Kann man die DDR verkaufen?

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Kann man die DDR verkaufen? vega2000
vega2000:

Kann man die DDR verkaufen?

3
19.08.04 09:52
#1
Jargon des Aktivismus
Für viele Manager und Politiker ist Deutschland eine marode AG. Lohnkürzungen und Export von Arbeitsplätzen sollen sie retten. Doch die Volkswirtschaft ist komplexer

Die Finanzmärkte stimmen über die Politik der Regierungen ab. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit, der Export sind der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Fürs gleiche Geld mehr und länger arbeiten, heißt die Lösung. Die Kosten für die staatlichen Leistungen müssen runter. Abbau des staatlichen Angebots und Steuersenkungen sind angesagt. Die Quersubventionierung von ganzen Bereichen der Gesellschaft durch den Staat muss aufhören. Er soll sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.

Für die Deutschland AG würden demnach dieselben Regeln wie für jedes Unternehmen gelten. Der öffentliche Haushalt muss ausgeglichen sein, ohne Schulden. Etwaige Gewinne, Überschüsse im Haushalt von Bund, Ländern und Gemeinden, sind als Steuersenkung an die Aktionäre der D-AG auszuzahlen. Das stärkt den Wettbewerb zwischen den armen und den reichen Ländern. Was dieser Unternehmenskultur im Wege steht, muss reformiert, beseitigt werden. Damit die D-AG profitabel wächst.

Nur ein Kern der Staatstätigkeit ist unantastbar: die Durchsetzung, die Verteidigung und der Schutz der Bürger- und Eigentumsrechte, also der Marktwirtschaft, nach innen und außen. Ordnung ist Sache der Politik, nicht des Marktes: Justiz, Polizei und Armee sind normativ nicht privatisierbar, nicht unternehmerisch mit Gewinn realisierbar, eben nicht marktgängig wie Arzt, Lebensversicherung und Lehrer, wie Gesundheit, Rente und Ausbildung.

Diese hier persiflierte politische Alltagsrhetorik des marktwirtschaftlich und besitzindividualistisch beherrschten Verständnisses von Staat und Gesellschaft bedient sich der Fachsprache und des aktivistischen Jargons der Betriebswirtschaft - also eines Studiengangs, der den Staat wie ein Unternehmen am Markt betrachtet und nach solcher Performance beurteilt. Die diese Fiktion nachplappernden Akteure wissen regelmäßig nicht, was mit den entlehnten Begriffen konkret gemeint ist.

Wer betriebswirtschaftliche Begriffe auf den Staat anwendet, suggeriert damit, dass der Staat, die Gesellschaft, die Volkswirtschaft funktioniere wie ein Unternehmen. Motto: Was gut ist für Daimler, ist gut für die Deutschland AG.

Beispielsweise so viel wie möglich zu exportieren und durch Verlängerung der Arbeitszeit die Einkommen zu senken. Sich auf seine Kernkompetenzen zu besinnen und unrentable Geschäftsfelder zu verkaufen oder stillzulegen. Shareholder-Value und dynamisch wachsende, selbstbestimmte Mindestverzinsung des eingesetzten Kapitals sollen regieren, weshalb die Finanzmärkte und nicht die Bürger über die Politik abstimmen.

Nur: Der Staat ist kein Unternehmen; diese Einsicht erschließt sich schlichtem Nachdenken. Unternehmen, die Pleite machen, scheiden aus der Welt der Wirtschaft, aus dem Markt aus. Staaten, die zahlungsunfähig werden, verschwinden nicht.

Auch das Besinnen auf die profitable Kernkompetenz führt beim Staat nicht sehr weit. Unsere neuen Bundesländer werden auf unabsehbare Zeit mit mehr als 80 Milliarden Euro alle Jahre wieder von den alten Bundesländern "quersubventioniert". Kann man die ehemalige DDR verkaufen? Wie Daimler damals Dornier? Weder theoretisch noch praktisch. Die wachsende unproduktive alternde Bevölkerung ist ein unprofitabler Personalüberhang. Kann sich die Republik von ihren Alten trennen, wie ein Unternehmen sie frühverrenten und ausbuchen? Auch nicht.

Durchschnittliches Denkvermögen und der kleine Volkswirtschaftsschein, den Juristen im Studium nebenbei machen, freilich reichen nicht aus, betriebswirtschaftliche Kostenkategorien im gesamtwirtschaftlichen Kreislauf zu beurteilen. Für Kosten gilt betriebswirtschaftlich: Ihre Senkung bringt dem Unternehmen immer zunächst Vorteile gegenüber Wettbewerbern. Blickt man aber über das Einzelunternehmen hinaus, dann wird im Kreislauf der Güter und des Geldes aus den Zinskosten des einen des anderen Rente; der Gewinnaufschlag des einen treibt die Wareneinsatzkosten des anderen in die Höhe. Die Lohnkosten eines Kfz-Betriebs können etwa als Umsatzerlös der benachbarten Metzgerei auftauchen.

