Scholl-Latour: Was im Kaukasus droht

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Scholl-Latour: Was im Kaukasus droht

 
04.09.04 17:02
#1
Islamismus: könnte bald auch andere Völker an Russlands Flanke erfassen,
schreibt Experte Peter Scholl-Latour im Abendblatt

Als "blutende Wunde an Russlands Flanke" hatte schon vor zehn Jahren der damalige Verteidigungsminister Igor Rodionow die autonome Kaukasus-Republik Tschetschenien bezeichnet. In Zukunft muss Präsident Putin von diesem verzweifelten und brutalen Kriegervolk das Schlimmste befürchten. Die Vorstellung, dass eine radioaktive Verseuchung der Moskauer U-Bahn auf dem Programm der Terroristen steht, ist keineswegs von der Hand zu weisen.

Die Geisel-Tragödie hat sich diesmal in Nordossetien abgespielt, wo der islamisch-nationalistische Widerstand gegen die Moskauer Fremdherrschaft schwach ausgeprägt ist. Immer wieder erscheinen die Tschetschenen als der harte Kern dieses Partisanenkrieges, und es mutet geradezu unerklärlich an, dass die Übermacht der Russischen Föderation mit einer kleinen Volksgruppe von weniger als einer Million Menschen nicht fertig wird. Moskau sieht sich - ähnlich wie Israel im Westjordanland oder die Amerikaner im Irak - mit den Unwägbarkeiten des "asymmetrischen Krieges" konfrontiert. Das Schlimmste könnte noch bevorstehen.

General Alexander Lebed, der seinerzeit als Präsidentschaftskandidat angetreten war und später als Gouverneur in West-Sibirien bei einem Flugzeugunglück umkam, hatte es 1997 immerhin fertig gebracht, mit dem tschetschenischen Oberst Maschadow einen problematischen Kompromiss auszuhandeln. Aber selbst Lebed machte sich keine Illusionen hinsichtlich der Bedrohung, der die Russische Föderation auch nach dem Abfall der zentralasiatischen und südkaukasischen Teilrepubliken der Sowjetunion von Seiten der militanten Islamisten ausgesetzt blieb. Er verwies schon damals auf die Tatsache, dass das immense russische Territorium zwischen Smolensk und Wladiwostok von nur 140 Millionen Menschen bewohnt ist und dass darunter - zwischen Kasan an der mittleren Wolga bis weit über den Ural hinaus - mehr als 20 Millionen Muslime meist türkischer Abstammung leben. Während die slawisch-europäische Bevölkerung unaufhaltsam schrumpft, findet auf islamisch-turanischer Seite ein starker demographischer Zuwachs statt. Kurzum, Russland lebt weiterhin unter dem Trauma des Tataren-Jochs, dem es im Mittelalter bis zur polnischen Ostgrenze unterworfen war - eine Epoche von mehr als 200 Jahren, als sogar der Nationalheld Alexander Newski dem mongolischen Groß-Khan der Goldenen Horde seinen Tribut entrichten musste. Nicht umsonst werden die Kreml-Türme von Kreuzen der christlichen Orthodoxie gekrönt, die symbolisch einen Halbmond durchbohren.

Die radikale Re-Islamisierung am Nordrand des Kaukasus hat bislang auf die ganz anders strukturierten autonomen Republiken Tatarstan an der Wolga oder Baschkortostan im südlichen Ural nicht übergegriffen. In den Moscheen von Kasan und Ufa wird nicht zum Heiligen Krieg (Dschihad) aufgerufen. Doch die latente Gefahr der Ausweitung ist vorhanden, und der sorgenvolle Blick des Kreml richtet sich vor allem auf die kaukasische Nachbarrepublik Tschetscheniens, die den Namen "Dagestan" (Land der Berge) trägt und an das Kaspische Meer grenzt. Im heutigen Dagestan, das mit seinen Schluchten und abrupten Steilhängen ein ideales Partisanengelände böte, hatte sich im 19. Jahrhundert der Aufstand der dortigen Muslime unter Führung ihres legendären Imam Schamil 30 Jahre lang gegen die Armeen des Zaren behaupten können. Diese Kaukasus-Kriege sind von Puschkin, Tolstoi und Lermontow meisterhaft beschrieben worden. In Dagestan brodelt es heute schon, und das Übergreifen des Dschihad dürfte bislang daran gescheitert sein, dass die dort stärkste Ethnie der Avaren eine angestammte Abneigung gegen die Tschetschenen empfindet.

