Ohne Spiegel kein Auto, ohne Geld kein Spiegel

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Ohne Spiegel kein Auto, ohne Geld kein Spiegel KTM 950
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Ohne Spiegel kein Auto, ohne Geld kein Spiegel

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31.10.06 14:37
#1
Automobile

Ohne Spiegel kein Auto, ohne Geld kein Spiegel

Von Susanne Preuß

Kein Außenspiegel? Undenkbar!
31. Oktober 2006
Ein Gespenst geht um bei den Autoherstellern. Produktionsausfall heißt es. Daimler-Chrysler-Finanzvorstand Bodo Uebber hat einen winzigen Blick darauf erlaubt, als er bei der Präsentation der Quartalszahlen als mögliches Risiko für die Zukunft Probleme bei den Zulieferern nannte. Wer gemeint sein könnte, weiß jeder in der Branche: Schefenacker.

Der Familienbetrieb aus dem Schwäbischen ist, obwohl er immerhin 7157 Mitarbeiter beschäftigt, bei den Verbrauchern praktisch unbekannt. Aber beinahe jeder dritte Außenspiegel oder Rückspiegel eines Autos kommt von Schefenacker - weltweit. Größte Kunden wiederum sind Ford und Daimler-Chrysler, die jeweils etwa ein Fünftel der Schefenacker-Produktion abnehmen. Leicht auszudenken, was passiert, wenn bei Schefenacker irgend etwas schiefgeht und die Lieferungen an die Autohersteller ausbleiben: Dann können bei Mercedes in Sindelfingen, bei Ford in Köln oder bei Volvo in Gent Autos zwar montiert, aber nicht fertiggestellt werden - ohne Spiegel geht schließlich nichts.

Spitz auf Knopf, jeden Tag

Täglich, beinahe stündlich, muß man damit rechnen, daß Insolvenzantrag für Schefenacker gestellt wird, denn der Familienkonzern droht unter seiner Schuldenlast zu ersticken. „Schefenacker ist ziemlich spannend finanziert“, formuliert ein Berater des Unternehmens zynisch. „Da steht es jeden Tag Spitz auf Knopf.“ Zum 30. Juni summierten sich die Schulden auf knapp 429 Millionen Euro, was bedeutet, daß Schefenacker jährlich allein für den Schuldendienst mindestens 40 Millionen Euro ausgeben muß.

Das operative Ergebnis vor Abschreibungen (Ebitda) freilich erreichte im vergangenen Jahr gerade noch 55 Millionen Euro, im zweiten Quartal ging der Wert sogar auf 6 Millionen Euro zurück. Schefenacker steht aber gegenüber seinen Gläubigern in der Pflicht. Werden die vereinbarten Ertragsziele nicht erreicht („covenant breach“), können sie sofort ihre Darlehen fällig stellen. Dann wäre Schefenacker zahlungsunfähig. Mit Blick auf diesen Mechanismus erklärt sich, warum die nachrangig besicherte und daher um so höher verzinste Anleihe des Unternehmens über 200 Millionen Euro an der Börse gerade noch für knapp 30 Prozent des Nennwertes gehandelt wird. Und es erklärt, warum der 9. November, an dem die nächsten Quartalszahlen vorgelegt werden sollen, für Schefenacker ein Schicksalstag ist.

Kein gutes Quartal

Es gilt als geheime Verschlußsache, welche Ziele Schefenacker mit den Gläubigern im einzelnen verhandelt hat. Doch schon jetzt ist klar, daß die Ziele im dritten Quartal wahrscheinlich verfehlt wurden, weil es für den Spiegelhersteller kein gutes Quartal war, wieder einmal. Der Preisdruck vor allem jener Autohersteller, die selbst in der Klemme stecken, sei noch einmal gestiegen, heißt es. Zugleich sei die Produktion teurer geworden: Der Preis für Polypropylen sei im Gefolge des Ölpreises gestiegen, für Alu und Zink fehlte noch dazu das notwendige Preishedging, so wird kolportiert.

Und dann machte das Unternehmen auch noch in seinem kleineren und weniger starken Geschäftsbereich - bei den Rückleuchten - massive Fehler. Vor allem bei der Verlagerung der Produktion vom schwäbischen Geislingen nach Slowenien, die eigentlich zu massiven Einsparungen führen sollte. Der Boden der neuen Fabrikhalle soll nicht belastbar genug sein, und für manche Maschine soll das Fabriktor schlicht zu klein gewesen sein, ist zu hören. Halbfertige Rückleuchten mußten fortan durch halb Europa geschippert werden, was der Rendite zwangsläufig nicht zuträglich ist.