Im gesamtwirtschaftlichen Kreislauf, in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, sind Kosten der einen immer zugleich Einkommen der anderen. Negative Lohnpolitik zum Beispiel kann, je nach den Umständen, für das gesamtwirtschaftliche Wachstum und die künftige Beschäftigung nützlich oder schädlich sein. Wenn Bundeskanzler und Superminister negative Lohnpolitik schlicht für vernünftig erklären, so agieren sie als gelernte Juristen wie Betriebswirte.

Verantwortlich aber sind die beiden für die Gesamtwirtschaft. Die Arbeitslosigkeit verharrt dort auf hohem Niveau, die Inlandsnachfrage nach Investitions- und Konsumgütern stagniert. Der Überschuss im internationalen Handel hingegen klettert 2004 von Rekord zu Rekord, nachdem er 2003 schon 130 Milliarden Euro überschritten hatte. Seit 20 Jahren bleiben in Deutschland die Reallohnerhöhungen hinter dem Zuwachs der Arbeitsproduktivität zurück; jede Arbeitszeitverkürzung wurde mit einem Verzicht auf sonst verteilungsneutral finanzierbare Lohnerhöhungen entgolten. Diese Rezeptur der Lohnzurückhaltung soll seit 20 Jahren zu mehr Beschäftigung führen. Ergebnis: Rekordarbeitslosigkeit alle Zyklen wieder. Mit unentgeltlicher Arbeitszeitverlängerung wird dieser Umverteilungsprozess von der Arbeit zum Kapital weiter forciert; das relativ sinkende Lohnniveau wird den Export antreiben, die Inlandsnachfrage wird weiter stagnieren, so das Wachstum begrenzen und die Erwerbslosigkeit forcieren, indem die einen immer länger und die anderen immer länger nichts zu arbeiten haben. Man sieht, die Lohnkostensenkung hätte gesamtwirtschaftlich nur Sinn, wenn das Lohnniveau mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu hoch wäre. Das Gegenteil aber trifft zu.

Gesamtwirtschaft ist komplexer als Betriebswirtschaft. Die täglichen Erfahrungen mit der Wirtschaft machen Politiker wie die meisten anderen als Käufer oder Arbeitnehmer - und wenn sie wichtig genug sind, wird ihnen von der Managerelite betriebswirtschaftlich Nachhilfe privatissime gewährt. Volkswirtschaft kann man eigentlich nur abstrakt aus Büchern lernen, nicht wie Betriebswirtschaft im täglichen Leben erfahren: So gilt das Schlichte und Bequemere als das eher Wahre, so interessengeleitet es auch sein mag.

Paul Watzlawick, der berühmte Psychiater, bietet in seiner "Anleitung zum Unglücklichsein" eine Erklärung für den Handlungszwang der Mainstream-Verkünder an. 20 Jahre Löhnesenken fällt unter seine Kategorie des "Mehr-desselben-Rezepts": Es gibt immer nur eine Lösung. Wirkt sie nicht, hat man nur noch nicht genug Leidensdruck. Offenbar können ökonomische Rezepte neurotisch machen - wenigstens ein Markt, der "Spezialisten ein gutes Ein- und Auskommen bietet" - und Arbeitsplätze …

taz
Kann man die DDR verkaufen? ottifant
ottifant:

Angebot und Nachfrage

 
19.08.04 09:59
#2
Wer will das Land und die Bürger??
Kann man die DDR verkaufen? utscheck
utscheck:

wenn du wüßtest, was ich wert bin :-) o. T.

 
19.08.04 10:00
#3
Kann man die DDR verkaufen? chrisonline
chrisonline:

kann man eine Ich-AG verkaufen?

 
19.08.04 10:06
#4
Dann würde ich eine Gründen. Möchte für meine Leber 10.000,- für meine Nieren 100.000,- und für den Rest 10.000.000.,- übergabe würde nach meinem Tod erfolgen.  
Kann man die DDR verkaufen? ottifant
ottifant:

Angebot und Nachfrage

 
19.08.04 10:10
#5
Wer will dich?
Wenn du Glück hast, will dich jemand mit Haut und Haare.
Kann man die DDR verkaufen? utscheck
utscheck:

eine hätte für mich 10.000 gezahlt und hier...

 
19.08.04 11:36
#6
ist ein Nest :-)
Kann man die DDR verkaufen? Sitting Bull
Sitting Bull:

Ich biete 1 Mio für Rügen. o. T.

 
19.08.04 11:58
#7
Kann man die DDR verkaufen? C.Webb4
C.Webb4:

Du willst einfach so deinen 1Mio

 
19.08.04 12:00
#8
hergeben Bull ??? Wer gibt dir dann die Aktientipps ;)
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Kann man die DDR verkaufen? Depothalbierer
Depothalbierer:

Ist doch schon verkauft!!

