ftd.de, Do, 29.11.2001, 15:13
Führende al-Kaida-Mitglieder gefangen genommen
Die US-Streitkräfte nehmen vermehrt die Führung der Taliban und der al-Kaida von Osama Bin Laden ins Visier. Die Angriffe auf die Taliban-Hochburg Kandahar wurden am Donnerstag fortgesetzt. Paschtunische Stammesführer verhandelten mit Teilen der Verteidiger über eine Kapitulation.
Bin Ladens Verbindung zu den Taliban-Truppen müsse unterbrochen werden, sagte Konteradmiral John Stufflebeem in Washington. Bis zu 800 US-Elitesoldaten der Marines und "kleine Spezialeinheiten" sollen nach Angaben des Pentagon die Taliban-Führung in Kandahar einkesseln und ihre Fluchtwege abschneiden.
Truppen der Nordallianz nahmen einem Zeitungsbericht zufolge mehrere führende Mitglieder des mutmaßlichen Terrornetzes al-Kaida gefangen - unter ihnen den Sohn des blinden Scheichs Omar Abdel Rachman, der wegen des ersten Anschlags auf das New Yorker World Trade Center in den USA inhaftiert ist. Nach Angaben der "Los Angeles Times" war der 36-Jährige für die Rekrutierung neuer al-Kaida-Mitglieder zuständig. Er werde möglicherweise schon bald gemeinsam mit rund einem Dutzend weiterer mutmaßlicher al-Kaida-Anführer auf einen US-Stützpunkt in die Pazifik-Region gebracht.
Kommandostruktur der Taliban funktionsfähig
Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar wies seine Truppen an, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Neu in Pakistan eintreffende Flüchtlinge berichteten, überall in Kandahar seien Soldaten der Taliban stationiert. "Es sind viele. Sie sind in Kampfbereitschaft", hieß es.
Stufflebeem, Mitglied des US-Generalstabs, sagte, es werde immer "einzelne Gruppen geben, die bis zum Ende kämpfen". Das Abschneiden der Taliban-Führung von ihren Soldaten werde diese Kämpfe aber "weitgehend bedeutungslos" machen. Dem Pentagon lägen Erkenntnisse vor, dass die Taliban weiterhin über eine militärische Führung verfügten, die versuchen, Kontakt zu ihren Truppen aufzunehmen.
Am Dienstag hatten die USA einen Gebäudekomplex bombardiert, in dem sie führende Mitglieder von Taliban und al-Kaida vermuteten. Die US-Luftwaffe setzte am Donnerstag ihre Angriffe auf Grotten und Tunnel im Süden und Osten des Landes fort, wo sich möglicherweise der mutmaßliche Terroristenführer Osama bin Laden und seine Verbündeten versteckt halten.
Verhandlungen mit Taliban-Kräften
Die Verhandlungen über eine Kapitulation der Taliban in Kandahar kamen nicht voran. Ein Sprecher der paschtunischen Anti-Taliban-Allianz, Mohammed Kadim, sagte, viele afghanische Verteidiger wollten aufgeben. Sie würden aber von arabischen Gefolgsleuten Bin Ladens mit dem Tode bedroht, sollten sie nicht weiter kämpfen. Dennoch ergäben sich einzelne Taliban-Soldaten. Am Mittwoch sei eine Gruppe von 40 Taliban gefangen genommen worden, sagte Kadim. Sie seien entwaffnet und frei gelassen worden. Andere Stammesführer berichteten, sie rekrutierten ehemalige Taliban-Soldaten für einen Sturm auf Kandahar.
Kämpfer der Taliban in Pakistan betonten, ihre Truppen hätten die wichtige Grenzstadt Spin Boldak weiterhin unter Kontrolle. Auch die Provinz Tachtapul hätten sie zurückerobert, sagte ein Taliban-Anhänger im pakistanischen Chaman der Nachrichtenagentur AFP. Angriffe der US-Luftwaffe hätte die Miliz dort unbeschadet überstanden. In Spin Boldak setzten örtliche Stammesführer ihre Verhandlungen mit den Taliban über eine Machtaufteilung fort. Kandhar wurde nach Angaben von Augenzeugen weiterhin heftig bombardiert. Mindestens 15 Zivilisten seien in den vergangenen zwei Tagen nahe des Flughafens getötet worden.
Omar betont kampfbereit
Taliban-Führer Omar wiederholte in einem Interview mit der polnischen Wochenzeitung "Wprost" seine Drohungen gegen die USA. Wenn die Bombardements nicht beendet würden, könnten "unsere amerikanische Feinde nicht eine Nacht mehr in Frieden schlafen". Afghanistan werde befreit. "Wir bleiben in Kandahar, aber wir werden andere Orte angreifen. In Afghanistan gibt es 40.000 gut ausgerüstete Taliban, die ungeduldig auf den Kampf warten."
Die USA werden sich nach den Worten eines ranghohen Militärs nicht mit einem Sieg über al-Kaida in Afghanistan zufrieden geben. Anschließend müssten sich die USA und ihre Verbündeten gemeinsam an die Zerschlagung des mutmaßlichen Terrornetzes weltweit begeben, sagte der US-Kommandeur für die Pazifik-Region, Admiral Dennis Blair. Es müsse verhindert werden, dass es terroristischen Gruppen wie al-Kaida oder Abu Sayyaf gelinge, sich in anderen Ländern neu zu gruppieren, sagte Blair. Angesichts der Spekulationen über neue Kriegsschauplätze wandte sich China gegen eine Ausweitung der Einsätze. Die Angriffe dürften nicht "willkürlich" ausgeweitet werden, sagte die Sprecherin des Außenministeriums am Donnerstag in Peking.
