Kamp-Lintfort auf der Suche nach der neuen Zeit

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Kamp-Lintfort auf der Suche nach der neuen Zeit

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19.03.07 16:57
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HANDELSBLATT, Montag, 19. März 2007, 15:17 Uhr
Kamp-Lintfort nach BenQ Mobile

Auf der Suche nach der neuen Zeit

Von Nils-V. Sorge

Kamp-Lintfort erlebte zwei Hochphasen: Erst kam der Steinkohle-Boom, dann Siemens mit seinem Mobiltelefon-Werk. Eine Zeche gibt es noch, die Fabrik nicht mehr. Am Mittwoch treffen sich die Gläubiger der Pleitefirma BenQ Mobile und verteilen, was noch zu verteilen ist. Die ehemaligen Mitarbeiter bleiben zurück. Ein Handelsblatt-Report aus der gebeutelten Stadt.


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Kamp-Lintfort auf der Suche nach der neuen Zeit 3164491Vorbei. Bei BenQ Mobile sind die Lichter ausgegangen. Foto: dpa

KAMP-LINTFORT. Jörg Henke verschwindet fast hinter dem Turm aus ineinander gestapelten Stühlen, den er durch die Tür des Gemeindezimmers der Christuskirche trägt. Einen Stuhl nach dem anderen stellt der Ex-Mitarbeiter von BenQ an der Wand des Raumes auf.

„Heute wird es wohl wieder eng“, sagt Henke, setzt sich an einen der hellen Holztische und öffnet eine Flasche Sprudel. Gleich kommen die alten Kollegen ins Gemeindehaus von Kamp-Lintfort, mit denen der 42-Jährige bis vor kurzem für den taiwanischen Konzern BenQ Handys baute.

Nun ist BenQ Mobile insolvent. Am Mittwoch treffen sich in München die Gläubiger, um zu verteilen, was noch übrig ist vom ehemaligen Siemens-Werk in Kamp-Lintfort.

Innerhalb weniger Monate ist die Stadt am Niederrhein tief in eine Strukturkrise gerutscht, kam doch nach der BenQ-Pleite auch noch der Kohlekompromiss, der auch der letzten Zeche in Kamp-Lintfort das baldige Aus beschert. Rat in der Krise und Orientierung für die Zukunft suchen viele Bürger nun dort, wo sie beides schon einmal fanden: in Kamp-Lintforts Christuskriche, in der Nähe von Handywerk und Zeche.

Jörg Henke hatte eigentlich nicht gedacht, dass er hier nochmal Stühle und Getränkekisten schleppen würde. Doch nun ist es fast wie damals in den neunziger Jahren, als er noch im Bergwerk arbeitete und mit den Kumpel im Winter 1994/95 gegen Subventionskürzungen der schwarz-gelben Bundesregierung demonstrierte. Die Kirche war ihr Basislager. Hier gab es Kaffee und Zuspruch, als die Temperatur unter minus zehn Grad fiel.

Irgendwann wollte Henke nicht mehr für seinen Arbeitsplatz demonstrieren müssen. „Ich habe mir an mein Herz gefasst und bin zu Siemens gegangen. Meine alten Kollegen haben mir dafür auf die Schulter geklopft. Das ist die Zukunft, haben sie gesagt.“ Doch nun ist er wieder hier, beim Treffen der Entlassenen.

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Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Pleite von BenQ und das Ende des Steinkohlebergbaus treffen die Stadt doppelt.

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Der Turm der Christuskirche hebt sich kaum ab von der schwarzen Wetterwand, die sich an diesem milden Märzabend ostwärts schiebt. Es sind besonders dunkle Steine, aus denen die Kirche vor 90 Jahren für die evangelischen Bergleute erbaut wurde – die Sorte Backstein, mit der halb Lintfort hochgezogen wurde, als damals die Boomphase des Steinkohlenbergbaus der Stadt Zuwanderer und Wohlstand bescherte. Es sind die gleichen Steine, aus denen auch das Bergwerk drüben auf der anderen Straßenseite und die Arbeitersiedlung dahinter gebaut sind, in der Jörg Henke wohnt.

„Man kann schon am Architektonischen sehen, das gehört hier alles zusammen“, sagt Pfarrer Michael Ziebuhr. Der Mann mit dem kurzen Vollbart steht im Flur des Gemeindehauses, während Männer und Frauen, meist um die 40, hereinkommen. Sie schlagen sich zur Begrüßung auf die Schultern. Manche von ihnen haben ihre Büros und Werkbänke bei BenQ erst vor wenigen Tagen geräumt. Einige schieben noch die Maschinen in den Hallen für künftige Versteigerungen zusammen.

