Prekarisierte, vereinigt Euch!

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Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

Prekarisierte, vereinigt Euch!

8
26.10.06 23:50
#1
es heisst nicht mehr Unterschicht,nein das angeblich neue Wort Prekariat ,das es schon seit einigen Jahren in linken Kreisen gibt,wird längst heiss diskutiert.Man redet vom mobilisierenden Aspekt der Prekarisierung und vom Euro Mayday.„Der Funke ist übergesprungen für einen Austausch von Ideen und Alternativen rund um die Krise der Sozialversicherungen, der Familie, des Nationalstaates und der traditionellen Arbeitswelten. Viele haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus. Ungewissheit dominiert den flexiblen Alltag von LagerarbeiterInnen, Servicekräften, IT-ExpertInnen, Alleinerziehenden, SexarbeiterInnen, Ich-AGs und StudentInnen. Wir haben eine Frage: Die Frage nach den globalen Rechten. Es sind diese prekären Verhältnisse, die das immer wieder aufs Neue aufwerfen: Woher kommt morgen mein Geld? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Reicht das Geld für den Kinderbetreuungsplatz? Welche Jobs gehen ohne Pass? Was ist, wenn ich krank werde? ....Prekär bedeutet wortwörtlich widerruflich, unsicher, heikel, misslich, schwierig, peinlich, bedenklich und unangenehm. Seit den 1980er-Jahren verweist der Begriff vor allem auf entgarantierte Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Prekäre Arbeit kann auf illegalisierte, saisonale oder temporäre Beschäftigung hindeuten, ebenso trifft sie auf Zeit- oder Leiharbeit, Pflegearbeit, bezahlte Hausarbeit, Jobhopper, Capuccino-Worker sowie Selbständigkeit oder Ich-AG’s zu. Prekarisierung mag zwar eine beschleunigte Verwandlung der bisher angestrebten, garantierten und dauerhaften Beschäftigungsverhältnisse in schlechter bezahlte und weniger sichere Jobs beschreiben. Das Ringen mit der Unsicherheit stellt allerdings weltweit keine Ausnahme dar.Das stand im Aufruf zum Euro Mayday in Hamburg 2005 ,erschienen in: 20er - Die Tiroler Straßenzeitung, Nr. 64 Apr. '05
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

eine neue Klasse begehrt : auf:das Prekariat

 
26.10.06 23:58
#2
Von der Boheme zur Unterschicht,Job, Geld, Leben – nichts ist mehr sicher. Eine neue Klasse der Ausgebeuteten begehrt auf: Das Prekariat Von Thomas Gross
...Prekarisierung, das andere Wort zur Krise, ist aus der beschränkten Öffentlichkeit linker Thesenpapiere und soziologischer Fallstudien inzwischen schon in die Alltagssprache vorgedrungen. Im Umfeld des Euro Mayday finden sich Prekarisierungsforen und -arbeitskreise zu den Themen Kündigungsschutz und Flexibilisierung. Im vergangenen Jahr präsentierten Mailänder Aktivisten auf ihrem Umzug P-Superhelden aus Pappmaché, darunter ein Wesen namens Super Flex. Bei Super Flex hat der Stress der Flexibilisierung zu einer »erfreulichen Mutation seiner Moleküle« geführt, was ihn befähigt, weltweit »mit anderen Superflexiblen zu kommunizieren«. Ein Schutzpatron ist in Italien auch schon ausgerufen worden: der anbetungswürdige San Precario...Zunächst einmal ist die Rede von der Prekarisierung alles andere als neu. Bereits Anfang der 1980er taucht der Begriff in der französischen Soziologie auf, als Bezeichnung für saisonale oder temporäre Beschäftigungen. Auch hat es prekäre Arbeitsformen immer gegeben, im globalen Maßstab waren und sind sie bis heute die Regel.Virulent wurde der Prekarisierungsdiskurs erst, als Anne und Marine Rambach in ihrer 2001 erschienenen Streitschrift Les intellos précaires (»Die prekären Intellektuellen«) das Bild einer Intelligenz entwarfen, die mit dem Widerspruch leben muss, bei relativ hohem Sozialstatus immer schlechteren Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein – und damit in Frankreich einen Bestseller landeten. Neu an der Debatte sind also nicht ihre Sachverhalte, neu ist die Tatsache, dass diese die urbanen Mittelschichten ergriffen haben.Vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht, das waren jahrzehntelang immer die anderen. Erst seit der Finanznot des Staates diskutiert auch die Mittelschicht über Proletarisierung, Existenzängste oder »stilvolles Verarmen«. Die »Generation Praktikum« hat den Blick auf die immer rasantere Verwandlung garantierter Arbeitsverhältnisse in schlecht oder gar nicht bezahlte Jobs gelenkt – eine Entwicklung, die in Wahrheit die gesamte Gruppe der Freiberufler und Kulturarbeiter betrifft. Dass ihre Erwerbsbiografien in den seltensten Fällen geradlinig verlaufen, haben sie am eigenen Leib erfahren müssen...Der ebenso stigmatisierende wie heroisierende Begriff umschreibt den Sachverhalt, dass das Anforderungsprofil für Journalisten, Web-Designer, Künstler sich radikal geändert hat. Der Kulturarbeiter von heute ist ein Dienstleister, der die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit als Bereicherung erfahren und unablässig dazulernen muss. Doch selbst wenn seine Soft Skills (die Summe seiner kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten) überdurchschnittlich entwickelt sind, kann er mit einem festen Arbeitsplatz nicht rechnen. Deshalb lungert er mit dem Laptop in Cafés oder schlecht geheizten Ladenwohnungen herum, wo er Projekte vorantreibt, während das Geld dazu oft noch von den Eltern kommt. www.zeit.de/2006/18/Prekariat?page=2
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

das Prekariat-eine neue Unterschicht?

 
27.10.06 00:03
#3
Von konservativer Seite wird das Prekariat mit dem Begriff Neue Unterschicht benannt und substanzialisiert. Der Begriff Neue Unterschicht ist dabei eher der kulturalistischen Klassentheorie zuzuordnen. Wichtigster Vertreter ist Paul Nolte, der in seiner Schrift Generation Reform[1] von 2004 eine kulturelle Spaltung der „Neuen Unterschicht“ von der Mehrheitsgesellschaft ausmacht.
Wichtige Eckpunkte dieser Theorie sind, dass extreme Vermögensunterschiede als gegeben betrachtet werden, die Angehörigen der Neuen Unterschicht durch sozialstaatliche Alimentierung kulturell verwahrlost seien und sich der „bürgerlichen Leitkultur“ (Nolte) anzupassen hätten. Kritisiert wird an dieser neuen Klassentheorie, dass „eine Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft konstruiert würde“ und Personen, die zur Gruppe der „Neuen Unterschicht“ gerechnet würden, Diffamierungen ausgesetzt sind.[2] Seit Noltes Veröffentlichung wurde dem Begriff in allen größeren Magazinen Leitartikel gewidmet, und es erschienen einige Fernsehreportagen zu diesem Thema.
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

Politische Debatte

 
27.10.06 00:06
#4
Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck rief aufgrund der Ergebnisse der Studie „Gesellschaft im Reformprozess“ zu einem Bildungsaufbruch auf, mit dem die Bildung und damit die Aufstiegschancen der „Unterschicht“ verbessert werden sollen. Sowohl einige CDU- als auch einige SPD-Politiker lehnen die Formulierung „Unterschicht“ jedoch ab, da dieses Wort eine Bevölkerungsschicht abstemple bzw. ausgrenze. Vize-Kanzler Franz Müntefering sagte im Sender N24, dies sei eine Formulierung "lebensfremder Soziologen, es gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft." Wolfgang Thierse widerspricht dem und hält dagegen, Deutschland sei immer eine „Klassengesellschaft“ gewesen. Der Politikwissenschaftler Gerd Mielke (Universität Mainz) sieht in den Stellungnahmen von CDU- und SPD-Politikern eine Verleugnung der Realität und den Versuch der beiden Volksparteien, "sich wortreich von der Verantwortung für die Ausgestaltung von Lebensumständen zu verabschieden. Armut und Abstieg werden zum individuellen Schicksal umdefiniert; und wer arm bleibt oder absteigt, der hatte eben Pech, er hätte sich mehr anstrengen sollen" bei Wikipedia
Prekarisierte, vereinigt Euch! E8DEF285
E8DEF285:

eins ist mir doch sehr aufgefallen

 
27.10.06 00:12
#5
die alten user tummeln sich im talkforum , die frischlinge im börsenforum
ja wo sind wir denn :-)))))))))))
gruss E8
Prekarisierte, vereinigt Euch! quantas
quantas:

Abgehängt und ausgeschlossen

3
27.10.06 11:36
#6

Die deutsche Unterschichten-Debatte - betrachtet im Lichte einer melancholischen Karikatur

Die Politik in Deutschland hat für sich endlich das «Unterschichten-Problem» entdeckt, doch die Soziologie spricht längst in anderen Begriffen. «Prekariat» und «Exklusion» sollen Randgruppen definieren, von «negativem Individualismus» ist auch die Mitte betroffen.

Die sinnreichste Karikatur zum Thema fanden wir dort, wo das Problem am bedrängendsten ist, im Osten Deutschlands, in der in Erfurt erscheinenden Zeitung «Thüringer Allgemeine». Eine Zeichnung zeigte zwei Trinker am Stehtisch vor einer Würstchenbude, daneben einen weiteren auf einer Parkbank nebst Kampfhund zu seinen Füssen und in der Sprechblase darüber den Satz: «Seitdem wir als Unterschicht anerkannt sind, habe ich endlich wieder ein Gemeinschaftsgefühl.»

Paternalistische Öffentlichkeit

Wie jeder gute Witz spricht auch dieser eine tiefe Wahrheit aus. Witzig ist zunächst einmal die Perspektive: Wer spricht? Kein Politiker, keiner der gewohnheitsmässigen Stichwortgeber. Nicht Kurt Beck, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, der eine Sozialstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Anlass genommen hatte, den darin getroffenen Befund vom Soziologischen ins Plakative zu übersetzen. Im Bestreben, Lage und Lebensgefühl der Befragten zu erkunden, hatte die Studie neun Milieus sortiert und als das am meisten demoralisierte ein «abgehängtes Prekariat» ausgemacht. Beck sprach daraufhin von einem «Unterschichten-Problem», das Deutschland habe, weil sich «viel zu viele Menschen» mit ihrer Armut «arrangiert» hätten. Der Politiker vermisste Leistungswillen.

