Europa als Sünder?

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Europa als Sünder? mikelandau

Europa als Sünder?

 
#1
Weltflaute: USA geben Deutschland die Schuld

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Washington (rpo). Wenn die USA niesen, bekommt die ganze Welt schnupfen - so ist es auch dieses Mal wieder. Europa ist nicht gelungen, die Weltkonjunktur anzuschieben, was die USA mehr und mehr erzürnt. Sie geben insbesondere Deutschland die Schuld.

Sie stöhnt, sie stottert und sie ächzt, aber so richtig in Fahrt kommen will die Lokomotive Weltwirtschaft nicht. Kein Wunder, fehlt doch allen großen Industrieländern, die für den Schub sorgen könnten, der nötige Dampf. Während zwar ein möglicher Irak-Krieg als dunkle Wolke über dem gesamten Weltgeschehen hängt, sehen in den USA immer mehr Ökonomen die Europäer auf der Sünderbank. Dort müsse dringend mehr für den Aufschwung getan werden, heißt es. "Deutschland als Klotz am Bein der Weltwirtschaft", formulierte unlängst ein Kommentator in der "Washington Post".

Die Hoffnung der Ökonomen, der Weltmarkt würde in diesem Jahr kräftig anziehen, hat sich zerschlagen. Die Prognosen wurden im Herbst erheblich nach unten korrigiert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in den Industrieländern nur noch mit 1,7 in diesem und 2,5 Prozent Wachstum im nächsten Jahr. Die deutschen Wirtschaftsweisen beurteilten die Lage noch pessimistischer. Sie erwarten in den Industrieländern ein Wachstum von 1,3 Prozent in diesem und 2,2 Prozent im kommenden Jahr, für Deutschland nur 1,4 Prozent für 2003.

Alle führen die anhaltende Unsicherheit über einen möglichen Irak-Krieg und die damit zu erwartende Ölpreisexplosion als Grund für die gedrückte Stimmung an. Hinzu kommen die erheblichen Kurseeinbrüche an den Aktienbörsen, die Verbraucher vor allem im Aktienbesitzerparadies USA, aber auch zunehmend in Europa empfindliche Verluste brachten, und Firmen die Außenfinanzierung erschwerten.

Bestätigt hat sich einmal mehr, was europäische Politiker nicht immer wahrhaben wollen: Das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft steht und fällt mit der Stimmung in den USA. "Wenn die USA niesen, bekommt die ganze Welt Schnupfen", lautet eine gängige Diagnose. Wenn dort die Börse schwächelt, kleckern die Europäer meist hinterher, wenn dort die Nachfrage nachlässt, bleiben Bauern und Unternehmer in aller Welt auf ihren Waren sitzen. Der EU ist es nicht gelungen, nach dem Platzen der Technologieblase in den USA vor gut zwei Jahren die Rolle als Motor der Weltwirtschaft zu übernehmen.

Das erweckt in den USA zunehmend Unmut. "Der Aufschwung in den USA erhält praktisch keine Unterstützung aus dem Ausland", kritisierte der Kolumnist Robert Samuelson in der "Washington Post". Michael Mussa, früher IWF-Chefökonom, nahm den Stabilitäts- und Wachstumspakt aufs Korn. "Es ist an der Zeit, dass europäische Politiker den Pakt nicht mehr als göttliches Objekt anhimmeln und sich um einen anderen Mechanismus bemühen, der wirtschaftlich mehr Sinn macht", schrieb Mussa. In wirtschaftlichen Schwächezeiten sei die Defizitbegrenzung ein Zwangskorsett. "So gibt es keinen überzeugenden Grund, von Westeuropa mehr Dynamik zu erwarten", lamentierte er.

Auch IWF-Direktor Horst Köhler mahnte die Europäer zu aktiverer Konjunkturpolitik. "Aufgabe der Politik ist es, diesen Unternehmern günstige Rahmenbedingungen für Risikobereitschaft und Investitionen zu bieten", mahnte er im November in Berlin. Besonders Deutschland kommt in den USA nicht gut weg. "Deutschland ist Europas kranker Mann", schrieb Samuelson. Harvard-Professor Michael Porter sieht Probleme etwa bei den hohen deutschen Staatssubventionen, unflexiblen Arbeitsmarktgesetzen und mangelnder Qualität der Schulausbildung. "Anstatt die grundlegenden Probleme anzugehen, weisen die Deutschen alle Verantwortung von sich und schieben alles auf die globale Wirtschaftalage", meint Harvard-Professor Michael Porter. "Es gibt keinen politischen Willen, etwas zu tun. Das ist Besorgnis erregend."

Während die US-Wirtschaft in den ersten drei Quartalen mit Wachstumsraten von 5, 1,3 und 4 Prozent (auf hochgerechneter Jahresrate) immerhin wieder Tritt fasste, rechnen in Europa viele erst im übernächsten Jahr mit einem richtigen Aufschwung. Bundesbank- Präsident Ernst Welteke erwartet im Laufe des kommenden Jahres die Wende zum Besseren.


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