Dreckige Eroberer

Beiträge: 2
Zugriffe: 1.455 / Heute: 1
Dreckige Eroberer bammie
bammie:

Dreckige Eroberer

 
19.10.05 17:52
#1
Bevor die Europäer kamen, lebten sie bereits in einer Welt mit Städten, Gärten und Tiergehegen: Ein neues Buch schildert, wie die Indianer aus Amerika eine Kulturlandschaft machten.

Als der spanische Konquistador Hernando de Soto ab 1539 mit seiner Streitkraft vom heutigen Florida aus das Innere Nordamerikas erkundete, fand er das erhoffte Gold nicht. Dafür traf er überall auf Indianer. In Tausenden Kanus paddelten sie über die Flüsse und ernteten Mais von ihren Äckern. Das ganze Land, staunte de Soto, war "dicht von großen Städten durchzogen".

Dem französischen Entdecker René Robert Cavelier de La Salle bot sich ein gänzlich anderes Bild, als er fast 150 Jahre später in die Gegend kam. 200 Meilen fuhren er und seine Männer den Mississippi hinunter - und sahen keine einzige Indianersiedlung. Stattdessen bebte der Boden, und Staubwolken verdunkelten den Horizont: Millionen Bisons zogen durch die Weite.

Wo waren nur die vielen Bisons hergekommen? Und wohin waren die ganzen Indianer verschwunden?

Diesen und anderen Fragen sind Anthropologen, Archäologen und Sprachforscher in den vergangenen Jahren nachgegangen. Ihre Antworten fügen sich zu einem neuen Bild von der Neuen Welt: Als Christoph Columbus 1492 in Amerika anlangte, gab es dort womöglich mehr Menschen als in Europa; und die Kultur Amerikas war ähnlich alt und reich wie im alten Europa. Die meisten Indianer lebten auf Farmen - und viele sogar in Städten, die so groß und so bevölkert waren wie das damalige London oder Madrid. Die angeblichen Wilden besaßen Teiche, Tiergehege und Obstgärten.

In den USA, wo nur wenige der Ureinwohner überlebten, würden die ersten Amerikaner jedoch bis heute als tumbe Jäger und Sammler gesehen, klagt der Wissenschaftsautor Charles Mann. Seinen Kindern werde in der Schule ein überholtes Indianerbild gelehrt: Demnach wanderten die Vorfahren der späteren "Rothäute" vor 14.000 Jahren von Sibirien aus über eine Landbrücke nach Amerika und haben dort - mit Ausnahme bestenfalls der Inka, Maya und Azteken - nicht viel zustande gebracht.

Vor der Ankunft des Weißen Mannes, so das populäre Verdikt des US-Historikers George Bancroft (1800 bis 1891), sei Nordamerika "eine unproduktive Einöde" gewesen. Die Indianer seien nichts anderes als "ein paar verstreute Stämme schwächlicher Barbaren". Das erste Siegel der Massachusetts Bay Colony zeigt einen Eingeborenen im Lendenschurz aus Blättern, der ruft: "Kommt herüber und helft uns."

Doch nun ist Autor Mann, Korrespondent des Wissenschaftsmagazins "Science", angetreten, die ältesten Bewohner seiner Heimat ins rechte Licht zu rücken. In seinem kürzlich erschienenen Buch zitiert er aus längst vergessenen Reiseberichten der ersten Eroberer und präsentiert neue Forschungsergebnisse.

Anhand von Erbgutanalysen haben Genetiker beispielsweise errechnet, dass die ersten Menschen schon vor 22.000, wenn nicht gar vor 30.000 Jahren von Asien aus nach Amerika gelangt sind - womöglich auf Schiffen. Der Norden Europas, Teil der angeblich Alten Welt, war zu dieser Zeit noch von dicken Eispanzern bedeckt und menschenleer.

Auf bis zu 112 Millionen Seelen schätzte der Anthropologe Henry Dobyns die Einwohnerschaft Amerikas vor Columbus. Es war ein stolzer und schöner Menschenschlag, der den Vergleich mit den blassen Eindringlingen aus Europa nicht zu scheuen brauchte. Die Indianer der Ostküste, notierte der britische Reisende William Wood 1634, seien weitaus "liebenswürdiger (selbst im Adamskostüm)" als englische Herren "in der neuesten Mode".

Angewidert nahmen die Indianer im heutigen Neuengland zur Kenntnis, dass die Weißen ihren Rotz in Tücher schnäuzten, die sie dann wie Pretiosen mit sich herumtrugen, und dass manche von den Eindringlingen sich niemals badeten. Die rund 100.000 Indianer, die damals die dortige Atlantikküste bevölkerten, trieben zunächst zwar eifrig Handel mit den Seefahrern aus Europa. Jedoch erlaubten die Alteingesessenen es den Fremden nicht, Siedlungen auf dem Festland zu gründen. Die wenigen Versuche, etwa im heutigen Maine, wurden blutig unterbunden.

Mit ihren Musketen, die erst umständlich mit Schießpulver gestopft werden mussten, waren die Europäer den indianischen Bogenschützen hoffnungslos unterlegen - doch sie hatten andere Waffen im Gepäck, von denen sie gar nicht wussten: Pocken- und Masernviren sowie andere Krankheitserreger.

