"Ich habe nichts gegen Dackel"

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"Ich habe nichts gegen Dackel"

 
#1
(.....ich auch nicht)



"Ich habe nichts gegen Dackel"


Ein Gespräch mit Joachim Kaiser über Genie und Eitelkeit, die Macht der Kritiker und über München / Von Frank Schirrmacher


FRAGE: Was soll nun werden?


ANTWORT: Meinen Sie das politisch oder literarisch?


FRAGE: Suchen Sie es sich aus.


ANTWORT: Ich bin politisch ziemlich verzagt. Mir scheint, daß die politische Klasse die Situation Deutschlands nach der Wahl wie ein mißlungenes Fußballendspiel betrachtet. Wo es nun eine Verlängerung gibt, was aber doch nicht so schlimm ist. Nach dem Motto: wollen doch mal sehen, wie es weitergeht. Während mich das Gefühl quält, die Nation sei auf lange Zeit hin in fürchterlicher Weise handlungsunfähig geworden. Und zwar beide Seiten, sowohl die CDU/CSU als auch die SPD.


FRAGE: Was haben Sie denn gewählt?


ANTWORT: Muß ich das wirklich beantworten? Also: als Zweitstimme die FDP, weil ich dachte die CDU/CSU gewinnt sowieso sehr hoch, und als Erststimme eben diese. Weil ich finde, Schröder und die SPD - die ich früher einmal gewählt habe - hätten nun sieben Jahre ihre Chance gehabt. Und durch einen anfangs geradezu himmelschreienden Dilettantismus vertan. Jetzt müssen es die anderen probieren, zumal ich die Pläne des zweiundsechzigjährigen Heidelberger Theoretikers gar nicht so falsch fand.


FRAGE: Der Heidelberger ist ja Professor wie Sie.


ANTWORT: Ich habe ihn einige Male erlebt, und er hat mich jedesmal überzeugt. Ich finde die stufenweise Gliederung der Steuersätze und vor allem den radikalen Abbau aller Steuervergünstigungen durchaus plausibel. Jeder braucht ja heutzutage einen Steuerberater und eine hilfreiche Sekretärin.


FRAGE: Dann müssen Sie aber auch sehr viel verdienen.


ANTWORT: Es geht. Ich verdiene keineswegs sehr viel, aber ich tue es auf verwirrend verschiedene Art und Weise.


FRAGE: Zahlt die "Süddeutsche" genug?


ANTWORT: Das tut sie gewiß nicht, doch sie behandelt mich gut. Ich fahre einen Dienstwagen, und sitze in einem schönen Büro. Ich vertrete übrigens immer die Devise, daß man in seiner Position lieber ein bißchen zuwenig bekommen soll. Dann hat man die Chance und die Möglichkeiten, eigenwillig, souverän und ohne Angst zu arbeiten.


FRAGE: Sie haben die Aufgabe, für den Brockhaus des Jahres 2100 den Eintrag "Joachim Kaiser" zu verfassen. Was steht da drin?


ANTWORT: Muß ich nun rot werden? Also, vielleicht so: ". . . bekannte sich zu seiner Subjektivität, nahm Interpreten und Interpretationen sehr ernst, schien auf eine konservative Weise interessiert daran, daß die Forderungen großer Texte oder Partituren erfüllt werden."


FRAGE: Jorge Luis Borges hat einmal in einem ähnlichen Fall hinzugefügt: ". . . und hatte zeitlebens Angst aufzufliegen". Können Sie das nachvollziehen?


ANTWORT: Oh ja! Ich weiß doch über den cleveren Renommierjargon, über die kollektive Klassiklüge nur zu gut Bescheid . . . da wird in besseren Kreisen - es wirkt auf die armen Außenstehenden fürchterlich abschreckend - enorm gemogelt. Als hätten alle alles gelesen zwischen Homer und Tolstoi, Vergil und Thomas Mann, Balzac und Beckett, Günter Grass und Botho Strauß . . . Für mich - weil ich ein krankhaft passionierter Leser bin - sind die glücklichsten Momente, wenn ich vor den Ferien aus meiner Bibliothek ein Buch heraussuche, von dem alle Literaten sagen, sie kennten es längst. Zum Beispiel "Wilhelm Meisters Wanderjahre" oder "Der Jüngling" von Dostojewskij. Das ist ein sehr schwer lesbarer Roman. Solche Werke kosten die Investition von vier oder sechs Wochen angestrengtem Lesen. Aber diese Investition lohnt! Sie verändert, ja bereichert. Ob das viele auf sich nehmen?


FRAGE: Hand aufs Herz: Welches große Werk der Weltliteratur kennen Sie nicht?


ANTWORT: "Die Farbenlehre" von Goethe, vieles von Klopstock, leider auch "Der Titan" von Jean Paul (dessen "Vorschule der Ästhetik" und Novellen nicht nur wunderbar, sondern auch lesbar sind).


FRAGE: Das ist alles? Was noch?


ANTWORT: Jetzt muß ich nachdenken. Man weiß ja nicht genau, was alles man nicht weiß . . .


FRAGE: Aber den "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil, den haben Sie natürlich gelesen?


ANTWORT: Ich habe ihn gelesen, doch nur ächzend. Ich machte mir viele Notizen. Der Roman schien mir ein wenig überformuliert.


FRAGE: Anders gefragt: Welchen Schriftsteller, welchen Komponisten, welches Werk müssen wir gar nicht erst kennenlernen wollen?


ANTWORT: Schreckliches Zensurverlangen! Wahrscheinlich muß man in ungenügender deutscher Übersetzung den dritten Teil von Dantes "Göttlicher Komödie" nicht kennen, obwohl dieser Teil vielleicht sogar der schönste ist. Ich könnte es auch verstehen, wenn die Leute bei Uwe Johnson streiken. Oder Kempowski nicht für einen Autor halten, sondern nur für einen passionierten Kompilator.


FRAGE: Komponist?


