Internet-Boom ohne Blase

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Internet-Boom ohne Blase

 
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Es tut sich was an Amerikas Westküste. Es wird wieder programmiert und getestet in Garagen, Containerbüros und Kellerwohnungen. Die Investoren hoffen, dass es sich diesmal nicht um eine platzende Blase handelt.

Von Miriam Vieregger

Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass die Dotcom-Blase platzte. Investoren reagierten danach lange Zeit auf Geschäftsideen von Internet-Unternehmen mit großer Vorsicht. Doch es gibt Anzeichen, dass die Dotcom-Szene im kalifornischen Silicon Valley die Kopfschmerz-Zeit überwunden hat.

«Es herrscht wieder großer Enthusiasmus hier», beschreibt Ethan Stock, Mitbegründer des Startup-Unternehmens Zvents, die Atmosphäre an der amerikanischen Westküste. Stock glaubt, dass der Optimismus gerechtfertigt ist: «Dieser Boom ist besser als der in den Neunzigern, weil sich die grundlegenden Geschäftsmodelle schon bewährt haben. Darauf wird jetzt aufgebaut.»

Nicht schwer, an Kapital zu kommen

Viele Investoren sehen das offenbar genau so. Es sei zurzeit «überhaupt nicht schwer», mit einer halbwegs soliden Idee an Kapital zu kommen, sagte Stock der Netzeitung. «Es gibt sehr deutlich die Bereitschaft, jetzt zu investieren.»

Geoffrey Arone, Mitbegründer des Unternehmens Flock, das am vergangenen Freitag einen neuen Internet-Browser auf den Markt brachte, bestätigt das. «Es war wesentlich einfacher als noch vor ein paar Jahren, für Flock das Kapital zusammen zu bekommen», berichtet Arone. Die Stimmung unter den zwölf Flock-Mitarbeitern in ihrem Garagen-Büro sei ausgezeichnet.

Firmengründung auf der Party

Die Entstehungsgeschichten von Flock und Zvents klingen wie typische Dotcom-Legenden der Neunzigerjahre. Ethan Stock und Tyler Kovacs von Zvents, beide Anfang 30, lernten sich 2004 eher zufällig auf einer Wanderung quer durch den Grand Canyon kennen. Ein paar Monate später trafen sie sich auf einer Party wieder. «Und ich hatte gerade diese Businessidee im Kopf, und ich wusste dass Tyler so ein Programmier-Freak ist», erinnert sich Stock. «Ich kannte ihn ja von dieser Monsterwanderung, und ich dachte mir, der Typ kann eine Menge wegstecken – also habe ich ihn gefragt ob er mein Partner werden will.» Das war im Frühjahr. Heute beschäftigen Stock und Kovacs bei Zvents neun Angestellte.

Zvents ist eine Veranstaltungskalender-Suchmaschine für San Francisco und Umgebung. Events können nach Datum, Art der Veranstaltung und Ort gesucht werden. Wer nur eine vage Idee davon hat, was er machen will, gibt lediglich «Kinder» und «Wochenende» ein, und Zvents spuckt alles aus, was für die lieben Kleinen geboten wird. Darüber hinaus liefert Zvents zu jeder Aktion gleich Wegbeschreibungen und Straßenkarten für die Anfahrt, die Webadresse der Veranstaltungsorte, und allerlei andere Informationen. Darüber hinaus ist Zvents interaktiv, jeder Benutzer kann sich die Website individuell zurechtschneidern und mit dem eigenen Kalender oder Blogs verlinken.

Erprobte Konzepte

Spezialisierte Suchmaschinen wie Zvents, PinpointTravel (für Reisen) und Nextaris (für Online-Dokumente) machen einen beachtlichen Teil der Internet-basierten Neugründungen aus. Unternehmen wie Google und Yahoo haben gezeigt, dass das Geschäftsmodell – kostenloser Suchservice, Einnahmen über Anzeigen – funktioniert. «Google und Yahoo haben bewiesen, dass da ein Milliarden-Dollar-Werbemakt existiert», erklärte Ethan Stock. «Das ist das Rezept: Ein bewährtes Modell plus die neue, fantastische Software.» Willkommen im Silicon Valley des Jahres 2005.

Auch Flock bewegt sich mit seinem Browser gewissermaßen im Windschatten der Geschäftsmodelle von Google und Yahoo. Andere Browser wie Opera und Firefox seien Beispiele dafür, dass die Kooperation mit Suchmaschinen es ermöglicht, den Browser für Nutzer kostenlos zur Verfügung zu stellen und trotzdem Profit zu machen, beschreibt Bart Decrem, ebenfalls Mitbegründer und derzeit Chef von Flock.

Die genannten Browser haben ein Fenster des jeweiligen Suchdienstes, mit dem sie zusammen arbeiten, auf ihrer Seite integriert. Die Suchdienste zahlen dafür, weil es die Zahl der Nutzer erhöht. «Wir sind zuversichtlich dass wir hier die Lichter nicht ausmachen brauchen, so lange genügend Menschen unseren Browser nutzen», so Decrem.

