Heizen mit Weizen

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Heizen mit Weizen Skyline2007

Heizen mit Weizen

 
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Verkehrte Welt: Inzwischen ist es billiger, Getreide zu verfeuern als Gas oder Öl. Eine sichere Energieversorgung in Deutschland kann es nur geben, wenn alle Quellen angezapft werden. Dazu gehören auch nachwachsende Rohstoffe und neue Technologien zum Sparen.

Wenn Landwirt Wilhelm Förster aus Gudensberg südlich von Kassel in seiner Stube die Heizung aufdreht, stören ihn steigende Energiepreise nicht. Er ist Selbstversorger. In seinem Ofen verfeuert er im Jahr rund zwölf Tonnen Weizen, Gerste oder Roggen. Damit heizt Familie Förster ihr 370 Quadratmeter großes Gutshaus aus dem Jahr 1792. Der Getreideofen steht in einer Scheune und sieht wie eine normale Ölheizung aus. Aus einem Silo, das zehn Tonnen fasst, werden die Körner über zwei Transportschnecken zur Heizung befördert. Alle 100 Sekunden fällt ein guter Esslöffel Korn in den Ofen. Bei rund 850 Grad verbrennt das Getreide mit einer 20 Zentimeter hohen gelben Flamme. Zweieinhalb Hektar Ackerland sind nötig, um den jährlichen Wärmebedarf für das große Gutshaus zu decken.

Was unglaublich klingt, macht wirtschaftlich Sinn: Ein Doppelzentner (100 Kilo) Getreide in Brotqualität kostet etwa zehn Euro. Der Brennwert dieser Menge Korn entspricht etwa 40 Liter Heizöl im Wert von rund 24 Euro (60 Cent pro Liter). Getreide, das als Brennstoff eingesetzt wird, ist also wertvoller als Getreide für Brot - kühl gerechnet um 140 Prozent.

Die Anlage von Landwirt Förster läuft als Pilotprojekt mit einer Sondergenehmigung. Bevor mit Energie-Getreide deutschlandweit geheizt werden darf, muss erst noch die Bundesimmissions-Schutzverordnung angepasst werden. Sie sieht bisher Getreidekörner als Heizmaterial nicht vor. Doch die hessische Landesregierung hat im März 2005 bereits einen entsprechenden Antrag im Bundesrat gestellt: Getreide soll offiziell zum Brennstoff erklärt werden. Andere Bundesländer wollen das unterstützen, manche allerdings erst, nachdem sich Ethikkommissionen mit der Problematik beschäftigt haben. Darf man Lebensmittel einfach so verfeuern, während anderswo Menschen verhungern?

"Unethisch ist es doch, wenn ich Erdöl verheize, das Jahrmillionen braucht, um zu entstehen. Weizen wächst jedes Jahr auf meinen Feldern nach", entgegnet Landwirt Förster. "Außerdem verbrenne ich ja gar keinen Backweizen, sondern den Ausputz von der Mühle." So nennt man die zerbrochenen oder zu kleinen Körner und die Grassamen, die vor dem Mahlen aussortiert werden. Man baue doch auch Raps für Biodiesel oder Mais für Biogas auf Flächen an, die man sonst für Nahrungsmittel nutzen könnte.  


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