Geld lehrt beten

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Geld lehrt beten

 
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Wie die amerikanische Templeton Foundation ihren Reichtum einsetzt, um die Wissenschaft auf den Weg des Glaubens zu bringen Von Christian Schüle

Nun haben sie Europa erreicht. Die spätmodernen Ritter von der religiösen Gestalt führen ihren Kampf um die spirituelle Optimierung der Spezies auf dem Kontinent fort. Die John Templeton Foundation aus Philadelphia ist zu einem Feldzug angetreten, um das westliche Weltbild des aufgeklärten Rationalismus zu retuschieren. Ihr Ziel ist eine Bewegung gegen die säkulare Welt, ihre Methoden sind Agenda-Setting und Massensponsoring.

Die Foundation verfügt über mindestens 800 Millionen Dollar, von denen sie jährlich 40 Millionen in wissenschaftliche Projekte investiert, um »Kraft und Potenzial des menschlichen Geistes« erforschen und entdecken zu lassen. Im fundamentalistischen Sinne christlich wird man sie nicht nennen können, da sie einen überkonfessionellen Begriff von Spiritualität und Gott vertritt. Selbst Atheisten werden gefördert, und ein Glaubensbekenntnis hat niemand abzugeben. Ebenso wenig lässt sich der Stiftung gezielte Subversion unterstellen, ihre Aktionsfelder sind so ideologisch unverdächtige wie wissenschaftliche Konferenzen, Tagungen, Studienprogramme und Schulkurse.

In Templeton verschmelzen amerikanischer Pragmatismus und spirituelle Frömmigkeit zu einer metaphysischen Legierung, die nicht allein der vermeintlichen Auflösung der Werte entgegenwirken soll. Sie zielt überaus geschickt auf eine Diffusion der Disziplinen, im Mindesten auf die Durchlässigkeit von Hardcore-Naturwissenschaften für spirituell-religiöse Anliegen. Templeton will den Dialog zwischen Naturwissenschaften, Theologie und Religiosität; zweidimensionale Forschung (flat science) fördert die Stiftung nicht.

Wer Geld beantragt, verpflichtet sich gewissermaßen, in die dritte, die spirituelle Dimension zu gehen. Systematisch sponsert die Foundation jene Forschung, die sich, mit dem klaren Ziel eines wissenschaftlichen Transzendenz- und Gottesbeweises, dem spirituellen Fortschritt verschreibt. Geht es nach Templeton, soll weltweit und demütig danach gestrebt werden, die heilende Kraft des Glaubens empirisch zu beweisen und die Bedeutung des Religiösen für die Welt objektiv zu vertäuen. Rationalistische Grenzziehungen zwischen Wissen und Glauben erachtet die Foundation als überholt.

Der spirituelle Feldzug hat inzwischen Deutschland erreicht

Der Feldzug der Philanthropie begann Ende der achtziger Jahre in den USA. Immer öfter taucht seitdem, versteckt oder offen, auch in Deutschland der Name Templeton auf der akademischen Agenda auf. Im Juni 2005 etwa richtete die Evangelische Akademie im Rheinland in Bonn eine »Kooperationstagung« mit dem Titel Theologie und Naturwissenschaften – Neue Ansätze der Forschung und des Dialogs aus; gefördert wurde die Tagung »mit Mitteln der John Templeton Foundation«. Vergangenen September ist der freie Journalist Tomas Gärtner aus Dresden mit dem John-Templeton-Preis European Religious Writer of the Year 2005 ausgezeichnet worden, vergeben durch die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK).

Kürzlich hat das Forschungszentrum Internationale und Interdisziplinäre Theologie der Universität Heidelberg um Bewerbungen für seinen John Templeton Award for Theological Promise gebeten. Angesprochen fühlen dürfen sich Postdoktoranden aus aller Welt, von denen zwölf jeweils 10000 Dollar für die beste Dissertation oder das erste Postdoktoranden-Opus erhalten, das dem Thema »Gott und Spiritualität« gewidmet ist.

Mitte Dezember 2005 stemmte die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main die internationale Fachtagung Ich denke, also bin ich Ich? – Das Selbst zwischen Neurobiologie, Philosophie und Religion. Forscher von höchster Reputation waren eingeladen, unter vielen Hans Goller, Jürgen Habermas, Hans-Dieter Mutschler, Michael Pauen und Wolf Singer. Die Tagung war Auftaktveranstaltung der mit 500000 Dollar dotierten Templeton Lectures, die das Institut für religionsphilosophische Forschung der Frankfurter Universität eingeworben hatte.

