Sandstürme und Militärs behindern Hilfsaktionen

Beitrag: 1
Zugriffe: 741 / Heute: 1
Sandstürme und Militärs behindern Hilfsaktionen Sahne

Sandstürme und Militärs behindern Hilfsaktionen

 
#1

Sandstürme und Militärs behindern Hilfsaktionen

Irak-Krieg: Helfer sind auf humanitäre Katastrophe vorbereitet – Spezialisten vor Ort

VDI nachrichten, 4.4.2003
Die Spezialisten der Hilfsorganisationen haben in diesen Tagen viel zu tun. Logistikexperten bauen Flüchtlingscamps auf und steuern den Transport von Gütern aller Art, Ingenieure reparieren Wasserwerke. Neben dem Krieg und Sandstürmen macht ihnen dabei mancherorts auch das UN-Embargo zu schaffen.

Während der Sandstürme kann man nur etwa 10 m weit sehen – der Rest der Welt scheint in braunem Staub zu versinken. Hagel- und Sandstürme fegen ungebremst über die Wüste und das Camp hinweg. Das macht das Arbeiten im Freien teils nur mit Schutzbekleidung und -brillen möglich. Tagsüber ist es heiß, nachts ist die Temperatur nahe dem Gefrierpunkt.“ Beinahe nüchtern beschreibt Carsten Völz sein Arbeitsumfeld.
Völz ist Campmanager im Flüchtlingslager Ruweished an der jordanisch-irakischen Grenze. Dort baut der Experte von Care gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen zurzeit eine komplette Kleinstadt für 25 000 bis 30 000 Menschen auf. Eine Zeltstadt zwar, aber dennoch mit allen Strukturen und Serviceeinrichtungen, die eben eine „Stadt“ benötigt.
Allein zwei Logistiker sind in Völz'' Team mit Beschaffung, Transport, Lagerung und Verteilung unterschiedlichster Hilfsgüter beschäftigt. Sie kommen fast alle mit Lkws aus dem 300 km entfernten Amman. „Täglich treffen hier Menschen aus Drittländern ein“, so der Camp-Chef gegenüber den VDI nachrichten. Sudanesen, Somalis und Ägypter fliehen. Irakis sind – zumindest bis Redaktionsschluss – noch nicht in Ruweished eingetroffen. Doch Christina Heitmann, Pressesprecherin von Care, ist pessimistisch. Sie rechnet wie das UNHCR mit 600 000 und mehr Flüchtlingen. „Erfahrungen aus dem ersten Golfkrieg zeigen: Die Menschen warten die Bombardements in Kellern ab und fliehen, wenn es zum Häuserkampf kommt.“
Die Crux der Hilfsorganisationen im Krieg kennt Heitmann: „Wir wissen nicht, was passiert. Werden die humanitären Korridore vom Norden oder vom Süden her geöffnet? Und wann? Humanitäre Hilfe jedoch muss im Voraus geplant werden. Wir müssen jetzt die Zelte aufbauen.“
Luftlinie 900 km südöstlich: Ingenieure des Roten Kreuzes reparieren 10 km außerhalb von Basra das Wasserwerk. Ein Bombardement hatte in der letzten Woche die Strom- und Wasserversorgung für die 1,2-Mio.-Stadt lahm gelegt. Nun sorgen die Ingenieure für einen Anschluss des Wasserwerks an den Fluss Shatt el-Arab und installieren Notstromgeneratoren.
Doch mitten im Krieg trifft die Techniker des Roten Kreuzes das gegen den Irak verhängte Embargo. „Leider können wir nur einfache Low-level-Pumpen einsetzen“, erklärt DRK-Sprecher Lübbo Roewer. Nach den Regeln der vom UN-Sicherheitsrat verhängten Sanktionen sei der Import von größeren Pumpen verboten. „Die könnten ja für militärische Zwecke genutzt werden“, ergänzt Roewer zynisch.
Das Internationale Rote Kreuz, eine der wenigen Organisationen, die noch mit vielen eigenen Helfern vor Ort ist, lässt sich nicht entmutigen: „Gerade sind zehn weitere Ingenieure von Kuwait aus Richtung Basra aufgebrochen“, so Roewer.
Die logistischen Mittel wurden aufgestockt: 53 Lastwagen und 107 Jeeps transportieren Personal und Hilfsgüter. Allein in sieben großen Lagerhäusern im Irak und in Nachbarstaaten stapeln sich Wasserkanister, Zelte, Kochgeschirr, Zahnbürsten und vieles mehr.
„Lebensmittel, Decken und anderes werden heutzutage regional eingekauft“, erklärt Dorothee Mennicken, Sprecherin des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Im Fall Irak z.B. in der Türkei. Lieferanten und Speditionen stehen auf Abruf bereit. Ob die Lieferungen über Land, per Schiff oder per Flugzeug in den Irak oder an eine Grenze transportiert werden, ist noch offen.
Notfall-Hightech stammt aus Deutschland. Ein Lkw, begleitet von zwei ASB-Mitarbeitern, dürfte gestern die syrisch-irakische Grenze bei Al Hawl erreicht haben. An Bord: eine komplette medizinische Ambulanz.
Der Irak-Krieg ist der erste Testlauf für die Aktion Deutschland hilft (ADH) jenseits hiesiger Grenzen. In der ADH haben sich der Maltester Hilfdienst, die Johanniter, der Arbeiter-Samariter-Bund, Care und andere zusammengeschlossen, um Spenden und Aktionen zu koordinieren.
Welche Hilfe derzeit im Irak sinnvoll und machbar ist, wird im „Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe“ beraten, der unter Federführung des Auswärtigen Amtes mit Vertretern der wichtigsten Hilfsorganisationen besetzt ist.
Derweil nehmen die Berichte aus dem Irak an Dramatik zu. „Ohne massive Hilfe in den Bereichen Wasser, Gesundheit und Ernährung werden viele Kinder und schwangere Frauen den Konflikt nicht überleben“, warnt der Leiter des Unicef-Programms in Bagdad, Carel de Rooy. Die IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs) meldet bereits, dass in einigen Krankenhäusern von Bagdad die Vorräte an Medikamenten zur Neige gehen. Ehrenvorstand Ulrich Gottstein: „Teils wird schon ohne Narkose amputiert.“
Zudem werfen viele Helfer den alliierten Truppen mangelnde Neutralität und Erfahrung im Umgang mit humanitärer Hilfe vor. Es sei „das Gegenteil von humanitärer Hilfe“, wenn Hilfspakete von Lastwagen geworfen würden und nur die Stärksten zum Zuge kämen, kritisieren sie.
„Die USA und Großbritannien müssen gezwungen werden, ihre Verantwortung zu übernehmen. Sie müssen jetzt Wasser und Lebensmittel in die besetzte Region bringen“, fordert Denis Halliday, der 1998 aus Protest gegen das Embargo als UN-Koordinator des Programms „Oil for food“ (siehe Kasten) zurückgetreten war. Schon jetzt weiß Halliday, dass rund 1 Mrd. € pro Monat nötig sind, um die Bevölkerung im Irak mit Wasser, Lebensmitteln und anderem Notwendigen zu versorgen.“   REGINE BÖNSCH
 www.unicef.de
www.drk.de
www.aktion-deutschland-hilft.de

 

[...]

-->


Talkforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--