Macht macht grau

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Macht macht grau MD11

Macht macht grau

 
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POLITIKERMODE


Die Spitzen der Parteien wollen Profil zeigen und greifen doch lieber zur dezenten Einheitskleidung. Da wirkt Angela Merkels Apricot fast schon gewagt



Unabhängig von der politischen Couleur: Der seriöse Mann wählt Maus-, Stein- oder Aschgrau. 
Foto: Mauritius 

Medienwahlkampf hin oder her:Politiker, die das Einstecktuch auf die Krawatte abstimmen, bekommen hierzulande kein Lob. „Hat der nichts Wichtigeres zu tun?“, liegt im Blick der Musterer. Auf den Listen vom Typ „Wer sind Deutschlands bestgekleidete Männer?“ tauchen die Berliner Spitzen denn auch erst im guten Mittelfeld auf. Und keineswegs in Scharen. Ist Deutschland männliches Muffelland, wie Jil Sander vor ihrem zweiten Austritt aus der Designelite vernichtend fragte?

Fragen wir einen Mann und Designer, Reimer Claussen. „Sicher ist, deutsche Männer haben den geringsten Leidenschaftslevel in Sachen Mode“, lautet seine Antwort. Und da Politiker auch nur Menschen, meistens Männer, sind – wenn sie sich auch manchmal anders gebärden – warum sollten sie einem anderen Outfit-Verhalten folgen als 99 Prozent ihrer Geschlechtsgenossen?
Wenn sich auch vieles in der Neuzeit verändert hat, ein paar Gesetzmäßigkeiten von einst sind immer noch gültig. Und vor allem alles, was verboten ist und schlechten Geschmack signalisiert:
Zu kurze Socken zeigen sich gnadenlos in jeder Talkrunde von „Sabine Christiansen“ bis „Wetten, dass...“

Zu lange oder zu kurze Hosen bleiben auf dem Weg zu politischen Meetings den aufmerksamen Kameras nicht verborgen.

Zu kurz gebundene Krawatten lassen auch einen ernsthaften und wichtigen Politiker leicht clownesk wirken.

Krawatten zu kurzärmeligen Hemden sehen selbst bei einem offiziellen Auftritt im afrikanischen Busch lächerlich aus.