 
19.08.04 12:00
#9
Zu 95 % !

Der Rest ist auch bald wech.
Kann man die DDR verkaufen? Sitting Bull
Sitting Bull:

cwebb,

 
19.08.04 12:09
#10
Aktientipps brauch' ich dann nicht mehr. Verkaufe einfach die Hälfte für das xfache an die Russenmafia.

Depothalbierer: Enteignung - "Klappe, die dritte".
Kann man die DDR verkaufen? 54reab
54reab:

eine volkswirtschaft ist kein betrieb, da hat die

 
19.08.04 13:00
#11
taz recht, aber das wars schon. was will uns dieser arktikel suggerieren? z.b. schulden sind nicht so schlimm, da ein staat nicht verschwinden kann. es ist sicherlich unwahrscheinlich, dass ein staat wegen verschuldung verschwindet. den bürgern wird es trotzdem verdammt drechig gehen.

schulden verlangen mindestens prompte zinszahlungen. diese müssen durch die bürger aufgebracht werden. bleiben die zinszahlungen aus, gibt es keine neue gelder mehr. ein staat der bis zu diesem zeitpunkt ohne verschuldung nicht leben konnte, kann es auch dann nicht - muß es aber. das führt zur einer riesigen verelendung großer bevölkerungskreise. die geschichte ist voller beispiele.

natürlich ist eine volkswirtschaft krank, deren leistungsbilanz andauernd im ungleichgewicht ist. exportweltmeister kann also auch ein krankheitssymptom sein. gesund ist eine volkswirtschaft, deren handelsbilanz und leistungsbilanz sich im regelfall im gleichgewicht befinden. sie verschuldet sich damit nicht maßlos im ausland respektive leistet keine arbeit, die nie bezahlt werden kann.

leider kann man die frühere ddr weder verschenken (keiner will sie haben) und damit auch nicht verkaufen. die transferzahlungen kann man allerdings erheblich verringern. es gibt kein volkswirtschaftliches gesetz, das nichttun unter naturschutz stellt.

was mich am meisten überrascht, sind die grünen für diesen volkswirtschaftlichen schmarren. sowas disqualifiziert ein börsenboard. letzendlich meint der artikelschreiber position gegen laufende veränderungen beziehen zu müssen und viele hier hoffen, dass mit so einem geschreibsel die alten umverteilungsillusionen am leben bleiben. es ist erlaubt sich augen und ohren zuzuhalten, die welt wird draußen trotzdem so sein wie sie ist.


 Kann man die DDR verkaufen? 1614235

Kann man die DDR verkaufen? vega2000

Ganz so einfach sehe ich das nicht 54reab

 
#12
Der Artikelschreiber versucht lediglich auszuleuchten was an den laufenden Veränderungen falsch läuft.
Die Bundesrepublik war (oder ist noch) ein sehr reiches Land.
Die Wachstumsraten in der Vergangenheit stimmten, die Lokomotive für Europa lief auf Hochtouren, unsere Politiker brauchten das System Deutschland nur zu verwalten & am Ende eines jeden Jahres die guten Wirtschaftszahlen uns unter den Weihnachtsbaum legen. Das ist vorbei, darüber gibt es keine Diskussion.

Die Frage muss lauten: Befinden wir uns durch die gegebenen Umstände & den angestrebten Maßnahmen noch auf den richtigen Weg?

Hier setzt der Artikel meiner Meinung nach an.
Er zeigt auf, dass Politiker & Wirtschaftslenker uns glauben machen wollen, dass die BRD wie ein Unternehmen geführt werden kann, das dem nicht so ist, zeigt sich aus den ergriffenen Maßnahmen & den daraus resultierenden Folgen.
Die Innlandskonjunktur kann nicht zum Wirtschaftswachstum beitragen wenn den Bürgen das Geld zum Einkaufen fehlt. Die Inlandskonjunktur kann nicht anspringen wenn den Bürgern das Vertrauen in die Lenker des Staates fehlt. Die Inlandskonjunktur wird nicht zum Aufschwung beitragen wenn die Arbeitnehmer Angst vor der Zukunft, insbesondere um ihren Job haben. Wir leisten uns zuviel überflüssiges: Das fängt beim Staatsapparat an, geht weiter über die Transferzahlungen in die neuen Bundesländer, weiter zu den Nettozahlungen an die EU & endet in der ausufernden Steuergesetzgebung mit ihren Subventionszahlungen an Unternehmen & Bürgern (deutsche Unternehmer jammern ja gerne über die hohe Steuerbelastungen in D, wenn man aber mal die Subventionszahlungen an, z.B. Siemens Gegenrechnet, dann sehen die Zahlen schon ganz anders aus). Dort würde ich ansetzen!

PS: Ich bin kein Betriebswirtschaftler, aber der gesunde Menschenverstand sagt mir, wir können nicht mehr ausgeben als wir haben & um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, müssen alle anpacken, wirklich alle.







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