ANTWORT: Über gewisse ideologisch starre Zwölftonsachen Schönbergs scheint doch die Zeit hinweggegangen zu sein. Das Leben ist kurz, wir müssen wählen. Mein Schlafzentrum wird auch aktiviert beim späten Sibelius oder sogar bei Mahler, wenn er positive Finali bieten möchte.


FRAGE: Die Leute hören auf Sie.


ANTWORT: Ach Gottchen, falls wirklich stimmt, was Sie sagen, darauf wäre ich stolz. Daß ich anscheinend eine Art "Gemeinde" habe und behalte, ist gewiß der sehr deutschen Leidenschaft für die Erörterungen musikalischer Dinge zu danken. Seit mehreren Jahrzehnten halte ich hier in München öffentliche Vorträge, die sich mit Musik und Interpretationsvergleichen beschäftigen. Enthusiasten kommen aus München und von fern her, die Vorträge sind fast immer ausverkauft. Muß man ein solches, inniges Musikinteresse dem deutschen Publikum nicht hoch anrechnen?


FRAGE: Sie wirken ständig intellektuell bis zum Äußersten absorbiert, so karajanhaft vergeistigt, nur daß Sie mit dem Fahrrad und nicht mit dem Motorrad kommen.


ANTWORT: Leider ist das Fahrradfahren, der heftig beanspruchten Hände wegen, ausgesprochen klavierfeindlich. Ich kann noch ganz gut Brahms donnern, aber bei Mozart merke ich, was nun alles fehlt.


FRAGE: Das ist der Preis, den Sie für die physische Gesundheit zahlen.


ANTWORT: Ja, man zahlt immer solche Preise. Ich fahre schrecklich gesundheitsbewußt, ja fast süchtig Rad und ruiniere mir damit meine Klaviertechnik. Ich schreibe schrecklich fleißig und - um es etwas überspitzt zu sagen - verderbe mir damit mein Leben. Manchmal denke ich, ich kann gar nicht leben, sondern nur arbeiten.


FRAGE: Sie sind ein Ostpreuße, der in München lebt. Nehmen Sie an dem Bajuwarischen teil?


ANTWORT: Eher nicht. Jetzt fand wieder das Oktoberfest statt, aber ohne mich. Ich trinke lieber Wein oder Champagner als Bier - wo mir nur der erste Schluck wunderbar schmeckt.


FRAGE: Sie waren noch nie auf dem Oktoberfest?


ANTWORT: Ja doch, ich war natürlich früher, in lustiger Clique, schon mal da.


FRAGE: Aber Tracht tragen Sie ganz gern?


ANTWORT: Nein, auf Ehrenwort.


FRAGE: Haben Sie je Tracht getragen?


ANTWORT: Weder als Bayer noch als Ostpreuße. Veranstaltungen von Flüchtlingsvereinen oder -verbänden mied ich auch. Nein, mein Freund.


FRAGE: Ich frage mich ja nur, ob Sie bajuwarisch-permanedermäßig assimiliert sind?


ANTWORT: Es wäre doch idiotisch elitär, gegen Ursprünglichkeit, Heimat, Heimatkunst, süßen Heimatkitsch arrogant zu wüten. Aber wenn ich Bairisch zu sprechen versuchte, auch nach fast fünfzig Münchner Jahren, würden mich die Leute fragen, ob es Chinesisch sei. Ich will jedoch hinzufügen, daß die vielzitierte Liberalitas Bavarica keine Phrase ist. Man kann schon erstaunen darüber, was hier in München die Protestanten (ich bin ja auch Protestant) für eine Rolle spielen dürfen. Lange Jahre war ich zusammen mit Rudolf Goldschmit Leiter des Feuilletons der "Süddeutschen Zeitung". Niemand hat wissen wollen, ob wir Protestanten oder Katholiken seien. Ich glaube nicht, daß Hamburgs geistiges Leben von so vielen Katholiken beherrscht werden könnte wie das münchnerische von Protestanten, die inzwischen vielleicht verstohlene Katholiken wurden.


FRAGE: Werden Sie erkannt, wenn Sie durch München gehen?


ANTWORT: Gewiß. Als Radfahrer bin ich gefürchtet. Doch über meine Kritiken beschwert sich kaum jemand mehr. Die Leute haben sich gewöhnt. Sie nehmen meine Sachen hin - wie ein Unwetter. Wer protestiert gegen Hagelschlag?


FRAGE: Und die Politiker und Honoratioren schmücken sich mit "dem Kaiser"?


ANTWORT: Hoffentlich. Aber es gibt da Unterschiede. Als ich hier ein Verdienstkreuz bekam, lud Stoiber mich und andere Auserwählte in seine Staatskanzlei ein und ließ uns dann eine gute halbe Stunde warten.


FRAGE: Und sind Sie dann gegangen?


ANTWORT: Leider nein, der Orden war ja eine große Ehre. Mindestens fünfzehn Herren, auch der Chef von BMW, mußten samt Damen herumstehen. Stoiber rechtfertigte es lächelnd mit einem Telefonat. Ich fand es wenig nobel, ja ungezogen.


FRAGE: Aber es gibt ja auch noch ein anderes München. Hatten Sie Kontakt mit Moshammer?


ANTWORT: Ja, durch Burda. Das war ziemlich unvermeidbar.


FRAGE: Haben Sie miteinander diskutiert?


ANTWORT: Nun, "diskutiert" wäre zuviel gesagt . . . Wir sprachen miteinander. Er war sehr freundlich.


FRAGE: Aber nicht über Gegenstände der Kunst?


ANTWORT: Nein, so weit gingen wir nicht. Wir unterhielten uns besorgt über die angebotenen Getränke.


FRAGE: Hat er Sie gelesen?


ANTWORT: Er kannte wohl meinen Namen. Wir plauderten höflich miteinander. Und ich dachte, das gehört anscheinend auch zu München, aber mein München ist es nicht. Dann sein tristes Ende, nach welchem er wie ein Heiliger verehrt wurde! Nicht das mitleiderregende Faktum seines schlimmen Todes schien mir schaurig, wohl aber die groteske Reaktion darauf. So etwas leistet sich München auch.


