Schwere Zeiten für Golfsburg

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Schwere Zeiten für Golfsburg bilanz

Schwere Zeiten für Golfsburg

 
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Vor den Lohnverhandlungen bei VW werden schwere Geschütze aufgefahren. Von Susanne Ziegert

Im Sommer 2003 war man in Wolfsburg noch in Feierlaune. Die Stadtväter hatten ihre Ortsschilder ausgewechselt, um die fünfte Generation des wichtigsten Volkswagen-Modells zu begrüssen. Die Stadt, in der VW seinen Hauptsitz hat, hiess vier Wochen lang «Golfsburg». Doch in diesem Jahr droht dem grössten Arbeitgeber möglicherweise ein «heisser Herbst».

In der nächsten Woche beginnen die wohl schwierigsten Lohnverhandlungen seit Jahren. Kurz vor dem Termin hat der Finanzchef Hans Dieter Pötsch schwere Geschütze aufgefahren. Wenn keine Bewegung in die Verhandlungen komme, müsse Volkswagen über 30 000 Stellen streichen, drohte er. Hartmut Meine, Sprecher von IG Metall, konterte nicht weniger kämpferisch: «Jetzt erst recht.» Notfalls sollen die 4% Lohnerhöhung mit Warnstreiks erkämpft werden.

Fehlstart des Golf V

Zuvor hatte der Personalvorstand Peter Hartz die Belegschaft auf einer Betriebsversammlung mit dem «Ernst der Lage» konfrontiert. «Es gibt keinen Spielraum für Gehaltserhöhungen», kündigte er an. Der Absatz liege weit hinter den Erwartungen. Vor allem der Verkauf des umsatzstärksten Modells, des neuen Golf, war nur schleppend angerollt. Im letzten Quartal 2003 blieb die Produktion um 18% unter dem Plan, im ersten Halbjahr 2004 kamen die Verkäufe nur durch Rabatte in Gang. Nur zu 70% sei das Werk ausgelastet, hiess es auf der Hauptversammlung. Deshalb wurden die Arbeiter kurzfristig eine Woche länger in die Werksferien geschickt.

Vorstandschef Bernd Pischetsrieder musste die Gewinnprognosen nach unten korrigieren. Der angepeilte Jahres-gewinn von 2,5 Mrd. Euro ist nicht zu halten. Nun steuern die Wolfsburger auf ein Ziel von 1,9 Mrd. Euro zu.

Neben der Rabattschlacht in den USA und den Preissenkungen in China lastet auf den Geschäftszahlen besonders der Fehlstart des Golf V. Zwar rollte der wichtigste Volkswagen im ersten Halbjahr nach einer Statistik des Essener Autoforschungsinstitutes R. L. Polk in Europa an die Spitze und war das am häufigsten abgesetzte Automobil. Gut 278 000 Modelle wurden verkauft. Doch auf dem wichtigsten Markt Deutschland musste VW den Absatz durch teure Rabatte ankurbeln.

Seit März gibt es kostenlos die 1200 Euro teure Klimaanlage als Beigabe. Kürzlich wurde zudem eine Gebrauchtwagen-Prämie von 928 Euro eingeführt. Diese erhalten die Händler von Volkswagen, wenn sie den Gebrauchtwagen eines Käufers in Zahlung nehmen. Zinsgünstige Kredite sollen weitere Anreize schaffen. Insgesamt werde der Gewinn von VW durch solche Zugaben um rund 150 Mio. Euro geschmälert, hat der Direktor des Center of Automotive Research, Ferdinand Dudenhöffer, errechnet.

Doch ohne die Verkaufsförderung käme der Absatz kaum in Schwung. «Der Preis des Golf V ist einfach zu hoch», kritisiert Dudenhöffer. Bei den Herstellungskosten stehen PSA und Toyota wesentlich besser da als Volkswagen. Das liegt zum einen an den hohen Arbeitskosten. Mit 33 Euro pro Stunde liegt die westdeutsche Automobilindustrie weit vor Japan (28 bis 29 Euro), den USA (28 Euro) oder Frankreich (22,65 Euro). Das spiegelt sich im Verkaufspreis wider.

