Ich warne dich, ehrwürdiger Scheich

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Ich warne dich, ehrwürdiger Scheich quantas

Ich warne dich, ehrwürdiger Scheich

 
#1
Abu Mussab al-Sarkawi

Der Autor dieses Beitrags ist der gefürchtetste Terrorist im Irak. Er rechnet mit seinem Ziehvater ab, der ihn zur Mässigung im Dschihad aufgerufen hatte.

Kein Terrorist verkörpert Gewalt und Fanatismus wie Abu Mussab al-Sarkawi. Erste Schlagzeilen machte der 39-jährige Jordanier mit gefilmten Enthauptungen gefesselter Geiseln im Irak. Gut zwei Jahre nach der US-Invasion überzieht Sarkawi, inzwischen zum Stellvertreter Osama Bin Ladens im Irak aufgestiegen, mit einer pausenlosen Terrorkampagne das Zweistromland. Die Gewalt, mit der er selbst gegen muslimische Zivilisten und schiitische Einrichtungen vorgeht (rund neunzig Prozent der Anschlagsopfer im Irak sind Muslime), hat nicht nur im Westen Irritation und Abscheu provoziert.

Der bitterste Kritiker stammt aus Sarkawis eigenen Reihen. In einem vielbeachteten Interview, das die Weltwoche zusammen mit Al-Dschasira-TV und der arabischen Tageszeitung Al-Hayat veröffentlicht hat, zog Sarkawis Mentor, der Jordanier Abu Mohammed al-Makdisi, seinen ehemaligen Zögling zur Rechenschaft. Selbstmordattentate, Enthauptungen von Geiseln, Angriffe auf Frauen und Kinder sowie die Ermordung von Schiiten im Irak beschmutzten den wahren Dschihad und seien falsch.

Die deutlichen Worte sind bemerkenswert, denn Makdisi war nicht bloss Sarkawis Lehrer, sondern gilt als einer der einflussreichsten Ideologen des Islamismus überhaupt; seine Äusserungen sind für viele künftige «Märtyrer» eine Quelle der Inspiration. (So fanden sich Schriften Makdisis in der Hamburger Wohnung von Mohammed Atta, dem Koordinator der Anschläge vom 11. September).

Der «Pfeil aus den eigenen Reihen» sollte nicht ohne Folgen bleiben. Makdisis Anklage hat Sarkawi derart verärgert, dass er aus seinem Versteck im Irak mit einem elfseitigen Traktat antwortete. Die Weltwoche druckt exklusiv Auszüge aus diesem Dokument, das einen seltenen Einblick in Ideologie, Strategie und Gemütsverfassung des derzeit gefürchtetsten Terroristen der Welt verleiht:

«Gott, der Erhabene und Allmächtige, prüft seine Diener im Laufe der Zeit durch verschiedene Katastrophen und Unglücksfälle. Eine Form dieser Prüfungen vollzieht sich erneut im Zweistromland, nachdem die Anbeter des Kreuzes in einem der grössten Kreuzzüge, die unsere heutige Geschichte erlebt hat, dieses Land überfallen haben, damit sie Gottes Diener spalten und das Land beherrschen.

Da hat Gott seine kämpfenden Diener und aufrechten Freunde gesegnet, ihnen den Sieg in der Schlacht der Parteien, der ersten Schlacht von Falludscha, beschert. Er hat ihren Feind niedergerungen und in die Flucht geschlagen.

Doch während die Kämpfer Gottes sich unter dem Schutz dieses klaren Sieges wähnten, wurde ihre Freude getrübt und die Süsse des Sieges ihnen durch einen neuen Pfeil, der sich gegen ihre Brust richtete, vergällt. Diesmal kam er von einem Mann, der zur Richtung der Mudschaheddin gerechnet wird, einem Gelehrten: von Scheich Abu Mohammed al-Makdisi, Gott schütze ihn. [...]

Ich offenbare hier kein Geheimnis, wenn ich sage, ich dachte, es sei das Stolpern eines Reiters, von dem er sich schnell aufrichten wird, womit dann die Sache ein Ende gehabt hätte. Aber Scheich al-Makdisi bestätigte seine Kritik in Gesprächen mit verschiedenen Medien [Al-Dschasira-TV, Al-Hayat, Weltwoche]. Dort hat er auch freimütig erklärt, er spreche aus eigenem Antrieb, keiner zwinge ihn zu diesen Äusserungen.

Da habe ich erkannt, dass die Angelegenheit die Grenzen des Ratschlags und Beistands überschreitet. Andere Dimensionen wurden sichtbar, vor allem in dieser heiklen Phase, in der die Zerstörung der Armeegewalt der Kreuzanbeter jedem klar vor Augen steht. Deshalb habe ich mich verpflichtet gesehen, einige Tatsachen zu erläutern und gewisse Irrtümer zu korrigieren.