Doch schon bei meinem Aufenthalt in den kaukasischen Dörfern südlich von Grosny 1996 hatte ich feststellen können, dass sich viele junge Koran-Gelehrte der strengen, unversöhnlichen Koran-Auslegung der so genannten "Wahhabiten", besser gesagt der "Salafisten", zugewandt hatten, und bei diesen Fanatikern war eine Verbindung zur ominösen Organisation Al Kaida zweifelsfrei vorhanden.

Die zunehmende Heimsuchung Russlands durch mörderische Anschläge kaukasischer Geheimzellen dürfte Putin wohl oder übel in eine wachsende Solidarität mit jener weltweiten Kampagne zwingen, die George W. Bush gegen den revolutionären Islamismus führt. Daran wird auch der erbitterte Einflusskampf nichts ändern, den sich die ehemaligen Supermächte des Kalten Krieges um den Besitz der immensen Ölreserven im Umkreis des Kaspischen Meeres liefern.

erschienen am 4. September 2004 in Politik
www.abendblatt.de/daten/2004/09/04/337177.html

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Kaukasus

 
04.09.04 17:37
#2
Erscheinungsdatum: April 1998

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Peter Scholl-Latour hat mit seinen politischen Prognosen wieder einmal recht behalten. Er beschreibt jene immense zentralasiatische Landmasse zwischen Kaukasus und Pamir als einen der brisantesten Brennpunkte der Gegenwart und zeigt: Der Krieg in Tschetschenien war erst der Anfang. Seine klaren Analysen ermöglichen einen genauen Blick auf diese krisengeschüttelte Region und die sich abzeichnende Entwicklung in den Staaten Zentralasiens, die für die Weltpolitik von entscheidender Bedeutung sein wird.  
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Kann man sich gegen Terroristen wehren?

 
#3
Auf die Frage: "Kann man sich gegen Terroristen wehren?"
antwortete Scholl-Latour:
"Indem man genau so wird und agiert wie die Terroristen."
Auch wenn man hier eine Portion Scholl-Latourschen Sarkasmus in Rechnung stellen darf, so zeugt die Antwort doch von großem Weitblick, was die Zukunft unserer Zivilisation anlangt, sofern sie komplett und flächendeckend geschützt werden soll, wie George W. das verspricht. Überdies aber zeugt die Antwort vom tief sitzenden, neidvollen Respekt eines bewährten Kriegsmannes - Respekt vor dem Unbedingten, der Härte, der Glaubenskraft, dem Opfermut des Gotteskriegertums.
Mit der Gesellschaft, mit diesen konvertierten Achtundsechzigern, sagt Scholl-Latour voll Verachtung, werden wir nichts ausrichten, zumal wir keine religiösen Überzeugungen haben.
Aus Scholl-Latour spricht kaum gezügelt der Überdruß an der Zivilisation, deren im World Trade Center getroffenes Herz eine perennierende Kommentatoren-Suada beschwört. Wir erinnern uns, Scholl-Latour zuhörend, an die Gestimmtheit eines Textes, der vor Jahren für große Erregung sorgte.
"Nach Lage der Dinge"-- ich zitiere -- "nach läge der Dinge dämmert es manchem inzwischen, daß Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder Überlegenheit zeigen werden."

Und: "Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-1ibertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich. Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen... Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben."
 


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