Als Ziebuhr 1996 Pfarrer in Kamp-Lintfort wurde, geriet er gleich hinein in den Existenzkampf der Stadt. Mahnwachen, Zelte, Solidaritätsgottesdienste – damals bangten die Bergleute um ihre Zukunft. Auch einen Arbeitskreis Kirche und Bergbau gab es, von ihm stammt die Stahlskulptur vor der Kirche. „Ora et Labora – in Sorge um die Region“, steht darauf. Vor 6 000 Menschen zelebrierte Michael Ziebuhr in klirrender Kälte den Weihnachtsgottesdienst. Im Jahr zuvor hatten 25 Bergarbeiterfrauen die Kirche nach dem Sonntagsgottesdienst aus Protest gegen die Subventionskürzungen einfach nicht mehr verlassen – und blieben sechs Wochen. Ihr Lager hatten sie unter dem Altar aufgebaut. „Hilf uns, die wütend sind“, sangen sie.

Nun fühlt sich die Stadt wieder in einem Überlebenskampf. Im BenQ-Werk, von der Kirche die Friedrich-Heinrich-Allee stadtauswärts und dann rechts, haben Jörg Henke und 1 600 andere ihren Arbeitsplatz verloren. Gegenüber im Bergwerk West ist nun klar, dass die 3 600 Mitarbeiter nur noch einige Jahre Steinkohle fördern werden. Für eine 40 000-Einwohner-Stadt ist das beängstigend.

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Lesen Sie weiter auf Seite 3:„Die Wirtschaft wächst, das schafft Spielraum für die Bewältigung der strukturellen Umbrüche“

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„Es besteht die Gefahr, dass wir in den nächsten zwölf Jahren zehn- bis 15 000 Arbeitsplätze verlieren“, sagt Bürgermeister Christoph Landscheidt. Der SPD-Mann geht davon aus, dass an jedem wegfallenden Arbeitsplatz ein bis anderthalb weitere hängen. Landscheidts Problem ist, dass es der Stadt mit einer Arbeitslosenquote von unter zehn Prozent derzeit noch zu gut geht, um an Fördergelder für strukturschwache Regionen zu kommen.

Zwar gibt es auch Lichtblicke: „Die Wirtschaft wächst, das schafft Spielraum für die Bewältigung der strukturellen Umbrüche“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Dietzfelbinger. Die Großstädte an Rhein und Ruhr sind nicht weit. Der Flughafen Weeze, Tourismus und die Logistikbranche machen Hoffnung.

Doch von der vermeintlichen Sicherheit der Vergangenheit müssen sich auch in Kamp-Lintfort viele dauerhaft verabschieden.

80 Männer und Frauen sitzen auf den Stühlen im Gemeindehaus. Auf jedem Tisch steht eine Vase mit einer gelben Osterglocke. Nach einer Weile steigt der Geräuschpegel. „Zu Hause kann es ja keiner mehr hören, was uns bewegt“, sagt eine Frau. Von abgesagten Reisen ist die Rede und der Unsicherheit, ob es einen Weg aus der Auffanggesellschaft gibt, den immerhin 300 der 1 600 ehemaligen BenQ-Mitarbeiter gefunden haben.

Pfarrer Michael Ziebuhr beobachtet das Geschehen nur. „Seelsorge ist ja nicht das Spezialfach von Theologen“, sagt er, „wenn Menschen sich hier verabreden können, sind sie sich gegenseitig Seelsorger.“

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Lesen Sie weiter auf Seite 4: „Wer bei BenQ 70 000 Euro im Jahr verdient hat, der kann nun froh sein, wenn er einen Job findet, bei dem er 40 000 bekommt“

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Anstöße geben, das will er schon: Im Dezember lud Ziebuhr zur Nikolausfeier der BenQ-Beschäftigten. Jörg Henke mimte den Nikolaus und verteilte Nüsse und Schokolade.

