Die Wahrheit über Saddam Hussein

Beitrag: 1
Zugriffe: 1.532 / Heute: 1
Die Wahrheit über Saddam Hussein eurest

Die Wahrheit über Saddam Hussein

 
#1

Amerika will einen Diktator beseitigen. Wer ist dieser Mann, der seit 23 Jahren ein blutiges Regime im Irak führt? Er mag Hemingway, ist ein charmanter Erzähler und kann es nicht leiden, wenn seine Opfer vor der Hinrichtung noch etwas sagen wollen. / Von Mark Bowden

I.

Sein Wesen

Der Tyrann muss sich den Schlaf stehlen. Ort und Zeit muss er ständig wechseln, in seinen Palästen ruht er nie. Von einem geheimen Bett bewegt er sich zum nächsten. Schlaf und feste Gewohnheiten gehören zu den wenigen Luxusgütern, die ihm verwehrt sind. Es wäre zu gefährlich, vorhersehbar zu sein. Sobald er die Augen schließt, entgleitet ihm die Nation, lockert sich sein eiserner Griff, werden in der Dämmerung Komplotte geplant. In diesen Stunden muss er anderen vertrauen. Und nichts ist für den Tyrannen gefährlicher als das: Vertrauen.

Saddam Hussein – der Gesalbte, glorreicher Führer, Nachkomme des Propheten, Präsident Iraks, Vorsitzender des Revolutionsrats, Feldmarschall seiner Armeen, Doktor seiner Gesetze und Großonkel all seiner Völker – steht um drei Uhr morgens auf. Dann geht er als Erstes schwimmen. All seine Paläste haben Pools. Wasser ist ein Symbol von Wohlstand und Macht in einem Wüstenstaat wie dem Irak, und Saddam verspritzt es in alle Richtungen – mit Brunnen und Becken, überdachten Bächen und Wasserfällen. Seine Schwimmbecken werden aufs Sorgfältigste gepflegt, das Wasser stündlich getestet – um angenehme Temperaturen und pH-Werte aufrecht zu erhalten, um mögliche Gifte zu entdecken.

Saddam hat Probleme mit dem Rücken: ein Bandscheibenvorfall. Das Schwimmen hilft dagegen, es hält ihn auch schlank und fit. Das befriedigt seine enorme Eitelkeit. 65 ist er inzwischen, aber weil seine Macht auf Angst und nicht auf Zuneigung beruht, darf man ihm nicht ansehen, wie er altert. Der Tyrann kann es sich nicht leisten, gebrechlich und grau zu werden. Schwäche fordert Widerstand heraus. So färbt er sein graues Haar schwarz und setzt möglichst selten in der Öffentlichkeit seine Lesebrille auf. Wenn er eine Rede halten muss, drucken seine Berater ihm diese in riesigen Buchstaben aus, nicht mehr als ein paar Zeilen pro Seite. Da er auf Grund des Bandscheibenvorfalls leicht hinkt, sorgt er dafür, dass er nie mehr als ein paar Schritte lang gesehen oder gar gefilmt wird.

Er ist kräftig gewachsen, hat große, starke Hände. Im Irak spielt die Größe eines Mannes noch immer eine wichtige Rolle, und Saddam ist beeindruckend. Mit seinen 1,88 überragt er seine kleineren, plumpen Berater wie ein Turm. Natürliche Gewandtheit geht ihm ab, doch hat er sich eine gewisse Eleganz des Umgangs angeeignet, so wie ein Junge vom Land lernt, die passende Krawatte zum Anzug auszusuchen. Sein Gewicht schwankt zwischen 95 und 100 Kilo, aber in seinen Maßanzügen fällt die Körperfülle nicht so leicht auf. Wer ihn genau beobachtet, weiß, dass er in Krisen dazu neigt, abzunehmen; wenn alles gut läuft, nimmt er rasant zu.