Die Theologie der Demut ist stark verbunden mit der Person des presbyterianischen Christen Sir John Marks Templeton. Er wurde 1912 in Winchester im ländlichen Tennessee geboren, wollte Missionar werden und begann nach dem Studium in Yale und Oxford 1931 eine faszinierende Karriere an der Wall Street. 1954 gründete er den Templeton Growth Fund, einen der erfolgreichsten Investmentfonds der Welt, und vervierfachte sein Vermögen innerhalb kurzer Zeit. In den Sechzigern gab er seinen amerikanischen Pass ab, wurde britischer Staatsbürger und wurde 1987 für seine philanthropischen Dienste von der Königin zum Ritter geschlagen. 1972 tat er mit der Ausschreibung des Templeton Prize for Progress Toward Research or Discoveries About Spiritual Realities einen ersten Schritt vom Investor auf dem Aktienmarkt zum Investor auf dem Markt der spirituellen Forschung.

Der Preis ist mit 1,3 Millionen Dollar der weltweit höchstdotierte für eine Person und wird im Buckingham-Palast in London übergeben. Die Gewinner waren unter anderen: Mutter Teresa (1973), Billy Graham (1982), Carl Friedrich von Weizsäcker (1989), Paul Davies (1995), Holmes Rolston III (2003), John D. Barrow (2006).

1987 gründete der Milliardär schließlich die John Templeton Foundation, brachte große Teile seines Vermögens ein und rief überall in der Welt Forschungszentren, Lehrstühle und Publikationen ins Leben. Er schrieb Bücher über die 200 weltweit gültigen spirituellen Prinzipien, über »Agape Love«, und er formulierte den so genannten Templeton-Plan: 21 Schritte zu persönlichem Erfolg und wahrem Glück. Sir Johns Grundüberzeugung ist, neben der Heilkraft bedingungsloser Liebe, die Hoffnung, dass Spiritualität, Theologie und Religion die gleiche Karriere machen werden, wie Medizin, Wissenschaft und Kosmologie es in den vergangenen 300 Jahren getan haben. 1992 verkaufte er seinen Fonds für 440 Millionen Dollar an die Franklin Group und wurde zum Vollzeit-Philanthropen. Er lebt in Nassau auf den Bahamas. Die Foundation wird heute von seinem Sohn John M. Templeton junior geleitet.

Ihrem Ziel einer verwissenschaftlichten Universalspiritualität sucht die Foundation seit Anbeginn durch erklärte Forschungsschwerpunkte näher zu rücken: Unlimited Love, Spirituality and Health, Character Development, The Power of Purpose, Free Enterprise, Forgiveness.

Eines von Templetons großen Programmen war das 1997 begonnene Projekt über die Psychologie der Vergebung und ihre vermeintliche Wirkung auf die individuelle Gesundheit. In fünf Jahren Arbeit will Templeton nicht nur die psychologische Wirksamkeit eines theologischen Konstruktes wissenschaftlich abgesichert haben; ganz ohne Zweifel hat Forgiveness Research eine Welle von Publikationen und Studien angestoßen und eine idealistische Saat ausgeworfen, deren Ernte peu à peu eingefahren wird. Wenn man in der indizierten Datenbank des PsycINFO der American Psychological Association nachsieht, wie oft das Wort »Vergebung« oder »vergeben« in den Titeln psychologischer Periodika auftaucht, so lässt sich eine verblüffende Steigerung feststellen: 1984 tauchte »Vergebung« oder »vergeben« in 8 Titeln auf, 1994 in 14, 2004 in 66. Das ist eine Zunahme von 800 Prozent.

Ein ähnliches Ergebnis erreichte der Begriff »spirituell« beziehungsweise »Spiritualität«: 1984 führten ihn 25 Artikel im Titel, 1994 waren es 92, 2004 dann 322 – eine Verdreizehnfachung. Der Wortstamm »religio« tauchte 1984 in 126 Titeln auf, 1994 in 195, 2004 in 468 – was eine knappe Vervierfachung ist. Die Potenzierung legt nahe, dass Psychologen, Religionswissenschaftler und Soziologen »Vergebung« wissenschaftlich vermessen können und ihre Wirkung also objektiviert haben. In einer Gallup-Umfrage zeigten sich über 80 Prozent der Amerikaner überzeugt, dass es Gottes Hilfe bedarf, um gnädig sein zu können.

