Sieben Jahre Dramatisierung

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Sieben Jahre Dramatisierung kiiwii
kiiwii:

Sieben Jahre Dramatisierung

 
25.08.05 11:07
#1
Sieben Jahre Dramatisierung


Mit Rot-Grün veränderte sich das Verhältnis der Politiker zu den Medien - der "Knalljournalismus" hatte Hochkonjunktur/Von Günter Bannas


BERLIN, 24. August. Am Anfang war ein Satz Gerhard Schröders, der womöglich ironisch gemeint gewesen war, der dem Inhalt nach vielleicht sogar falsch ist, der aber das Verhalten der in der Politik Tätigen in einer sprachlichen Karikatur zuspitzte und inhaltlich zusammenfaßte. Zum Siegen, so hatte sich Schröder einst geäußert, benötige er nur die Boulevardzeitungen und das Fernsehen - ",Bild', ,BamS' und Glotze". Dahinter verbarg sich auch ein politisches Verständnis, sich an seiner Partei vorbei scheinbar direkt an die Bürger in ihrer Eigenschaft als Wähler zu wenden.


Nicht die Meinungsbildung in den Parteien und deren Wirken werden nach dieser Vorstellung für entscheidend gehalten, sondern das - dem Schein nach - unmittelbare Zusammenwirken von Spitzenpolitikern und Wählern. Den aktuellen Gesetzmäßigkeiten und Interessen des Medienbetriebes scheint das entgegenzukommen - bis hin zur Krawall- und Knallberichterstattung, von der die Leute in Berlin glauben, sie interessiere die Leute "draußen im Lande", welche Formel einst in Bonner Zeiten vom Vorgänger Schröders im Kanzleramt gerne verwandt wurde. Dessen Betreiber neigten von jeher zum Zynismus und konnten schon einmal "Tote beleben die Sendung" sagen.


Vieles im politischen Milieu sei anders geworden, seit vor sechs Jahren Regierung und Parlament ihre Sitze von Bonn nach Berlin verlagerten: härter, aggressiver, aufregender. Bonn, sagen die in Berlin, die es gar nicht erlebt hatten, sei verschlafen gewesen, langweilig und so weiter. Berlin sei das Zentrum. Das ist zwar falsch, doch wegen der Auffassung, alles sei immer neu und nie dagewesen, und auch wegen eigener Vergeßlichkeiten glauben es die Leute immer noch - sogar Regierende und erst recht die Leute, die dem Rheinland fern sind. Manche von ihnen schütteln nur die Köpfe, wenn sie in das alte Regierungsviertel am Rhein kommen. Sie empfinden das als Zumutung und schimpfen, daß immer noch Beamte aus Ministerien dort arbeiten. Das ist bei mehr als der Hälfte der Regierungsbeamten der Fall, und immer noch haben sechs Ministerien nach dem Bonn-Berlin-Gesetz ihren "ersten Sitz" in Bonn. Doch zumal in Wahlkampfzeiten trauen sie sich nicht, Änderungen zu fordern.


Eine andere Republik?


Der Begriff von der "Bonner Republik" war erst erfunden worden, als schriftstellernde Politiker versuchten, den Begriff von der "Berliner Republik" zu installieren. Der hat sich bislang jedenfalls im Sprachgebrauch nicht durchgesetzt, was auch daran liegt, daß - gegen den Willen der Mentalzentralisten - die Bundesländer auf ihrem Einfluß beharrten. Schröder konnte deshalb schon einmal schimpfen, die Ministerpräsidenten wollten aus dem Bundesstaat Deutschland einen Staatenbund machen. Bundespräsident Köhler nannte die bestehende föderale Ordnung überholt. Angela Merkel wie auch ihr designierter Finanzminister Kirchhof neigten in ihren Plänen dazu, an den Ministerpräsidenten der Länder vorbei über künftige Steuereinnahmen zu entscheiden. Rasch bekamen sie Widerspruch von Landespolitikern der eigenen Seite zu hören.