„Geierfonds“ übernahmen die Finanzierung

Solche Managementfehler dürfte es vielfach gegeben haben in den letzten Jahren. Sie könnten von einem Weltmarktführer wohl auch weggesteckt werden, wenn er denn solide finanziert wäre. Doch im Jahr 2000, als in der Welt der Wirtschaft beinahe nichts unmöglich schien, zahlte Schefenacker die Übernahme des britischen Konkurrenten Britax ausschließlich mit Fremdmitteln. „Strategisch gesehen, war der Kauf richtig“, urteilt ein Sprecher des Unternehmens noch heute. „Schefenacker hätte allein nicht die kritische Größe erreicht, die für die Verhandlung mit den Autoherstellern notwendig ist.“

In dieser Überzeugung hat Schefenacker erst vor kurzem noch einmal zugekauft, den insolventen Konkurrenten Engelmann - was aber laut Angaben aus dem Unternehmen die Ertragsrechnung eher entlastete als belastete. Nach der Britax-Übernahme wurde aber die Zinslast zu groß, die Hausbanken verabschiedeten sich von diesem Risiko. Unbekannte Investoren, im Volksmund auch „Geierfonds“ genannt, übernahmen die Finanzierung. Der Sprecher des Unternehmens formuliert den Sachverhalt so: „97 Prozent unserer Passivseite sitzen in London“, sagt er. Für den Arbeiter in Geislingen oder Oberrot, in Schwaikheim oder Esslingen heißt das im Klartext: An ihren Arbeitsplatz denkt in diesem Spiel keiner. Beim Betriebsrat will man am liebsten gar nicht über die Situation reden: „Die Suppe ist ganz heiß. Da will ich mir die Finger nicht verbrennen“, sagt einer der Belegschaftsvertreter. „Ich hoffe nur, daß diese Firma irgendwann einmal wieder zur Ruhe kommt.“

Daimler, BMW und Co sitzen wohl längst mit am Tisch

Ein Hoffnungswert für die Beschäftigten ist die starke Marktstellung von Schefenacker. „Niemand kann derzeit die Insolvenz wollen“ ist die übereinstimmende Überzeugung von Kreditanalysten wie von Branchenbeobachtern. Die Gläubiger nicht, weil sie nur einen Bruchteil ihres Geldes wiedersähen. Der Eigentümer Alfred Schefenacker nicht, weil er wohl ganz leer ausginge. Und den Autoherstellern nicht, weil sie eine stabile Belieferung brauchen. Mit den Gläubigern wird nun über den Tausch von Forderungen in Eigenkapital verhandelt - oder besser gesagt: Es wird darum gepokert. Wieviel in Familienbesitz bliebe und vor allem: was dann aus der Firma würde, steht in den Sternen.

„Mich erinnert das an den Fall Kiekert“, urteilt ein Manager aus der Zuliefererbranche. Kiekert, ein Spezialist für Türschlösser, hatte Ende der neunziger Jahre die Belieferung des Hauptkunden Ford eingestellt, vorgeblich wegen eines Zwischenfalls, tatsächlich aber wohl um gegenüber Ford in harten Preisverhandlungen die eigene Macht zu demonstrieren. Ohne Schloß konnte Ford keine Autos ausliefern - so wie eine Auslieferung von Autos ohne Spiegel nicht möglich wäre.

„Ich bin mir sicher, daß Daimler, BMW und die anderen Kunden längst mit den Bankern am Tisch sitzen und eine Lösung für Schefenacker suchen“, meint der Beobachter. Was sich nach einem guten Ausgang für Schefenacker anhört, ist aber kein Garant für ein Happy-End: Im Jahr 2003, fünf Jahre nach dem Machtkampf mit Ford, verlor Kiekert diesen Kunden. Und an Stabilität im Eigentümerkreis ist nicht zu denken: Der Finanzinvestor Permira, der Kiekert im Jahr 2000 übernommen hatte, verhandelt offenbar mit den Kiekert-Gläubigern - vorwiegend Hedge-Fonds und Investmentbanken - über eine Übernahme.
Text: F.A.Z., 31.10.2006, Nr. 253 / Seite 26

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Alles im Leben braucht seine Zeit. Gras wächst auch nicht schneller,
wenn man daran zieht!

Gruß
KTM 950
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Unkonventioneller Rettungsversuch

 
#2
Unkonventioneller Rettungsversuch

Schefenacker strebt Insolvenz nach britischem Recht an
Von Martin-W. Buchenau

Das Management des in die Krise geratenen Autozulieferers Schefenacker setzt auf einen unkonventionellen Rettungsversuch. Durch eine Insolvenz nach britischem Recht soll der Tausch von Schulden gegen Unternehmensanteile und damit ein Neustart erleichtert werden. Jetzt beginnt das Unternehmen mit der Verlagerung des rechtlichen Firmensitzes nach London.

STUTTGART. Der angeschlagene Autozulieferer Schefenacker hat für seinen unkonventionellen Sanierungsplan und die damit verbundene Verlagerung des rechtlichen Firmensitzes nach London Zeit gewonnen. „Wir sind insgesamt auf gutem Wege“, sagte der neue Vorstandschef Reiner Beutel. Die für kommenden Donnerstag vorgesehene Bekanntgabe der Quartalszahlen werde um einige Tage verschoben, hieß es zudem in Unternehmenskreisen.