Die Heilkraft des Betens soll wissenschaftlich erwiesen werden

Bis heute gibt es in den USA eine Lawine von etwa 1200 Studien, die der These nachgehen, Gottesglaube und Spiritualität seien gesundheitsfördernd: Fürbittgebete aus der Ferne hätten heilsame Effekte, die Kraft des Betens reduziere Herzinfarkte und Schlaganfälle. Spiritus Rector dieser Religiomedizin ist der Vielpublizierer Harold G. Koenig, Direktor des Center for the Study of Religion/Spirituality and Health an der Duke University in Durham, North Carolina. Er hat rund 18 Bücher und 160 wissenschaftliche Aufsätze über den vermeintlichen Zusammenhang von Gesundheit und Religion verfasst. In seinem »Sir John Templeton« gewidmeten Buch The Healing Power of Faith will Koenig den Beweis erbracht haben, dass religiöser Glaube vor Depressionen schütze und die Haupttodesursachen des Menschen durch die heilende Kraft des Glaubens bekämpft werden könnten. Die empirischen Beweise sind dünn, und gerade sind im American Heart Journal die Ergebnisse einer groß angelegten Langzeitstudie der Harvard Medical School erschienen, welche die Annahme, Fürbittgebete seien gesundheitsfördernd, deutlich widerlegen.

Wenn Templeton nicht direkt als Sponsor und Auftraggeber auftritt, werden die Gelder von Organisationen wie dem Fetzer Institute, dem Institute for Research on Unlimited Love, dem Office of Prayer Research, dem National Institute of Health Care Research und dem Metanexus Institute on Religion & Science verteilt, die, wenn sie nicht gar als Tochterorganisationen bezeichnet werden können, mindestens eine in ideologischer und personeller Hinsicht beachtliche Nähe zur Foundation haben. Metanexus gibt es seit 1998. Bis 2002 hieß die Organisation Philadelphia Center for Religion and Science. Eines ihrer Mottos lautet: »Gott ist im Detail«. Metanexus betreibt unter anderem ein internationales Online-Forum mit Nutzern in 57 Ländern und strebt die weltweite Vernetzung von Gruppen und Forschern und deren Zugang zu einer Meta-Bibliothek an. Der Vorstand hat 36 Mitglieder, unter ihnen ist auch Andrew Newberg, jener hirnforschende Radiologe der University of Pennsylvania School of Medicine, der in den vergangenen Jahren Aufsehen erregte, weil er mit Hilfe von Studien bildgebender Verfahren den Beweis antreten wollte, dass Gott im Gehirn sei, wofür er die Gehirne betender Franziskanernonnen und buddhistischer Mönche im Augenblick religiöser Ekstase untersuchte.

Die wissenschaftlich höchst zweifelhafte Neurotheologie hat inzwischen Schule gemacht. In The Spiral, dem Newsletter von Metanexus vom März 2004 gibt dann Mario Beauregard, Associate Professor in the Department of Radiology and Psychology at the Université de Montréal in Canada, Auskunft über seine Teilnahme am Spiritual Transformation Research Project von Metanexus. Beauregards Projekt trägt den Titel Neurobiology of the Mystical Experience. Bei der Untersuchung von Karmeliternonnen in einem Kloster in Montreal will er neurochemische Korrelate für die mystische Union mit Gott gefunden haben. Beauregard trifft sich mit Newberg und dem streitbaren Genforscher Dean Hamer in der naturalistischen Absicht, neurobiologische Evidenzen für die Spiritualität des Menschen beizubringen. Diese »Neuro-Theologen« sind überzeugt, dass es einen gemeinsamen biologischen Ursprung aller spirituellen Sehnsüchte gibt – was bedeutet, dass Spiritualität, zu Teilen zumindest, vererbbar ist. Hamer hat vergangenes Jahr gar behauptet, ein Gottes-Gen geortet zu haben.