Manche in Berlin tun sich schwer mit der Vorstellung, die Macht sei gar nicht im Osten an der Spree konzentriert, sondern für sie auf diffuse Weise über das Land verteilt. In Bonn waren solche Befindlichkeiten und Fehleinschätzungen nicht verbreitet, und Bundeskanzler von damals hätten ihre internationale Politik auch nicht mit dem Satz umschrieben, über deutsche Außenpolitik werde in Berlin entschieden - und nirgendwo sonst. Schröder hatte das in den Auseinandersetzungen mit den Vereinigten Staaten über die Irak-Politik getan. Seine Vorgänger Kohl und Schmidt, die vergleichbaren Debatten mit amerikanischen Präsidenten nicht auszuweichen pflegten, hätten solche Formeln nicht gewählt.


Eine neue politische Kultur? Der Umzug von Regierung und Parlament sowie die Ausweitung und die damit einhergehenden Dramatisierungen des Medienbetriebes sind die äußeren Faktoren des Prozesses. Der Regierungswechsel 1998 fügte sich darin ein. Nach 16 Jahren einer bürgerlichen Koalition aus Union und FDP war es zu einem neuen Regierungsbündnis gekommen. Schröder und Fischer, SPD und Grüne, traten zwar mit dem Anspruch an, sie wollten nicht alles anders, sondern (bloß) vieles besser machen. Doch prägten sie auch einen anderen Stil. Beide neigten dazu, die Regierungspolitik zu Lasten ihrer Parteien stärker zu personalisieren und auf sich zu konzentrieren. Einiges davon hatte mit "inhaltlichen" Fragen zu tun. Der Bundeswehreinsatz auf dem Balkan, über den zu Beginn ihrer Amtszeit zu entscheiden war, später auch die Einsätze in Afghanistan, schließlich auch die Gesetzesvorhaben zur Sanierung der sozialen Sicherungssysteme (Agenda 2010, Hartz IV) waren von ihnen gegen ursprüngliche Positionen ihrer Parteien und gegen die Stimmungen ihrer Mitglieder durchzusetzen. Die Neigung Schröders, wesentliche Entscheidungen nicht in den "eigentlich" zuständigen Gremien von Partei und Parlament vorzubereiten, sondern diesen Teil politischer Arbeit in "überparteiliche" Kommissionen zu verlagern, paßte dazu.


Basta, Vertrauensfragen, Rücktrittsdrohungen - sieben Jahre der Dramatisierung zehrten an den Kräften der Beteiligten.


Politik wurde zu einer permanenten Alles-oder-nichts-Auseinandersetzung, wie sie von der Generation der Achtundsechziger vor zwanzig Jahren an den Hochschulen und Theoriedebatten im linken Spektrum gelernt worden war. Fischer gegen die "Fundis" bei den Grünen, die Jungsozialisten der siebziger Jahre gegen Schmidt und dessen Sicherheitspolitik - Politik wurde als Machtauseinandersetzung eines "Der oder ich" kultiviert. Parteien und Milieu wurden nach den Gesetzmäßigkeiten eines Wolfsrudels analysiert. Kohl mag ähnlich gehandelt haben, und am Wegesrand auch seiner politischen Laufbahn blieb mancher liegen. Doch machte er von der Strategie seines Vorgehens wenig Aufhebens. Selbst wenn er so gedacht hätte - nie hätte Kohl seinen kleineren Koalitionspartner mit dem Satz bedacht, es müsse klar sein, wer "Koch" (also der Kanzler und seine Partei) und wer "Kellner" (also der Vizekanzler und die Seinen) sei.