Zwar ist der Golf V auch aufwendig verarbeitet und mit einem neu entwickelten Fahrwerk ausgestattet. Doch der Unterschied ist vom Laien kaum wahrzunehmen. 15 200 Euro kostet das Golf-Basismodell, mit Sonderausstattungen bis zu 25 000 Euro. Der Käufer eines Golf bezahlt nach Berechnungen einer Automobilzeitschrift im Durchschnitt rund 21 000 Euro. Viele Kunden sind nicht bereit, ein Mittelklasseauto für einen Preis in der Oberklasse zu erstehen.

Der wichtigste Rivale Opel Astra kostet mit mittlerer Ausstattung zwischen 2000 und 3000 Euro weniger als ein vergleichbar ausgerüsteter Golf. Durch einen Frühbucherrabatt rollte im Frühjahr die Astra-Neueinführung ausgesprochen erfolgreich an. Allein in diesem Jahr kündigte Opel den Verkauf von mehr als 200 000 Wagen weltweit an. Preisvorteile haben auch die Konkurrenten Renault und Toyota mit den Modellen Mégane und Corolla. Im Herbst schickt Ford mit dem neuen Focus ein weiteres günstigeres Kompakt-Modell auf die Strasse.

Härtere Konkurrenz droht jedoch auch den höherwertig ausgestatteten Versionen wie dem Golf GTI. Daimler-Chrysler bringt derzeit die neue A-Klasse auf den Markt. BMW will mit dem neuen Einser die Sortimentslücke zwischen dem Mini und dem Dreier schliessen. Auch der neue Audi A3 wird demnächst vorgestellt. Noch nie tobte in der Kompaktklasse ein so harter Wettbewerb.

1974 war der erste Golf aus den Wolfsburger Werktoren gerollt. Der kantige Nachfolger des Käfers wurde das Erfolgsmodell. Volkswagen erholte sich durch den Bestseller von den schweren Turbulenzen der Ölkrise und einer verfehlten Modellpolitik. Innerhalb von zwei Jahren wurden mehr als eine Million Wagen verkauft. Der Golf IV überholte gar den legendären Käfer und machte das Modell zum meistgebauten Auto weltweit. 23 Millionen Golf wurden bisher auf die Räder gestellt. VW avancierte durch sein wichtiges Fabrikat in den neunziger Jahren auf den vierten Platz der weltweit grössten Automobilbauer nach General Motors, Toyota und Ford. Im Rekordjahr 2000 wurden 942 000 Golf gebaut. Doch die neueste Ausgabe hat die hohen Erwartungen bisher nicht erfüllen können. 600 000 Golf V wollen die Wolfsburger in diesem Jahr verkaufen, ein Drittel davon in Deutschland. Doch ohne teure Starthilfen dürften sich diese Ziele kaum realisieren lassen.


30% Lohnkosten sparen

Um die Kostenstruktur zu verbessern, hat Konzernchef Bernd Pischetsrieder das Sparprogramm «For Motion» aufgelegt. In diesem und im nächsten Jahr sollen jeweils 2 Mrd. Euro eingespart werden. 5000 Stellen werden im Konzern nicht mehr besetzt.

In sieben Themenkreisen sollen von den Vorständen Spareffekte ausgetüftelt werden. Der Personalvorstand Peter Hartz strebt ein ehrgeiziges Ziel an: Bis 2011 will er 30% der Personalkosten einsparen. Sein Sieben-Punkte-Programm sieht vor allem eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten vor. Das Programm heisst 176 544 und entspricht der Zahl der Arbeitsplätze im VW-Konzern in Deutschland, die erhalten werden sollen.

Intern verpassten die Mitarbeiter dem Vorhaben den Schmähnamen Hartz V. Unter dem Namen Hartz I bis IV wurden die Reformgesetze der Bundesregierung für den Arbeitsmarkt verabschiedet, die derzeit wütende Demonstranten auf Deutschlands Strassen treiben.


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