Der Scheich, Gott schütze ihn, hat gesagt, ich gehöre zu denen, die Nutzen von ihm erfahren und unter dem Schirm seiner Gelehrsamkeit geweilt haben. Ich hätte nie etwas getan, ohne ihn um Rat zu fragen, und sei nur seiner Meinung, seinen Vorschlägen gefolgt.

Dazu sage ich: Zweifellos ist der unwürdige Diener [Sarkawi] Scheich Mohammed zu grossem, ja überwältigendem Dank verpflichtet. [...] Doch so wie ich von Scheich Mohammed gelernt habe, so habe ich auch von anderen Gelehrten gelernt. Ich bin nicht allem, was al-Makdisi sagt, verpflichtet. Das Wissen ist nicht sein alleiniges Monopol. Nicht alles, was al-Makdisi sagt, ist richtig und muss befolgt werden, vor allem nicht in Angelegenheiten des Dschihad und der jetzt stattfindenden Schicksalsschläge.

Auf meinem Weg des Dschihad nehme ich keine Sache in Angriff, ohne die Bestimmungen der Scharia [islamisches Recht] vor Augen zu haben. Ich wage nichts, ohne die aufrechten, kämpferischen Leute des Wissens zu befragen. Gott allein weiss, dass die Beziehungen zwischen mir und einigen Leuten des Wissens, die einen höheren Rang einnehmen als Scheich Mohammed al-Makdisi, nie abgebrochen sind. Ich bitte sie bei fast allen Fragen, die zur Entscheidung anstehen, um ihre Fatwas [Rechtsgutachten. Da der sunnitische Islam keinen Klerus kennt, gibt es auch keine allgemein akzeptierten Bestimmungen darüber, wer eine Fatwa ausstellen kann und wer nicht. So können verschiedene islamische Geistliche widersprüchliche oder konkurrierende Fatwas ausstellen].

Jeder, der den unwürdigen Diener und den Scheich Mohammed al-Makdisi in und ausserhalb der Haftanstalt [Sarkawi und Maktisi haben mehrere Jahre zusammen im jordanischen Hochsicherheitsgefängnis Suwaka verbracht] gekannt hat, weiss mit Sicherheit, dass ich in vielen Fragen anderer Auffassung als er war, vor allem in Fragen des Dschihad und des kollektiven Handelns. Als ich aus der Haft entlassen wurde [1999] und beschloss, in das Land des Dschihad [Afghanistan] zu ziehen, habe ich Scheich Mohammed nicht um Rat gefragt; ich erkannte einen anderen Weg, unserem Glauben zum Sieg zu verhelfen, als den Weg, den Scheich Mohammed vorgezeichnet hatte. [...]

Der Scheich hat gesagt, ich hätte Scheich Osama Bin Laden als Voraussetzung für meine Zusammenarbeit mit ihm die Bedingung gestellt, die Lehren von Scheich Mohammed zu unterrichten.

Ich antworte: Diese Behauptung entbehrt jeglicher Wahrheit. Ich habe nie mit Scheich Osama über diese Angelegenheit gesprochen. [...] Dann gibt es noch Fragen, die mich beunruhigen: warum diese Äusserungen gerade jetzt, in dieser heiklen Phase, zumal ich jetzt einer der Soldaten von Scheich Osama bin? Welches Interesse verbirgt sich dahinter? Wem nützt es ausgerechnet jetzt, so etwas zu erwähnen?

Der Scheich hat behauptet, ich hätte mit seiner Meinung, dass Märtyreroperationen verboten seien, übereingestimmt. Trotzdem hätte ich sie im Irak ausgedehnt.

Ich sage: Es ist nicht so, wie der Scheich behauptet. Ich habe sie für verboten gehalten, als ich während der kommunistischen Eroberung in Afghanistan war. Darin bin ich einigen angesehenen Gelehrten jener Zeit gefolgt. Al-Makdisi habe ich damals noch nicht gekannt. Als ich ihn dann traf, entsprach meine Überzeugung seinen Aussagen. Nach unserer Haftentlassung ging ich erneut nach Afghanistan. Dort habe ich Scheich Abdullah al-Muhadschir [saudischer Gelehrter, unter Islamisten hoch verehrt; er befindet sich mutmasslich noch heute in Afghanistan] kennen gelernt. Wir haben über die Märtyreroperationen gesprochen. Der Scheich hielt sie für erlaubt. Ich habe eine kostbare Studie von ihm darüber gelesen, habe auch Kassetten von ihm über diese Frage gehört. Gott erfüllte mein Herz mit Freude über seine Auffassungen. Ich habe nicht nur erkannt, dass sie erlaubt sind, sondern habe sie auch für empfehlenswert gehalten. Das ist bei Gott der Segen des Wissens und des Umgangs mit Leuten des Wissens. Ich habe einen kurzen Scharia-Kurs von zehn Tagen für Scheich al-Muhadschir im Lager Herat organisiert [Sarkawi betrieb 1999–2001 ein Terrorcamp in der westafghanischen Stadt]. Er hat in diesem Rahmen die gesetzlichen Grundlagen dieser Operationen den Brüdern erläutert, was den grössten Eindruck bei ihnen hinterlassen hat. [...]