Milliarden für Telefon-Software

Neben spezialisierten Suchmaschinen gehören die Internet-Telefonie, so genannte soziale Netzwerke sowie Katalog- und Bestellservices zu den «heißen» Angeboten im Netz. Investoren sehen in diesen Sparten Gewinnchancen und unterstützen Neugründungen mit Kapital. Und etablierte Unternehmen zeigen wieder zunehmend Interesse an Übernahmen der Jungstars.

Eine Übernahme, die jüngst für viel Aufregung sorgte, ist der Kauf des Telefonie-Anbieters Skype durch den Internet-Giganten Ebay. Dem Online-Auktionshaus war das kleine Unternehmen 4,1 Milliarden Dollar wert. Etliche Experten befürchten zwar, Ebay habe sich auf ein völlig überteuertes Geschäft eingelassen. Etablierte Unternehmen sind aber offensichtlich willens, große Summen zu zahlen, um bei den technologischen Neuentwicklungen mithalten zu können.

Viele Übernahmen

Die absolute Zahl der Übernahmen in der Internetbranche dürfte in diesem Jahr zwar ähnlich wie in 2004 ausfallen. Insgesamt 821 Übernahmen von Internet-Firmen registrierte Thomson Financial für 2004, 654 Deals wurden bisher in 2005 angekündigt oder abgewickelt. Betrachtet man hingegen den Geldfluss, entsteht ein anderes Bild. Laut Thomson Financial wurden für Übernahmen in 2004 insgesamt rund 32,3 Millionen Dollar gezahlt. In diesem Jahr beläuft sich die Summe bereits auf 73,8 Millionen Dollar, mehr als doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr.

Im Juli kaufte zum Beispiel der australische Unternehmer und Medienmogul Rupert Murdoch die Firma Intermix Media, der die Networking-Webseite «MySpace.com» gehört, für rund 35 Millionen Dollar. Yahoo übernahm die Online Foto-Community «Flickr» und die Telefonie-Firma «Dialpad».

Neue Möglichkeiten

Die Dynamik in der Internetbranche beruht auf mehreren Faktoren. Zum einen sind manche Serviceleistungen wie die Internet-Telefonie durch die steigende Verbreitung von Highspeed-Verbindungen und Standleitungen überhaupt erst attraktiv geworden. Zum anderen eröffnen die so genannten Web-2.0–Anwendungen neue technische Möglichkeiten, und dies dank frei kursierender Open-Source-Sofware mit geringem Kostenaufwand für die aufstrebenden Firmen.

Der Boom macht sich vor allem für solche Dotcom-Unternehmen bemerkbar, die bereits an der Börse gelistet sind. «Das größere Interesse am Internetsektor lässt die Aktienpreise in die Höhe steigen. Gelistete Unternehmen können diese als mögliche Akquisitionswährung verwenden, was sicher zu den vielen Übernahmen in diesem Industriesegment beigetragen hat», erklärt Caroline Kracht, Spezialistin bei der Investmentbank Morgan Stanley in Frankfurt, der Netzeitung.

Wert der Firmen steigt rasant

Wer in Dotcom-Aktien angelegt hat, kann sich derzeit freuen. Den Analysten bei Standard & Poors zufolge ist der Wert der Aktien im Korb «Internet Software und Services» von Januar 2004 bis Oktober 2005 um 49 Prozent gestiegen. Der Index für die S&P 500 ist im gleichen Zeitraum lediglich um 6 Prozent gestiegen.

Optimisten wie Ethan Stock sind der Meinung, dass die momentane Aktivität im Internetsektor eine stabilere Entwicklung ist als der letzte Boom. Auch Kracht meint: «Der 'Shakeout' im März 2000 hat dazu geführt, dass größtenteils nur solche Internetunternehmen überlebt haben, die tatsächlich Geld mit ihrem Geschäft verdienen und auf eigenen Beinen stehen können.»

«Keine Renaissance»

Es werde sicher auch wieder «spektakuläre Reinfälle» geben, sagt Geoffrey Arone von Flock. «Dennoch ist dieser Boom keine Renaissance von 1999. Damals haben alle wie verrückt mit dem Geld gespielt, und keiner wusste was passieren würde», so Arone. «Diesmal haben die Beteiligten, auch die Investoren, eine viel genauere Vorstellung davon, wo es hingehen soll.»

Einige Experten befürchten trotzdem, dass die Branche schon wieder kräftig an der Riesenblase bastelt, die früher oder später platzen muss. «Als ich von dem Skype-Deal gehört habe, musste ich mich erstmal im Kalender versichern, dass es tatsächlich 2005 ist, und nicht 1999 oder 2000», zitierte «Business Week Online» Ende September den Investment Banker Peter Falvey von Revolution Partners. Noch lässt sich schwer sagen, wie sich der neue Dotcom-Boom weiter entwickeln wird. Eines ist sicher: Es tut sich wieder was in den Garagen im Silicon Valley.
(NZ)


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