© 2001 Financial Times Deutschland
Führende al-Kaida-Mitglieder gefangen genommen
Die US-Streitkräfte nehmen vermehrt die Führung der Taliban und der al-Kaida von Osama Bin Laden ins Visier. Die Angriffe auf die Taliban-Hochburg Kandahar wurden am Donnerstag fortgesetzt. Paschtunische Stammesführer verhandelten mit Teilen der Verteidiger über eine Kapitulation.
Bin Ladens Verbindung zu den Taliban-Truppen müsse unterbrochen werden, sagte Konteradmiral John Stufflebeem in Washington. Bis zu 800 US-Elitesoldaten der Marines und "kleine Spezialeinheiten" sollen nach Angaben des Pentagon die Taliban-Führung in Kandahar einkesseln und ihre Fluchtwege abschneiden.
Truppen der Nordallianz nahmen einem Zeitungsbericht zufolge mehrere führende Mitglieder des mutmaßlichen Terrornetzes al-Kaida gefangen - unter ihnen den Sohn des blinden Scheichs Omar Abdel Rachman, der wegen des ersten Anschlags auf das New Yorker World Trade Center in den USA inhaftiert ist. Nach Angaben der "Los Angeles Times" war der 36-Jährige für die Rekrutierung neuer al-Kaida-Mitglieder zuständig. Er werde möglicherweise schon bald gemeinsam mit rund einem Dutzend weiterer mutmaßlicher al-Kaida-Anführer auf einen US-Stützpunkt in die Pazifik-Region gebracht.
Kommandostruktur der Taliban funktionsfähig
Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar wies seine Truppen an, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Neu in Pakistan eintreffende Flüchtlinge berichteten, überall in Kandahar seien Soldaten der Taliban stationiert. "Es sind viele. Sie sind in Kampfbereitschaft", hieß es.
Stufflebeem, Mitglied des US-Generalstabs, sagte, es werde immer "einzelne Gruppen geben, die bis zum Ende kämpfen". Das Abschneiden der Taliban-Führung von ihren Soldaten werde diese Kämpfe aber "weitgehend bedeutungslos" machen. Dem Pentagon lägen Erkenntnisse vor, dass die Taliban weiterhin über eine militärische Führung verfügten, die versuchen, Kontakt zu ihren Truppen aufzunehmen.
Am Dienstag hatten die USA einen Gebäudekomplex bombardiert, in dem sie führende Mitglieder von Taliban und al-Kaida vermuteten. Die US-Luftwaffe setzte am Donnerstag ihre Angriffe auf Grotten und Tunnel im Süden und Osten des Landes fort, wo sich möglicherweise der mutmaßliche Terroristenführer Osama bin Laden und seine Verbündeten versteckt halten.
Verhandlungen mit Taliban-Kräften
Die Verhandlungen über eine Kapitulation der Taliban in Kandahar kamen nicht voran. Ein Sprecher der paschtunischen Anti-Taliban-Allianz, Mohammed Kadim, sagte, viele afghanische Verteidiger wollten aufgeben. Sie würden aber von arabischen Gefolgsleuten Bin Ladens mit dem Tode bedroht, sollten sie nicht weiter kämpfen. Dennoch ergäben sich einzelne Taliban-Soldaten. Am Mittwoch sei eine Gruppe von 40 Taliban gefangen genommen worden, sagte Kadim. Sie seien entwaffnet und frei gelassen worden. Andere Stammesführer berichteten, sie rekrutierten ehemalige Taliban-Soldaten für einen Sturm auf Kandahar.
Kämpfer der Taliban in Pakistan betonten, ihre Truppen hätten die wichtige Grenzstadt Spin Boldak weiterhin unter Kontrolle. Auch die Provinz Tachtapul hätten sie zurückerobert, sagte ein Taliban-Anhänger im pakistanischen Chaman der Nachrichtenagentur AFP. Angriffe der US-Luftwaffe hätte die Miliz dort unbeschadet überstanden. In Spin Boldak setzten örtliche Stammesführer ihre Verhandlungen mit den Taliban über eine Machtaufteilung fort. Kandhar wurde nach Angaben von Augenzeugen weiterhin heftig bombardiert. Mindestens 15 Zivilisten seien in den vergangenen zwei Tagen nahe des Flughafens getötet worden.
Omar betont kampfbereit
Taliban-Führer Omar wiederholte in einem Interview mit der polnischen Wochenzeitung "Wprost" seine Drohungen gegen die USA. Wenn die Bombardements nicht beendet würden, könnten "unsere amerikanische Feinde nicht eine Nacht mehr in Frieden schlafen". Afghanistan werde befreit. "Wir bleiben in Kandahar, aber wir werden andere Orte angreifen. In Afghanistan gibt es 40.000 gut ausgerüstete Taliban, die ungeduldig auf den Kampf warten."
Die USA werden sich nach den Worten eines ranghohen Militärs nicht mit einem Sieg über al-Kaida in Afghanistan zufrieden geben. Anschließend müssten sich die USA und ihre Verbündeten gemeinsam an die Zerschlagung des mutmaßlichen Terrornetzes weltweit begeben, sagte der US-Kommandeur für die Pazifik-Region, Admiral Dennis Blair. Es müsse verhindert werden, dass es terroristischen Gruppen wie al-Kaida oder Abu Sayyaf gelinge, sich in anderen Ländern neu zu gruppieren, sagte Blair. Angesichts der Spekulationen über neue Kriegsschauplätze wandte sich China gegen eine Ausweitung der Einsätze. Die Angriffe dürften nicht "willkürlich" ausgeweitet werden, sagte die Sprecherin des Außenministeriums am Donnerstag in Peking.
© 2001 Financial Times Deutschland