Das war insofern typisch, als Beck das übliche diskursive Muster reproduzierte: «Die da oben» urteilen über «die da unten», und zwar entweder mitleidig oder polemisch - aber in jedem Fall pädagogisch. Die Deklassierten bilden dabei, wie der Soziologe Sighard Neckel in dem Sammelband «Deutschland - eine gespaltene Gesellschaft» (Campus-Verlag) sehr schön formuliert, «das kollektive Entrüstungsobjekt einer paternalistisch gestimmten Öffentlichkeit». Appelle ergehen, die ins Abseits Gerutschten sollten doch endlich Initiative entwickeln, begleitet von unwilligem Kopfschütteln darüber, dass die Betroffenen sich so lethargisch zeigen. Hier liegt der erste satirische Effekt der erwähnten Karikatur: Sie gibt den Entmündigten Stimme. Während der daneben stehende Zeitungsbericht überquillt von den Voten der Politiker und der Caritas-Verbände, macht die Illustration die gemeinhin stummen Objekte zum Subjekt.

Grandios dann die Sprechblase. Sie preist die nun ausgebrochene Unterschichten-Debatte als Spender des höchsten gesellschaftlichen Gutes: Anerkennung! «Seit wir als Unterschicht anerkannt sind . . .» Wer meint, dies sei bloss ironisch zu nehmen, irrt. Zum «abgehängten Prekariat», dessen Anteil an der deutschen Bevölkerung acht Prozent betragen soll (Jugendliche und Migranten ohne deutschen Pass nicht einmal gerechnet), gehört das Novum, dass diese Unterschicht nichts mehr dagegen hat, sich als solche zu bezeichnen. Allerdings steckt dahinter keineswegs der offensive Wille zur Aufwertung der Bezeichnung. Es ist der aus Tristesse geborene Realismus; Depression, nicht Selbstbewusstsein. Und wenn dann der vom Karikaturisten gezeichnete Trinker sein wiedergewonnenes Gemeinschaftsgefühl begrüsst, erhält der Witz des Bildes ein Unterfutter aus Melancholie.

Die Melancholie ist hier das Medium einer soziologischen Wahrheit. Den Gegensatz zur Vergemeinschaftung bildet die Individualisierung, und genau darum geht es: Das Versprechen auf gesteigerte Subjektivität und Freiheit, das die Propheten einer reflexiv gewordenen «zweiten Moderne» am Ende des 20. Jahrhunderts gegeben hatten, als sie ihre Individualisierungsthese formulierten, ist brüchig geworden. Die Kosten sind sichtbar. Der bürgerlich-liberale Optimismus, wonach ein jeder seines Glückes eigener Schmied sei, offenbart schärfer als noch vor zwanzig Jahren, was dies zugleich besagt: Auch dein Unglück hast du dir als dein Versagen selber zuzuschreiben. In seiner Studie über die «Metamorphosen der sozialen Frage» nennt Robert Castell dies den «negativen Individualismus» unserer Gegenwart. Wer sozial absteigt, dem lässt sich heute immer vorhalten, er habe Chancen, welche ihm die «Multioptionsgesellschaft» (Peter Gross) ja doch in Hülle und Fülle biete, nicht genutzt. Eine Frau, die Hausfrau bleibt, statt Karriere zu machen - selber schuld. Ein Angestellter, der den Job verlor - könnte es nicht deswegen sein, weil er sich zu wenig flexibel zeigte? Also dito: selber schuld.

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die sich in der Karikatur artikuliert, ist die Sehnsucht nach Entlastung von dieser Negativität. Wäre das eigene Schicksal kein einzelnes, liesse sich sagen, dass ein solches auf ein Kollektiv ausgreifendes Unglück gewiss allgemeine, externe Ursachen hat. Jedoch - und hier weitet sich die Melancholie ins Unendliche - diesem Trost fehlt das Fundament. Das «Prekariat» bildet kein Kollektiv. Auch keine Schicht und erst recht keine Klasse. In prekäre Verhältnisse kann heute jedermann stürzen: der Bankangestellte, der erst den Job, dann Haus und Familie verloren hat; der Student aus dem akademischen Proletariat, der seit Ewigkeiten Taxi fährt und wie viele seinesgleichen beweist, dass Bildung nicht vor Abstieg schützt; die Verkäuferin auf Stundenbasis, die zusätzlich putzen geht, weil sie sonst nicht über die Runden kommt. Zum Prekariat gehören heisst, dass einem folgende Dinge fehlen: Sicherheit des Arbeitsplatzes, Einfluss auf die Arbeitssituation, arbeitsrechtliche Schutzbestimmungen und ein auskömmlicher Erwerb. Den dramatischen Zusatz, «abgehängtes» Prekariat zu sein, erhalten in der Regel Langzeitarbeitslose, die in sogenannter verfestigter Armut leben und zugleich von sozialen Netzwerken abgeschnitten sind.

Überholter Begriff

Als Kurt Beck von «Unterschicht» sprach, nutzte er den aufrüttelnden Charakter eines verpönten Reizwortes. Leitartikler haben ihn für das offene Wort gelobt, Wohlfahrtsverbände und die evangelische Kirche kritisierten die Rede als diskriminierend. Soziologen durften sich darin bestätigt fühlen, dass Politiker ihre Schriften zu selten konsultieren: Denn einerseits ist dort der Abschied von Helmut Schelskys «nivellierter Mittelstandsgesellschaft», der jetzt als grosse Einsicht ausgegeben wird, ein alter Hut. Und hinzu kommt anderseits, dass auch Becks Terminologie überholt ist. Um soziale Randlagen zu erfassen, sprechen Soziologen nicht mehr von «Unterschicht». Ihr Zentralbegriff heisst «Exklusion». Sie haben erkannt, dass Menschen hinsichtlich der Verteilung von Ressourcen - Geld, Arbeit, Macht - ähnlich schlecht ausgestattet sein können, ohne deswegen in derselben Lage zu sein. Es geht nicht nur um oben und unten, sondern mehr noch um drinnen und draussen. Soziale Bindungen, Netzwerke, spielen eine entscheidende Rolle. Erst wo diese fehlen, beginnt das Reich der Ausgeschlossenen.

Joachim Güntner

 
 
 

http://www.nzz.ch/2006/10/27/fe/articleELTJL.html

 
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

der fehlende Aufstiegswille

 
27.10.06 20:28
#7
Kurt Beck sagte, dass das Streben in den armen Familien teilweise verloren gehen könne. Hier müsse der Staat eingreifen: "Für den Teil der Gesellschaft, der uns zu entgleiten droht, ist der vorsorgende Sozialstaat gefragt, den meine SPD will."
Beck legt den Schwerpunkt nicht auf die soziale Situation, sondern auf den fehlenden Aufstiegswillen und bewegt sich damit ganz in der Logik von Hartz IV. Denn auch dort ging es um die Mobilisierung der Erwerbslosen. Sie sollten durch Mittelkürzungen und Angebote den Willen zum Aufstieg zum Ein-Euro-Job bekommen. So ist es von der Beschreibung der sozialen Situation zur Beklagung fehlender Werte nicht weit. Selbst die Wortschöpfung des "abgehängten Prekariats" lässt die Frage offen, ob als Gegenbild nicht ein vernetztes Prekariat kreiert wird. Dazu zählt die vielzitierte  Generation Praktikum, die zwar mit schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsverhältnissen konfrontiert ist, aber den von Beck vermissten Aufstiegswillen durch ihre ständiges  Netzwerkeln tagtäglich unter Beweis stellt.
"Wir haben den Menschen vorgegaukelt, dass mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt erreichen kann",  sagte SPD-Fraktionsvize Stefan Hilsberg. Man habe auch behauptet, mit Steuersenkungen für die Unternehmen die Probleme lösen zu können. Das sei an Millionen Menschen vorbeigegangen. Er bezeichnete Hartz IV als Lebenslüge seiner Partei. In ähnlichem Sinne äußerte sich auch die vor kurzem  abgewählte stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer: "Die Ausweitung der 400-Euro-Jobs und der Ich-AGs haben dazu beigetragen, die Niedriglohnsektoren und die Armut auszuweiten."
www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23781/1.html
Prekarisierte, vereinigt Euch! Karlchen_II
Karlchen_II:

Ja ja, Kurt Beck muss gerade über

2
27.10.06 20:38
#8
Aufstiegswillen schwadronieren - solche Typen wie der kotzen mich richtig an. Mal auf dessen Biografie schauen.

Oder so: der perfekte Sozialdemokrat. Schwülstige Reden halten - und nur über die Perteischiene nach oben gekrochen. Gibt es eigentlich was Widerwärtigeres als den? Klar - Scharping, Schröder, Fischer und Konsorten, die sogar noch nen Angriffskrieg auf ihre Fähnchen geheftet haben. Aber dann kommt doch schon die pfälzische Gemütlichkeitsbombe.
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Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

das Prekariat der FES-Studie von Frank Karl

 
27.10.06 20:43
#9
Das „Prekariat“ zeichne sich aus durch eine „tiefgreifende Hoffnungslosigkeit und Resignation“, sagt Karl. Ihm fehle die Zuversicht, seine Situation aus eigener Kraft verbessern zu können. Insofern unterscheide sich das „Prekariat“ von der „Generation Praktikum“, deren Lebensverhältnisse zwar materiell nicht zufriedenstellend seien, die aber große Chancen habe. „Möglicherweise ist die Resignation eine realistische Einschätzung der Situation“, sagt Karl. Kennzeichen des „Prekariats“ sind ein hoher Männeranteil, geringe Mobilität, eine Nettoeinkommen (pro Person im Haushalt) leicht oberhalb des Sozialhilfesatzes und eine große Unzufriedenheit - kombiniert mit Tatenlosigkeit.Zwei Drittel der Angehörigen dieser Gruppe seien arbeitslos, und wer Arbeit habe, identifiziere sich nicht mit ihr. „Diese Menschen fühlen sich gesellschaftlich im Abseits und vom Staat allein gelassen, Veränderungsprozesse empfinden sie als zu komplex“, sagt Karl. Sie verlangten nach einem stark regulierenden, eingreifenden Staat, hätten aber weder Vertrauen in dessen Institutionen noch in Politiker. Der Anteil an Nichtwählern wie an Protestwählern sei hoch.Das Schlimmste am „Prekariat“ ist nach Ansicht des Autors der FES-Studie Frank Karl die Einstellung: „Auch der kommenden Generation wird es nicht besser gehen.“„Bildung ist das einzige, was den Kindern aus dieser Schicht helfen kann“, sagt auch Karl. Den geringqualifizierten Eltern sei mit Bildung kaum zu helfen, wohl aber mit „Wieder-Gewöhnung an Arbeit“, zur Not auch mit Subventionen. Das „Prekariat“ sei keinesfalls durch die Hartz-Gesetze entstanden, sondern habe sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre entwickelt. „Wir haben nur nicht hingeschaut.“FAZ am 16.10.2006
Prekarisierte, vereinigt Euch! Karlchen_II
Karlchen_II:

Und nun?