Zweimal in der Woche werden frische Lebensmittel für ihn eingeflogen – Hummer, Shrimps, Fisch, viel mageres Fleisch und Milchprodukte. Die Lieferung geht zuerst an seine Atomwissenschaftler, die sie röntgen und auf Radioaktivität und Gifte testen. Dann bereiten in Europa ausgebildete Köche das Essen zu, die unter der Aufsicht von al-Himaya, Saddams persönlicher Leibgarde stehen. In jedem seiner mehr als 20 Paläste werden täglich drei Mahlzeiten für ihn gekocht; um der Sicherheit willen wird auch in Palästen, wo er gar nicht ist, auf ausgetüftelte Weise so getan, als sei er doch da. Für einen Mann seiner Größe isst Saddam meist wenig, stochert eher in seinem Essen herum, lässt oft die Hälfte auf dem Teller zurück. Manchmal isst er in einem Restaurant in Bagdad zu Abend; dann stürmt sein Sicherheitspersonal die Küche, lässt Töpfe und Pfannen, Geschirr und Küchengeräte gründlich schrubben, mischt sich sonst aber wenig ein. Saddam weiß Kochkunst zu schätzen. Er mag Fisch lieber als Fleisch, isst viel frisches Obst und Gemüse. Zum Essen trinkt er auch gern Wein, ein Kenner ist er allerdings nicht: Sein Lieblingswein ist ein Mateus Rosé. Aber auch wenn er sich nur in Maßen einen genehmigt, achtet er darauf, dass niemand außerhalb des vertrautesten Kreises ihn trinken sieht. Alkohol ist im Islam verboten, und in der Öffentlichkeit ist Saddam ein pflichtbewusster Gläubiger.

Er hat eine Tätowierung auf der rechten Hand, drei dunkelblaue Punkte in einer Reihe dicht am Handgelenk. Das macht man bei fünf-, sechsjährigen Kindern auf dem Dorf, als Zeichen ihrer ländlichen Wurzeln und Stammeszugehörigkeit. Bei Mädchen werden die Zeichen oft auf dem Kinn angebracht, auf der Stirn oder den Backen (wie bei Saddams Mutter). Bei allen, die wie Saddam in die Stadt ziehen und Karriere machen, bleiben diese Tätowierungen Zeichen ihrer einfachen Herkunft, weshalb manche sie wegoperieren lassen oder sie mit Bleichmitteln fast zum Verschwinden bringen. Saddams Tätowierungen sind verblasst, vermutlich einfach durch das Alter; obwohl er behauptet, vom Propheten Mohammed abzustammen, hat er nie versucht, seine einfache Herkunft zu verbergen.

Der „Präsident auf Lebenszeit“ bleibt oft bis abends spät im Büro. Tagsüber genehmigt er sich oft ein Nickerchen. Ganz abrupt verlässt er dann eine Besprechung, schließt sich in einem Nebenzimmer ein, um nach einer halben Stunde erholt zurückzukommen. Immer wieder besucht er überraschend Büros, Labors und Fabriken; aber wegen der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen eilt die Kunde von seinen Besuchen seiner Ankunft weit voraus. Was er zu sehen bekommt, ist oft verfälscht. Saddam wird schon so lang mit realitätsfernen Informationen versorgt, dass auch seine Erwartungen mittlerweile realitätsfern sind. Seine Bürokraten geben sich größte Mühe, seine Illusionen aufrecht zu erhalten. Ein dummer Mann in seiner Position würde sich im Glauben wiegen, eine perfekte Welt geschaffen zu haben. Aber Saddam weiß, dass ihm etwas vorgegaukelt wird, er beklagt sich darüber.

Bücher verschlingt er, egal ob es um Physik oder Liebe geht. Besonders schätzt er Militär- und arabische Geschichte. Und er mag Bücher über große Männer – Winston Churchill zum Beispiel, den er bewundert. Saddam hat auch eigene literarische Ambitionen. Er beschäftigt Ghostwriter für einen unablässigen Strom von Reden, Artikeln und Büchern philosophischer und historischer Natur; sein Œuvre umfasst aber auch die schöne Literatur: Zwei romantische Fabeln hat er verfasst, „Zabibah und der König“ und „Das Festungsschloss“; ein drittes Werk soll demnächst erscheinen. Bevor die Bücher veröffentlicht werden, verteilt Saddam sie diskret an irakische Schriftsteller, um Kommentare einzuholen. Die Bücher sollen furchtbar laienhaft geschrieben sein, aber alle geben sich hilfsbereit, machen vorsichtig Anmerkungen für kleine Verbesserungen. Niemand traut sich, offen seine Meinung zu sagen.

Saddam sieht auch gern fern, nicht nur die von ihm kontrollierten irakischen Sender, auch CNN, Sky, al-Jazeera und BBC. Er mag Spielfilme, vor allem solche mit Intrigen und Verschwörungen wie „Der Schakal“, „Der Dialog“ und „Der Staatsfeind Nr. 1“. Da er kaum gereist ist, prägen diese Filme sein Weltbild, fördern seinen Hang zu umfassenden Verschwörungstheorien. Die Welt ist für ihn ein einziges Rätsel, wer dem Augenschein vertraut, ist nach seiner Meinung nach ein Narr. Auch Literaturverfilmungen weiß er zu schätzen. Zu seinen Favoriten zählen „Der Pate“ und „Der alte Mann und das Meer“.

