Kampf unter den großen Börsen, verzweifelte Nische


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sir charles:

Kampf unter den großen Börsen, verzweifelte Nische

 
03.12.01 10:42
Kampf unter den großen Börsen, verzweifelte Nischensuche bei Kleinen

Wie viele Börsen verträgt der europäische Kapitalmarkt? Groß-Börsen wie London rüsten sich für den Konsolidierungsdruck.

Die Verschmelzung der London Stock Exchange (LSE) und der Deutschen Börse schlug fehl |

LONDON

"Es ist gar nicht so schlecht, wenn es mehrere Börsen in Europa gibt, die in Konkurrenz stehen. Das garantiert, daß die Transaktionskosten sinken. Bei nur einem Anbieter wäre das nicht so sicher." So spricht Alderman Michael Oliver, Chef der mächtigen und traditionsreichen Corporation of London, die den Finanz-Distrikt der Londoner City verwaltet. Von Börse-Fusionen will man in London nach dem spektakulär gescheiterten Coup einer Verschmelzung der London Stock Exchange (LSE) und der Deutschen Börse im Moment wenig wissen.


Nach der kürzlich ebenfalls gescheiterten Übernahme der Londoner Derivate-Börse Life durch LSE wurde der ehrwürdigen Londoner Börse, die als Kaffeehaus begann, in der öffentlichen Diskussion ein Mangel an Strategie vorgeworfen, wie man sich in einem Zusammenwachsenden europäischen Kapitalmarkt als Groß-Börse behaupten könne. Daß sich auf dem europäischen Markt längerfristig drei Groß-Handelsplätze (Deutsche Börse, LSE, Euronext) im Wettlauf um Blue-Chips halten können, wird von manchen Experten bezweifelt.


Auch die Ansicht Olivers wird nicht durchwegs geteilt. "Da ist man sich in der Theorie nicht einig", sagt etwa Markus Fichtinger vom Aktienforum der Industriellenvereinigung. "Die einen sagen, die Konkurrenz der Börsen sorgt für sinkende Transaktionskosten, andere behaupten, daß durch steigende Liquidität einer Börse die Kosten sinken". Die Tatsache daß eine europäische Groß-Börse nicht allein auf weiter Flur operieren würde, sondern in Konkurrenz zum amerikanischen Markt stehe, sei ebenfalls zu bedenken.


Jedenfalls hat sich die Situation in London geändert. LSE-Sprecher John Wallace erklärt, daß man noch vor einigen Jahren als renommierter Aktienmarkt mit jahrhundertelanger Tradition zurückgelehnt auf Kunden warten konnte, heute sei man in der ganzen Welt unterwegs, um Firmen nach London zu locken oder mit anderen Handelsplätzen (jüngst mit der Börse von Johannesburg) Kooperationen abzuschließen. Auch der Handel per Zettel und Zuruf wurde längst digitalisiert.


In einem anderen Punkt wurde freilich die Weltoffenheit der Londoner Börsianer in Zweifel gezogen. Obwohl der Boulevard gegen die geplante Fusion mit der deutschen Börse Sturm lief, waren es tatsächlich die etablierten und einflußreichen Londoner Händler, die sich durch eine Fusion nicht in ein direktes Konkurrenzverhältnis mit ihren deutschen Kollegen begeben wollen. "Da hat man vielleicht eher auf den kurzfristigen Vorteil als auf den langfristigen geschaut", denkt Fichtinger.


"Ich glaube nicht, daß es in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einer großen Konzentration in der europäischen Börse-Landschaft kommen wird", sagt Stefan Zapotocky, Vorstand der Wiener Börse AG. Das Fortschreiten der Automatisierung im Handel werde es erlauben, auch ohne Fusionen die Transaktionskosten zu senken. London habe dabei insofern schlechte Karten, als sein Handels-System Xetra, dem System der Frankfurter Börse, oder OM, jenem der skandinavischem Börsen, unterlegen sei. Tatsächlich soll LSE mit der Deutschen Börse über eine Übernahme von Xetra verhandeln. Anderslautende Gerüchte wollen von einem bevorstehenden Kauf der Stockholmer Börse OM durch LSE wissen.


Unabhängig von der weiteren Entwicklung der großen Börsen glaubt Zapotocky, daß regionale Handelsplätze wie Wien weiterhin eine Rolle spielen werden. "Die Struktur der europäischen Wirtschaft ist einfach eine ganz andere als die der amerikanischen." In den USA beherrscht der New York Stock Exchange den Markt. Die Klein- und Mittelbetriebe hingegen, die in Europa einen viel größeren Anteil am Wirtschaftsleben haben, wären laut Zapotocky an einer einzigen Großbörse fehl am Platz. "Die würden da untergehen, und genau das ist die Chance für kleinere Regionalbörsen."



Wie viele Börsen verträgt der europäische Kapitalmarkt? Groß-Börsen wie London rüsten sich für den Konsolidierungsdruck.
 
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