1616 sank ein Schiff der Franzosen vor den kilometerlangen Sandstränden des Cape Cod. Die Indianer nahmen die wenigen Überlebenden auf, verteilten sie auf die Dörfer - und holten sich auf diese Weise mindestens einen infektiösen Fremdling in ihre Mitte. Die Seuche, vermutlich Hepatitis, breitete sich rasend schnell unter den Ureinwohnern aus. Von 1616 bis 1619 wurden ungefähr 90 Prozent von ihnen ausgelöscht. Voller Panik liefen die Gesunden weg und ließen die Sterbenden "als Beute für Krähen, Greifvögel und Raubzeug zurück", notierte der englische Händler Thomas Morton.

Als 1620 die englischen Pilgerväter an Bord der "Mayflower" im heutigen US-Staat Massachusetts landeten, waren sie Nutznießer der mörderischen Pestilenz: Sie fanden Zuflucht und Nahrung in einem verlassenen Indianerdorf, dessen Einwohner gestorben oder geflohen waren. Zum anderen waren die dezimierten Küstenindianer in ihrer Not erstmals bereit, mit den Fremden zu paktieren, und gestatteten es ihnen, eine Siedlung zu gründen: Plymouth - es wurde das Einfallstor der Engländer nach Nordamerika.

Seuchen haben Charles Mann zufolge in allen Teilen Amerikas immer wieder zugeschlagen. Nicht Eisenschwerter und Kanonenkugeln, sondern vor allem Viren und Bakterien haben den Untergang ganzer Indianervölker bewirkt. Im Unterschied zu den verdreckten Europäern, die mit Schweinen und Ziegen unter einem Dach schliefen, hielten die ersten Amerikaner wenig Haustiere; ihre Immunsysteme waren deshalb an Krankheitserreger kaum gewöhnt.

Millionen Indianer wurden Opfer tödlicher Keime, noch bevor sie jemals in ein Bleichgesicht geblickt hatten. Demzufolge waren weite Teile Nord- und Südamerikas längst entvölkert, als die ersten weißen Siedler dort ankamen.

Nur die ältesten Berichte, glaubt der Buchautor, liefern deshalb authentische Bilder, wie der amerikanische Kontinent vor Columbus ausgesehen hat. Amazonien beispielsweise war kein dünnbesiedelter Urwald, sondern in weiten Teilen eine Kulturlandschaft. Von "zahlreichen und sehr großen Siedlungen" berichtete der Spanier Gaspar de Carvajal, der von Dezember 1541 an monatelang auf einem Schiff den Amazonas hinunterfuhr. Auch von großgewachsenen, barbusigen Kriegerinnen erzählte er, die zum Zwecke der Fortpflanzung Männer einfingen. Die Kunde von solchen "Amazonen" erschien den Gelehrten im fernen Spanien so phantastisch, dass sie Carvajals Reisebericht als Märchen abtaten.

Inzwischen gehen viele Anthropologen davon aus, dass der Regenwald im Amazonasbecken dicht bevölkert war und ein "kulturelles Artefakt" (so Charles Mann) darstellt. Die Indianer betrieben eine nachhaltige Forstwirtschaft, indem sie gezielt Bäume pflanzten, die leckeres Obst und Nüsse trugen. Vor über 4000 Jahren kultivierten Farmer im heutigen Mexiko eine Maissorte, die bald bis in den Norden Amerikas angebaut wurde.

Erst der Ackerbau machte es möglich, dass Indianer in Städten leben konnten. In Cahokia, nahe des heutigen St. Louis (US-Staat Missouri) gelegen, siedelten vor 900 Jahren Schätzungen zufolge bis zu 40.000 Menschen; ihr Getöse war meilenweit zu hören. Der Geograf William Doolittle von der University of Texas in Austin geht davon aus, dass Indianer auf zwei Dritteln der Kontinentalfläche der heutigen USA Landwirtschaft betrieben.

Dort, wo die Indianer keine Felder bestellten, legten sie häufig Feuer und pflanzten Pekannuss- und Kastanienbäume. Ganz gezielt schufen sie auf diese Weise Haine voller Früchte und Jagdgründe, in denen sie Hirsche und Bisons hielten. Zündelnde Indianer haben den Wald immer weiter zurückgedrängt und so viele jener Prärien geschaffen, über die später die Planwagen gen Westen rumpelten.

Als weiße Entdecker vor rund 200 Jahren zum Pazifik aufbrachen, urteilte der kalifornische Wissenschaftler Dale Lott, "erkundeten sie keineswegs eine Wildnis, sondern eine riesengroße Weide, die von Indianern und für Indianer bewirtschaftet wurde".

Über viele tausend Jahre drückten die Indianer Amerika ihren Stempel auf, ehe im 16. Jahrhundert die Seuchenzüge ihre Spuren verwischten. Tierarten, die zuvor von den Eingeborenen gejagt wurden, breiteten sich auf einmal explosionsartig aus - vor allem die Bisons: 60 Millionen der majestätischen Kolosse gediehen auf dem Grasland, kaum dass die Indianer verschwunden waren.

Es war jenes Bild, das der französische Entdecker La Salle um 1682 in seinem Notizbuch festhielt. Begierig sogen die Menschen in Europa diesen und ähnliche Reiseberichte auf: Der Mythos von der menschenleeren Wildnis Amerikas war geboren.

spiegel.de
Dreckige Eroberer danjelshake

sehr interessant o. T.

 
#2


Talkforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--