Um ihr Anliegen zu forcieren, hat das Metanexus vor vier Jahren einen überaus verführerischen Köder ausgelegt: die so genannte Local Societies Initiative (LSI). Dahinter steckt die Idee einer globalen Vernetzung gleichgesinnter Forscher. Der technische Fortschritt soll durch die diskursive Verflechtung von Wissenschaft und Religion kulturell, das heißt stets: spirituell reflektiert werden. Über Broschüren, E-Mail-Rundbriefe, Newsletter, Fachverbandsinformationen wirbt Metanexus möglichst viele Institute oder Teams an. Nach einer genehmen Absichtserklärung erhalten sie pro Jahr 5000 Dollar und verpflichten sich, 5000 zusätzlich aus anderen Quellen beizusteuern, was auf drei Jahre gesehen 30000 Dollar pro Projekt bedeutet.

Durch Modalität und Methodik ihrer Ausschreibungen erhält die Stiftung einen willkommenen Überblick über thematische Interessen und Projektideen von Fakultäten in aller Welt, zudem Zugangsdaten zu jenen Forschern, die fürs Netzwerk von Interesse sein könnten. Für Einzelförderprojekte wie das Programm Spiritual capital kann sich jeder Forscher mit einem letter of intent bewerben. Die besten vierzig kamen in die Endauswahl und durften ein Proposal einreichen. Zehn erhielten schließlich den Zuschlag in der für den Wissenschaftsbetrieb ungewöhnlichen Höhe von insgesamt 150000 Dollar. Die Stiftung ist straff organisiert und an Effizienz interessiert, jeder Dollar soll sich spirituell auszahlen.

Wer wie die Templeton-Ritter am naturwissenschaftlichen Transzendenzbeweis arbeiten lassen will, setzt den Hebel am Drittmitteldiktat der Universitäten an und schleust seine Trojanischen Pferde auf elegante Weise in die Hochschulfakultäten ein, die gezwungen sind, projektbezogene Forschungsgelder bei nichtuniversitären Institutionen oder Organisationen einzutreiben. Seit 1998 an der University of California in Berkeley eine von der Templeton Foundation gesponserte Konferenz zum Thema Science and the Spiritual Quest über die Bühne ging, bieten amerikanische Hochschulen Hunderte von Seminaren zum Thema Naturwissenschaft und Religion an; seither bekennen sich immer mehr Physiker, Chemiker und Biologen öffentlich zu den Grenzen ihres Wissens; seither halten sich, auch in Europa, finanziell ausgeblutete Akademien mit Templeton-Geld über Wasser.

Bislang waren die geisteswissenschaftlichen Fakultäten europäischer Universitäten die letzten Reservate einer weitgehend interessefreien, will heißen: ergebnisoffenen Forschung. Durch die generalstabsmäßige Unterstützung und subkutane Einflussnahme der Templeton Foundation scheint die wissenschaftliche Unabhängigkeit Schritt für Schritt zur Disposition zu stehen. Die sukzessive Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften hat in der dritten Dimension eine höhere Legitimation erhalten. Auch wenn auf den ersten Blick all dies rückhaltlos, transparent und legitim scheint – die Gefahren der Templetonisierung liegen im Subkutanen.

Erstens, lässt sich einwenden, verzerrt und beeinflusst die zielgerichtete Förderung den Lehr- und Forschungsplan. Weil sie die finanzielle Unterstützung braucht, wird eine Fakultät ohne weiteres auch ein Seminar oder eine Vorlesung im Sinne von Templeton auf den Lehrplan setzen. Wer an seiner Universität einen Kurs über Wissenschaft und Religion abhielt, bekam in der Vergangenheit vom Center for Theology & the Natural Sciences in Berkeley, einer Untergruppe von Templeton, dafür 10000 Dollar. Je mehr Institute und Gruppen solche Kurse anbieten, desto stärker wächst der Eindruck großflächiger, bedeutsamer Forschung an einem Paradigmenwechsel. Auch wenn hier und da nur wenig valide Erkenntnisbröckchen herausspringen – in Hinsicht auf das Ziel der Akademisierung der spirituellen Dimension sind sie allemal verwertbar, zumal Templeton über eigene publizistische Truppen und ein überaus zeitgemäßes Marketingkonzept verfügt.