Politiker dieser Altersgruppe dachten lange Zeit in der Kategorie politischer Generationen. Fast schon sahen sie sich zu spät gekommen, als Kohl 1990 gegen Oskar Lafontaine und 1994 gegen Rudolf Scharping obsiegte. 1998 sahen sie als die letzte Chance an. Nun scheint es, als sei ihre Zeit gekommen. Fischer wird nach der (mutmaßlichen) Bundestagswahl der einzige Grüne sein, der schon der ersten Bundestagsfraktion der Grünen 1983 angehörte. Die Angehörigen der "SPD-Enkel" Willy Brandts aus den achtziger Jahren haben nun den 60. Geburtstag gefeiert. Ihre jüngeren Nachfolger pflegen einen anderen Stil von Politik, der nicht mehr von den ideologisch-personell zugespitzten Formen der Auseinandersetzung geprägt ist. Entsprechend tun sie sich schwer, den derzeit gültigen Maßstäben der Öffentlichkeit gerecht zu werden.


Die Medienwelt hat die ersten Jahre in Berlin genossen, geprägt und befördert. Sie schaute auf die Personen und am liebsten auf Duelle. Sie schuf eine eigene Wirklichkeit, in der nicht mehr die Inhalte der Politik, sondern deren Präsentation entscheidend sein sollten. Wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik war nicht das "Was", sondern das "Wie" zum Maßstab der Bewertungen geworden. Die Beschreibung Schröders als "Medienkanzler" wurde zum Synonym dieser Veränderung.


Bei der Jagd nach Exklusivität von Nachrichten wurde der Maßstab ihrer Bedeutung als zweitrangig behandelt. Es soll gar passiert sein, daß in der SPD-Fraktion jemand aus der Medienwelt nach dem Geschäftsführer Wienand suchte und sich dann mit dem Hinweis zu begnügen hatte, der sei gerade im Gespräch bei Wehner. Die Stabsstellen der Politik haben solche Bedürfnisse gerne erfüllt. Und auch die Leute aus den hinteren Reihen haben schnell gelernt, wie sie ins Fernsehen kommen können. Programme gibt es genug und Talk-Shows auch. Stehen der Übersättigung wegen Änderungen bevor? Nach dem Abgang von Boris Becker und Steffi Graf verschwand das Tennis in den Spartenkanälen.


Text: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite 3




MfG
kiiwii
Sieben Jahre Dramatisierung brokeboy

deutschland sucht den besten demagogen

 
#2
... es äussert sich so ziemlich jeder befragte, dass er gegen werbung im allgemeinen und wahlwerbung im speziellen resistent sei - vor allem der grosse, amerikanisch angehauchte tv-showdon kanzler vs. herausforderin würde das publikum nicht in seiner wahlentscheidung beeinflussen. allerdings zeigt die wirklichkeit etwas anderes: der bauch regiert das gehirn. die emotionale grundstimmung, vermittelt durch bilder, pathos und phrasenhaftigkeit bedingt zuallererst die entscheidung, die dann mit scheinbarer rationalität nachgefüttert wird. die essenz dieser erkenntnis verheisst nichts gutes: im groben gesprochen handeln wir zu einem gewissen anteil irrational. die tatsache, dass die politik im jahr der wahl in den medien gewissermassen zum hot-topic wird, birgt die gefahr in sich, dass die politik sich mehr um die pr ihrer bilder und handlungen, als um konkrete sachfragen bemüht. interessanterweise bestätigen auch ein gutteil der parlamentarier, dass in jeder legislaturperiode nur 3 jahre zeit für echtes regieren gibt - das letzte viertel ist wahlkampf, der, wie gestern bei herrn münte zu sehen, lediglich die kräfte für das weigentliche bindet.
ich denke, dass der medial bedingte hirnschaden nunmehr guten grund zum handeln liefert. der beeinflussung der wähler kurz vor der wahl muss unbedingt entgegengesteuert werden - die menschen müssen erkennen, wo ihre erkenntnisse durch traditionen und scheinbilder getrübt sind. demzufolge ist ein konsens erforderlich, dass ab 4 monate vor der wahl eine form von bilder- und nachrichtensperre erfolgen muss, die die menschen zwingt, ihre entscheidungen ausschliesslich aufgrund der in der legislatur erlebten wirklichkeit und der in schriftform erhältlichen grundsatzprogramme zu treffen.  


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