Fußball in Nordkorea

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Fußball in Nordkorea Karlchen_I

Fußball in Nordkorea

 
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umulte bei WM-Qualifikationsspiel in Nordkorea

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Pjöngjang (dpa) - Der 2:0-Sieg Irans über Nordkorea in Pjöngjang war von schweren Zwischenfällen überschattet. Die nordkoreanischen Spieler attackierten bei dem Qualifikationsspiel für die WM 2006 in Deutschland den syrischen Schiedsrichter.

Am Ende herrschte Wut, Chaos und Betroffenheit. «Da bekommt man ein Gefühl dafür, was passiert, wenn die Dinge hier außer Kontrolle geraten», sagte ein ausländischer Diplomat nach den Ausschreitungen. Vor 100 000 aufgebrachten Zuschauern im Kim Il Sung-Stadion in Pjöngjang trauten sich Schiedsrichter und Linienrichter am Ende nicht einmal mehr von der Mitte des Platzes unter der Tribüne hindurch in die Kabinen. Wütende Zuschauer reckten ihnen lautstark die Fäuste entgegen. Unter Beifall flogen Flaschen und Sitzkissen. Verängstigt rannten die iranischen Spieler in die Kabinen. Das Spiel stand vor dem Abbruch.

In einem Land, wo sonst alles organisiert und kontrolliert ist, war das Qualifikationsspiel für die WM 2006 in Deutschland ein seltener Einblick in die Seele der Menschen in dem streng isolierten Staat. Die Situation eskalierte, als der syrische Schiedsrichter vier Minuten vor Schluss den Nordkoreanern nach einer eher harmlosen Rangelei im Strafraum der Iraner einen Elfmeter verweigerte. Die unter hohem Druck stehenden und tapfer gegen die iranische Abwehr kämpfenden, aber doch unerfahrenen Nordkoreaner gingen plötzlich auf den Schiedsrichter los, als hätten sie nichts mehr zu verlieren.

Als Schlusslicht ihrer Gruppe mit null Punkten hatte das Team schon bei der Niederlage gegen Bahrain den Schiedsrichter der Unfairness beschuldigt. Ironischerweise spielten diesmal die beiden Teams der Staaten, die US-Präsident George W. Bush als «Achse des Bösen» in geheimer Komplizenschaft vermutet. Sie schenkten sich nichts. Wo sonst aber einmal ein Spieler die Kontrolle verliert, wurde hier der syrische Schiedsrichter unter den Rufen der Massen gleich von mehreren aufgebrachten nordkoreanischen Spielern handgreiflich attackiert und musste das Weite suchen. Erst die Linienrichter und FIFA-Verantwortliche konnten ihn schützen.

Nur mühsam konnte die Ordnung halbwegs wiederhergestellt werden. Der Schiedsrichter verwies nur einen Nordkoreaner vom Platz, obwohl auch andere die Rote Karte verdient gehabt hätten. Alles andere hätte aber möglicherweise zu noch größeren Tumulten geführt. Die Tabelle der Asien-Gruppe B führt Iran mit sieben Punkten vor Japan (6), Bahrain (4) und Nordkorea (0) an. Die Japaner bezwangen Bahrain am 30. März mit 1:0.

Obwohl Nordkorea Erfahrung mit Massenveranstaltungen zu Ehren seines «geliebten Führers» Kim Jong Il haben müsste, ging es schon am Anfang chaotisch zu. Vor dem Spiel wurden Zuschauer vor dem Stadion von Soldaten abgedrängt. Drinnen schoben Massen völlig ungeordnet durch die Eingänge, so dass dutzende Menschen auf der steilen Tribüne zu Fall kamen. Hunderte, die sich einen Weg ins Stadion bahnen konnten, strömten plötzlich auf die Aschenbahnen neben dem Spielfeldrand. Ein paar Uniformierte versuchten vergeblich, sie zurückzuschicken. Die Leute kletterten einfach über Mauern auf die längst überfüllten Tribünen. Der Anpfiff musste verschoben werden, bis alle über eine herbeigerollte Treppe auf die vollen Ränge steigen konnten.

Nach den Zwischenfällen herrschte nur noch Betroffenheit. Niemand mochte sich vorstellen, was passieren kann, wenn im Juni der Erzfeind Japan, der Korea über Jahrzehnte bis 1945 als Kolonialmacht brutal unterdrückt hatte, zum Rückspiel in Pjöngjang antreten muss.

erschienen am 30.03.2005 um 15:10 Uhr


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