 
27.10.06 20:50
#10
Wenn diejenigen dieser Gruppe, die Arbeit haben, sich nicht mit der identifizieren, was macht man denn dann?
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

das abgehängte Prekariat

 
28.10.06 13:24
#11
sind laut Karl acht Prozent der Deutschen  - betrachtet man allein die neuen Bundesländer sind es sogar 20 Prozent. Insgesamt 6,5 Millionen Menschen,der Männeranteil in dieser Gruppe ist nach den jetzt veröffentlichten Ergebnissen sehr hoch.Das Prekariat hat mit durchschnittlich rund 424 Euro im Monat nicht nur unterdurchschnittlich wenig Geld zur Verfügung. Schulden, geringe Bildung aber auch mangelnder familiärer Rückhalt und ein Hang zu autoritären politischen Verhältnissen sind typische Probleme.24 Prozent der Migranten gehörten zu dieser Gruppe, bei den Alleinerziehenden waren es über ein Drittel.Der Osten fällt immer weiter zurück. Und: In Deutschland gibt es besonders viele Langzeitarbeitslose, "und je nach Berechnungsmethoden sind 40 bis 75 Prozent gering qualifiziert".In kaum einem anderen Land gebe es so viele Arbeitslose mit niedrigem Bildungsstand wie in Deutschland erklärt die Studie der Hans-Böckler-Stiftung.Nach einer anderen Studie halten in den neuen Bundesländern 2005 nur noch 38 Prozent der Menschen die Demokratie für die beste Staatsform in Deutschland.
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

Unterschichtdebatte:Nivellieren hilft nicht weiter

 
29.10.06 12:35
#12
Für Politik und Publizistik war es über lange Jahre komfortabel, von einer deutschen Mittelstandsgesellschaft sprechen zu können, die sich aus dem präzedenzlosen Wohlstandswachstum zwischen 1950 und 1958 gebildet habe. Das Beiwort "nivelliert" aus der Begriffsschule des Soziologen Helmut Schelsky (1912-1984) schien dem Hauptwort die rechte Geschmacksnuance zu geben, wies es doch auf einen nachgerade historischen Konfliktabbau hin: Nivelliertes weist keine Klassenmerkmale auf. Vieles traf ja zu - nur nicht die Behauptung, die westdeutsche Erfolgsgeschichte hätte etwas mit der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" des Forschers Schelsky zu tun. Aber der Umgang mit soziologischen Begriffen ist eine ganz besondere Glückssache, wie wir aktuell erfahren. "Unterschicht" und "Prekariat", so wird gemunkelt, hätten die "Mittelstandsgesellschaft" außer Kurs und das Gespenst neuer Klassenantinomie in Trab gesetzt. Der Irrtum ist gewaltig, wenn auch politisch nicht ganz unverständlich.Dass es immer eine Unterschicht gibt, und sie sich verbreitert, sobald ein finanziell hoch verschuldeter Staat seine Alimentierungstätigkeit rationiert und darüber das Gesicht des allgütigen Sozialhegemons verliert, ist ein recht unliebsamer, aber bekannter Vorgang. "Klassen" entstehen daraus nicht ohne weiteres. Die Unterschicht, von der die Rede ist, besitzt keine Erzählung und kein politisches Kampfformat, wirft sich höchstens den zugelieferten Mantel der Armut über, dessen Zuschnitt sich am hohen westeuropäischen Standard orientiert. Der Neologismus Prekariat wiederum bezeichnet etwas anderes, nämlich das über eine spezifische Schicht hinaus verbreitete Kulturphänomen, dass Personen die Über-Wasser-Position mitsamt Auftriebskraft verlieren, früher vorwiegend ein Altersphänomen - de Gaulle sprach klangvoll von "naufrage", Schiffbruch.

Diese Erscheinungen sind da und müssen behandelt werden - eine "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" gab es in der Bundesrepublik Deutschland indessen nie, so sehr die Bezeichnung auch Karriere machte. Nicht einmal ihre Existenz zu bestreiten, war der Mühe wert..... Bewegungsdynamik solcher Massenwucht kann an einer bestimmten Linie nicht zum Halten kommen, und sie hat auch ihren Preis. Bei allem Schwinden klassenbedingter Unterschiede und korrespondierendem Zuwachs an Chancengleichheit verursacht sie, wie Schelsky hervorhebt, "Gefühle der sozialen Unsicherheit", ideologische Beliebigkeit und das Abflachen "gesamtgesellschaftlicher Solidarität". Die Menschen neigen zum Neid, verspüren Prestigeheißhunger (Bildung als Prestige) und votieren politisch nach der Richtung ihrer Herkunft. An die Stelle polarer gesellschaftlicher Positionen und selbst formulierter Ansprüche rücken sorgende bürokratische Großorganisationen. Man könne sich ihrer Übermacht anpassen oder ins Private zurückweichen, in "inselhafte Kleingruppen", in die Familie, die durch von außen einströmende Spannungen in eine problematische "Seelen-Arzt-Rolle" gerät. Das klingt schon leicht präkarisch, aber es kommt noch schlimmer.

Immer noch unter dem Eindruck des gesammelten Studienmaterials, in dem sich die "dark ages" des zweiten deutschen Zusammenbruchs spiegeln, schreitet Schelsky zu einer Prognose, die er auch in der fünften Auflage seiner Familienuntersuchung im Jahre 1967, also inmitten der Midlife-Crisis der entwickelten Bundesrepublik, aufrecht erhält. Die Dauerhaftigkeit der Abstiegs- und Verelendungsvorgänge, steht in dem Text, sei kaum zu bezweifeln. "Wachsender sozialer Notstand kennzeichnet das gesamte industriell-bürokratische Europa". Die sozialen Abstiegsprozesse begännen "heute" über den sozialen Aufstieg zu dominieren, "mindestens in der deutschen Gesellschaft".Man kann daraus eine ernste, wissenschaftsmethodische, und eine ironische Schlussfolgerung ziehen. Ausgerechnet Schelsky, der die Mobilität zum Prinzip moderner Gesellschaftsentwicklung erhoben hat, entwarf ein Zukunftsbild aus vergangener Vergangenheit. Und ausgerechnet Schelsky, dessen nivellierte Mittelstandsgesellschaft irrtümlich als Beweis für die Trefflichkeit des sozialen Ausgleichs im wundersamen Aufstieg nach 1950 herangezogen wurde, lieferte aus frühen dunklen Jahren ein Katastrophen-Szenario, das notorische Pessimisten mühelos auf die Gegenwartsdiskussion mit ihren ebenfalls unklaren Begriffen übertragen könnten.

Obwohl solche Befunde skeptisch stimmen, sehr nachhaltig vor allem gegenüber Schlagwörtern wissenschaftlicher Klangfärbung, verdanken wir Schelsky eine Reihe von Beobachtungen, die über ihre Zeit hinaus Geltung beanspruchen dürfen. Dies gilt für die unleugbare Nivellierung der früheren Klassengesellschaft durch die Kriegsumwälzungen, den Motivationsverfall einst mächtiger Milieus, für die daraus folgende Entstehung großbürokratischer "Kümmerer", deren finanzieller Ruin mit folgendem Vertrauensverlust Anfang der 50er Jahre bei Gott nicht vorauszusehen war, und für die Familie, an die Schelsky das Stethoskop anlegte und irritierende Herztöne vernahm. Was man Gesellschaft nennt, konkret aber Nation ist, das "alte Schicksalsgewand" (Ernst Jünger), zeigt derzeit tiefere soziale Risse, begegnet dieser Erfahrung jedoch keineswegs "solidarisch", wie die Politik es sich wünscht. Der Sozialstaat hat das Regelungsmonopol übernommen und steht nun vor den Resultaten.

Während ihm die Gesellschaftsmehrheit gewohnt fordernd, sozusagen Brust an Brust gegenübersteht, wenden die gar nicht so wenigen Kreativen dem Schauspiel den Rücken zu. Oliver Heilwagen zitiert in der Zeitschrift "Das Parlament" den flott-dreisten Ausspruch des Soziologen Heinz Bude: "Unsere Gesellschaft funktioniert prächtig mit lauter unglücklichen Individuen."

Artikel erschienen am 28.10.2006 in der Welt
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Konstantin Wecker zum abgehängten Prekariat

2
29.10.06 13:23
#13
Da haben sie sich wieder was ganz feines einfallen lassen, die Wortverdreher und Sprachzerstückler, in Thinktanks erarbeitet und der blöden Masse zum Fraß vorgeworfen: "abgehängtes Prekariat".
                                                                                                                  Toll, das hat ja dann nichts mit uns zu tun, das betrifft irgendwelche Wesen vom anderen Stern, das ist die Sprache, die keinen interessiert, weil sie keiner versteht. Das soll sosein, natürlich, denn wenn wir mitbekommen würden dass es sich bei diesem Wortungetüm um fast 10 Prozent der Bundesbürger handelt, die Harz IV Gebeutelten (Empfänger klingt geradezu euphemistisch), die Arbeitslosen, die Armen, die im neoliberalen Wahn kaputt Gewirtschafteten, die auch und gerade von der SPD Verlassenen, ja, wenn wir das mitkriegen würden, würden wir uns vielleicht sogar mal Gedanken machen über all die Ungerechtigkeiten, die uns eine von Wirtschaftssinteressen in Geiselhaft genommene Regierung angedeihen lässt.Prekariat ist schlicht und einfach zunehmende Arbeitslosigkeit mit ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen, sowie einer steigenden sozialen Angst, die (noch) Arbeitende ergreift (Wikipedia).

wie man statt von Krieg von "Interventionen" spricht.Natürlich ist nichts anders gemeint als eine zunehmend verarmende Unterschicht, abgehängt von den wenigen, die sich zunehmend an denen bereichern, denen sie Angst einjagen. Es war wohlweislich die Friedrich Ebert Stiftung, die das Wort Unterschicht in ihrer Studie vermied. (siehe Spiegel online) Und Prekariat klingt nun mal, vor allem weil es keiner versteht, viel versöhnlicher, so wie"Krisen zu Reaktionseinsätzen" mutieren, Armeen zu "Einheiten" werden, mörderische Angriffe zu "notwendigen Operationen" und zivile Kriegstote zu "Kollateralschäden".Man hat uns die Hoheit der Sprache gestohlen und die Medien sind willfährige Vasallen dieser unmenschlichen und abgrundtief hässlichen Sprache. Nach Jon Pilger leben wir alle nicht in einem "Informationszeitalter" sondern in einem "Medienzeitalter". Die Ideologie des neoliberalen Kapitalismus, wie er von den "Chicago Boys" Hayek und Friedman theoretisch entwickelt wurde, wurde vor allem durch angepasste Medien und Journalisten verbreitet und wie in einem totalitärem System als "alternativlos" dargestellt.
Man beraubt uns unserer eigenen Sprache und dadurch der Wahrheit. Abgehängtes Prekariat? Das sind wir alle, wir, die wir nicht mitmachen mit dem hemmungslosen Mammonismus, dieser eigentlichen Weltreligion, die sich mit Hilfe eines neoliberalen Netzwerkes von Stiftungen, Instituten,Forschungszentren und Public-Relations-Lohnschreibern auf dem ganzen Globus wie ein lebensbedrohender Virus verbreitet und schon längst die eigentlichen Weltreligionen ins Abseits gedrängt hat.

