Mr. Hooks autogenes Training für den Terror

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Mr. Hooks autogenes Training für den Terror Sahne

Mr. Hooks autogenes Training für den Terror

 
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Scheinbar haben die Briten auch Probleme beim Ausweisen...

SPIEGEL ONLINE - 28. Mai 2004, 12:54
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http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,301975,00.html

Britische Islamisten
 
Mr. Hooks autogenes Training für den Terror

Von Matthias Matussek, London

Aussagen eines ehemaligen Schülers haben zur Festnahme des in London lebenden Scheichs und al-Qaida-Propagandisten Abu Hamza geführt. Die Festnahme von "Hook", dem Prediger mit dem Eisenhaken, wird von den britischen Groschenblättern als Triumph gefeiert. Doch mehr als zwei Jahre konnte sich der "Prediger des Hasses" einer Ausweisung entziehen.

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GroßbildansichtAFPIslamist Abu Hamza al-Masri: Posterboy des Fundamentalismus
London - Es war schon eine bizarre Szene, die sich in den vergangenen Jahren jeden Freitag in Londons Kleine-Leute-Gegend Finsbury Park abspielte. Auf der Straße zwischen Zeilen niedlicher englischer Reihenhäuschen der Scheich in seinem Sessel, auf Plastikplanen davor kniend, zwei Dutzend Jünger. Die Moschee gegenüber, die von reichen pakistanischen Muslimen erbaut wurde, verrammelt - der Scheich hatte hier Hausverbot.

Ein Außenseitertreff. Teenager in den gerade gängigen Trainingshosen, weitere Vermummte mit Palästinensertüchern, ein paar ältere Bärtige in dunklen Tuniken. Und dann diese Stimme, die mal donnernd, mal sanft Propaganda für den bombensicheren Weg ins Paradies macht: "Es tut gar nicht weh, manchmal weißt du gar nicht, ob du schon tot bist, und dann erblickst du die Engel, die dich geleiten werden."

Die Teenager starren ernst und entschlossen, einige wissen noch nicht so recht, wie sie knien sollen. Die Alten nicken. Das ganze eine Art Autogenes Training für den Terror, Einstimmung auf den fundamentalistischen Kampf, gegen den Unglauben, gegen den Westen, gegen Bush und Blair, und gegen die Homosexualität sowieso.

Disney hätte ihn nicht besser zurechtpinseln können

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GroßbildansichtMatthias MatussekAbu Hamza Anhänger: Ein Geschenk für die Boulevardzeitungen
Für die Boulevardblätter war der Mann vom Finsbury Park ein Geschenk. Scheich Abu Hamza: Backenbart und Turban, und am rechten Arm einen Eisenhaken. Einäugig dazu. Er war der Posterboy des Fundamentalismus. Disney hätte ihn sich nicht besser zurechtpinseln können.

Was für eine geschmeidige Karriere: Früher war er Rausschmeißer in einem Nachtclub, ein Gestrandeter. Er wuchs in Ägyptens Mittelklasse auf und kam 1979 nach London, um zu studieren. 1981 heiratete er eine Britin, wodurch er die Staatsbürgerschaft erhielt. Nach fünf Jahren ließ er sich scheiden.

In den frühen neunziger Jahren kämpfte er mit Osama Bin Laden in Afghanistan gegen die Russen und verlor Auge und Hand durch eine Minenexplosion. 1999 wurde er vernommen, weil er beschuldigt wurde, an Geiselnahmen im Jemen mitgewirkt zu haben.

Diese Aktivitäten sind es auch, die nun im Auslieferungsbegehren des FBI an die britische Regierung angeführt werden. Desweiteren werden ihm Rekrutierungen und Unterstützung von Trainingscamps für al-Qaida zur Last gelegt. Eine mögliche Übergabe an die amerikanischen Behörden wurde erst möglich, nachdem die US-Seite auf eine eventuelle Todesstrafe verzichtet hat. Nun droht dem Scheich eine lebenslange Haftstrafe.

Operettenbesetzung des Terrors

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GroßbildansichtMatthias MatussekAbu Hamza mit Anhängern: Test der Debattenfreiheit bis zur Schmerzgrenze
Auf der Insel war er in den letzten Jahren die Operettenbesetzung des Terrors. Der Mann, der auf Ersuchen der Amerikaner gestern im Morgengrauen festgenommen wurde, spielte im kollektiven Angst-Kino den unversöhnlichen "Mister Hook", der den englischen Staat verhöhnte und ihn gleichzeitig Millionen kostete, weil seine religiösen Freitag-Raps gegen Übergriffe verteidigt werden mussten.

Das ist das paradoxe Problem jeder säkularen Demokratie: Sie muss die Freiheit der Rede auch denjenigen garantieren, die sie abschaffen wollen. Die Dinge sagen wie: "Selbstmordattentäter sind Märtyrer - eine großartige Form des Widerstands". Abu Hamza testete die Debattenfreiheit bis zur Schmerzgrenze. Er lobte Osama Bin Laden, und die Volksseele kochte.

Andere waren hingerissen. Zu seinen Hörern gehörten auch jene zwei Briten, die sich vor einem Jahr vor einem Café in Tel Aviv in die Luft sprengten und andere mit sich rissen.

Vergeblich hatte der britische Innenminister David Blunkett seit Jahren seine Abschiebung betrieben - der "Prediger des Hasses" hatte ständig neue Rechtsmittel eingelegt. Nun liefert das Auslieferungsbegehren der Amerikaner die Überholspur für die Abschiebung, und Blunkett gibt gebändigt-euphorische Interviews.