FRAGE: Trübe Quellen behaupten, es gäbe ein Foto wo Sie Mooshammers Hund an der Leine halten.


ANTWORT: Das kann ich beschwören, daß das nicht der Fall war. Auf diesen Hund bin ich nicht gekommen.


ANTWORT:
FRAGE: Sie haben mal gesagt, Ihnen seien die Eitlen am liebsten.


ANTWORT: Mit Eitlen kommt man ja leicht aus. Ich glaube sogar, daß Kritiker konstitutiv eitel sein müssen. Adorno zum Beispiel war sicher der eitelste Mensch, den ich je kennengelernt habe.


FRAGE: Noch eitler als Hans Mayer?


ANTWORT: Nein, das denn doch nicht. Aber immerhin. Ich habe einmal übermütig zu Adorno gesagt: "Herr Professor, Ihr letztes Buch ist nicht nur das klügste, was nach Aristoteles je schriftlich niedergelegt wurde. Ich möchte noch ein Stück weitergehen und behaupten, es gehört zu Ihren besten Sachen." Statt mir entrüstet zu antworten: "Sie unverschämter Lümmel", sagte er geschmeichelt: "Ich habe mir auch viel Mühe gegeben." Als Deutschland, während der Apo-Revolte, in Flammen stand, 1968, fuhr Adorno nach Berlin, um dort einen Vortrag ausgerechnet über die "Iphigenie" zu halten. Ich begegnete ihm in Frankfurt auf dem Flughafen. Stolz erklärte er: "Das ist selbst für meine Begriffe ein dichter Text."


FRAGE: Wieso ist die Eitelkeit konstitutiv?


ANTWORT: Ein Kritiker muß subjektiven, kaum beweisbaren Empfindungen trotzdem objektive Bedeutsamkeit unterstellen. Sonst würde er sie nicht publizieren. Der Äußerungstrieb hat natürlich auch mit Eitelkeit zu tun. Aber sie hilft nicht beim Schreiben. Geht es Ihnen nicht auch so: Wenn man an einem größeren Aufsatz sitzt, vor einem weißen Blatt Papier, dann kommt man nicht auf die Idee, sich selbstbewußt anzuspornen mit dem Argument, wie erfahren oder berühmt oder mächtig man sei. Dergleichen hilft nicht. Man überlegt vielmehr ganz schlicht: Wie fange ich an? Die Eitelkeit verbirgt sich im Ausdrucksbedürfnis . . .


FRAGE: . . . und das beginnt in der Kindheit schon sichtbar zu werden.


ANTWORT: Dieses Ausdrucksbedürfnis zeigte sich bei mir in der Tat schon sehr früh. Es war ästhetisch motiviert. Ich wuchs höchst bürgerlich auf, leidenschaftlich interessiert an Musik. Ich habe mit sieben Jahren schon angefangen, Klavier zu spielen, später ein bißchen Cello gelernt, auch Klarinette. Tilsit liegt ja an der Memel, nahe der russischen Grenze. Die ungeheure Angst, die damals viele hatten vor Rußland und den Sowjets, hat mich natürlich auch geprägt. Doch im Grunde war ich unpolitisch und hoffte undeutlich auf ein Leben mit Musik.


FRAGE: Aber Sie sind doch ein guter Pianist, oder?


ANTWORT: Wirklich nicht sehr gut. Wären wir im Fernsehen, könnte ich demonstrieren, daß meine Daumen zu kurz sind. Klavierspieler leben von der Qualität ihrer Hände.


FRAGE: Spielen Sie abends Klavier?


ANTWORT: Eher am Morgen. Und zwar mit echtem Gefühl und falschem Fingersatz.


FRAGE: Warum machen Sie nicht eine CD?


ANTWORT: Das wäre eine zu billige Personality-Sensation. Das möchte ich vermeiden. Den schadenfrohen Triumph gönne ich meinen lieben Kollegen nicht.


FRAGE: Sartre sagt, man wählt, wer man sein will. Sie müssen Ihre musischen Begabungen ja bemerkt haben. Wollten Sie ein großer Pianist werden?


ANTWORT: Ich ahnte bald, daß ich keine reale Chance hatte. Ist man zehn Jahre alt, wenn der Krieg anfängt, und fünfzehn Jahre, wenn er aufhört, dann ist das Rennen gelaufen. Richard Strauss hat einmal gesagt, was man als Musiker, als Pianist, als Geiger, als Komponist mit fünfzehn Jahren nicht vollkommen beherrscht, darin bleibt man immer Dilettant.


FRAGE: Und der Krieg hat Ihnen diese Jahre genommen?


ANTWORT: Ich habe fast mehr Schulen als Klassen besucht, weil meine Eltern der Meinung waren, das Kind müsse immer in einer gewissen Entfernung von der Front zur Schule gehen. Der Krieg kam immer näher. Ziehen sie aber von einem Ort zum anderen, dann müssen sie zunächst eine Stelle suchen, wo sie Klavier üben können. Am nächsten Schulort wiederholt sich diese Prozedur.


FRAGE: Haben Sie gelesen in den "Erinnerungen" von Marcel Reich-

Ranicki, daß seine Frau, die sich in der Gettozeit als Dienstmädchen verdingte, als Jüdin aufflog, weil ihre Herrschaft sie beim Klavierspielen ertappte?


ANTWORT: Ich habe damals vorsichtshalber nicht Mendelssohn gespielt.


FRAGE: Das war aber zur gleichen Zeit, während Sie nach Ihrem Klavier suchten.


ANTWORT: Offenbar! Wobei ich mich damals aber immer mehr auch der Literatur zuwandte. Ich bin ja in einem musisch-bürgerlichen Arzthaushalt groß geworden. Mein Vater war praktischer Arzt, machte Krankenbesuche, nahm mich manchmal mit.