Abgehängt, längst abgehängt sind wir alle, von den unermesslich Reichen. Ihre Gier und ihren Reichtum könnten sie gerne für sich behalten, aber die obszöne Macht, die sich daraus ergibt, gefährdet unser aller Dasein und Überleben. Denn diese Macht ist fast ausschließlich in den Händen grandioser Dummköpfe, die Leben mit Besitz verwechseln und alles in der Hand haben außer sich selbst. Wir abgehängtes Prekariat sollten sie so schnell wie möglich abhängen.

Michael Jäger schreibt im Webmagazin "Freitag" am Ende seines Beitrags über das abgehängte Prekariat: "Die SPD-Führung diskutierte am Wochenende nicht über Auswege, sondern legte noch einmal nach, einigte sich auf eine neue Sprachregelung: Hartz IV habe die Armut nicht geschaffen, sondern ´an die Oberfläche gebracht´(Thierse) und den ´Blick auf notwendige soziale Reformen geöffnet´. Das ist, als wenn man sagt, die kürzliche Entdeckung eines toten Kindes in der Wohnung eines Bremer drogenabhängigen Vaters habe die Augen dafür geöffnet, dass man Kinder nicht in Kühlschränke legen sollte."

Treffender kann man den neoliberalen Zynismus unserer politischen ´Elite´ kaum beschreiben! von Konstantin Wecker in der Linken Zeitung
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
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Deutschland ist eine Klassengesellschaft

 
29.10.06 18:13
#14
So einfach kann man es sich nun auch nicht machen. Wenn einige SPD-Linke ihrer eigenen Regierung jetzt vorwerfen, Millionen Menschen in die Armut gestürzt zu haben, werden Ursache und Wirkung verwechselt. Nicht Gerhard Schröder hat mit seinen unvollendeten Reformen die Armut im Land vergrößert, vielmehr ist es ihm nicht gelungen, die Armutsfolgen der Globalisierung für Deutschland entscheidend zu mildern.Und das dürfte auch seiner Nachfolgerin nicht leichtfallen. Denn die von den Neoliberalen ununterbrochen als wirtschaftliches und soziales Heilmittel empfohlene Liberalisierung des Arbeitsmarktes mag zwar mehr bezahlte Arbeit schaffen, aber eben solche, die die Arbeitenden nicht in Würde ernährt – also Billigjobs, denen in Deutschland leider keine Billigmiete und auch kein Billigsprit gegenüberstehen. Weder Angela Merkel noch Kurt Beck haben bisher eine Antwort auf die Frage, wie man einfache Arbeit für einfache Arbeitnehmer im Lande hält, ohne ihnen Löhne à la Bratislava und Lemberg oder gar à la Kalkutta und Schanghai zuzumuten.Denn das ist ja das Fatale an der globalisierten Wirtschaft. Nicht Anpassung nach oben, sondern nach unten ist Trumpf, nicht Frankreich und Deutschland und nicht einmal die USA bestimmen das weltweite Lohnniveau, sondern Indien und China. Was bei abgeschotteten Märkten unmöglich war, die Auswanderung von Arbeitsplätzen, ist jetzt eine tägliche Herausforderung.Zurück bleiben die Menschen, um die sich die Gemeinschaft kümmern muss.Es ist eben nicht so, wie uns Oskar Lafontaine glauben machen will, dass höhere Löhne zu mehr Konsum und Arbeitsplätzen führen, da die neuen Arbeitsplätze nicht bei uns, sondern in anderen, billigeren Teilen der Welt entstehen. Die Folge ist jene neue Unterschicht, von der plötzlich alle reden, jene 30 Prozent Modernisierungsverlierer, die schon der verstorbene Peter Glotz als das drängendste Problem der Sozialdemokratie ausgemacht hat. Ihnen durch die Liberalisierung des Arbeitsmarktes helfen zu wollen, grenzt an Zynismus, sie durch Ausbildung zu Höherem zu befähigen, zeugt von Weltfremdheit.Bleiben der klassische Protektionismus, den Gabor Steingart empfiehlt und dessen historische Bilanz so negativ nicht ist, wie unsere Wirtschaftseliten behaupten, und eine staatliche Schutzpolitik à la Bismarck, also ein Gutsherrenpaternalismus, der zwar nicht ganz zur viel beschworenen Eigenverantwortung passt, aber immerhin ein einigermaßen menschenwürdiges Leben garantieren kann.
Es wird Zeit, dass man die Tatsachen ehrlich benennt und nicht mittels Sprachverboten die Wirklichkeit verdrängt. Auch Prekariat ist eine Lebenslüge. Dass Deutschland keine Klassengesellschaft sei und keine Schichten kenne, kann nur behaupten, wer in gepanzerten Limousinen durch deutsche Großstädte fährt.Tagesspiegel
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Kicky:

die Grenzen staatlicher Mobilisierung

 
03.11.06 14:38
#15
Als der SPD-Vorsitzende Kurt Beck vor zwei Wochen seine Sorge bekundete, dass in weiten Teilen der Bevölkerung das Streben nach sozialem Aufstieg nachlasse, dass diese Teile sich mit ihrer Situation materiell und kulturell arrangiert hätten, da blendete er für einen Augenblick den Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit auf diesen Pulk am unteren Ende der gesellschaftlichen Rolltreppe...Doch in dem Maße wie der Fürsorgestaat umgebaut wird, in dem Maße wie Fürsorge mit Fördern und vor allem Fordern übersetzt wird, offenbaren sich auch die Grenzen staatlicher Mobilisierung und die Hilflosigkeit der Beckschen Appelle.

Es gibt durchaus Sozialhilfekarrieren, die sich mit Stütze, Bier und Burger- King eingerichtet haben. Deren Kinder muss man mit einem umfassenden Bildungs- und Betreuungsangebot vor dem Schicksal ihrer Eltern bewahren. Aber es ist eine Minderheit, die das verfestigte Bild von der Unterschicht prägt. Interventionen bleiben so lange fruchtlos, so lange sich den Aufstiegsmotivierten, und das ist die Überzahl in der Unterschicht, keine Aussicht auf Arbeit bietet.Die ihnen von Hartz IV abverlangte Mobilität ist die eines Hamsters in seinem Rad. Und die Beckschen Appelle an ihren Aufstiegswillen greifen zu kurz, weil sie die materiellen Bedingungen dieses Aufstieges nicht ins Auge nehmen. Doch sie können nicht weiter greifen, weil sie diese Bedingungen nicht ohne erhebliche staatliche Leistungen verbessern können. Die würden zu Lasten der Schichten in der Mitte der Gesellschaft gehen, welche in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung als eigentliche Zielgruppen sozial- aber auch christdemokratischer Politik ausgemacht werden.

Deren Zustimmung zur Regierungspolitik hängt großteils davon ab, dass sie nicht zusätzlich belastet werden. Denn sie fühlen sich zunehmend von der Aussicht bedroht, selbst einmal zum Kreis der Ausgeschlossenen zu gehören. Die Angst vor Abstieg ist längst in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Doch sowenig dagegen ein System kollektiver Sicherheit schützen kann, sowenig erwächst aus dieser Bedrohung bereits eine Bereitschaft zur Hilfe.Die Gesellschaft richtet sich damit ein, dass sie einem großen Teil ihrer Mitglieder keine Erwerbsarbeit bieten kann. Auch die Politik verabschiedet sich allmählich von der Lebenslüge Vollbeschäftigung. Den Betroffenen kann sie häufig keine Perspektive mehr bieten. Doch sollte sie ihnen nicht auch noch den Rest an sozialer Anerkennung versagen und sie allein für ihre Lage verantwortlich machen. Auch wer nichts verdient, verdient Respekt.Dieter Rulff
www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/558876/
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Kein Mensch sollte sich ausgeschlossen fühlen

 
07.11.06 20:31
#16
Mainz - Vernachlässigte Kinder, zunehmende Verarmung, Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen - die so genannte Unterschichten-Debatte hat viele Facetten. Die evangelische Kirche Deutschlands (EKD), fordert deswegen, diese Krise in der deutschen Gesellschaft ernst zu nehmen.Der Begriff ist neu, die Probleme existieren schon länger, meint der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber: "Die Situation ist nicht neu. Und ich mach mir Sorgen darum, dass sie im Moment als Neu gilt, weil es ein neues Wort gibt: Das heißt Unterschicht. Jetzt gibt es eine Erregungswelle über ein neues Wort, und wenn diese Erregungswelle abgeflaut ist, dann redet man auch nicht mehr über die Sache. Aber man muss über die Sache reden, das ist das entscheidende."Kein Mensch sollte sich ausgeschlossen fühlen. "Es handelt sich jedenfalls um eine Krise für eine große Personengruppe. Und gerade, wenn man eine Grundeinstellung hat, die sagt - Jeder einzelne Mensch ist wichtig - dann ist die Tatsache, dass, je nachdem wie man rechnet, acht Prozent oder 13 Prozent der Bevölkerung, sich nicht wichtig genommen fühlen, und das noch mit einem wahnsinnigen Gefälle von West nach Ost, das ist eine Krise. Man soll keine Krise des ganzen Landes herbeireden. Aber man soll die Ausmaße und die Dringlichkeit dieses Problems wirklich ernst nehmen", so der Bischof im ZDF "Morgenmagazin".

