Entschuldigungsbrief an einen Unbekannten

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Entschuldigungsbrief an einen Unbekannten BeMi

Entschuldigungsbrief an einen Unbekannten

 
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SPIEGEL ONLINE - 06. Juni 2004, 14:47
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,302996,00.html
Versöhnungsgeste zum D-Day

Entschuldigungsbrief an einen Unbekannten

Der deutsche Kriegsveteran Theodor Baas wäre zum 60. Jahrestag der alliierten Landung gerne selbst in die Normandie gereist. Doch der an Lungenkrebs leidende 79-Jährige fühlte sich zu schwach dafür. Deshalb sollte sein Sohn Jürgen den ehemaligen Kriegsgegnern eine Botschaft der Versöhnung überbringen.

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D-Day-Veteranen: Die jungen Soldaten in allen Ländern
hatten doch gar keine Chance

La Cambe - "Im Mai 1944 kam ich im Alter von 19 Jahren als Feind in dieses schöne Land. Heute, 60 Jahre später, wäre ich gerne als Freund zurückgekommen" - mit diesem Satz beginnt der Brief, den Baas seinem Sohn mit auf den Weg in die Normandie gab. Dieser sollte ihn irgendeinem Veteranen der Alliierten aushändigen. Der 46-Jährige übergab das Schreiben schließlich einem Amerikaner, der ihm bei einer Zeremonie zu Ehren der 29. US-Infanteriedivision die Hand reichte.

Theodor Baas, der einst in der 116. Panzerdivision gedient hatte, bringt in dem Brief unter anderem seine Enttäuschung über den Krieg zum Ausdruck. Die jungen deutschen Soldaten hätten damals geglaubt, ihr Vaterland gegen die alliierten Truppen verteidigen zu müssen. Erst Jahre später hätten sie erkannt, dass sie von ihren Politikern betrogen worden seien.

Seit Freitag ist der Sohn nun in der Normandie unterwegs, um im Auftrag seines Vaters die Strände der alliierten Landung sowie Soldatenfriedhöfe zu besuchen. Vor fünf Jahren waren die beiden noch gemeinsam nach Nordfrankreich gereist, doch damals waren die Deutschen von den offiziellen Feierlichkeiten ausgeschlossen. Die Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder in diesem Jahr ist auch für Jürgen Baas ein Zeichen dafür, dass sich die Zeiten geändert haben.

Viele Kriegsveteranen der Alliierten sehen dies ähnlich. Sie besuchten am Samstag auch den deutschen Soldatenfriedhof von La Cambe wo insgesamt 21.000 Gefallene ihre letzte Ruhe fanden. Er hege keine Ressentiments gegen seine früheren Feinde - "nicht gegen diese armen Männer", sagte der 84-jährige Franzose Gustave Lenoir und deutete auf die Grabsteine. Der Brite Vernon Habberfield erklärte, die jungen Soldaten in allen Ländern hätten doch gar keine Chance gehabt, sich dem Krieg zu widersetzen: "Du wurdest einberufen, und da musstest du halt ins Feld ziehen."

Jürgen Baas erinnert sich gut an die Erzählungen über die Kriegsjahre. Sein Vater schildert auch in seinem Brief das für ihn wohl schlimmste Erlebnis. Töten sei für ihn etwas Anonymes gewesen, bis er und sein Kamerad Erwin eines Tages im Nahkampf drei junge Amerikaner erschossen hätten: "In meinen Albträumen sehe ich immer noch ihre weit geöffneten Augen und ihre erstaunten ungläubigen Gesichter."

Jürgen Baas kennt nicht einmal den Namen des Amerikaners, dem er das Schreiben seines Vaters übergeben hat. Wie der wohl auf den Text reagieren werde, kann sich der Ingenieur nur schwer ausmalen: "Ich stelle mir vor, jemand hätte mir einen solchen Brief überreicht, wie ich mich dann fühlen würde. Ich kann das einfach nicht beschreiben."

von Angela Doland


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