Sauf dich schlank

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Sauf dich schlank

 
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Sauf dich schlank

Von Marc Pitzke, New York

Die amerikanische Lebensmittelindustrie versucht, mit immer neuen Tricks aus der jüngsten Diät-Welle Profit zu schlagen und sich gleichzeitig vor Verbraucherklagen zu schützen. Doch oft sind die Schlankheitsversprechungen nur Mogelpackungen.

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DPA
GroßbildansichtBier-Fan: Auf dem Weg zum Superbody
New York - Wer es jetzt noch nicht weiß, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Schließlich wird es einem inzwischen, zumindest hier in New York, in jeder U-Bahn eingebläut, an jeder Straßenecke, im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung.

Die Heilsbotschaft ist so simpel wie revolutionär: Vergiss die ganzen Diäten, das elende Joggen, das Sportstudio. Alles nicht mehr nötig. Wer fit sein will, muss nur noch ein Motto beherzigen:

Bier macht schlank.

Das jedenfalls ist die frohe Kunde, mit der das "Fitness-Bier" Michelob Ultra der US-Brauerei Anheuser-Busch landesweit um eine neue Trinkergeneration buhlt: "Verzichte auf die Kohlehydrate, nicht den Geschmack." Dazu tollen, auf Plakaten und in TV-Spots, halbnackte Pin-Up-Girls und Bodybuilder durch güldenes Licht, Pullen in der Hand. Doch statt Bierbäuchen haben sie stahlharte "Six-Pack-Abs". Sauf dir ein Sechserpack an - mit einem Sechserpack!

Anschwellende Hüftmaße

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GroßbildansichtMichelob Ultra: Sixpacks machen Sixpacks
"Fitness-Biere" wie Michelob Ultra - 96 Kalorien, 2,6 Gramm Kohlehydrate pro Flasche - sind das jüngste Symptom der endlosen US-Schizophrenie zwischen Fettsucht und Hungerwahn. Sie kommen auf einer neuen Diätwelle dahergeschwappt, rechtzeitig zur Badehosensaison. Begleitet wird das Ganze von der alarmierenden Meldung der American Obesity Association, dass 64,5 Prozent (127 Millionen) der Amerikaner übergewichtig sind, davon fast die Hälfte (60 Millionen) fettsüchtig. Tendenz steigend.

Rekordzahlen, die diesen neuesten Slim-Trend zu mehr machen als nur einem weiteren Spleen eines von äußerlicher Schönheit und der Illusion von Perfektion besessenen Landes. Diesmal geht es um mehr als Eitelkeit. Es geht, so schreibt die US-Gesundheitsbehörde CDC in einem Bericht zu Fettsucht, um eine "nationale Epidemie".

Mit anderen Worten: um ein Milliardengeschäft.

Und das hat auch die US-Nahrungsmittelindustrie gemerkt. Allein im ersten Quartal 2003 warf die Branche zwölf brandneue "Niedrigzucker"-Produkte auf den Markt (im gesamten letzten Jahr waren es 16). Hinzu kamen sieben neue "Low-Calorie"-Marken - das Siebenfache des ganzen Vorjahrs.

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AP
GroßbildansichtDicker Amerikaner: Nationale Epidemie
Derweil peilen auch Anbieter von Schlankheitsprogrammen wie Weight Watchers, parallel zu den anschwellenden Hüftmaßen ihrer korpulenten Kundschaft, historischen Marken an. So will die Diät-Industrie nach Branchenschätzungen in diesem Jahr sage und schreibe 40 Milliarden Dollar für Werbung ausgeben - mehr als je zuvor in ihrer Geschichte.

So schnell wie möglich in die Regale

Der jüngste PR-Krieg gegen die Fettröllchen kann keinen überraschen. Das dramatische Anwachsen des US-Durchschnittsgewichts, die schlagzeilenträchtigen Schadensersatzklagen fetter Kunden gegen Fast-Food-Konzerne, eine laustarke Medien-Debatte um Sinn und Unsinn gewisser Diäten (neu angefacht durch den Tod des Schlankheits-Gurus Robert Atkins im April): Im Land der Dicken ist dick sein plötzlich out. Oder, mitunter, ein Fall für den Zivilrichter.

"Viele unserer Konsumenten werden immer gesundheitsbewusster", formuliert eine Sprecherin der Supermarktkette Wal-Mart das etwas blumiger. "Sie suchen nach leichten Alternativen."

Also sucht auch Wal-Mart, ansonsten eher ein Symbol des fettleibigen Middle Americas (wo die größte US-Konzentration von Übergewicht zu Buche schlägt). Und hebt ab diesen Monat exklusiv den Diätsaft Mott's Hawaiian Punch Lite ins Sortiment: 60 Prozent weniger Zucker und Kalorien.

Ein solches Produkt gelte heutzutage als "major consumer news item", sagt Marktforscher Burt Flickinger. Sprich: das Brandheißeste, womit sich Geld verdienen lässt. Und so etwas müsse jetzt eben "so schnell wie möglich in die Regale."

Fett verkauft sich nicht mehr

Das hat sich auch der Lebensmittelkonzern Kraft Foods gesagt. Nach einer peinlichen, nicht gerade verkaufsfördernden Diskussion um die Diät-Verträglicheit seiner zuckrigen Oreo-Kekse versucht sich der Produzent von Mayonnaise und Fettkäse neuerdings zum Reformhaus zu stilisieren.

So hat Kraft (dessen Mutterschiff, der Tabakriese Philip Morris Sauf dich schlank 1083124 , mit Verbraucherklagen ja selbst böse, milliardenteure Erfahrungen hat sammeln müssen) seine Marketing-Strategien revidiert und neue Richtlinien ausgegeben. Alle Mitarbeiter und die von Kraft beauftragten Webeagenturen werden darin auf das veränderte, "sensible Klima" hingewiesen.