Die Zweckbindung der Forschung gefährdet ihre Unabhängigkeit

Zweitens verlangt Templeton, dass ein bestimmter Lektürekanon abgedeckt wird, den die Stiftung gerne vorgibt. Das Programm Books of Distinction listet 39 Empfehlungen der Templeton Foundation Press auf, die das Bewusstsein von Spiritualität schärfen sollen, von John Barrow über Paul Davies und John Polkinghorne bis zu V. S. Ramachandran. Obschon die meisten Wissenschaftler sich als Atheisten bezeichnen, insinuiert die von Templeton favorisierte Liste, Wissenschaft und Religion harmonierten geradezu ideal.

Drittens öffnet metaphysisch motivierte Forschung eine schlecht zu schließende Tür. Wenn eine private Stiftung wie Templeton das wissenschaftliche Curriculum derart beeinflussen kann – wann wird es rassistischen Stiftungen gelingen, IQ-Projekte zu fördern und den Beweis der Überlegenheit der weißen Rasse zu erbringen?

Über die im Prinzip löbliche Subventionierung von Studien, Symposien, Tagungen, über Ausschreibungen diverser Preise und das Sponsoring von Forschungskomitees erkauft sich Templeton nach und nach ein spirituelles Weltbild, das schließlich über die geistige und kulturelle Elite, über Universitäten und Medien in die Gesellschaften einsickert. Dahinter muss weder propagandistischer Wille noch messianischer Eifer stehen. Die Konsequenz liegt in der schleichenden Theologisierung der Wissenschaft und im Ausverkauf religions- oder gottkritischer Forschung durch christlich imprägniertes Mäzenatentum. Das heißt im Umkehrschluss aber eben, dass kritische Forschung über negative Einflüsse der Religion auf das Leben so gut wie unmöglich gemacht wird.

Die Templeton-Aktivitäten erhalten besondere Brisanz im Hinblick auf die fortschreitende ideologische Kontroverse von Kreationisten und Evolutionisten in den USA. Kreationisten sind konservative Apologeten der christlichen Schöpfungslehre, die gegen die darwinistische Entstehung der Arten zu Felde ziehen und, statt mit Genealogien zu argumentieren, auf Wunder verweisen. Die Unterstützung für die Existenz eines Schöpfergottes hat in den vergangenen Jahren im new creationism insofern eine neue Qualität erhalten, da Naturwissenschaftler die theistischen Prämissen zur Ausgangslage ihrer Arbeit gemacht haben. Stichwörter sind Irreducible Complexity und besonders Intelligent Design (ID). Letzteres ist wissenschaftlich legitimierter Kreationismus und zielt auf die Überzeugung, ein »intelligenter Designer« habe das Leben nach seinem Bauplan erschaffen, was nach Lage der Dinge nur (ein) Gott sein kann. ID kann weder geprüft noch verifiziert, noch widerlegt werden, aber die ID-Bewegung ist finanziell bestens ausgestattet und wird maßgeblich von Templeton unterstützt.

Die Foundation hat die zeitgemäße Sehnsucht nach seelischem Wachstum, spiritueller Hingabe und mystischer Identitätsstiftung erkannt und beeindruckend aufgefangen. Im Kampf gegen die säkulare Welt befindet sie sich in bester Gesellschaft: Die manichäische Denkstruktur der derzeitigen amerikanischen Regierung – Reich des Lichtes gegen Reich der Finsternis, Achse des Guten gegen Achse des Bösen – hat die Ordnung der äußeren Welt bereits nachhaltig verändert; Templeton verändert die Zugangskoordinaten zur inneren. Es ist der antiaufklärerische Versuch, ausdifferenzierte Systeme zu entdifferenzieren, den Wissenschaftsbetrieb metaphysisch zu vereinnahmen und formale Evidenz nachprüfbarer Resultate auf die substanzielle Evidenz einer verifizierten Transzendenz zu reduzieren.

So entsteht gerade jetzt, da der religiöse Fundamentalismus sich ausbreitet und wissenschaftlich-unabhängig beobachtet werden müsste, das Paradigma einer Glaubensforschung, die auf positive Psychologie statt auf kritische Reflexion setzt. Templeton aber organisiert Forschung nicht um der Forschung, sondern um der Wirksamkeit willen. Die Foundation hat einen langen Atem. Das Geld wird ihr nicht ausgehen.

DIE ZEIT, 04.05.2006


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