FRAGE: Sie waren ein Kind. Haben Sie mitbekommen, was mit den Juden geschah?


ANTWORT: Es gab ja noch Juden in Ostpreußen. Mein Vater fuhr mal zu einem jüdischen Patienten, zu einem Krankenbesuch. Ein scheuer, schüchterner, düster-schweigsamer Mensch. Es war mir unheimlich. Aber mein Papa ging rein und behandelte ihn.
FRAGE:

Wissen Sie, was aus denen geworden ist?


ANTWORT: Hoffentlich konnten sie zu ihrem Heil entkommen. Die jüdischen Ärzte, die damals in Tilsit praktizierten, emigrierten alle nach Israel. Sie ahnten wahrscheinlich, wie es weitergeht. Das hatte auch für meine Biographie eine merkwürdige Folge, als ich nach 1945 von Hugh Carlton Greene (dem Bruder von Graham Greene) in Hamburg daraufhin überprüft wurde, ob ich bereits als Schüler am NWDR beschäftigt werden konnte. Mein Vater trat nämlich 1932 als junger Arzt in die Partei ein, verkrachte sich aber mit irgendeinem Kreisleiter und trat deshalb 1934 wieder aus. Als er nun 1945 entnazifiziert werden sollte, weil er ja Nazi gewesen war, schrieb er nach Israel an seine alten Bekannten und Patienten. Und die antworteten derart hilfreich, daß ich, als ich die Briefe las, denken mußte, mein Vater sei eine Art Heiliger gewesen. Die schrieben: "Sie haben uns umsonst behandelt, und Sie haben uns Geld geschenkt." Verblüfft fragte ich: "Papa, stimmt denn das?" Er antwortete: "Mein Sohnchen, so doll war es nicht."

Fortsetzung auf Seite 26
FRAGE: In Ermangelung des Klaviers begannen Sie zu lesen?


ANTWORT: Nein, nicht nur deshalb. Sondern weil ich fühlte, ich müsse mich intellektuell wehren können. Der Staat drängte sich mit seiner Propaganda immer mehr auf. Das Politische wurde immer aggressiver. Die Hausfrauen mußten Handschuhe stricken für die Frontsoldaten. Es galt zudem fortwährend, Rede und Antwort zu stehen. Warum ziehst du dich zurück, warum bist du nicht Fähnleinführer und so weiter. Da fing ich an zu lesen, um besser dagegen argumentieren zu können. Das erste klassische Drama meines Lebens, da war ich vielleicht zehn oder elf Jahre, war "Der Menschenfeind" von Moliere. Ich weiß auch noch, wie meine Eltern sagten: ",Der Zauberberg' von Thomas Mann ist wohl nichts für das Kind."


FRAGE: Also noch mal: Sie haben als Kind Moliere gelesen, aber nicht den "Zauberberg"?


ANTWORT: Ich habe natürlich, gerade weil ich es nicht sollte, auch den "Zauberberg" gelesen. Ich verstand bestimmt nicht alles, spürte aber den ironischen Ton.


FRAGE: Wie alt waren Sie da?


ANTWORT: Na, in solchen Fällen schwindelt man. Vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahre.


FRAGE: Wußten Sie, wo der Thomas Mann sich in diesem Augenblick befand?


ANTWORT: Genau wußte ich es nicht. Darüber habe ich auch nicht nachgedacht. Die Eltern sagten, er sei emigriert. Oft kümmert man sich um das Wichtigste nicht.


FRAGE: Wer behauptet, nichts von dem stattfindenden Holocaust gewußt zu haben . . .


ANTWORT: Wenn ich behaupten würde, ich hätte damals keine Ahnung gehabt von erzwungener Emigration und von den deutschen Konzentrationslagern, würde ich lügen. Nur über die Vernichtungslager - Auschwitz, Treblinka - war der breiten Öffentlichkeit tatsächlich nichts bekannt. Die KZs jedoch, etwa Dachau, sind dem Namen nach zumindest allen erwachsenen Deutschen geläufig gewesen. Nur: In dem Dringlichkeitssystem ungeheurer Gefahren und Bedrohungen standen sie für die meisten Menschen damals nicht an höchster Stelle. Sorgen zweiten Ranges. Zu groß, zu entsetzlich wirkte die Angst vor russischer Bedrohung, vor dem Bombenkrieg, der unausweichlichen Katastrophe. Vielleicht könnte man folgenden Vergleich riskieren: Jeder halbwegs Informierte weiß heute sehr wohl, daß in Afrika millionenfach gestorben wird. Doch unserem Dringlichkeitssystem erscheinen solche Fakten weniger bedrohlich als die deutschen Malaisen.


FRAGE: Sie konnten als Kind doch keine Ahnung von der Dimension des Vernichtungsvorgangs in den KZs gehabt haben.


ANTWORT: Gewiß, man machte sogar Witze über die KZs. "Acht kleine Negerlein, die sprachen von dem Dreck, des ,Mythos' des Herrn Rosenberg - da waren zwei gleich weg." Man machte sich auch lustig über die Leute.


FRAGE: Über welche Leute?


ANTWORT: Über die Nazis. Zum Beispiel sogar mit Hilfe Beethovens. Der letzte Satz seines Klaviertrios in Es-Dur, Opus 1 Nr. 1, beginnt mit großen Sprüngen. Mit undurchdringlichem Gesicht skandierten die Musiker das schadenfroh: "Heil Hit-, Heil Hit-, Heil Hitler heißt des Deutschen Gruß".


FRAGE: Bei Kriegsende kamen Sie als fünfzehnjähriger Flüchtling im Westen an.


ANTWORT: Ich habe das Jahr 1945 als platterdings beglückenden Moment der Befreiung empfunden. Unsereins hatte ja in den letzten Jahren nur noch Angst vor der Katastrophe. So ist mir völlig schleierhaft, wie Intellektuelle ungefähr meines Jahrgangs, was sie selbst zugaben, noch bis 1945 an die deutsche Sache glauben konnten.


