New York: Wie der Krieg die Stadt spaltet

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New York: Wie der Krieg die Stadt spaltet

 
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SPIEGEL ONLINE - 18. März 2003, 13:50
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http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,240770,00.html

New York
 
Wie der Krieg die Stadt spaltet

Von Lutz C. Kleveman, New York

Bushs Kriegskurs spaltet keine andere Stadt in den USA so sehr wie New York. Viele unterstützen die Politik ihres Präsidenten - halten Saddam für einen Paten des Terrors, mitverantwortlich auch für die Anschläge des 11. Septembers. Doch immer mehr New Yorker protestieren dagegen, dass die Terroranschläge als Vorwand für einen Angriffskrieg dienen sollen.

Kriegsbefürworter Gaetana Pennisi vor seinem Haus in Brooklyn und der Fahne, die an vermisste US-Soldaten in Vietnam erinnert
Lutz Kleveman
GroßbildansichtKriegsbefürworter Gaetana Pennisi vor seinem Haus in Brooklyn und der Fahne, die an vermisste US-Soldaten in Vietnam erinnert
Angst um die Gläser hatte Megan, so heftig war der Streit. "Drei Gäste waren für den Krieg, drei waren dagegen", erzählt die Kellnerin im Café "Red Rail" in Brooklyn. "Und dann haben sie sich gezofft, lautstark und direkt vor mir an der Bar." Nicht nur bei der Arbeit erlebt die 24-Jährige hitzige Debatten über den bevorstehenden Irak-Feldzug. Auch nach Feierabend, auf Parties, würden New Yorker Friedensbewegte und Kriegs-Befürworter aneinander geraten. "Freundschaften zerbrechen schon an der Politik", sagt Megan. "Die Friedensbewegung wird immer stärker," die Stadt sei in zwei Lager gespalten.

Nach Präsident Bushs Ultimatumsrede prallen die unterschiedlichen Meinungen über den bevorstehenden Waffengang in New York umso heftiger aufeinander. In der von den Terroranschlägen des 11. September 2001 noch immer tief verwundeten Zehn-Millionen-Metropole gibt es mehr Kriegsgegner als irgendwo sonst in den USA.

Hunderte Menschen schlossen sich gestern abend an mehr als 50 Orten in New York spontanen Mahnwachen für Frieden an. Schon am Sonntagabend hatten sich etwa 1000 Bürger zu einem stillen Protest mit Kerzen auf dem Union Square in Manhattan versammelt. Lokale Medien berichteten von verbalen Wortgefechten zwischen den Demonstranten und Bush-Anhängern über den Krieg.

Das ''Western New York Peace Center'' rief zum Protest gegen den Irak-Krieg auf
AP
GroßbildansichtDas "Western New York Peace Center" rief zum Protest gegen den Irak-Krieg auf
Nicht nur auf den Mahnwachen wurde diskutiert. "Gestern habe ich in einer Disco einen Button mit der Aufschrift 'No war on Iraq' getragen", erzählt Chris, ein junger Mann im Café "Red Rail". "Alle drei Minuten wurde ich darauf angesprochen, von wildfremden Leuten. Entweder sie klopften mir enthusiastisch zustimmend auf die Schulter, oder sie fuhren mich an: 'Nimm das Ding sofort ab!'"

Vergiftete Atmosphäre

Bereits für den kommenden Sonnabend planen Kriegsgegner einen großen Friedensmarsch durch Manhattan. Auf öffentichen Druck hin hat Bürgermeister Michael Bloomberg den Protestlern dieses Mal die Erlaubnis erteilt, auf der Fifth Avenue zu marschieren - vor vier Wochen noch hatte die New Yorker Polizei eine Friedens-Demonstration Hunderttausender in Nebenstraßen abgedrängt.

Protestbriefe am Uno-Gebäude
REUTERS
GroßbildansichtProtestbriefe am Uno-Gebäude
Der New Yorker Stadtteil Carroll Gardens, in dem alteingesessene und eher konservative Arbeiterfamilien neben neu zugezogenen jungen "Bohème-Bourgeois" leben, spiegelt die gespaltene öffentliche Meinung der New Yorker wider. "No war on Iraq!" und "Give Peace a Chance" heißt es auf Plakaten, die mehr und mehr Bewohner in die Fenster ihrer Wohnungen stellen. "Leere Gefechtsköpfe im Weißen Haus gefunden", frotzelt der Text unter dem Bild eines hohlköpfigen Präsidenten Bush.

Ein paar Häuser weiter allerdings verkünden kriegsbefürwortende Nachbarn auf Schildern und blau-weiß-roten Schleifen im Vorgarten, dass sie stolze Amerikaner sind und die US-Truppen im Mittleren Osten unterstützen. Die Stars-and-Stripes-Fahne fehlt an fast keinem Gebäude der Straße, denn beide Fraktionen beanspruchen für sich, die wahren Patrioten zu sein.

"Die Atmosphäre in der Stadt ist vergiftet", meint Mareijke Smith, eine jüngst nach Carroll Gardens gezogene Architektin. "Der Dialog zwischen konservativen und liberalen Amerikanern, der nach dem 11. September für kurze Zeit möglich war, ist völlig zusammengebrochen." Die 30-Jährige ist dagegen, dass die Vereinigten Staaten einen Krieg ohne die Vollmacht des Uno-Sicherheitsrats führen.

Wie viele Bewohner New Yorks, die das Uno-Hauptquartier am East River jahrzehntelang mit keinem Blick beachteten, hat Mareijke aufmerksam das diplomatische Ringen zwischen der Bush-Regierung und ihren Widersachern verfolgt. "So viele Länder sind gegen uns, das muss uns doch zu denken geben."