Die Probleme der Armut nehmen zu. "Armut ist ein großes Problem in diesem Land.
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Oberschöneweide -das Fadingaway d. Arbeiterklasse

 
14.11.06 19:08
#17
Das Fading-Away der Arbeiterklasse

Das einst von Rathenau auf der grünen Wiese geschaffene Industrieviertel Oberschöneweide, das dann von den Kommunisten nach dem Krieg noch ausgebaut wurde, ist eines der markantesten Beispiele für die Umwandlung der Industriegesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft - spätestens seit der Wende.Dort wurde und wird seitdem die von den Kommunisten bloß listig “versteckte Arbeitslosigkeit” ans Licht gezerrt: Zuerst riss man 1990 die Gebäude des VEB Berliner Metall- und Halbzeugwerke (BMHW) ab - und errichtete auf dem Gelände einen Supermarkt. Dann wurde das Institut für Nachrichtentechnik (INT) nebenan erst von der deutschenAlcatel-Tochter “Standard Elektrik Lorenz” erworben - und 1992 abgewickelt. Das Gebäude erwarb ein Immobilienhändler, der dort u.a. eine Spielhalle einquartierte. Das gegenüberliegende Transformatorenwerk (TRO) wurde gleichzeitig von der Daimler-Tochterfirma AEG (wieder) übernommen, die 46 Millionen Mark an Fördermitteln investierte. Dann erwarb aber die Alcatel-Tochterfirma GEC Alsthom Teile der AEG - und diese musste dafür ihr TRO-Werk stilllegen. Die Uferimmobilie übernahm ein ehemaliger Manager von Ruhnke-Optik - und machte daraus ein Kunstzentrum, das ein “touristischer Anziehungspunkt” erst Ranges werden sollte - laut Quartiersmanagerin Heidemarie Mettel.Ähnlich verlief die “Privatisierung” des riesigen Kabelwerks Oberspree (KWO) nebendran, das mit großem Trara und im Beisein der Queen von der British Callendar Company (BICC) gekauft wurde - dann aber ebenso wie die Berliner Kabelwerke von Siemens und Alcatel dicht machte. In die Rathenauvilla auf dem Gelände zog die Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG): Aus einem Teil der denkmalgeschützten Gebäude machte sie ein “Handwerks- und Gewerbezentrum”. Zudem war sogar ein Yachthafen geplant. Inzwischen wurde die BLEG jedoch ebenfalls abgewickelt.
Vorher steckte sie aber noch einige Anwohner mit ihrem Optimismus an: So ließ sich zum Beispiel der Wirt der Schichtarbeiterkneipe “Sporti” zur Fortbildung nach Las Vegas schicken, als er zurückkam, hatte seine Frau bereits Konkurs angemeldet. Ähnlich ging es dem Wilhelminenstraßen-Entwickler Manfred, der erst mit einem Thaibordell, dann mit einem potenzstärkenden Gelee-Royale-Mittel aus China scheiterte - und schließlich an einer Kartoffel erstickte.

Rathenaus dort errichtetes Autowerk NAG krönte der Architekt Peter Behrens einst mit einem Turm am Spreeknie, in dem sich zuletzt ein Technik-Museum befand. Jetzt steht der Turm jedoch leer. Aus der NAG-Fabrik wurde zu DDR-Zeiten das Werk für Fernsehelektronik (WF), das 1992 von Samsung übernommen wurde. Die Koreaner beschäftigten zunächst deutlich mehr als die 1.000 Mitarbeiter, die sie zunächst übernahmen. Der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Kippel meinte: “Wer es schafft, bei Samsung reinzukommen, der verlässt den Betrieb als Rentner.” Die Koreaner wollten 1995 auch noch den sächsischen Öko-Kühlschrankhersteller Foron übernehmen, aber die Siemens AG schrieb ihnen: Sie würden das als “unfreundlichen Akt” ansehen - prompt zog Samsung seine Offerte zurück.

Vis à vis übernahm die BLEG 1993 ein Grundstück und errichtete dort ein “Technologie- und Gründerzentrum Spreeknie” (TGS), in das einige outgesourcte WF-Gewerke und eine Qualifizierungsgesellschaft einzogen. Daneben befindet sich die Berliner Akkumulatoren- und Elementefabrik (BAE), ihr Gründer Quandt ließ dort ebenfalls seine Villa errichten. Nach der Wende wollte seine westdeutsche Firma Varta wieder bei der BAE einsteigen, sie kam jedoch nicht über Absichtserklärungen hinaus, stattdessen privatisierten leitende Angestellte die BAE, wobei sie sich jedoch von ihrem Betriebsteil Gerätebatterien (Belfa) trennten.Die Belfa erwarben zwei Münchner, die eine Private-Label-Stategie verfolgten, mit der sie 2001 Pleite gingen. Dann meldete auch das Industriebatteriewerk BAE Konkurs an, weil die Bleipreise aufgrund der starken chinesischen Nachfrage von 400 auf 700 Euro pro Tonne stiegen. Aus dem BAE-Verwaltungsgebäude machte derweil ein Köpenicker Sozialhilfeverein ein “WAS-Haus” (”Wohnen - Arbeit -Sucht”). Aus dem BAE-Kulturhaus wurde ein “kurdisches Kulturzentrum”, das jedoch schnell Pleite ging - seitdem steht das riesige Gebäude leer. Alle Hoffnungen, auch der Kneipenwirte, richteten sich dann auf das KWO-Gebäude, in das die Fachhochschule für Wirtschaft und Technik (FHTW) einziehen sollte. Diese wollte jedoch lieber in Karlshorst bleiben - und zögerte den Umzug immer wieder hinaus.

Zu DDR-Zeiten arbeiteten in Oberschöneweide 36.000 Menschen, jetzt sind 80 Prozent der Bewohner Sozialhilfeempfänger, wie eine Studie der Supermarktkette “Kaiser’s” ergab. Die dortige Filialleiterin schaffte bereits den “langen Donnerstag” ab.

Die dort wohnenden nannten ihren Stadtteil zu DDR-Zeiten “Oberschweineöde”.  Diese Verballhornung des Köpenicker Stadtteils Oberschöneweide hatte es dem Autor Karsten Otte besonders angetan in der B.Z.-Serie “Mein Kiez-Tagebuch”. Sein Text geriet ähnlich schweinös wie die Kreuzberg-Berichte der FAZ und der Neukölln- Report des Spiegel, den das Montagsmagazin dann sogar noch mit einem üblen  Wedding-Artikel toppte. In Oberschöneweide debattierte einmal der dortige Unternehmerstammtisch den B.Z.-Artikel über ihren “Problembezirk”: “Alles erstunken und erlogen!” so das Resümee.

Im einzelnen. “Die gesamte Tendenz des Autors lautete: ,Dort lebt nur Abschaum’ - das ist menschenverachtend! So weit, daß unter einem Foto von einem Krüppel, das noch nicht einmal im Kiez aufgenommen wurde, steht: ,Aufbruch-Stimmung in Oberschöneweide’.” Über das Stammpublikum des neben dem Wilhelminenhofstraßen-Puff gelegenen Nachtcafés “Hollywood” schreibt der Autor: “Die Gäste sehen (dort) zwar auch nicht besser aus als die der ,Stumpfen Ecke’, doch der Barkeeper grinst verheißungsvoll seine Kunden an…” Im “Hollywood” gibt es überhaupt keinen “Barkeeper”, dort arbeiten ausschließlich “Blondinen”.

Über die pleitegegangene Kneipe “Sportlerklause” weiß der Westjournalist: Dort “verkehrten früher die Vorarbeiter!” Solche gab es in der DDR überhaupt nicht, und sowieso war die “Sportlerklause” eher eine Schläger- und Kleinkriminellen-Kneipe. Diese “Knastis” sollen dagegen laut B.Z. im “sagenumwobenen Haus der tausend Biere” gezecht haben. Eine Kneipe dieses Namens hat es im biersortenarmen Osten Berlins nie gegeben. Die Kneipe selbst gibt es dagegen noch immer - sie war nie “sagenumwoben”: Zu DDR- Zeiten hieß sie “Zur Wuhlheide”, nach der Wende “Haus der hundert Biere” und jetzt “Kolbico”.Die wenigen noch lebenden “Werktätigen” Oberschöneweides - angeblich Nachwende-”Nachbarn” des Autors - gingen stets in die “Stumpfe Ecke”, “um dort die Reste ihres Menschseins mit Wodka endgültig zu liquidieren”. Hierzu merkte der Oberschöneweider Unternehmerstammtisch an: “Dort hat noch niemand Wodka getrunken, den gibt es in der Stumpfen Ecke schon seit 1961 nicht mehr!”

Als die Queen das von den Engländern übernommene Kabelwerk besuchte, standen laut B.Z. extra “die Bewohner der angrenzenden Westbezirke” Spalier in der Wilhelminenhofstraße, “um fleißig mit der britischen Fahne zu winken” - damit die Queen auf keine Osteinheimischen stoße: “finstere Gestalten” allesamt! Wahr ist zwar, daß die britische Kabelfirma, die das Werk schändlicherweise nur übernahm, um Fördergelder zu kassieren und dann die Produktion einzustellen, sich nicht entblödete, einige Jubel-Westler an den Straßenrand zu stellen. Aber weder sie noch die Anwohner bekamen etwas von der Queen mit, da diese auf der Spree mit einem Schiff ans Werk fuhr.

Auch daß der Autor meint, es gäbe in Oberschöneweide Tote, die so lange in ihren Wohnungen lägen, daß die Maden sie bereits verlassen und in die Nachbarwohnungen zu noch lebenden Oberschweineödern gezogen seien, hält der am Unternehmerstammtisch anwesende Ex-MdB H.P. Hartmann für mindestens so übertrieben, wie daß der “ehemalige Arbeiterbezirk eine ,postgrufte Atmosphäre’” ausstrahle, die “nach Feierabend einem ,atomar verseuchten Gebiet’” gleiche.

Besonders erbost hat den im Problembezirk aufgewachsenen Hartmann der Satz: “Landete der gewöhnliche Oberschöneweider doch mal im Ehebett statt in der Gosse, ging es der Frau, dem Kind und der Wohnungseinrichtung an den Kragen.”

Ansonsten scheint sich die bürgerliche Öffentlichkeit aber bereits mit dem Verschwinden ihrer industriellen Basis abgefunden zu haben. Als in Oberschöneweide auch noch das Kabelwerk Oberspree (KWO) dichtmachte, titelte die BZ geradezu triumphalistisch: “Ich bin der Letzte!” Gemeint war damit der Kabelmechaniker Harald Schrapers (47), der nach 30-jähriger Tätigkeit im KWO “ohne Abfindung” aus der versteckten in die offene Arbeitslosigkeit entlassen wurde. Zuvor waren bereits die Kabelfabriken von Siemens, Pirelli, Kaiser und Alcatel in Westberlin stillgelegt worden.

Zu Hochzeiten arbeiteten über 36.000 Kabelwerker allein in der “Elektropolis” Berlin. Das KWO gehörte zur AEG und wurde 1897 gegründet. Zu DDR-Zeiten arbeiteten dort 16.000 Menschen. Bereits bei seiner Privatisierung 1993 durch den britischen Konzern BICC unkten Kabelkartellkritiker, dass diese Übernahme eine schleichende Abwicklung werde. 1997 stieg die niederländische Draka Holding dort mit ein, 1999 übernahm das US-Unternehmen General Bicc das Werk, und zuletzt wickelte es die Wilms-Gruppe ab, die nicht Mitglied im Arbeitgeberverband ist. Jeder dieser “Betriebsübergänge” ging mit einer neuen Entlassungswelle einher.