Saddam kann durchaus charmant sein, sich sogar über sich selber lustig machen. „Im Fernsehen hat er mal eine urkomische Geschichte erzählt“, sagt Khidhir Hamza, ein Wissenschaftler, der am irakischen Kernwaffenprojekt arbeitete, bevor er in den Westen flüchtete. „Saddam ist ein exzellenter Geschichtenerzähler, der seine Geschichten mit Gestik und Mimik untermalt. Er beschrieb, wie er im Krieg gegen Iran für kurze Zeit hinter die feindlichen Linien geriet. Es geschah bei einem seiner Überraschungsbesuche an der Front, als die Iraner eine Offensive starteten und die Stellung, in der er sich gerade befand, abschnitten. Er prahlte kein bisschen mit dieser Geschichte, behauptete auch nicht, sich durchgekämpft zu haben. Er sagte, er habe sich gefürchtet. Und seine Truppen, ‚Die ließen mich einfach sitzen!' Er wiederholte: ‚Einfach sitzen!', und wie er das sagte, das war richtig komisch.“

Die Ärzte haben Saddam geraten, jeden Tag mindestens zwei Stunden zu laufen. Früher tauchte er mit seinem Gefolge plötzlich irgendwo in Bagdad auf. Dann vertrieben seine Leibwächter alle Menschen von den Straßen, damit der Tyrann freie Bahn hatte. Wer sich ihm näherte, wurde fast zu Tode geprügelt. Mittlerweile ist es zu gefährlich für ihn, in der Öffentlichkeit spazieren zu gehen. Außerdem soll ihn niemand hinken sehen. Nur hinter den hohen Mauern und bewachten Zäunen seiner riesigen Besitztümer verbirgt er dies nicht. Oft hat er auf seinen Spaziergängen ein Gewehr dabei, um in seinen privaten Wildparks Rehe oder Hasen zu jagen. Er ist ein ausgezeichneter Schütze.

Seit fast 40 Jahren ist Saddam verheiratet. Seine Frau Sajida ist eine Cousine mütterlicherseits und die Tochter von Khairallah Tulfah, Saddams Onkel und erstem politischem Mentor. Sajida gebar ihm zwei Söhne und drei Töchter. Sie ist ihm nach wie vor ergeben, obwohl er seit langem Beziehungen mit anderen Frauen hat. Es gibt Gerüchte, er wähle sich jeden Abend eine Jungfrau für sein Bett aus, wie der Sultan Shahryar in „Tausendundeiner Nacht“, habe von einer langjährigen Mätresse einen Sohn, ja, habe eine junge Frau umgebracht, mit der er perversen Sex gehabt habe. Es ist schwer, Wahrheit und Lüge auseinander zu halten. So viele Menschen in und außerhalb des Iraks hassen Saddam, dass jedes peinliche Gerücht mit Freuden geglaubt, weitergegeben und von der westlichen Presse als Wahrheit veröffentlicht wird. Aber wer ihn wirklich kennt, hat für die ganz wilden Geschichten nur Spott übrig.

II.

Sein Ehrgeiz

In Saddams Dorf al-Awja, östlich von Tikrit, im Norden des mittleren Irak, hat seine Sippe in Lehmhäusern gelebt. Das Land ist trocken, die Familien schlagen sich mit dem Anbau von Weizen und Gemüse durch. Saddams Sippe heißt al-Khatab, war als gewalttätig und gerissen bekannt, erinnert sich Sala Omar al-Ali, der in Tikrit aufwuchs und später Saddam gut kennen lernte. Diejenigen, die Saddam ergeben sind, sehen ihn als Saladin-artige Gestalt, als großen panarabischen Führer; für seine Feinde dagegen ist er eine Figur wie Stalin, ein grausamer Diktator; für al-Ali aber wird Saddam einfach immer nur ein al-Khatab sein, der macht, was seine Familie immer gemacht hat – nur eben im ganz großen Stil.

Im Januar servierte mir al-Ali Tee in seiner Londoner Vorstadtwohnung. Elegant ist er, grauhaarig, ein blasser Mann voll stiller Würde. Er war Iraks Informationsminister, als Saddam 1969 plötzlich verkündete, eine zionistische Verschwörung sei aufgedeckt worden; 14 angebliche Verschwörer, darunter neun irakische Juden, ließ er öffentlich durch den Strang hinrichten und ihre Leichen mehr als einen Tag lang auf Bagdads Platz der Befreiung hängen. Al-Ali verteidigte damals diese Gräueltat. Heute ist er einer von vielen verbannten und ausgebürgerten früheren Regierungsmitgliedern, ein alter Sozialist, der der revolutionären panarabischen Baath-Partei und Saddam diente, bis er mit dem „Großonkel“ zusammenstieß.

