk, in dem 350 Leute Arbeit finden sollen. In den vergangenen Monaten hat es eine Welle österreichischer Direktinvestitionen in Bayern gegeben, für die Namen wie Riedel Glas, der Mineralölkonzern OMV oder der Möbelhändler Lutz stehen. Zigtausende Arbeitsplätze wurden so geschaffen oder übernommen. Anders herum funktioniert die bayerisch-österreichische Wirtschaft natürlich genauso.


Siemens aus München hat 2005 für eine Milliarde Euro die VA Tech gekauft und ist damit größter Technologiekonzern Österreichs. Gut 600 österreichische Unternehmen sind in Bayern ansässig, etwa genauso viele bayerische im Nachbarland. Fast zehn Milliarden Euro haben bayerische Unternehmen beim Nachbarn investiert.


Die Geldwirtschaft vollzieht dieses Zusammenwachsen nach. In Salzburg gibt es eine Genossenschaftsbank, die sich, ohne rot zu werden, Salzburg-München-Bank nennt. Eine Reihe deutscher Banken hat in Österreich Filialen eröffnet, die Oberbank aus Linz wird bald vier weitere Filialen in Bayern eröffnen und damit in allen Regierungsbezirken des Landes präsent sein. Dass die Münchener Hypo-Vereinsbank jetzt zu Unicredit aus Mailand gehört und ihre blühend schöne Tochter, die Wiener Bank Austria, dorthin verkaufen wird, das mag nicht ganz zur Euphorie des Augenblicks passen. Nun, auch Mailand hat einmal zu Österreich gehört, und denkt man sich den bayerisch-österreichischen Wachstumskreis transalpin, hat man die ökonomisch bedeutendste Region Europas beisammen.


Wie auch immer, das Wort vom „gemeinsamen Wirtschaftsraum“ kommt Michael Love schon über die Lippen, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Love, dessen Vater Amerikaner ist, nimmt in München die Position eines österreichischen Handelskonsuls ein. Er ist also Wirtschaftsförderer und damit einer der heute gefragtesten Männer der bayerischen Landeshauptstadt geworden. Vorige Woche feierte seine „österreichische Handelsdelegation“ in den prächtigen Hallen der IHK München ihr Sommerfest – auch das kann man symbolisch nehmen. Es wurde ein Freundschaftstreffen der besonderen Art, ein Festival der weißblau-rotweißroten Nettigkeiten, eine echte Demonstration.


„Unheimlich zuversichtlich“, zeigte sich der zweite Mann des Landes Salzburg, Wilfried Haslauer. Es gebe doch so viele Gemeinsamkeiten, „Bayern und Österreicher, mit beiden Beinen fest auf dem Boden.“ Auch Hans Spitzner, bayerischer Wirtschaftsstaatssekretär, lobte die neue Qualität der Wirtschaftsbeziehungen. Salzburg, das gelte heute ja vielen schon als Südostbayern. Und Erich Greipl, der Präsident der IHK für München und Oberbayern, ging sogar noch weiter. Wenn zwei Länder als „Geschwister“ durchgehen könnten, dann diese.


Nun sind sich viele Historiker, die das Phänomen des Nationalismus erforschen, schon länger einig, dass es sich bei der Nation um eine „vorgestellte politische Gemeinschaft“ handelt, ein Stück Einbildung, wenn man so will. So ist es mit der bayerischen Nation, an der die Wittelsbacher lange gearbeitet haben, nichts geworden. Dann wollten die Bayern mit Österreich, noch 1866 haben sie gemeinsam gegen Preußen gekämpft, mit bekanntlich ebenfalls wenig Erfolg. Heute ist es Europa, das nationale Grenzen verwischt und die Bedeutung der Volkswirtschaften schwinden lässt. Wer weiß also schon, was noch alles kommt.


Schließlich gab es die Traumhochzeit von Sissi Wittelsbach mit Franz-Joseph Habsburg, es gab Romy Schneider und Karlheinz Böhm. Der König von Bayern hat 1918 seinen Thronverzicht in Salzburg erklärt, Hans Binder sägt das Holz der Wittelsbacher – und der amtierende deutsche Kaiser, der bekanntlich aus Bayern kommt und sein Volk noch immer fleißig mehrt, er lebt lange schon in Kitzbühel.


MfG
kiiwii


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