GS: Wirkungslose Währungsunion

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GS: Wirkungslose Währungsunion

 
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Von David Walton


Die Hoffnungen waren groß: Mehr Wachstum, ein deutlicher Schub für den Handel, eine rasche Angleichung der Preise - all das sollte die europäische Währungsunion auslösen. Doch die erste Bilanz ist enttäuschend. Seit dem Beginn der EWU ist Europa diesen Zielen nur wenig näher gekommen.


Nach gängiger Lehrmeinung liegen die Hauptvorteile einer Währungsunion in den positiven Wirkungen auf den Handel und damit auf das Wirtschaftswachstum. Ausgehend von den Erfahrungen bei anderen Beispielen, bestand bei der Europäischen Währungsunion die Erwartung, dass sie den Handel innerhalb Eurolands fördern und damit auch zu einer Erhöhung des Volkseinkommens beitragen würde.
Bisher gibt es hierfür allerdings kaum Belege. Zwar nahm der Warenhandel innerhalb Eurolands zwischen 1999 und 2001 von 14 auf 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu, was zahlreiche Studien aus den Jahren 2002 und 2003 auf die Einführung der gemeinsamen Währung zurückführten. In letzter Zeit scheint der EWU-Binnenhandel allerdings zu stagnieren. 2003 machte er nur noch 15 Prozent des BIP aus. Auch wenn man berücksichtigt, dass dieser Rückgang gegenüber 2001 in hohem Maße konjunkturell bedingt ist, hat die EWU bisher anscheinend keine große Wirkung gehabt.

Anfangs war die Entwicklung zwar ermutigend, aber auch fünfeinhalb Jahre nach Beginn der EWU gibt es kaum Hinweise darauf, dass die Währungsunion den Binnenhandel angekurbelt hätte. Berücksichtigt man zyklische Wirkungen, hat sich der Warenhandel innerhalb Eurolands lediglich gemäß jenen Trends entwickelt, die schon vor Beginn der EWU bestanden.

"Nicht zu viel in die Zahlen hineinlesen"

Die aktuellen Zahlen sind vielleicht enttäuschend, aber man sollte in sie nicht allzu viel hineinlesen. Denn zum einen ist seit dem Start der Währungsunion nicht einmal ein ganzer Konjunkturzyklus vergangen. Zum anderen haben offenbar auch andere Faktoren in den vergangenen Jahren die Handelsströme nicht nur innerhalb Eurolands, sondern auch zwischen anderen Industrieländern gebremst. Im letzten weltweiten Zyklus waren große Schwankungen in den Handelsströmen zu beobachten.
Und es ist durchaus möglich, dass durch die rasch zunehmenden Importe aus Noch-Entwicklungsländern, vor allem aus China, bestehende Handelsströme verdrängt wurden. Seit Mitte der 90er Jahre ist der Handel innerhalb Eurolands - gemessen an den gesamten grenzüberschreitenden Warenströmen - von 57 Prozent auf 53 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum konnten die Länder Mitteleuropas und - ausgehend von einem höheren Niveau - die Länder Asiens (ohne Japan) ihren Anteil am Handel mit Euroland deutlich erhöhen. Die USA und Großbritannien verloren dagegen im selben Zeitraum an Boden.

Ein Grund für die nur langsame Zunahme des Handels innerhalb der Eurozone mag sein, dass auch die Angleichung der Preise in Europa nur langsam vorankommt. Ein wichtiger Mechanismus, über den eine gemeinsame Währung zu mehr Handel und damit zu mehr Wachstum führen sollte, sind geringere Wechselkursschwankungen.
Ein weiterer Mechanismus ist eine größere Preistransparenz, die die Angleichung von Preisen über Grenzen hinweg fördern sollte. Von Deutschland einmal abgesehen, hat sich das Tempo der Preiskonvergenz in der EWU seit 1998 jedoch anscheinend verlangsamt. So näherten sich beispielsweise die französischen Verbraucherpreise von 1991 bis 2000 kontinuierlich dem EWU-Durchschnitt an und liegen nach ursprünglich 5 Prozent inzwischen nur noch um 2,5 Prozent darüber. Seit 2000 hat es allerdings keine weitere Annäherung gegeben.

Interessant ist es auch zu vergleichen, wie weit die Preise in der EWU beziehungsweise in der EU auseinander liegen. Falls die EWU nämlich diesbezüglich einen bedeutenden Effekt hat, würde man innerhalb Eurolands eine raschere Konvergenz erwarten als in Europa insgesamt - zumindest seit 1998. Doch auch hierfür lassen sich bisher kaum Belege finden. Denn die Preiskonvergenz in der EWU unterscheidet sich nicht wesentlich von der in der EU. Das trifft selbst dann zu, wenn wir uns auf die leichter handelbaren Teile der Verbrauchsausgaben beschränken - im wesentlichen Waren statt Dienstleistungen.

Kein "EWU-Effekt" beim Wachstum

Berücksichtigt man konjunkturelle Effekte, haben die internen Handelsströme in Euroland in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich zugenommen, und die Verbraucherpreise nähern sich weiter an. Allerdings bestanden diese Trends bereits vor Beginn der EWU und - zumindest was die Preiskonvergenz betrifft - waren und sind sie in Ländern außerhalb der EWU genauso zu beobachten wie innerhalb.
Was das eigentliche Ziel der Währungsunion angeht, nämlich eine Steigerung des Wirtschaftswachstums, konnten wir seit 1999 keine Beschleunigung des BIP-Wachstums in Euroland feststellen. Der trendmäßige Produktivitätsfortschritt in den vergangenen zehn Jahren kann sich durchaus sehen lassen und ist nicht niedriger als in den USA. Wenn tatsächlich ein "EWU-Effekt" eintritt, werden wir in unseren Prognosen möglicherweise eine Phase mit stärkerem Produktivitätswachstum berücksichtigen. Bisher sehen wir dazu aber noch keinen Anlass.


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