Nach Abwicklung des KWO bleiben nun in Berlin nur noch drei kleine Restbetriebe - von Baika, Draka und Wilms - übrig, in denen Glasfaserkabel und Litzen gefertigt, Draht und Kunststoff aufbereitet oder Kabelstränge konfektioniert werden - mit insgesamt etwa 240 Mitarbeitern. Anders als beim Kabelwerk von Alcatel in Neukölln gab es in den vergangenen 13 kapitalistischen Jahren beim KWO keinen einzigen Arbeitskampf gegen die Entlassungswellen. “Alles ging seinen ordentlichen Gang”, wie der Pressesprecher der KWO-Geschäftsführung sich ausdrückte. Nur im Herbst 1994 füllten sich die leeren Fabrikhallen noch einmal kurz mit Lärm und Menschen - das war, als der Regisseur Thomas Heise dort Heiner Müllers Revolutionsdrama “Zement” aufführte.Im KWO war man bereits zu DDR-Zeiten markwirtschaftlich orientiert, deswegen meinte man, dort besonders gut für den kommenden Kapitalismus gerüstet zu sein. Dies war jedoch rein betriebswirtschaftlich gedacht - ohne die Politik des internationalen Kabelkartells ICDC ins Kalkül zu ziehen, das zuletzt 1997 vom Bundeskartellamt wegen Preisabsprachen mit einer Geldbuße in Höhe von 280 Millionen Mark bedacht wurde.

Inzwischen wurde das Fernsehwerk von Samsung stillgelegt, nachdem man dort die Umstellung auf die Produktion von Plasmafernsehern “versäumt” hatte. Und in das Kabelwerk KWO zog die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), die dafür ihren alten Standort - Karlshorst - schnöde der Verödung ausliefert
. An ihrem neuen Standort hat man dazu auch noch ein “Kurzfilmfestival” angesiedelt, das am kommenden Wochenende beginnt. U.a. zeigt dort eine Steglitzer Schülerin einen “Spot” über die Einsamkeit von schönen Mädchen in Berlin. Ihre plötzlich arbeitslos gewordene Mutter läßt sich derweil vom ehemaligen KWO-Bereichsökonom Rheinfried Musch bei der Existenzgründung “Café” beraten. Meine Aufgabe ist dabei, jeden Vormittag zwei bis drei Cafés mit ihr zu besuchen - und dabei unaufdringlich herauszufinden, ob und wenn ja in welcher Hinsicht sie für ihr “Projekt” vorbildlich sein könnten.

Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende des Batteriewerks ist inzwischen aus Oberschöneweide weggezogen nach Polen.  Er war nach seiner Entlassung erst PDS-Abgeordneter im Bundestag und dann arbeitslos geworden.  Zwischen 1999 und 2003 bekam er überraschend schnell drei mal eine ABM-Stelle als Projektleiter einer Handwerksbrigade, die Altenwohnungen in Oberschöneweide  renovierte. Dabei arbeitete er auch wieder mit einiger seiner ehemaligen Belfa-Kollegen zusammen. Nach zwei Knieoperationen wurde er jedoch als invalid und nicht mehr vermittelbar bis zur Rente eingestuft.

Währenddessen hatte seine Freundin Ewa, die ebenfalls früher bei Belfa gearbeitet hatte, mit ihm zusammen einen kleinen Hof im Lubusker Städtchen Grosno erworben. Dort halten sie inzwischen auch einige Nutztiere und müssen deswegen ständig zwischen Berlin und Polen hin und her pendeln. Der gelernte Agraringenieur Hartmann fühlte sich in den letzten Jahren immer niedergeschlagener, die frische Luft im Lubusker Land ließ ihn aber langsam wieder aufleben.

Ähnlich wie ihm ging es nebenbei bemerkt auch einem der Bischofferöder Kalikumpel, wie mir die dortige Pastorin erzählte: Nach dem langen, vergeblichen Hungerstreik, der vier Aktivisten das Leben kostete, war auch er krank geworden, dann hatte er aber sein Land zurückbekommen und sich eine Kuh angeschafft. Als sie kalbte, gewann auch er mit der Zeit seinen Lebensmut wieder.

Hartmann lud mich zu sich auf seinen Hof nach Grosno ein, dazu musste ich in Küstrin umsteigen. Als ich bei ihm ankam, mistete er gerade den Stall aus. Ich erfuhr, dass es auch schon zu Verlusten gekommen sei - u. a. hätte ein Marderhund alle Hühner gerissen. Ich berichtete ihm von einem neuen polnischen Dokumentarfilm über ein Hilfsprogramm für Arbeitslose in Ostpolen, das “Ziegen statt Sozialhilfe” heißt.

Hartmann meinte, dass das bei vielen Leuten durchaus funktionieren könne. In seiner Nachbarschaft würden bereits etliche arbeitslose Deutsche leben, die sich so über Wasser hielten: Die Fabrikarbeit habe eben keine Zukunft mehr in Deutschland. “Und mich - als Landwirt - zieht es sowieso aus der Stadt. Die Arbeit in der Batteriefabrik sollte eigentlich nur vorübergehend sein. Ich fing 1979 in einer neuen Abteilung an einer Fließpresse an. Meine Brigade bestand zu 60 Prozent aus Vorbestraften. Zusammen mit einem Kumpel habe ich es dann geschafft, dass unsere Brigade durch Neuerungsvorschläge und Kampf schließlich die bestverdienende des ganzen Betriebes wurde. Das hat mich dort gehalten - und auch noch die Arbeit im Betriebsrat ab 1989. Aber jetzt sind das doch alles nur noch traurige Rückzugsgefechte - in den letzten Fabriken, mindestens in Berlin.”

Geschrieben von hausmeisterblog, am Dienstag, 14.11.2006 um 15:50 in Allgemein. TAZ
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Neukölln-ein Kiez auf der Kippe

 
14.11.06 19:40
#18
Neukölln gilt als Armenhaus Berlins. In dem Stadtteil mit über 300.000 Einwohnern ist fast ein Viertel der Menschen arbeitslos. Hier herrscht die höchste Sozialhilfedichte Europas. Gewalt und Kriminalität sind an der Tagesordnung. Tendenz steigend.
Wer es sich leisten kann, zieht weg.Verhältnisse wie in Rio befürchtet selbst der Bürgermeister von Neukölln. Wer es sich leisten kann, ruft den Umzugswagen. Zurück bleiben Menschen, die anderswo keine Wohnung kriegen, die keinen Job finden - oder kein Deutsch sprechen.In keinem anderen Stadtteil leben so viele Ausländer und Migranten wie in Neukölln. Und es werden immer mehr. Eine Parallelgesellschaft entwickelt sich - mit ihren eigenen Gesetzen und Werten. Zwangsheirat und Gewalt in den Familien - Probleme, die vor allem in diesem Kiez kaum in den Griff zu bekommen sind.Überall ist zu sehen: Die soziale Not. Immer mehr Menschen geraten in die Schuldenfalle. Auch in Neukölln haben Gerichtsvollzieher mehr denn je zu tun. Mit einem Durchsuchungsbeschluss in der Tasche verschaffen sie sich - wenn es sein muss auch gewaltsam - Zutritt bei den Schuldnern und räumen deren Wohnungen aus.

Die SPIEGEL-TV-Reportage zeigt eine Milieustudie Neuköllns: Die Reporter Saskia Kress und Michael Grotenhoff haben Vollziehungsbeamte vom Zoll begleitet, waren bei der Nachtstreife des Polizeiabschnitts 55 dabei und geben Einblick in das Leben Jugendlicher aus Zuwandererfamilien, die ihre Zeit entweder totschlagen oder sich aus dem Kiez boxen wollen.
Sendetermin: 29. November, 22.45 Uhr, Sat.1 oder war das schon?
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die Dreidrittel-Gesellschaft

 
18.11.06 08:44
#19
“Alles in allem zeigt sich das Bild einer Drei-Drittel-Gesellschaft”; zu dieser Erkenntnis kommt die Friedrich-Ebert-Stiftung nach einer Erhebung zu einer zum Jahresende erscheinenden Studie “Gesellschaft im Reformprozess”.Wenn ein Mensch nun zu zwei Dritteln zum dritten Drittel gehört und zu einem Drittel zum ersten Drittel, ist er ein zu zwei Dritteln prekär Abgehängter mit einer Eindrittel-Tendenz zur Oberschicht.Falls er aber zu einem Drittel dem dritten Drittel und zu zwei Dritteln dem zweiten Drittel zu zuordnen ist, dann haben wir es mit einem Zweidrittel-Gutmensch mit Eindrittel-Neigung zum abgehängten Prekarier zu tun.
Sollte der Bürger jedoch zu Zweidritteln dem makelosen ersten Drittel und zu einem Drittel dem abgehängten dritten Drittel angehören, zählt er zur Vulgär-Elite.
Und selbst dann, wenn es Zeitgenossen gibt, die sich eindeutig dreidrittelig einem Drittel des gedrittelten Ganzen zuweisen lassen, steht fest, dass sie am Ende immer ein Ganzes  sind  

Quelle des angeführten Zitats:
www.readers-edition.de/2006/10/20/...gesellschaft-eine-glosse/
Vorabbericht über die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung  
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in USA:sehr geringe Nahrungsmittelsicherheit

 
21.11.06 22:01
#20
Jedes Jahr veröffentlicht das US-Landwirtschaftsministerium eine Studie, in der der Zugang zu Nahrungsmitteln der US-Haushalte erfaßt wird. In der Vergangenheit wurde hierin der Begriff "Hunger" für jene Haushalte verwendet, die nicht regelmäßig in der Lage sind, sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dieses Wort wurde nun durch "sehr geringe Nahrungsmittelsicherheit" ersetzt. Damit ist die vor drei Jahren vom US-Landwirtschaftsministerium an das "Komitee für Nationale Statistiken der Nationalakademien" geäußerte "Bitte" nach einer "angemessenen Sprache" schließlich erfüllt worden."Hunger" sei "kein wissenschaftlich präziser Begriff",so Mark Nord, Hauptautor der Studie. "Wir haben keinen Maßstab für diesen Zustand."