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IN SPIEGEL ONLINE
· Kalorien-Klage: McDonald's gewinnt gegen dicke Kinder [€] (23.01.2003)
· Sandwich-Kriege: Amerikas rauflustige Butterbrot- Revolutionäre [€] (21.11.2002)
· US-Esskultur: Die Go-go-Gourmets (Archiv) (12.09.2002)
· Schlachtfeld Ernährung: Das amerikanische Fett- und Zucker-Desaster (Archiv) (02.10.2002)
 
Es bestehe Gefahr, warnt Kraft-Vizepräsident Michael Mudd, dass die Gesellschaft auf die Diät-Debatte "kontraproduktiv und strafend" (also mit weiteren Klagen) reagiere. "Und dann steht für uns viel auf dem Spiel." Deshalb wolle sich Kraft "an der Lösung beteiligen". Doch kaum aus reiner Selbstlosigkeit: "Gesundheitsschädlicher Verzehr ist für uns langfristig nicht von Interesse." Im Klartext: Fett verkauft sich nicht mehr.

Sehnsucht nach strammen Waden

Erstes Opfer der Kehrtwende war, ausgerechnet, ein TV-Spot für Oreos, in der eine Gruppe Teenager lethargisch um eine Keksdose herumsaß. Dies, befand das Management, sei nicht mehr "richtige Message" für den Markt.

Kraft plant, den Kaloriengehalt seiner Produkte durch die Bank zu verringern und Diätkost zu fördern, etwa durch eine neue Light-Version seines Saftpulvers Kool-Aid oder fettarme Scheibletten. Außerdem beteiligt sich der Konzern an öffentlichen Fortbildungsprogrammen für gesunderes Essen. So steckt er eine Million Dollar ein Pilotprojekt für südamerikanische Einwandererfamilien, die mit den unvertrauten Kalorienbomben ihrer neuen Heimat häufig Probleme bekommen.

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GroßbildansichtMcDonald's Big Mac: Der Obstburger wirft seinen Schatten voraus
Auch der Cerealien-Hersteller Kellogg preist seinen verzuckerten Frühstücksmix Special K neuerdings tatsächlich als eine Art Schlankheitsmittel an. Die TV-Spots zeigen eine leicht mollige, doch keineswegs übergewichtige Frau mittleren Alters, die an einer Bushaltestelle den strammen Waden eines Fahrradlers hinterher geifert. "Nur 110 Kalorien", lockt der Ansager. "Bedienen Sie sich!"

Und da Sommer ist, schwimmt selbst Good Humor-Breyers, die Eiskrem-Fabrik von Unilever Sauf dich schlank 1083124 , auf der Welle mit. Deren Werbekampagnen betonen die Diätverträglichkeit der kalten Süßwaren - beispielsweise ein "zu 98 Prozent fettfreies" Eis-Sandwich. Schwesterfirma Slim-Fast bringt diesen Monat eine Gefrierausgabe seines gleichnamigen Abnehm-Drinks und einen Schokoeis-Riegel mit 1,5 Gramm Fett heraus.

Gesundheitsschädlicher Verzehr

Am panischsten reagieren aber die Fast-Food-Ketten. Nach den lästigen Fett-Klagen sind nun mindestens drei Gesetzesvorlagen in Umlauf, die die Firmen zu teuren Diät-Auflagen verdonnern wollen. "Die Konzerne haben Angst, zur nächsten Tabakindustrie zu werden", berichtet der Gastronomie-Berater Bob Goldin.

So will Felix Ortiz, demokratischer Abgeordneter im Parlament des Bundesstaats New York, erzwingen, dass die Burger-Buden an ihren Speisetafeln die Kalorien- und Fettgehalte aller Speisen ausweisen. Die unverhohlene Warnung, die dahinter steckt, ist bei Zigarettenpackungen abgeguckt: Der Verzehr dieses Klopses kann gesundheitsschädliche Wirkung haben.

Die neueste, präventive McDonald's Sauf dich schlank 1083124 -Werbung zeigt deshalb dünne Frauen, die knackigen Salat essen. Die Happy Meals des Konzerns beinhalten nun auch frisches Obst. Wendy's und Taco Bell haben auf ihren Websites interaktive Kalorienuhren eingerichtet.

Der Sandwich-Schmierer Subway präsentiert sich unverzagt als Alternative zum Sportstudio. "Eat fresh", heißt die aktuellste PR-Kampagne. Deren Star: Ein zufriedener Kunde namens Jared Fogle, der 245 Pfund abgenommen haben will, indem er sich einzig und allein von Subway-Stullen ernährte.

Abnehmen mit Calcium

Viele dieser Behauptungen und Versprechungen, so warnt das Center for Science in the Public Interest (CSPI), sind jedoch Mogelpackungen. So habe der Vitamin-Fruchtsaft Tropicana Twisters ("Fruchtgewalt-Energie, die B-Vitamine befreit!") keinerlei nachweislich Energie fördernde Wirkung. Außerdem bestehe er nur zu 10 bis 15 Prozent aus echtem Saft.

Auch der fett gedruckte Schlankheits-Schwur der Frühstücksflocken Total ("Abnehmen mit 100 Prozent des täglichen Calcium-Wertes") hat einen Haken - in Form des arg klein gedruckten Nachsatzes: "Als Bestandteil einer Niedrig-Kalorie-Diät." Der Zusammenhang zwischen Calcium und Gewichtsverlust, warnt das CSPI außerdem, sei sowieso "rein spekulativ".



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