Der Scheich hat gesagt: Er ist gegen die Sprengung von Kirchen und Tötung der Zivilisten.

Ich entgegne: Ich weiss nicht, woher der Scheich seine Nachrichten erhält. Im Zweistromland leben viele Religionsgemeinschaften wie z. B. die Sabäer, die Yeziden, die den Teufel anbeten, die Chaldäer und die Assyrer. Ihnen allen haben wir nie geschadet, niemals haben wir unsere Pfeile gegen sie gerichtet, obwohl es Religionsgemeinschaften sind, die mit dem Islam nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Denn wir haben nicht feststellen können, dass sie sich am Kampf der Kreuzzügler gegen die Mudschaheddin beteiligt haben, also nicht die niederträchtige Rolle spielten wie die Schiiten.

Der Scheich hat Vorbehalte geäussert in Bezug auf unseren Kampf gegen die Schiiten und vertrat die Lehrmeinung, dass die breite Masse der Schiiten wie die breite Masse der Sunniten zu betrachten sei.

Ich erwidere: Was nun unseren Kampf gegen die Schiiten betrifft, so haben wir mehrmals erklärt, dass wir sie nicht angegriffen, keine Pfeile gegen sie abgeschossen haben. Sie haben mit der Liquidierung der sunnitischen Kader begonnen, damit angefangen, sie zu vertreiben, ihre Moscheen und Häuser zu usurpieren. Die Verbrechen der Badr-Brigade sind uns noch in Erinnerung [die Badr-Brigade ist die stärkste Miliz im Irak, sie ist der militärische Arm von Schiitenführer Abdulasis al-Hakim]. Hinzu kommt, dass sie sich hinter den Polizeiuniformen und denen der heidnischen Wachmannschaften verstecken, aber vor allem ihre Loyalität gegenüber den Kreuzzüglern ist es, die es uns unmöglich macht, sie nicht zu bekämpfen.

Aber zu behaupten, die breite Masse der Schiiten sei der der Sunniten gleichzustellen, ist ungerecht den Sunniten gegenüber. Sind diejenigen, denen die Einheit Gottes der Ursprung ist, mit jenen gleichzustellen, die bei al-Hussein und der Familie des Propheten Zuflucht suchen? Auch glauben sie an die Unfehlbarkeit ihrer Imame. Ihnen schreiben sie die Rolle der Vorsehung und der Lenkung der Geschicke des Universums zu, neben allen anderen Formen der Götzendienerei, die man kennen muss. Sie nicht zu kennen, ist unentschuldbar.

Sind diejenigen, die der Gefährten des Propheten mit Wohlgefallen gedenken, mit denen gleichzusetzen, die diese Gefährten hassen, sie sogar verfluchen? Der lauteren Aischa [Lieblingsfrau des Propheten Mohammed] werfen sie Unzucht vor. Nein, bei Gott, gleichzusetzen mit den Sunniten sind die Schiiten nicht. [...]

Wer ihre Verhältnisse im Irak kennt, weiss genau, dass die Schiiten keine breite Masse nach deiner Definition mehr sind. Sie sind Söldner des heidnischen Besatzers, Spitzel gegen die wahren Mudschaheddin. Sind nicht al-Hakim und al-Dschaafari [Premierminister der irakischen Übergangsregierung] und weitere Schiiten mit ihren Stimmen an die Macht gekommen? [...]

Der Scheich hat geäussert, er befürworte es nicht, wenn die jungen Männer in den Irak gehen. Es wäre seiner Beschreibung nach der Holocaust für sie.

Ich sage: Das ist bei Gott das grösste Unglück. Ist es denn zu begreifen, dass solch eine Fatwa von einem Scheich wie Abu Mohammed geäussert wird?

Über welchen Holocaust sprichst du, verehrter Scheich? Der eigentliche Holocaust ist es, Gottes Urteil nicht zu vollstrecken und der Mobilmachung zu den Schlachtfeldern des Dschihad nicht zu folgen. Der Holocaust ist, wenn man zögert, die gefangenen Muslime in Guantánamo und Abu Ghraib zu erlösen. Der Holocaust ist, wenn wir es versäumen, unsere reinen, keuschen Schwestern, die morgens und abends vor den Augen und Ohren der Welt von den Kreuzzüglern und den hasserfüllten Schiiten vergewaltigt werden, zu befreien. [...]