FRAGE: Hat man in der Gruppe 47 oder anderswo eigentlich über die Kindheit im Dritten Reich geredet?


ANTWORT: Nein, höchstens in ganz privaten Gesprächen. Deutschland schien grausam genug bestraft. Fast zwanghaft, aber auch neugierig, blickten wir in die Zukunft.


FRAGE: Mit zwölf Jahren Hitlerjunge, was will man denen vorwerfen?


ANTWORT: Den Kindern gewiß nichts. Aber wer mit sechzehn gern HJ-Führer war, sollte zumindest nicht stolz darauf sein. Sie können mich gerne danach fragen, da habe ich ein blütenreines Gewissen.


FRAGE: Obwohl Sie und Ihre intellektuellen Freunde ungeheuer politisiert waren nach 1945, haben Sie selber über Ihre Hitlerjugend und Pimpfzeit nicht geredet?


ANTWORT: Nein, kaum. Ich habe freilich die Erfahrung gemacht, daß manche von denen, die einst exzessive Nazis gewesen waren, sich später als Linke hervortaten.


FRAGE: Haben Sie da ein Beispiel?


ANTWORT: Ich möchte es nicht nennen.


FRAGE: Sie studierten in Göttingen, erst Musik, dann Germanistik, und wurden dann regelrecht entdeckt.


ANTWORT: Eine Freundin kannte den Redakteur Walter Maria Guggenheimer von den "Frankfurter Heften". Und sie sagte, als er sie einmal besuchen kam: "Ich habe da einen Studenten, den mußt du eigentlich auch einmal sehen." Er war ein höflicher österreichisch-bayerischer Typ und antwortete: "Ja, sehr gerne." Dann lud er uns zum Essen ein und erzählte: "Von diesem Theodor Wiesengrund ist ein neues Buch erschienen. Das versteht ja kein Mensch. Ich wüßte auch niemanden, der es besprechen kann." Ich aber, ich war ja immerhin zwanzig, sagte: "Ich wüßte schon jemanden. Ich habe es gelesen, finde es interessant, und ich glaube sogar, ich könnte es durchaus rezensieren."


FRAGE: Es handelte sich um Adornos "Philosophie der neuen Musik".


ANTWORT: "Versuchen Sie es", lächelte er. Ich schrieb sechs Wochen an der Rezension und schickte sie nach Frankfurt. Das war etwa 1950. Guggenheimer schickte mir das Ding gleich zurück. "Lieber Herr Kaiser, das ist ja fabelhaft. Aber viel zu schwer. Das versteht ja kein Mensch." Keß, wie ich damals war, schrieb ich ihm zurück: "Man kann natürlich über Hegel so schreiben, daß es Vierjährige verstehen. Die Frage ist nur, ob man dann noch über Hegel schreibt. Ich werde aber alles doppelt sagen, dann wirkt es verständlicher." Das tat ich auch. So erschien eine lange Kritik in den Frankfurter Heften: "Musik und Katastrophe". Das ist 1951 gewesen.


FRAGE: Und das ist eingeschlagen.


ANTWORT: Allerdings. Heute, beim allgemeinen Überdrußklima, wäre dergleichen unmöglich. Aber damals wandte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sich an mich. Theodor W. Adorno lud mich zu sich nach Hause ein und bot mir den berühmten Schnaps an, den seine Frau Gretel gebraut hatte. Der Hessische Rundfunk, Alfred Andersch, Heinz Friedrich, nahm Fühlung auf. Märchenhaft. Ein einziger anständiger Aufsatz.


FRAGE: Und das war der Durchbruch.


ANTWORT: Von dem Moment an habe ich beruflich keine Schwierigkeiten gehabt.


FRAGE: So etwas wäre heute undenkbar.


ANTWORT: Und es kam eben noch bald hinzu jener enorme Multiplikationseffekt durch die Gruppe 47. Guggenheimer sagte zu mir: "Kaiser, die nächste Tagung ist in Mainz. Eigentlich passen Sie da gar nicht hin. Sie sind für die Gruppe 47 viel zu ästhetisch. Die bieten ja mehr eine derbe Kahlschlagliteratur, aber fahren Sie doch einmal hin." In Mainz erlebte ich 1953 meine erste Tagung, wo Walter Jens ganz knapp verlor gegen Ingeborg Bachmann. Die las mit bebender Stimme zwei Gedichte vor.


FRAGE: Da waren Sie auch bezaubert?


ANTWORT: Gewiß. Man spürte sofort: Eine Dichterin. Manche murrten: Mein Gott, hat sie solche Tricks nötig? Die Manuskriptblätter fielen der offenbar sehr Verwirrten auf die Erde, sie mußte sie aufsammeln und neu ordnen, um lesen zu können.


FRAGE: Waren es die Gedichte oder die Dichterin?


ANTWORT: Zweifellos auch die Gedichte. Sie trug ihre besten Sachen vor und beeindruckte tief: "Die gestundete Zeit", "Große Landschaft bei Wien", "Die große Fracht". Wie sie da mit österreichisch-klagenfurtischem Ton leise beschwörend sang: "Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit", das glaube ich noch nach dreiundfünfzig Jahren hören zu können. Hatte ich später mit dem "Malina"-Roman auch Schwierigkeiten, so wird Ingeborg Bachmanns Lyrik, wie mir scheint, im Rahmen dessen, was dem zwanzigsten Jahrhundert möglich war, bleiben.


FRAGE: In der Gruppe 47 sind Sie von 1955 an ein Star. Und dann taucht da plötzlich, aus Polen kommend, Marcel Reich-Ranicki auf.


ANTWORT: Er war zunächst außerordentlich beliebt.


FRAGE: Und Sie beide: "Nennst du mich Schiller, nenn ich dich Goethe"?