Der Termin hing wie ein Damokles-Schwert über dem Weltmarktführer bei Autospiegeln. Denn die vorwiegend britischen Gläubiger mit vorrangigen Krediten in Höhe von 205 Mill. Euro haben Klauseln in den Verträgen, nach denen sie ihre Kredite fällig stellen können, wenn Schefenacker bestimmte Ertragsziele in einem Quartal nicht erreicht („covenant breach“).

Wichtiger noch: Beutel erreichte ein Stillhalteabkommen mit diesen Gläubigern, vorläufig auf ihr Recht auf Kündigung der Kredite – wegen der offensichtlich verfehlten Ertragsziele – zu verzichten. Die aus diesem Grund bestehende Insolvenzgefahr wurde damit zunächst einmal abgewendet. Die Kupons für eine nachrangige Anleihe über 200 Mill. Euro müssen erst im Februar 2007 bezahlt werden. Dank des Stillhalteabkommens kann Schefenacker nun mit diesen Gläubigern in Verhandlungen treten.

Schefenacker hat bislang alle Schulden von insgesamt 430 Mill. Euro bedient, was einer jährlichen Belastung von 40 Mill. Euro entspricht. Das operative Ergebnis vor Abschreibungen (Ebitda) erreichte im vergangenen Jahr allerdings nur noch 55 Mill. Euro und brach im Verlauf diesen Jahres weiter ein.

Die hohe Verschuldung resultiert noch aus dem Kauf des britischen Konkurrenten Britax im Jahr 2000. Strategisch gilt die Akquisition als richtig, weil Schefenacker dadurch mit einem Umsatzvolumen von über 930 Mill. Euro und fast 8 000 Beschäftigten zum Weltmarktführer mit 30 Prozent Marktanteil aufstieg und damit mehr Gewicht gegenüber den Autokonzern bekam. Doch die Wachstumsprognosen fielen damals viel zu positiv aus. Hausgemachte Probleme kamen hinzu. Die Banken zogen sich zurück und traten die Finanzierung an britische Fonds ab.

Das Management setzt jetzt auf einen unkonventionellen Rettungsversuch. Durch eine Insolvenz nach britischem Recht soll der Tausch von Schulden gegen Unternehmensanteile und damit ein Neustart erleichtert werden. Inzwischen wurden weitere Schritte zur Verlagerung des rechtlichen Firmensitzes nach London eingeleitet. In einem ersten Schritt hat Schefenacker mehrere operative Tochterfirmen in eine neue Firma mit juristischem Sitz in Großbritannien eingebracht. Später sollen in einem zweiten Schritt die Vermögen und Schulden der Schefenacker AG auf eine neu gegründete Schefenacker Plc nach englischem Recht übertragen werden. Der erste Schritt sei mit dem Eigentümer des Familienunternehmens, den Gläubigerbanken und großen Kunden vereinbart worden, teilte das Unternehmen mit. Vor dem zweiten Schritt müssen noch „Gutachten und Verpflichtungserklärungen“ vorgelegt werden.

Damit gemeint sind vor allem Zusagen der Klientel aus der Autoindustrie, weiter bei Schefenacker zu kaufen. Einer der großen Kunden, Mercedes, wollte sich am Freitag nicht zu diesem Thema äußern. Mercedes und andere Autohersteller haben Interesse an einem Überleben von Schefenacker, da ein Ausfall dieses Lieferanten die Produktion teilweise lahm legen könnte. Zumindest kurzfristig ist Schefenacker als Lieferant jedes dritten Rückspiegels in der Welt nicht ersetzbar.


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Insolvenzrecht
Streitpunkt: Immer mehr Anwälte raten wegen des starren deutschen Insolvenzrechts ihren Kunden zum legalen Umzug nach Großbritannien. Bislang gab es das erst einmal bei der Deutschen Nickel. Schefenacker könnte als erster großer Fall Vorbild für Nachahmer werden und eine neue Diskussion zur Novellierung des Insolvenzrechts auslösen.

Größte Vorteile: Die Gläubiger können sich auf der Insel den Insolvenzverwalter selbst aussuchen. Es gibt ein lange erprobtes Verfahren zur Fortführung in der Insolvenz mit längeren Fristen als in Deutschland. Die Gläubiger brauchen nicht die Zustimmung des Alteigentümers, um die Schulden in Firmenanteile zu tauschen.

Bedingung: Eigentümer und Gläubiger müssen der Verlegung des rechtlichen Firmensitzes zustimmen.

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Es ist schon über so viele Dinge Gras gewachsen, dass ich keiner grünen Wiese mehr traue !

Gruß
KTM 950


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