"Hunger ist offensichtlich eine wichtige Angelegenheit", so Nord weiter. "Aber angesichts eines fehlenden Konsens, was das Wort 'Hunger' bezeichnen soll, ist es schwierig für die Forschung, es aussagekräftig zu beleuchten."
Der tatsächliche Hintergrund für diese Bezeichnungsänderung dürfte allerdings weitaus eher darin liegen, daß die US-Regierung versichert hat, US-Bürger würden nie wieder hungrig sein. Stattdessen werden sie denn nun auch nur noch unter "sehr geringer Nahrungsmittelsicherheit" leiden. Dem Bericht zufolge litten 11 Prozent der US-Haushalte - rund 35 Millionen Menschen - im vergangenen Jahr unter unterschiedlich geringer "Nahrungsmittelsicherheit".  
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das Angstwort des Jahres:Unterschicht

 
02.12.06 15:02
#21
Kein Wunder. Wenn wir von Sozialverlierern reden, geht es in Wirklichkeit um unsere eigene Furcht vor dem Abstieg. Um das Gefühl, dass wir jederzeit selbst im Abseits landen können

Sie sind überall und sie werden mehr. In den Straßen. Auf den U-Bahnhöfen. In der Nachbarwohnung. Im Bekanntenkreis. In unseren Gesprächen. Das schlimmste ist, dass sie sich in unseren Köpfen eingenistet haben, wie eine ständige Drohung: Das kann dir auch passieren. Es ist egal, ob man sie "Unterschicht-Angehörige" nennt oder etwas höflicher "sozial Schwache" oder einfach und brutal "Sozialverlierer"oder Prekarisierte. Auch die diskretesten Umschreibungen ändern nichts an der Angst, irgendwann selbst dazuzugehören. Wahrscheinlich fühlen sich die meisten Menschen aus der Mittelschicht in schwachen Momenten und schlaflosen Nächten wie der Mann, der aus dem achtzigsten Stockwerk eines Hochhauses in die Tiefe stürzt. Er sagt sich immer wieder: "Bis hierhin ging alles gut, bis hierhin ging alles gut ?" Und irgendwann kommt der Aufprall.Das Problem mit dieser Angst ist: Sie ist nicht irrational. Erst recht nicht in einer Stadt, in der jeder sechste ein Langzeitarbeitsloser ist und auf kümmerlichem Niveau von Hartz IV lebt. Rechnet man Rentner, Kurzzeitarbeitslose, BAföG-Bezieher, ABM-Kräfte, Ein-Euro-Jobber, Obdachlose und Kranke hinzu, ist fast jeder zweite in Berlin von Transferleistungen des Staates oder der sozialen Sicherungssysteme abhängig. Man will die Angst davor, irgendwann einer von ihnen zu sein, am liebsten wegschieben, weil sie nur lähmt und weil diese latent mitlaufende Panik etwas Neurotisches hat. Aber dann trifft man wieder jemanden, der gerade seinen Job verloren hat. Zum Beispiel eine Kollegin, die man seit vielen Jahren kennt und mag. Nach einer Umstrukturierung im Konzern wird sie nicht mehr gebraucht. Jetzt kann sie mit der Geschäftsführung nur noch über die Höhe ihrer Abfindung verhandeln.

Zum Beispiel die Bekannte, die fürs Radio kleine Kulturbeiträge und lange Features gemacht hat. Nach einem Unfall konnte sie vier Monate nicht arbeiten. In der Zeit musste sie von ihren Ersparnissen leben, inzwischen ist ihr Konto im Minus. Weil sie so lange weg war, haben sich die Redaktionen, für die sie gearbeitet hat, andere Autoren gesucht. Jetzt bekommt sie fast keine Aufträge mehr. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll. Aber das darf sie nicht sagen, weil sie sonst erst recht keine Chance hat. Sie versucht, optimistisch zu sein. Nur wer optimistisch ist, ist attraktiv für den Arbeitsmarkt. Gegen ihre Schlaflosigkeit nimmt sie seit ein paar Wochen Tabletten. Oder der Germanistik-Student, der nach dem Magisterabschluss in einer Buchhandlung gejobbt hat. Gerade, als er sich überlegt hat, dort eine Buchhandelslehre zu machen, ging der Buchhändler in Insolvenz. Jetzt versucht er es in einem Call-Center für sieben Euro die Stunde. Wie lange er diesen Job behalten kann, weiß er nicht. Immer, wenn man ihn trifft, wirkt er müde und fahrig und etwas resigniert. Oder der Jugendfreund, der früher mal Sozialpädagogik studiert und sich jahrelang von ABM-Stelle zu ABM-Stelle gehangelt hat. Irgendwann hat ihm das Arbeitsamt eine Umschulung zum Reiseverkehrskaufmann angeboten. Als er mit ihr fertig war, wurden keine Reiseverkehrskaufmänner mehr gebraucht, erst recht keine mit Anfang vierzig und Hochschulstudium. Jetzt ist er fast fünfzig. Wenn man ihn fragt, wovon er lebt, murmelt er etwas von "Flohmarkt" und "Gelegenheiten".(Genau so jemanden kenn ich auch)

Irgendwann ist der Kontakt zu diesem Jugendfreund abgerissen. Man hatte sich immer weniger zu sagen. Das kann passieren, und es ist kein Zufall. Wer verarmt und in prekären Verhältnissen lebt, leidet oft unter sozialer Isolation, weiß die einschlägige Forschung. Zur Verhärtung in dieser Gesellschaft gehört, dass sich Milieus stärker gegeneinander abdichten ­ als hätte die Mittelschicht Angst, sich beim Umgang mit den Verlierern anzustecken.

Fast jeder kennt mittlerweile Geschichten wie die der Radiojournalistin oder des Sozialpädagogen. Es sind Geschichten, die Angst machen. Kein Wunder, dass inzwischen nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fast die Hälfte der Bundesbürger ihr Leben als "ständigen Kampf" empfindet. Es ist der Kampf gegen den Abstieg ­ und sei es nur der vage imaginierte, noch längst nicht reale Abstieg. Ein Teil der Deutschen hat diesen Kampf schon aufgegeben. Acht Prozent der Bundesbürger, also jeder zwölfte, sieht für sich keine Perspektive und hat keine Hoffnung mehr, die eigene gesellschaftliche Stellung aus eigener Kraft zu verbessern oder auch nur zu halten. Ein gut gelauntes Land sieht anders aus.

Früher war es übersichtlich. Arm, das waren die anderen, Leute, denen man in der U-Bahn ihre Obdachlosenzeitschriften abkaufte. Auch wer wenig Geld hatte, jobbte, Häuser besetzte oder statt zügig zu studieren im Nachtleben versackte und Boheme spielte, hatte das Gefühl, dass ihm nicht viel passieren kann. Die Grenze zwischen Leuten in erträglichen Lebensverhältnissen und denen, die irgendwann ins harte Elend der Wärmestuben und Armenküchen abgerutscht waren, war klar und halbwegs zuverlässig. Das ist vorbei. Seit Beginn letzten Jahres ist diese Grenze sehr löchrig geworden. Seit Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze weiß jeder, auch der ansonsten bestens abgesicherte Angestellte, dass ihn vom sozialen Rand nur sein Arbeitsvertrag und eine Gnadenfrist von zwölf Monaten trennen, zwölf Monate, in denen er Arbeitslosengeld bekommt. Danach landet er wie alle anderen im Abseits, auf dem groß und unmissverständlich ein Name und eine Zahl steht: "Hartz IV". Durchlässig ist die imaginäre Grenze zwischen dem Abseits und der Mitte der Gesellschaft nur in eine Richtung: von oben nach unten. In der anderen Richtung dagegen ist sie etwa so leicht passierbar wie früher die Grenzbefestigungsanlagen der DDR. Für Menschen, die einmal im unteren Fünftel der Gesellschaft gelandet sind, "gibt es kaum ein Zurück", sagt der Bochumer Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster. Wer seit Jahren arbeitslos ist und keine gute Ausbildung hat, kann sich die Hoffnung auf eine Festanstellung abschminken. "Dieses Segment verfestigt sich", beobachtet Huster.

Wie diese Verfestigung der Chancenlosigkeit schon am Beginn eines Lebens aussieht, weiß Hans-Werner Kroesinger. Er ist Theaterregisseur, seine Inszenierungen laufen an der Staatsoper Stuttgart, am Residenztheater München und im Berliner HAU. Kroesinger gehört zu den wenigen Theatermachern, die, statt Stücke über Leute im sozialen Abseits zu machen, lieber zusammen mit ihnen Theaterstücke erarbeiten. Der Regisseur hat bei Projektwochen an Kreuzberger Hauptschulen mit Jugendlichen Theater gemacht, eine Woche Proben für eine 20-minütige Aufführung. Die Kinder aus den achten Klassen waren 13 oder 14 Jahre alt, etwa zwei Drittel von ihnen waren Immigranten, und die meisten hatten die Hoffnung auf eine Berufsausbildung längst aufgegeben.

"Sie wissen, dass niemand sie braucht. Sie machen sich keine Illusionen über ihren Berufsweg", sagt Kroesinger. "Wenn sich die Neuntklässler auf Lehrstellen bewerben, bekommen sie meistens nicht einmal eine Antwort ­ einfach, weil sie Hauptschüler sind." Und damit sind sie für den Arbeitsmarkt, für diese Gesellschaft verloren. Dass sie Überflüssige sind, Menschen, die bestenfalls verwaltet und mit Sozialleistungen abgefüttert werden, gehört zu den prägendsten Erfahrungen der Kreuzberger Hauptschüler, mit denen Kroesinger arbeitet. Wie Hohn müssen auf diese Jugendlichen die Bemerkungen des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck wirken, Leuten aus der Unterschicht fehle es an Ehrgeiz und Aufstiegswillen. Kroesinger hat das Gegenteil beobachtet: "Sobald man diesen Jugendlichen, zum Beispiel mit einem Theaterprojekt, eine Aufgabe gibt, entwickeln sie Eigeninitiative und Engagement."
Das Dumme ist nur, dass der Arbeitsmarkt ihr Engagement nicht braucht, dass ihnen niemand sinnvolle Aufgaben gibt und dass sie schon aus Gründen der Selbstachtung ihre Demütigungserfahrungen und Anerkennungsdefizite irgendwie kompensieren müssen ­ notfalls mit Gewalt.

Verglichen mit den Lebensperspektiven der Kreuzberger Hauptschüler wirken die Abstiegsängste der Mittelschicht fast harmlos. Vier Prozent der Akademiker sind arbeitslos. Bei den Menschen ohne Berufsausbildung sind die Zahlen wesentlich härter: Im Westen hat jeder vierte von ihnen keine Arbeit, im Osten Deutschlands ist es jeder zweite. Kaum einem von ihnen wird die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt gelingen. Angesichts dieser Zahlen und der Perspektivlosigkeit, von der sie erzählen, bekommen die Klagegesänge der abstiegsgefährdeten Mittelschicht beinahe etwas Larmoyantes.

Vollends unangenehm wirkt die Eitelkeit, mit der sich Szene-Streber, die mit ihren Apple-Laptops in Mitte-Cafés sitzen und beleidigt sind, weil kein vernünftiger Arbeitgeber sie für ihr cooles Posen bezahlen will, als "urbane Penner" stilisieren. Dieser Milieu-Narzissmus verwechselt die eigene, kleine Boheme-Szene mit der Welt. Für die wirklichen Verlierer, für Hauptschüler, Migranten, Kranke oder Menschen ohne Ausbildung hat er bestenfalls Gleichgültigkeit und Dünkel übrig.