ANTWORT: Nun, wir verstanden uns von vornherein trefflich. Reich-Ranicki kam nach Frankfurt, und wir redeten miteinander und waren sofort auf gleicher Welle. Zwei Intellektuelle. Er war noch nicht berühmt, noch ganz unbekannt, eher bescheiden.


FRAGE: Was aber nicht selbstverständlich ist, daß sich zwei Intellektuelle verstehen.


ANTWORT: Ach doch! Wir waren der Literatur hingegeben. Wir sprachen über Böll, über Andersch. Ich merkte auch sofort, daß er konkret etwas von Musik versteht, mehr als die meisten Literaten. Und ich erwähnte mal diese schöne Chopin-Ausgabe, die damals in Warschau herauskam, aber leider in Deutschland nicht zu haben war. Er versprach, gleich bei unserer ersten persönlichen Begegnung: "Ich werde sie Ihnen besorgen." So etwas pflegt man leichthin zu sagen. Doch einige Wochen später bekam ich die ganze Chopin-Ausgabe samt schönen Widmungen. Daraufhin habe ich ihn im nächsten Jahr eingeladen, nach Bayreuth mitzukommen.


FRAGE: Über Walser haben Sie Ihre Meinung nicht geändert, über "Tod eines Kritikers"?


ANTWORT: Vielleicht war Walser hier ein wenig unnachsichtig, obschon im guten Recht des getroffenen Autors. Doch wenn man sich als Kritiker derart scharf in den Vordergrund schreibt wie Freund Marcel, muß man mit solchen Reaktionen rechnen.


FRAGE: Hätten Sie gerne so viel Einfluß gehabt wie er?


ANTWORT: Zugegeben: Sein Temperament ist unvergleichlich. Ich hätte es gern. Wir führen übrigens immer den gleichen Streit. Ich sage: "Du übertreibst zu sehr. Bei dir ist ein Buch immer entweder sehr gut oder abgründig schlecht." Darauf antwortet Reich-Ranicki: "Das siehst du falsch. Als Kritiker muß man übertreiben. Schon Lessing hat übertrieben." Darauf gebe ich zurück: "Es verhält sich anders. Man übertreibt vielleicht bereits unwillkürlich, aus dem Engagement und der Sache heraus. Doch daß man Übertreibung als Wirkungsmittel einsetzt, finde ich unzulässig."


FRAGE: Gab's denn da einen Wettbewerb unter Ihnen, wer mehr Einfluß, Macht, Wirkung hat?


ANTWORT: Man konnte in der Gruppe 47 auch als Kritiker ganz hübsch durchfallen. Ich weiß, daß Günter Eich an Reich-Ranicki viel auszusetzen hatte. Mir hat es freilich stets leidenschaftlichen Spaß gemacht, über Literatur oder auch große Musik nachzudenken und zu diskutieren. Ich bin sogar eitel genug, zuzugeben, daß es mir auch Vergnügen bereitete, recht zu haben und gelobt zu werden.


FRAGE: Es gibt auch viel Unangenehmes in dem Gewerbe: Schriftsteller, die den Kritiker totschießen wollen oder ihm nachstellen.


ANTWORT: Ich bin einmal von einer jungen Frau entsetzlich belästigt worden. Die erschien immer wieder des Nachts vor meinem Haus, kletterte über den Zaun, schrieb mir Liebesbriefe. Sie war geisteskrank. Ein scheußlicher Fall von "Stalking". Er hat mich viele Jahre tief beunruhigt.


FRAGE: Ein Kritiker muß Wirkung haben wollen. Da hat Marcel Reich-Ranicki recht, mehr noch, er hat damit die Kritik von der akademischen Gefallsucht befreit. Nicht die Professoren beeindrucken, sondern die Leser gewinnen.


ANTWORT: Kommt es nicht vor allem darauf an, entschieden zu appellieren an das verdrängte Gefühl dafür, was gemeinsam wichtig ist und darum interessant?


FRAGE: Es war Wunderzeit: Wirtschaftswunder, Literaturwunder und - wie wir heute sehen - Kritikerwunder. Die Kritiker, von Sieburg bis Baumgart, hatten enormen Einfluß.


ANTWORT: Dieser Einfluß ist wohl nicht mehr so groß. Was das Theater betrifft, so schuf der Regisseurkult eine neue Situation. Seit Regisseure sich als Autoren empfinden, seitdem werden hierzulande große poetische Texte eher als Stoff für Assoziationen oder Aktualisierungen benutzt. Man zerrt sie gern in die Gegenwart, kümmert sich nicht um des Autors Kunstsprache, transponiert Antikes oder Mittelalterliches ins Zeitgenössische - damit es jungen Theaterbesuchern verständlich sei. Doch gerade diese Verständlichkeit stellt sich nicht her, weil in der Epoche des Ödipus, des Tannhäuser oder des Hamlet wahrlich andere Tugendsysteme verbindlich gewesen sind als in unserem 21. Jahrhundert. So haben die Aktualisierungen oft etwas Irres, etwas Unnachvollziehbares. Ist aber das "Werk", ist der "Text" kaum mehr verbindlich, dann läuft "Kritik" ins Leere. Ihr F.A.Z.-Kritiker Gerhard Stadelmaier und ich, wir sind fast die einzigen, die sich gegen manche Formen bizarrer Willkür entschieden auflehnen. Wenn es nicht gelingt, die Theater- und Opernaufführungen wieder etwas strenger unter die Gesetze der Werke zu bringen, dann lebt das Schauspieltheater gewiß noch auf seine Weise weiter - mich aber interessiert es nicht mehr so brennend.


FRAGE: Aber Sie und Ihre Generation haben dann doch damit angefangen.