Ich rate den Muslimen, sich von dieser Fatwa abzuwenden, in der der Scheich äussert, die Mobilmachung der Jugend, um ihren Glauben, ihre Ehre und alles, was ihr heilig ist, zu verteidigen, sei ein Holocaust. Damit widerspricht er dem Konsensus der Umma [religiöse Gemeinschaft aller Muslime], den zügellosen Feind abzuwehren. Ihr sollt den Religionsgelehrten der Mudschaheddin und ihren Führern folgen. Zum Beispiel Scheich Osama Bin Laden: Er ist der Meinung, dass ihr vor einem grossen Durchbruch steht. Er schwört, wenn er eine Möglichkeit sähe, würde er dem Kampfruf in den Irak folgen. Auch Scheich Ayman al-Zawahiri sieht euren Kampf als religiöse Pflicht und Verantwortung [...], und auch viele andere betrachten den Dschihad im Irak als die höchste aller Pflichten.

Ist denn diese Fatwa, gerade in dieser Zeit, wo jedem klar wird, dass die amerikanische Armee geschwächt ist, etwas anderes als ein Mittel, Bush und seine Söldner zu retten, auch wenn das nicht so gemeint oder beabsichtigt sein sollte? [...] Wisse, Abu Mohammed, ich könnte viele deiner Irrtümer mit Macht widerlegen. Aber diese Macht, diese Strenge und Rohheit hebe ich für die Feinde dieses Glaubens auf. Sie sind nicht gegen meine Brüder zu richten. Das hat Gott, der Allmächtige und Erhabene, uns befohlen. Ich möchte dir die frohe Botschaft mitteilen, Abu Mohammed, dass die Anbeter des Kreuzes, die Säkularisten, die Schiiten, die islamische Partei, die Dschahmiten und die Murdschiten im Irak deine ‹Beistandsschrift› verteilen, um die Menschen daran zu hindern, sich dem Zug der Mudschaheddin anzuschliessen. Wisse, du unser rechtschaffener Scheich, nach deinem Gespräch [mit Al-Dschasira-TV, Al-Hayat und Weltwoche] haben die Feinde Gottes, Säkularisten und andere Heuchler eine sehr ruhige Nacht verbracht: Sie liessen erklären, dass al-Makdisi abgeschworen habe, also eine Spaltung der Mudschaheddin zu erwarten sei.

Es wäre besser, du hättest das abgewartet, was du an Nachrichten von uns vernimmst. Das zeigt dir die Wirklichkeit, in der wir leben. Danach kannst du die religionsrechtlichen Wege suchen, uns Ratschläge zu geben. Was davon wahr ist, werden wir beherzigen und umsetzen. Andernfalls werden wir dir unsere religionsrechtliche Sicht erläutern, die sich nach der Wirklichkeit richtet, in der wir leben und die du nicht kennst, weil du weit weg bist.

Ich warne dich in Gottes Namen, folge nicht dem Wege Satans, sonst gehst du unter. Hüte dich, du, unser rechtschaffener Scheich, vor den Fallstricken der Feinde Gottes.

Hast du nicht das auffallende Interesse aller Medien an diesem unglücklichen Gespräch gemerkt, du ehrwürdiger Scheich? Hast du nicht daran gedacht, dass die gekauften Mikrofone das Recht niemals unterstützen und das Unrecht niemals bekämpfen? Vielmehr setzen sie alles daran, die Reihen der Muslime zu spalten und dem Honig Gift beizumischen.

Wisse, verehrter Scheich, es könnte sein, dass ich an mir selber zweifle, aber ich zweifle nie an deinem Glauben. Aber warum hast du den Feinden eine Bresche in die Reihen deiner Brüder geschlagen? Gott ist unsere Zuflucht, einen besseren Fürsprecher gibt es nicht.

Ehe ich schliesse, muss noch Folgendes gesagt werden: Die Verdienste und Leistungen des Scheichs al-Makdisi, Gott beschütze ihn, müssen anerkannt werden. Er gehört zu den Vertrauenswürdigen. Er verdient, mehr als viele andere, dass man ihn entschuldigt und ihm wieder aufhilft. Wären die Äusserungen des Scheichs nicht so gefährlich und deren Folgen nicht so negativ für den Dschihad und die Mudschaheddin, hätte es diese Erwiderung nicht gegeben.»

Aus dem Arabischen von Cherifa Magdi

Bearbeitet von Urs Gehriger

Die Weltwoche, Zürich



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