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INTERVIEW
Goldberg: Eine ordentliche Erholung ist drin
Goldberg: Eine ordentliche Erholung ist drinBörsenpsychologe Joachim Goldberg über Anlegerpanik und ob bereits der richtige Zeitpunkt für den Wiedereinstieg gekommen ist.
von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag
€uro am Sonntag: Herr Goldberg, in den vergangenen Wochen ist der Aktienmarkt immer wieder dramatisch abgestürzt – Anzeichen einer Panik?
Joachim Goldberg: Nein, das sehe ich nicht so. Natürlich gibt es starke Ausschläge. Panik hieße jedoch kollektiver Kontrollverlust. So weit sind wir noch nicht. Und die Kursbewegungen sind gut begründbar.
Welche Erklärung haben Sie?
Noch Anfang August war der Aktienmarkt in guter Verfassung. Damals hatten sich in den USA Demokraten und Republikaner geeinigt, den Schuldendeckel anzuheben. Der Markt ist aber durch große Verkaufsorders in seiner Aufwärtsbewegung abgewürgt worden. Der Abwärtsdruck, den große Adressen reingegeben haben, war zu viel.
Welche Rolle spielte die sich eintrübende Konjunktureinschätzung?
Am Anfang eine untergeordnete. Einige große Fondsmanager haben trotzdem die Aktienquote verringert. Dann fiel der DAX dramatisch, und daraufhin wurden die Konjunkturprognosen noch mal nach unten adjustiert. So setzte sich die Abwärtsspirale in Gang.
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10 dieser 44 Unternehmens-Anleihen sind Schrott. Hier überprüfen! boerse-lernen.de/Anleihen-StudieHat der Hochgeschwindigkeitshandel den Trend beschleunigt?
Nein, das ist in Studien widerlegt worden. Im Gegenteil zeigen die Studien, dass der Hochgeschwindigkeitshandel auf der Kaufseite Liquidität bereitgestellt hat. Ohne ihn wäre alles noch schlimmer ausgefallen. Es wird da auch sehr viel miteinander verwechselt. Es gibt Algotrader, die nach bestimmten Regeln handeln, also auch Trendfolger, die verstärkend gewirkt haben können. Das hat aber nicht zwangsläufig mit den Hochfrequenzhändlern zu tun, die kleinste Kursschwankungen ausnutzen. Beispielsweise ist der Markt zwar am 22. August richtig durchgerutscht, die Hochfrequenzhändler haben aber sofort die Positionen der anderen aufgenommen und wieder in den Markt reingegeben.
Tragen auch Spekulationen etwa über Zahlungsprobleme zu den Schwankungen bei – wie vor einigen Wochen bei der französischen Bank Société Générale?
Kommt darauf an, ob solche Spekulationen auf den richtigen Boden treffen, manchmal werden sie einfach ignoriert. Diese teilweise haltlosen Gerüchte sind ja von denen weitergegeben worden, die bereits ihre Aktien verkauft haben.
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Spekulation auf fallende Kurse ist keine Ursache?
Ganz abgesehen davon, dass Leerverkäufe bei Finanzaktien inzwischen verboten sind, sind hier ganz einfach Anleger aus langfristigen Anlagen herausgegangen. Auch das wird häufig missverstanden. Die Leute wollen einfach ihre Aktien loswerden. Das sind mitunter große, gehebelte Positionen, die auf einmal glattgestellt werden. So kommt ein Automatismus in Richtung Ausverkauf rein.
Was halten Sie vor diesem Hintergrund von der geplanten Finanztransaktionsteuer?
Eine solche Steuer würde genau die Hochfrequenzhändler, die in der entscheidenden Phase Liquidität in den Markt geben, aus dem Geschäft vertreiben. Die Märkte würden also nicht nur noch volatiler, der Staat würde unter dem Strich wohl auch weniger Steuern als ursprünglich geplant einnehmen.
Wie sollte sich ein Privatanleger in der gegenwärtigen Situation positionieren?
Die Regel von Kostolany, Aktien einfach zehn Jahre liegen zu lassen und schlafen zu gehen, gilt nicht mehr. Aktieninvestments sind zwar auch heute in einem diversifizierten Portfolio unerlässlich. Ich muss aber einen Plan haben, was passiert, wenn die Dinge anders laufen, als ich es mir vorstelle. Dieser Plan existiert bei vielen nicht. Viele sagen, wenn es runtergeht, kann ich immer noch entscheiden, was ich dann mache. Die Menschen unterschätzen aber die Dynamik der Kursrückgänge. Das ist so, wie wenn man sich die Löschmaßnahmen erst nach Ausbruch eines Brandes überlegt.
Was heißt „Plan“ konkret?
Der kurz- und mittelfristig orientierte Anleger sollte sich Stoppkurse setzen, die abhängig vom eigenen Risikoprofil nicht zu knapp sein sollten. Man sollte sich bei der Einhaltung dieser Grenzen auch nicht auf eine Bank verlassen, sondern selbst jeden Tag einmal zur gleichen Zeit die Kurse überprüfen. Dagegen sollte der langfristige Anleger, der etwa regelmäßig in einen Aktiensparplan investiert, diesen Plan weiterverfolgen, sich aber im Klaren sein, dass man ein Aktieninvestment zwar zehn, 20 Jahre liegen lassen, aber nicht notwendigerweise gewinnbringend veräußern kann. Auch hier gilt: Ich muss vorher einen Plan ausarbeiten, was ich tue, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich mir das vorgestellt habe.
Wann könnte in der aktuellen Situation eine Trendumkehr entstehen?
Bei stabil steigenden Kursen. Der DAX darf nicht springen, mal sieben Prozent rauf, dann wieder zehn Prozent runter. Der DAX müsste schon deutlich über 6.000 steigen, damit Stabilität eintritt. Die Frage ist, ob es dann nicht schon wieder zu spät für einen Einstieg ist.
Wie weit könnte es umgekehrt noch runtergehen?
Entscheidend ist, glaube ich, das Niveau von 5.000 Punkten, also 4.960, um genauer zu sein. Der Boden nach unten ist noch immer offen, da sind wir längst nicht durch. Auf der anderen Seiten haben wir Gewöhnungseffekte an negative Nachrichten, die werden dann einfach nicht mehr wahrgenommen. Das hatten wir gerade in den letzten Tagen öfter. Möglicherweise bekommen wir noch mal einen Ausverkauf auf die 4.800, das sind aber auch schon die Risiken, die ich sehe.
Gibt es Chancen auf eine Jahresendrally?
Eine ordentliche Erholung ist drin, auch wenn sie eher unwahrscheinlich ist. Es gibt zu viele Einzelfall- und Ereignisrisiken. Diese Woche hatten wir beispielsweise den US-Arbeitsmarkt und die EZB-Sitzung. Und wir haben zuletzt zwei-, dreimal gesehen, dass der DAX technisch gesehen auf stabilem Territorium war. Und dann gab er doch wieder sehr schnell 400, 500 Punkte ab. Es ist noch zu viel Volatilität im Markt. Deshalb wäre es zu früh, den Anlegern zu sagen, da könnt ihr einfach rein.
Interview: Wolfgang Ehrensberger