ANTWORT: Ach Gottchen, da habe ich mir relativ wenig vorzuwerfen. Sicherlich hören Sie von vielen Leuten, die es mir nicht direkt ins Gesicht sagen, vom Schauspiel versteht der Kaiser nichts. Ihm geht es nur um "Texttreue". In Wahrheit geht es mir emphatisch um folgendes: An den vermeintlichen "Geist" der Sache ist kein Interpret gebunden.Wer kennt schon den "Geist" des Faust, wer weiß, ob das ein menschliches Unglück in Kauf nehmender schrecklicher Wissenschaftler gewesen ist oder eine liebevoll edle, strebende Seele. Doch wenn man auch den "Geist" nicht kennt - an den gegebenen Buchstaben ist man gebunden. Davon wollen die meisten nichts wissen.


FRAGE: Was sagen Sie zu dem, was Wolfgang Wagner macht? Frau Merkel und Herr Stoiber halten das ja offenbar für bedeutend.


ANTWORT: Nicht, was er selber macht, aber das, was er mittlerweile zuläßt, scheint mir bedenklich. Dilettanten dürfen nicht das erste Wort haben. Ein Werk nicht gut zu kennen ist keine hinreichende Voraussetzung, es zu inszenieren.


FRAGE: In der konzertanten Musik manifestieren sich bis in die neunziger Jahre noch die Genies.


ANTWORT: Nun ja, Anfang der neunziger Jahre gab es einen Wandel. 1991 starben innerhalb weniger Monate drei berühmte Pianisten, Wilhelm Kempff, Claudio Arrau und Rudolf Serkin, alle um die neunzig Jahre alt. Durchaus Belege für Ihre These, lieber Herr Schirrmacher, daß Alten manches gelingt. Die Jüngeren wollen natürlich auch ausdrucksvoll musizieren, nicht bloß perfekt. Aber Serkin, Arrau, Kempff, auch Furtwängler und Rubinstein: sie alle hatten zu einer Zeit begonnen, da die elektronische Überwachung durch Rundfunk, Schallplatten, später Fernsehen, noch nicht wirklich existierte. Wenn sie musizierten, ging es ihnen ekstatisch um die Gestalt der Sache. Während Jüngere doch bei jedem Fehler, jedem falschen Ton, unwillkürlich denken: das muß herausgeschnitten werden.


FRAGE: Gerade die Musik verbindet das Geniale mit der Vermarktung. Karajan war so ein Fall, die Netrebko vielleicht ein ähnlicher.


ANTWORT: Ich habe die Netrebko hier in München als Traviata gesehen, fand sie in der Rolle nicht wirklich gut. Sie ist eine wunderschöne Frau. Sie kann auch singen, aber sie hält dem Vergleich mit großen Leistungen nicht stand. Mit einer Callas ist sie nicht zu vergleichen. Trotzdem darf man nicht kulturpessimistisch sagen, im Bereich der Interpretation werde alles immer schwächer. Seitdem die Anne-Sophie Mutter auf der Welt ist und mit ihrem unvergleichlich reinen Geigenton triumphiert, lebt die Kunst des Violinspiels wieder auf. Es gibt ja heute nicht nur die Anne-Sophie Mutter, sondern auch Maxim Vengerov, Hillary Hahn, Vadim Repin, Julia Fischer. Plötzlich freuen wir uns über eine große Zeit der Geiger.


FRAGE: Befinden wir uns noch immer in der Phase der Epigonen, auch in der Literatur?


ANTWORT: Ich bin da lieber vorsichtig. Man tut mit dem Vorwurf bloßen Epigonentums den jungen Schriftstellern unrecht. Gewiß erleben wir in Deutschland gegenwärtig keine große literarische Ära. In jüngster Zeit machte ich eine entmutigende Erfahrung. Während ich mich tagelang versenkte in Rilkes wunderbar lyrische und bildhaft philosophische Briefe, las ich zwischendurch einen Band von Christa Wolfs Erzählungen. Der Niveauunterschied war astronomisch. Christa Wolfs Prosa schien mir nicht direkt schlecht, aber doch belanglos.


FRAGE: Überrascht es Sie, daß der Böll gar nicht mehr gelesen wird?


ANTWORT: Ich habe mich nicht mehr an seine Sachen gewagt. Damals, als Böll noch lebte, habe ich ihn nahezu geliebt. Er war von einer unglaublichen Nichtangeberei. Doch selbst diese Tugend spielte er herunter. Er sagte: "Kaiser, ich bin gar nicht so bescheiden." Ich erinnere mich noch, wie er hier in München einen Vortrag hielt und ein Kritiker dazwischenrief: "Herr Böll, der Vergleich hinkt." Darauf erwiderte Böll ungerührt: "Ach, man kann auch hinkend sein Ziel erreichen." Für Böll habe ich förmlich geschwärmt.


FRAGE: Welches waren die größten musikalischen Genies, denen Sie begegnet sind?


ANTWORT: Furtwängler, Rubinstein, Bernstein. Rubinstein war von einem unwiderstehlichen Charme und größter Liebenswürdigkeit. Ich kannte ihn ganz gut. Er konnte unbeschreiblich witzig erzählen. Ich war einmal sechzehn Stunden mit ihm zusammen. Am Vormittag Probe, das war in Zürich, am Nachmittag dann das Konzert, und danach hat er mich zum Essen eingeladen. Er war, glaube ich, vierundachtzig, ich siebenundvierzig. In der Nacht, so um drei Uhr, wurde ich etwas müde. Da tadelte er mich: "Gott, diese jungen Leute. Alle völlig unbelastbar." Lebenslang liebte Rubinstein die Frauen, er war ein staunenswert erotisch wirkender Mensch - wie Furtwängler ja auch.


FRAGE: Sie lächeln so vielsagend?


ANTWORT: Der Dirigent soll ja einhundertvier uneheliche Kinder gehabt haben.


FRAGE: Glauben Sie das?


ANTWORT: Gott, der Herr, hat sie gezählet . . .


FRAGE: Aber wie kommt man denn auf diese Zahl?


ANTWORT: Es gibt Pedanten, die solche Sachen nachrechnen.


FRAGE: Müßte nicht eine wahrhaftige Autobiographie auch diese ganzen Sachen berücksichtigen, gerade das erotische Leben eines Menschen, gerade aus der Kunst?