Das Problem der Kreuzberger Hauptschüler, das Problem der verfestigten Verlierermilieus ist nicht, dass sie "unten" sind. Ihr Problem ist, dass sie draußen sind. Wenn irgendwo der hübsche Begriff von der "Parallelgesellschaft" Sinn ergibt, dann bei diesen von so gut wie allen gesellschaftlichen Austauschprozessen Abgeschnittenen. Soziologen nennen das "Exklusion" ­ sozialer Ausschluss. Sie vermuten, dass die Differenz zwischen Inklusion und Exklusion, der Unterschied zwischen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und den Marginalisierten sehr viel einschneidender wirkt, als die Leitdifferenz, die in alten Klassengesellschaften übersichtlich zwischen "oben" und "unten" unterschieden hat.
Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist im Kern nicht nur die Angst vor der Verarmung. Es ist die Angst vor dem sozialen Ausschluss. Die Mehrheitsgesellschaft sollte sich keine Illusionen machen. Der Ausschluss ganzer Bevölkerungsschichten produziert jede Menge gesellschaftlichen Sprengstoff auf den unterschiedlichsten Ebenen ­ von einem dankbaren Umfeld für extremistische Parteien bis zur Gewaltkriminalität.
Peter Laudenbach
TIP 23/06
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Kicky:

Bundesregierung manipuliert das Existenzminimum

 
03.01.07 13:09
#22
Das Mindesteinkommen soll laut Gesetz sicherstellen, dass damit nicht nur das rein physische Überleben, sondern auch eine gewisse Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Was viele Bundesbürger nicht wissen: Das Existenzminimum ist nicht nur für Sozialhilfe- oder Alg- II-Empfänger relevant. Seine Bemessung ist für jeden Steuerzahler von immenser Bedeutung. Denn laut Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts darf der Fiskus Einkommen bis zur Höhe dieses Existenzminimums nicht besteuern. Würde 2007 das Existenzminimum und damit die Sozialhilfe und Alg II angehoben, könnten sich dann auch die Steuerzahler freuen. Ihre Belastung würde sinken, weil der entsprechende Freibetrag angehoben werden müsste. Der Finanzminister allerdings hätte ein großes Problem. Vorausgesetzt, der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit geht weiter nur stockend voran, würden nicht nur die steuerfinanzierten Alg-II-Ausgaben steigen, sondern gleichzeitig die Steuereinnahmen sinken – ein haushaltspolitischer GAU.Kein Wunder, dass die schwarz-rote Koalition eine öffentliche Diskussion über das Thema vermieden und – wie schon ihre rot-grüne Vorgängerin – unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Anpassung des Existenzminimums entschieden hat. Das Resultat ist höchst fragwürdig.Hinter verschlossenen Türen haben Regierungsexperten offenbar die vom Statistischen Bundesamt gelieferten Zahlen so lange hin und her gerechnet, bis für 2007 und 2008 rausgekommen ist, was wohl rauskommen sollte: Die Regelsätze für die Sozialhilfe und damit auch für Alg II bleiben gegenüber 2006 unverändert. Das heißt, Erwachsene bekommen monatlich weiterhin 345 Euro plus (angemessene) Wohnungskosten einschließlich Heizung, Kinder bis 14 Jahre 207 Euro und 15- bis 18-Jährige 276 Euro. Das ist eine schöne Bescherung – für den Finanzminister. Und eine Bankrotterklärung nicht nur für den deutschen Sozialstaat, sondern für den Rechtsstaat gleich mit.Eine Möglichkeit, die Expertenrechnung nachzuvollziehen, gibt es nämlich nicht. Die detaillierten Daten hält das Ministerium unter Verschluss.Anhörungen von Fachverbänden? Fehlanzeige. Nicht einmal Bundestagsabgeordnete haben Zugang zu den genauen Rechnungsdaten – und offenbar auch kein besonderes Interesse daran. Ohne Diskussion hat ebenfalls der Bundesrat die entsprechende Verordnung durchgewinkt. Die von Regierungen jeglicher Couleur jahrelang gepflegte Praxis, die Parlamentarier bei der Entscheidung über eine der wichtigsten Stellschrauben des Sozialstaates außen vor zu lassen, zeigt Wirkung. Das Parlament hat abgedankt und widerstandslos das Feld zugunsten der Ministerialbürokratie und einer Hand voll nicht einmal namentlich bekannter Fachleute geräumt.
Dabei hat das Bundesverfassungsgericht eindeutig dem »Gesetzgeber« die Aufgabe zugewiesen, »den in der Rechtsgemeinschaft anerkannten Mindestbedarf« einzuschätzen – eine originär politische Aufgabe, die in einer parlamentarischen Demokratie nicht einfach der Exekutive überlassen werden darf. Schließlich ist dieser Mindestbedarf nirgendwo konkret beziffert, sondern kann nur als Ergebnis einer transparenten, politischen Debatte festgelegt werden.Genau aber diese scheut die Regierung. Denn dann müsste sie allen Steuerzahlern erklären, warum bei der vorgeschriebenen jährlichen Anpassung beispielsweise die Preissteigerung seit Jahren nicht berücksichtigt wird, das heißt das Existenzminimum real sinkt. Und zwar nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder.                                              Sie müsste auch erklären, warum bei der Berechnung des Regelsatzes nur der Verbrauch jener 20 Prozent Einpersonenhaushalte mit den niedrigsten Einkommen berücksichtigt wird und nicht, wie im Gesetz vorgeschrieben, alle entsprechenden Haushalte mit den niedrigsten Einkommen. Was beispielsweise dazu führt, dass Ausgaben für Alkohol und Zigaretten, aber keine für Windeln in dem statistischen Material enthalten sind.Sicherlich würde der eine oder andere Steuerzahler auch darüber ins Grübeln kommen, ob für ein Kind 1,76 Euro monatlich für Schulmaterial, 86 Cent für Spielsachen oder 250 Euro im Jahr für Kleidung und Schuhe heutzutage wirklich reichen. Und ob man für 13 Euro im Monat mit Auto oder Bahn wirklich weit kommt.Und gewiss würde die Öffentlichkeit Zeuge lebhafter Debatten, wenn denn die Parlamentarier ernsthaft nach einer Antwort auf die Frage suchten, wie hoch das steuerfrei gestellte Existenzminimum sein müsste, um damit tatsächlich das vom Sozialgesetzbuch definierte Ziel zu erreichen, »ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen, die Familie zu schützen und zu fördern (und) den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen«.

Dann aber stünde auch die Familienpolitik der Parteien auf dem Prüfstand. Denn viele Transferzahlungen an Familien wären überflüssig, wenn endlich die Politiker die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts erfüllen würden: nämlich die existenzsichernden Aufwendungen auch für Kinder nach dem tatsächlichen Bedarf, das heißt realitätsgerecht, zu bemessen.

©  DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
Prekarisierte, vereinigt Euch! Der WOLF
Der WOLF:

Immer im Hinterkopf behalten ....

 
03.01.07 13:16
#23
das es länder gibt für die der deutsche "SOZIALSTAAT" einem Königreich gliechkommt.

Es wird Zeit das sich die "Arbeitenden" von den "nicht Arbeitenden" in dem was den lebenstandard betrifft sehr deutlich unterscheiden ...

Das wird sicher wieder lust auf mehr Leistung machen ...

Was die regierung hier plant ist hoffentlich erst der Anfang ...

Gruesschen
Prekarisierte, vereinigt Euch! 3000746daswoelfchen12.da.funpic.de/der_wolf.jpg" style="max-width:560px" >  
Der WOLF
Prekarisierte, vereinigt Euch! Kicky
Kicky:

Ministerium für Obdachlose in Paris besetzt

 
03.01.07 14:00
#24
Paris - Auf der einen Straßenseite schlägt mit der Börse das Herz von Frankreichs Hochfinanz, auf der anderen leben die, die sich keine Wohnung leisten können. In einer leerstehenden Bank gründeten Obdachlosen-Organisationen Anfang der Woche ein "Ministerium der Wohnungskrise" und setzen die Politik im Präsidentschaftswahlkampf unter Druck, endlich wirksam gegen die Misere vorzugehen.

Die Hausbesetzer nutzten die ruhige Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. "Wir sind durch die Fenster", sagt Alexander Archenoult von der Künstlerinitiative Macaq, die Obdachlose unterstützt. Jetzt herrscht in dem drei Jahre leerstehenden Haus geschäftiges Treiben, zehn Familien und mehrere Künstler richten sich häuslich ein. Auch ein Logo hat das sechsstöckige "Ministerium" bereits: Wie offizielle Ressorts zeigt es vor blau-rotem Hintergrund die französische Symbolfigur Marianne in weiß - diesmal aber mit Brecheisen und Schlüsseln in den Händen. Hafida Sadek lebt mit ihren zwei Kindern als Putzfrau von 680 Euro im Monat. Im September wurde sie aus ihrer Wohnung geworfen und findet seitdem keine neue. "Seit zehn Jahren versuche ich, eine Sozialwohnung zu bekommen", klagt sie. "Man sagt mir, dass es keine gibt. Aber das ist nicht wahr, schauen Sie hier", sagt die 47-Jährige und zeigt auf die weitläufigen Büroräume um sich herum.

Unten richten die Besetzer einen Diskussionsraum zur Wohnungsnot ein. "Wir wollen mit Betroffenen, Organisationen und Politik an präzisen Lösungen arbeiten", sagt Archenoult.  "In den vergangenen drei Jahren sind die Mieten in einigen Vierteln um 30 bis 40 Prozent gestiegen.Die Wohnungskrise trifft heute nicht mehr nur Einwanderer oder Arbeitslose, sondern auch arbeitende Schichten der Bevölkerung." Archenoult sieht dahinter eine große Spekulationsblase. "Rentenfonds investieren massiv in Immobilien und treiben die Preise nach oben." 100.000 bis 400.000 Menschen hätten dagegen inzwischen in Frankreich keine Wohnung mehr. Die Politik müsse endlich etwas unternehmen. Die sieht sich wegen der Präsidentschaftswahlen im April und Mai tatsächlich unter Zugzwang. In seiner Neujahrsansprache machte sich Präsident Jacques Chirac die Forderung von Obdachlosen-Organisationen nach einem einklagbaren Recht auf Wohnung zu Eigen. Schon vor Weihnachten hatte Innenminister Nicolas Sarkozy, der Chirac beerben will, erklärt, er wolle in zwei Jahren das Obdachlosen-Problem lösen. Die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal kündigte einen "umfassenden Plan" gegen die Ausgrenzung an.Tagesspiegel heute
Prekarisierte, vereinigt Euch! tomatensaft
tomatensaft:

franzosen scheinen einfallsreicher zu sein

2
03.01.07 15:08
#25
anstatt gegen die wohnungsnot auf der strasse zu demonstrieren wird interesse an einer dieser tristen "luxuswohnungen" angemeldet und zum termin erscheinen gleich ein paar leute mehr, bemächtigen sich der wohnung und feiern ein party.

keine hohlen phrasen und kein abfrieren mehr. die party wird auf video aufgezeichnet. einzelne fernsehsender unterstützen diese form des protests und strahlen davon immer wieder welche aus.

so gesehen in einem fernsehbericht.

kreativität wird mittels pisa nicht erfasst, deutschland kann darüber nur froh sein.

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