Liberale in den Irak

Ein Demonstrant wird vor dem Uno-Gebäude festgenommen
AP
GroßbildansichtEin Demonstrant wird vor dem Uno-Gebäude festgenommen
Auch amerikanische Medien, die noch vor wenigen Wochen die Friedens-Proteste in New York schlichtweg ignorierten, haben inzwischen kontroverse Kriegs-Debatten ins Programm genommen. Besonders im Nachrichtensender CNN kommen neuerdings Vertreter des Anti-Kriegs-Lagers zu Wort, und Reporter stellen kritische Fragen an Regierungsmitglieder.

Thomas L. Friedman, Leitartikler der "New York Times", der in jüngster Vergangenheit eher mit rüden Attacken auf Frankreichs Position im Uno-Sicherheitsrat auffiel, veröffentlichte am Sonntag erstmals eine ätzende Polemik über die Irak-Politik des US-Präsidenten. Darin heißt es über Bush: "Wir brauchen etwas weniger John Wayne und etwas mehr John F. Kennedy." Die "Washington Post" beklagte die "arrogante Taktik und Rhetorik" der US-Diplomaten.

Der Mainstream der US-Medien - vor allem die nationalen Radio- und Fernsehsender jedoch steht stramm hinter US-Präsident Bush. Viele konservative Amerikaner glauben, dass ihre Regierung bereits zu viel Zeit darauf verschwendet hat, internationale Unterstützung für den Irak-Krieg zu gewinnen. Auch Gaetana Pennisi, dessen Haus in einer Straße mit besonders vielen Anti-Kriegs-Plakaten liegt, hat nur Verachtung für seine friedensbewegten Nachbarn übrig: "Diese verfluchten Liberalen würde ich alle in den Irak schicken, damit sie mal ein paar Jahre unter Saddam leben."

Im Vorgarten des 56-Jährigen weht neben der US-Flagge eine Fahne, die an das Schicksal der vermissten US-Soldaten in Vietnam erinnern soll. Zwei Jahre lang hat Pennisi dort als Navy-Soldat gegen kommunistische Vietcong gekämpft. "Krieg ist Hölle", sagt der Veteran, "aber Saddam ist eine Bedrohung für uns."

World Trade Center wirft keinen Schatten mehr

Sein Nachbar Rick Martino plichtet Pennisi bei: "Am 11. September haben wir gesehen, was diese Terroristen uns antun können. Das darf nie wieder passieren." Keine Debatte über die Irak-Krise wird in New York geführt, ohne dass ein Kriegsbefürworter die Terroranschläge auf das World Trade Center ins Spiel bringt. Zu gegenwärtig sind den meisten Menschen hier die so unerwarteten Angriffe noch heute, zu unheimlich die möglichen neuen Terror-Gefahren.

Hunderte Studenten gingen in Manhatten auf die Straße um gegen den drohenden Krieg zu demonstrieren
AP
GroßbildansichtHunderte Studenten gingen in Manhatten auf die Straße um gegen den drohenden Krieg zu demonstrieren
Martino und Pennisi zählen WTC-Opfer aus ihrem Stadtteil auf. "Unschuldige, hart arbeitende Menschen waren das", sagt Pennisi. "Saddam steckt hinter den Anschlägen, er unterstützt Terroristen." Und die irakischen Zivilisten, die in einem Krieg getötet würden? "Sind mir egal! Die Menschen im World Trade Center waren auch Zivilisten."

Innerhalb weniger Monate stieg der fast in Vergessenheit geratene irakische Diktator wieder zum US-Staatsfeind Nummer eins auf - und verdrängte den bis dahin scheinbar uneinholbar führenden Terrorfürsten Osama Bin Laden vom ersten Rang der Most-Wanted-Liste. Eine bemerkenswerte PR-Leistung der Bush-Regierung.

Eine weltumspannende Mahnwache am Union Square: Sie begann in New Zealand
REUTERS
GroßbildansichtEine weltumspannende Mahnwache am Union Square: Sie begann in New Zealand
Wie tief die Erfahrung des 11. Septembers die Stadt in der Irak-Frage spaltet, wurde vergangene Woche klar, als der New Yorker Stadtrat sich nach einer leidenschaftlichen Debatte mit 31 zu 17 Stimmen gegen einen Irak-Krieg aussprach. "Wir sitzen heute hier, wo der Schatten des World Trade Centers sein sollte", begründete Lewis A. Fidler, ein demokratischer Abgeordneter aus Brooklyn, sein Nein zu der Friedensresolution. "Ich will hier nicht wieder in sechs Monaten Straßen nach toten New Yorkern benennen, weil dieses Land nichts unternommen hat."

Ein anderes Ratsmitglied, ebenfalls Demokrat aus Brooklyn, hielt dagegen. "Wir sagen heute dem Präsidenten, dass er den 11. September nicht mehr als Entschuldigung für Krieg benutzen darf. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Saddam Hussein und dem 11. September."

Nach der jüngsten Ultimatums-Rede Bushs fragen sich einige New Yorker jedoch, ob all die leidenschaftlichen Debatten überhaupt noch Sinn machen. "Eigentlich ist die Debatte doch künstlich", sagt Adam Tibbs, ein Schriftsteller aus Carroll Gardens. "Es fliegen viele Worte, aber Bush macht doch so oder so, was er will. Der Krieg ist unvermeidlich."
 


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