"Er hat den Islam in Verruf gebracht"

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GroßbildansichtAFPDurchsuchung der Finsbury Park Moschee im Januar 2003: Moderatem Mainstream wird Distanzierungen zunehmend erschwert
Nicht wenige der moderaten Muslime in Finsbury Park werden ebenfalls aufatmen. Der Scheich und seine Handvoll Jünger hatten ständige Polizeiaufgebote erforderlich gemacht. In den letzten Wochen waren die Neonazis aufmarschiert und - je betrunkener, desto stolzer - die Sache der weißen Rasse verteidigt.

"England den Engländern", grölten sie und "Rule Britannia Rule", bis sie von uniformierten Kordons in die U-Bahn-Schächte abgedrängt wurden.

Der Scheich wollte provozieren. Er hatte durchaus Erfolg.

"Der Scheich hat den Islam in Verruf gebracht", sagt Fahdi Itani, Chef des muslimischen Kulturzentrums hinter der U-Bahn-Station. In die Versammlungshallen hier strömen zum Freitagsgebet weit über 2000 Menschen. Drüben kamen allenfalls hundert zusammen. Doch der von drüben bestimmte die Schlagzeilen.

"Wir müssen ständig beweisen, dass wir gute Staatsbürger sind", sagt Itani. Zwei Millionen britischer Muslime stünden seinetwegen unter Generalverdacht. "Natürlich eine unmögliche Situation." Wer in den Straßen der Umgebung herumfragt, wird jedoch feststellen: Scheich Hamza übt Faszination aus auf die zweite Generation, auf die Jungen, die vor den Kebab-Buden ihrer Eltern stehen und nicht viel mit sich anzufangen wissen.

Ideologisches U-Bahn-Surfen

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GroßbildansichtREUTERSDurchsuchung der Londoner Moschee: Religiöses Halbstarkentum
Die erste Immigrationswelle war damit beschäftigt, Fuß zu fassen und sich anzupassen. Für die Kids jedoch, die ihre Nike-Turnschuhe bereits tragen, sind Hamzas Hasspredigten so etwas wie ideologisches U-Bahn-Surfen.

Hook und seine Pendants, so sieht es ein älterer Algerier, der seinen Namen nicht nennen will, bieten religiöses Halbstarkentum an, das nichts mit Allah aber viel mit Respekt zu tun hat. "Sie wollen respektiert sein, und sie spüren, dass sie es sind, wenn sie sich zu Hamza bekennen." Hook und die Hass-Scheichs von Gruppen wie "al-Muhajiroun" bieten mitten in der westlichen Dekadenzgesellschaft Londons einen düsteren Sinnersatz an.

Seinen Namen möchte weder der ältere Algerier nennen, noch die meisten anderen, die nach Hook gefragt werden. Das hat sicher mit einer subtilen Einschüchterung zu tun. Die meisten Gesprächspartner schauen sich um, bevor sie zu einem Reporter reden, hier in Finsbury Park.

Zum zweiten aber wirkt der Terror wie ein dunkles Kraftwerk. Immerhin, das spüren auch die ersten Einwanderer, kümmern sich nun Zeitungen und Fernsehanstalten in Sonderschichten um die islamische Gemeinschaft. Der Terror führt den mächtigen Nationen die Ohnmacht vor Augen, und er verschafft der Religion der Ohnmächtigen einen düsteren Resonanzraum. Eine enorme Befriedigung.

Bushs Krieg als zugkräftiges Rekrutierungsverfahren

Zum dritten ist da der Irak-Krieg, sind da die Folterfotos, bombardierte Hochzeitsgesellschaften und ähnliche westliche Propagandakatastrophen, die den Militanten Sympathisanten in Scharen zutreiben. Bushs so genannter Krieg gegen den Terror ist in Wahrheit ein wesentlich zugkräftigeres Rekrutierungsverfahren für Radikale als ein paar Predigten vom Scheich mit dem Haken.

Vor allem, weil er dem moderaten Mainstream Distanzierungen zunehmend erschwert. Das ist die Paradoxie, mit der das moderne islamische Establishment in Großbritannien lebt. Etwa die Zeitung "al-Kuds", der nach dem Bombenattentat in Madrid ein Bekennerschreiben al-Qaidas zugespielt worden war.

"Al-Kuds" ist weltlich. Es hat keine Religionsseiten. Es hat auf Seite acht sogar ein Frauengesicht, unverschleiert. Kurz, es dürfte in Saudi-Arabien wohl nicht vertrieben werden. Doch seit die Leitartikel grimmiger, leidenschaftlich antiamerikanischer sind, das sagt Chefredakteur Abdel Bari Atwan unumwunden, hat "al-Kuds" um 30 Prozent zugelegt. "Wenn selbst die Diplomaten des Landes die Blair-Regierung kritisieren, dann können wir das ja wohl auch, ohne gleich terrorverdächtig zu sein."

Er sitzt unter einem Bild der al-Aksa-Moschee in Jerusalem. Er sagt, dass es ohne die Lösung der Palästina-Frage nicht gelingen wird, den Terror auszutrocknen, und es klingt schon müde, so oft hat er es gesagt.

Die Frage nach dem Bombenterror in New York beantwortet er ebenso müde mit der Bombardierung von Falludscha. "Aber New York war vorher." Seine Entgegnung: "Die Aggression der USA gegen den Islam hat schon vor New York begonnen."

Der Mann lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in Großbritannien. Und er redet, als ob er eine neue Sprache, neue Argumente lernen würde. Es hat den Anschein, als ob mit jedem weiteren Kriegstag im Irak Weitere diese Argumente lernen.

Und das bedeutet, dass ein Land zerbricht, egal ob einer wie der Hass-Operetten-Prediger Abu Hamza nun ausgewiesen wird oder nicht.
 

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