Auch wenn der Pfarrer in die Häuser kommt zu Taufen oder Trauerfeiern, begegnet ihm immer öfter die Angst vor der Arbeitslosigkeit – „ein Grundthema“ seiner Arbeit sei das nun. „Einige hier werden mit der Situation nicht fertig. Und wer weiß, wie es in zwei Jahren aussieht.“

Jörg Henke hat schon zu spüren bekommen, was die neue Zeit bedeutet. 60 Kilometer ist er zu einem Autozulieferer gefahren, um sich vorzustellen. Nur: „Als es auf das Thema Geld kam, habe ich das Gespräch abgebrochen. 8,50 Euro die Stunde – mein Auto fährt auch nicht auf Wasser.“

„Wer bei BenQ 70 000 Euro im Jahr verdient hat, der kann nun froh sein, wenn er einen Job findet, bei dem er 40 000 bekommt“, heißt es im Rathaus von Kamp-Lintfort. „Bis die Leute so weit sind, das einzusehen, braucht es noch Zeit.“

Jörg Henke zieht seine Jacke über, während die anderen noch ein Lied zur Gitarre anstimmen. Der Sparklub wartet auf ihn. Seinen Beitrag hat er gerade auf fünf Euro pro Woche aufgestockt – damit es auch ohne Weihnachtsgeld für den Moped-Führerschein seines Sohnes reicht.


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Kamp-Lintfort auf der Suche nach der neuen Zeit popelfuchs
popelfuchs:

Tja das Leben geht weiter !

 
19.03.07 17:16
#2
Zitat: Wer bei BenQ 70 000 Euro im Jahr verdient hat, der kann nun froh sein, wenn er einen Job findet, bei dem er 40 000 bekommt“, heißt es im Rathaus von Kamp-Lintfort. „Bis die Leute so weit sind, das einzusehen, braucht es noch Zeit.“

Ich habe mal eine ZDF-Reportage über die letzten Mitarbeiter von Benq im Werk KAMP-LINTFORT gesehen ! für diese Mitarbeiter habe ich kein Mitleid,wenn man hört - ich muß mein Haus abzahlen oder für 11,- Euro Netto die Stunde im Krone-Werk gehe ich nicht arbeiten da verschlechter ich mich ja meinte einige Mitarbeiter,fehlen mir jegliche Worte ! Jahrelange von den Gewerkschaften in die unglaubliche Preis-Lohnliga hoch geprügelt worden und dann kommt aufeinmal der freie Fall für die vielen armen Mitarbeiter ! sowas schmerzt aber das Leben geht weiter ! aber viele Arbeitnehmer in Deutschland haben anscheinend niemals aus Ihrem Glaspalast geschaut was draußen auf dem Arbeitsmarkt los ist ! und dann kommt über Nacht die Quittung ! Naja wie damals bei Opel wo 8000 Mitarbeiter entlassen wurden und ein Opel-Mitarbeiter im Fernsehen meinte ach seine Abfindung ist viel zu wenig ! für 20 Jahre arbeiten nur 160.000 Euro habe se mir angeboten,naja wer im Monat 2500,- Euro Netto als Produktionsmitarbeiter bekommt da ist die Abfindung natürlich in seinen Augen ein Witz !
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@popelfuchs

 
#3
Das ist schon ein grundsätzliches Problem. Viele hier im Forum argumentieren immer die Löhne in Deutschland sind schlecht oder es gäbe Hungerlöhne. In gewissen Bereichen ist dieses sicher so und auch nicht gerechtfertigt. Die Arbeitnehmer der Großindustrie sind jedoch tatsächlich auf einem Lohnniveau angekommen von dem es schwer ist wieder runter zu kommen.
Die 70.000 Euro in dem Bericht halte ich für übertrieben aber 50.000 haben dort viel Menschen verdient. Das Problem ist niemand möchte etwas weggenommen bekommen. Als diese Menschen für ihre uppigen Gehälter vor einigen Jahren von einer 35 auf eine 40 Stundenwoche ohne Lohnausgleich gesetzt wurden war der Aufschrei groß. Außenstehende konnten das damals schon nicht verstehen. Jede Industrie in der die Gewerkschaften zu hohe Löhne (und auch Sozialleistungen) durchsezt bekommt irgendwann Problem im Wettbewerb siehe auch die US Autobauer (sicher wurden hier auch viele andere Fehler gemacht).
Mitarbeiter konnten in eine Jobbank, man mußte nicht arbeiten, aber anwesend sein, vollkommen demoralisierend. So etwas handeln Gewerkschaftler aus -zum Schutz der Arbeitnehmer-. Die Leute sitzen dann lieber in der Jobbank, dort gibt es dann 80% der lezten Gehälter ohne zu arbeiten, die Alternative wäre ein schlecht bezahlter Servicejob.

Gruß

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