Unser Noch-Bundeskanzler Gerhard Schröder wird von den einen als „bestangezogener Politiker“ und von den anderen verächtlich als „Kaschmir-Kanzler“ tituliert. Seine Anzüge sorgen dank der italienischen Nobelmarken Brioni und Kiton für eine perfekte Passform. Die kostet zwar ein bisschen mehr als der Graumann von der Stange, aber schon James Bond machte mit ihnen eine gute Figur und sicherte dem Agenten ein souveränes Auftreten.
Joschka Fischer hat es im wahrsten Sinne schwer, modisch auf eine Rangliste gesetzt zu werden. Er unterliegt dem permanenten Jo-Jo-Effekt, den sonst vor allem Frauen mit dem Hang zu wechselnden Diätprogrammen bestens kennen. Man könnte ihn beneiden, denn unser Noch-Außenminister muss einen riesigen Kleiderschrank – oder sogar einen separaten, begehbaren Kleiderschrank? – besitzen, der Anzüge für jedes Gardemaß beinhaltet. Zurzeit hat er sein persönliches Schlankheitsprogramm wieder aufgenommen: Laufen. Und es scheint bei ihm sensationell schnell zu funktionieren.
Allerdings käme seine gute Figur im Dreiteiler besser zur Geltung als in den Freizeithemden, die er – wohl mit Rücksicht auf die soziale Gerechtigkeit – bei seiner Wahlkampftour ausstellt. Bevorzugt er kurzärmelige Modelle oder Hemden mit zu kurzen Ärmeln? Wer jemals eine Manschette am Ende seines Sakkoärmels samt Manschettenknopf ausfindig gemacht hat, sollte dies bei Karl Lagerfeld melden! Warum lässt er sich nicht in diesem Punkt von seinem Freund Gerhard Schröder – oder einer momentanen Freundin – beraten?
Edmund Stoiber zeigt politisch Profil, modisch sucht er noch seinen Stil. Seine blonden Haare wirken stets wie mit Drei-Wetter-Taft in Dauerform gebracht. Egal ob in Rom, Paris, New York, seiner Lieblingsstadt München oder Berlin – bei Edmund liegt jedes Haar an seiner vorgegebenen Stelle. Vermutlich hat auch seine Gattin das Bügel- und Staubfrei–Programm seiner Hemden und Anzüge fest im Griff. Während der CSU-Mann auf alle Nichtbayern bei öffentlichen Auftritten im Anzug der Wolfratshausener Gebirgsschützen fremd-folkloristisch wirkt, zeigt er zumindest Mut zur Selbstdarstellung. Und verlässt damit den sicheren Pfad des Funktionalismus, auf den die Deutschen schwören, wie die Design-Professorin Birgit Weller aus Hannover meint.
„Farbangst ist typisch deutsch, nicht nur in der Mode sind die Deutschen Farbmuffel, sondern auch in ihrer häuslichen Einrichtung. Dabei laufen 80 Prozent der menschlichen Wahrnehmung über das Auge.“ Immerhin wurde Edmund Stoiber schon in einem pinkfarbenen Polohemd von Fotografen gesichtet.
Profiliert bayerischer ist auf jeden Fall Renate Schmidt, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie nimmt ihre Kleidung als Visitenkarte ihrer Persönlichkeit und hat keine Hemmungen, im Dirndl mit entsprechendem Ausschnitt ihre üppige Figur plus geografischer Herkunft optimal ins Bild zu rücken.
Guido Westerwelle setzt auf gebändigte rheinische Fröhlichkeit und hofft, damit auch allen Nichtrheinländern ein Lächeln oder zumindest ein wohlwollendes Schmunzeln abzuringen. Dass das nicht immer klappt, stört ihn nur wenig. Sein Auftritt ist immer äußerst perfekt und geschmackvoll – bis zur passenden Krawatte. Die muss mitnichten, wie in früheren Wahlkämpfen, dauergelb sein. Auf seiner Homepage posiert er äußerst seriös in dunklem Tuch mit dunklem, fein rot-weiß gestreiftem Binder. Fast wie ein britischer Lord.
Oskar Lafontaine – nach seiner Reinkarnation wieder im Fokus der politischen Betrachter – hält sich optisch an eine bürgerlich-brave Kleiderkultur. Zu Anzug oder Sakko-Kombination ist er meist mit Hemd und Krawatte unterwegs, auf dem Wahlplakat. Wenigstens an seinem Äußeren soll sich niemand stören.
Mehr Mut zeigt Claudia Roth. Das Gros ihrer Partei hat sich aus dem Lager der Selbstgestrickten, Selbstgebatikten und Selbstgewebtem zurückgezogen und kommt jetzt eher bieder daher. Sie aber hält es immer noch mit ihrer Farb-Fröhlichkeit, die sie aus ihrer Epoche als Managerin der deutschen Band Ton Steine Scherben herüberretten konnte. Bloß nicht kleckern, lieber klotzen, dann kann man auch nicht im grauen Bundestag untergehen, scheint ihre Devise für Outfit und Haarfarbe zu sein.
Angela Merkel schließlich, studierte Physikerin, Vorsitzende der CDU mit festem Blick auf den Kanzlerposten, verweigert sich nicht mehr so konstant und konsequent der passenden Mode. Lange Zeit verkürzte ein schlechter Reversschnitt an ihren Jacken ihren sowieso nur minimal vorhandenen Hals um weitere wichtige Zentimeter. Kugelsichere Schulterpolster verliehen ihr eine kastige Boxeroptik, und zu kurze Jacken ließen die Frau zusätzlich gedrungen wirken. Schuhe – ein ganz wichtiges Accessoire bei öffentlichen Auftritten und gnadenlosen Großaufnahmen auf dem Bildschirm– wirkten bei ihr zwar bequem, aber keineswegs souverän und elegant. Doch für den Wahlkampf hat ihr ein Berater geflüstert, dass gut geschneiderte Kostüme und Hosenanzüge die Figur der Trägerin optimal zur Geltung bringen können. Für offizielle Auftritte hat sie sich die Schmeichelfarbe Apricot ausgesucht – ob für Wahlplakate oder seltene Highlights mit ihrem Gatten. Der weiche Farbton signalisiert:So schlimm werden die notwendigen Grausamkeiten schon nicht werden.


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