ANTWORT: Muß man wirklich alles wissen? Ich jedenfalls denke im Moment nicht daran, meine Biographie zu verfassen. Ich habe von einigen Verlegern schon verlockende Angebote bekommen. Aber ich empfinde eine gewisse Scheu davor. Zudem weiß ich, daß solche Autobiographien zur Selbststilisierung verführen. Man macht sich entweder bewußt unbedeutend - das wirkt kokett -, oder man schreibt stolz, und das Ergebnis ist Angeberei.


FRAGE: Noch einmal zu Furtwängler: Was macht den Dirigenten aus?


ANTWORT: Ein Dirigent sollte schon selbstbewußt, gar egomanisch sein. Zudem muß er die Fähigkeit besitzen, seine Energien auf andere zu übertragen. Ein Dirigent muß die Fähigkeit besitzen, ein ganzes Orchester mit seiner Energie, mit seiner Gebärde zu fesseln.


FRAGE: Klingt nach der Arbeitsplatzbeschreibung des Kritikers?


ANTWORT: Ob etwa Marcel Reich-Ranicki ein guter Dirigent geworden wäre? Ich jedenfalls hätte es wahrscheinlich nicht geschafft.


ANTWORT:
FRAGE: Haben Sie ein Verhältnis zu Haustieren?


ANTWORT: Wir hatten einmal eine Katze, und wir hatten auch mal einen Hund. Aber die Liebe zu Tieren endet ja immer als Tragödie. Denn sie werden meist nicht so alt wie wir.


FRAGE: In München müßten Sie ja eigentlich einen Dackel haben, aber da soll es eine alte Geschichte geben.


ANTWORT: Haben alle Münchner Dackel? Ich empfinde übrigens kein Ressentiment gegen Dackel. Doch mein Beruf ist ein Reiseberuf, ich fahre viel herum, und meine Frau kommt manchmal mit. Tiere leiden darunter, allein gelassen zu werden.


FRAGE: Sie kämen sich nicht komisch vor, wenn Sie mit dem Dackel durch München laufen würden?


ANTWORT: Dagegen hätte ich nichts. Im Gegenteil. Doch ich weiß, worauf Sie anspielen. Dolf Sternberger, den ich in Frankfurt kennenlernte, kam immer mit seinem Dackel in die Redaktion des Hessischen Rundfunks. Gewiß hat er uns mit dem Tier auch demütigen wollen. Seht her, ich komme nur vorbei, um den Dackel Gassi zu führen, nicht etwa wegen euch.


ANTWORT:
FRAGE: Ein paar Namen aus Ihrem Münchner Bekanntenkreis: Michael Krüger?


ANTWORT: Ich bewundere sein Talent, sein sorgfältiges Eingehen auf die Sachen. Was er selber schreibt, ist vielleicht konservativer, weniger avanciert als das, was in seiner Zeitschrift "Akzente" manchmal gefordert wird. Und wohl auch als das, was er verlegt. Er ist ein wunderbar aktiver Verleger, Schriftsteller und Lyriker. Wie er sich um das Schicksal seiner Autoren kümmert, wie er sich umfangreiche Manuskripte kommen läßt und tatsächlich auch sogleich liest, es ist erstaunlich. Er ist der legitime Nachfolger von Siegfried Unseld.


FRAGE: Rachel Salamander?


ANTWORT: Rachel Salamander ist sehr informiert und umtriebig. Ich bedauere, daß das, was sie in der Literaturbeilage der "Welt" macht, für die deutsche Öffentlichkeit nur eine relativ marginale Rolle spielt. Rachel herrscht aber auch in mehreren Buchhandlungen, tüchtig und gescheit.


FRAGE: Stefan Sattler?


ANTWORT: Mein Freund Stefan Sattler hat den Kulturteil des "Focus" zu einer vielbeachteten Institution gemacht. Er versteht viel von Kulturpolitik, Literatur und auch von Musik.
FRAGE:

Jürgen Habermas?


ANTWORT: Wir waren und sind befreundet, seit Frankfurter Zeiten. Ich schätze auch seine Frau, die Ute. Wenn der Jürgen mich sieht, tadelt er meine politische Haltung und lobt dafür meine ästhetischen Überzeugungen. Leicht macht er es mir nicht.


FRAGE: Peter Hamm, der diesen wunderbaren Bachmann-Film gemacht hat, spielt der eine Rolle?


ANTWORT: Peter Hamm, beneidenswert belesen, gehört zur "Elite anonyme". Die Kenner schätzen ihn sehr. Er sucht wohl nicht danach, als Autor auch beim großen Publikum Erfolg zu haben.


FRAGE: Hans Magnus Enzensberger?


ANTWORT: Ein Wunderkind. Rasch zum Riesentalent gewachsen, mit genialischen Zügen. Er ist fabelhaft. Ich bin stolz darauf, ihn einst in der F.A.Z. entdeckt und dem deutschen Publikum enthusiastisch vorgestellt zu haben. Doch weder der Ruhm noch auch die Häme kritischer Gegner vermochten ihn zu beeindrucken. Er war und blieb ein einzigartiger Glücksfall.


FRAGE: Intellektuelle haben schon ein merkwürdiges System der Machtausübung. Sartre sagt, jeder hat das Leben, das er verdient hat. Haben Sie verdient, was Sie erlebt haben?


ANTWORT: Andere könnten die Frage danach, was ich verdient oder auch nicht verdient habe, leichter beantworten. Ich weiß nur zu gut: Selbstbeweihräucherung wirkt widerlich, Selbstmitleid sentimental. Wer möchte schon, siehe Hamlet, nach Verdienst behandelt werden . . . Ohne Glück geht es nicht. Denn alles Mißlingen hat seine Gründe, aber alles Gelingen sein Geheimnis.

Text: F.A.Z., 23.10.2005, Nr. 42 / Seite 25



MfG
kiiwii


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