Obschon al-Ali mit der al-Khatab-Sippe bekannt war, lernte er Saddam selbst erst Mitte der sechziger Jahre kennen, als beide sozialistische Revolutionäre waren und den Sturz der Regierung von General Abd al-Rahman Arif planten. Saddam war ein großer, schlanker junger Mann mit einem dichten schwarzen Lockenkopf. Er war gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen, wo er nach einem Mordversuch auf Arifs Vorgänger gesessen hatte. Das Attentat, die Verhaftung, das Gefängnis – all das erhöhte Saddams Glanz als Revolutionär. Er war nicht nur ein harter Bursche, der den Kerlen, die für die Baath-Partei die schmutzige Arbeit machten, Respekt einflößte, er war auch belesen, konnte sich gut ausdrücken, schien aufgeschlossen zu sein; ein Mann der Tat, der auch etwas von Politik verstand; ein geborener Führer, der den Irak in eine neue Ära steuern konnte.

Al-Ali traf den jungen Flüchtling in einem Café in der Nähe der Universität Bagdad. Saddam, im gut geschnittenen grauen Anzug, entstieg einem VW-Käfer. Für beide Männer war es eine aufregende Zeit. Etwas Neues lag in der Luft, die Aussichten der Partei waren gut. Saddam freute sich, jemanden zu treffen, der auch aus Tikrit stammte. „Er hörte mir lange zu“, erinnerte sich al-Ali. „Wir haben besprochen, wie die Partei landesweit organisiert werden könnte. Es ging um komplizierte Fragen, aber er hat sie offensichtlich bestens verstanden.“

Die Partei kam 1968 an die Macht. Saddam war sofort der eigentliche Machthaber hinter seinem Cousin Ahmad Hassan al-Bakr, dem Präsidenten und Vorsitzenden des neuen Revolutionsrats. Auch al-Ali gehört diesem Rat an. Er war zuständig für den nördlichen Teil des mittleren Irak, einschließlich seiner Heimatstadt Tikrit. Dort sah er zum ersten Mal, worauf Saddams Pläne abzielten. Saddams Familie in al-Awja gab mit dem Namen des gerade aufgestiegenen Verwandten an, riss sich Bauernhöfe unter den Nagel und verjagte Leute von ihrem Land. So liefen die Dinge auf dem Dorf: Hatte eine Familie Glück, brachte sie einen starken Mann hervor, einen Patriarchen, und der häufte durch Tücke oder Gewalt für seine Sippe Reichtümer an. Saddam war jetzt ein starker Mann, nun pochte die Familie auf ihren Anteil. So war es seit jeher gewesen.

Die Philosophie der Baath-Partei orientierte sich viel stärker am Gleichheitsprinzip. Sie wollte mit anderen arabischen Ländern zusammenarbeiten, um so die gesamte Region wieder aufzubauen, wollte Besitz und Reichtum verteilen, ein besseres Leben für alle schaffen. In diesem politischen Klima war Saddams Sippe ein großer Rückschritt. Die Parteiführer auf lokaler Ebene beklagten sich, und al-Ali trug ihre Klagen seinem mächtigen jungen Freund vor. „Das ist ein kleines Problem“, sagte Saddam. „Das sind einfache Leute. Sie begreifen unsere großen Ziele nicht. Ich kümmere mich darum.“ Zwei, drei, vier Mal ging al-Ali zu Saddam, das Problem verschwand noch immer nicht. Jedes Mal das Gleiche: „Ich kümmere mich darum.“

Irgendwann verstand al-Ali, dass die al-Khatab-Sippe genau das tat, was Saddam wollte. Diesem scheinbar modernen, gebildeten jungen Dörfler ging es nicht darum, die Partei beim Erstreben ihrer hehren Ziele zu unterstützen; er benutzte die Partei vielmehr, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Plötzlich erkannte al-Ali, dass die feinen Anzüge, der urbane Geschmack, die kultivierten Umgangsformen und die sozialistischen Sprüche nur Pose waren. Das wahre Wesen Saddams steckte in der Tätowierung seiner rechten Hand. Er war ein Sohn Tikrits, ein cleverer al-Khatab, nur war er jetzt sehr viel mehr als der Patriarch seiner Sippe.

Saddams Aufstieg in der Partei mochte langsam und hinterhältig gewesen sein, aber die Macht übernahm er ganz offen. Er hatte als Vizevorsitzender des Revolutionsrats gedient und als Vizepräsident von Irak, nun strebte er die Spitzenpositionen an. Einige Mitglieder der Parteiführung, darunter Männer, die Saddam jahrelang nahe gestanden hatten, hatten andere Pläne. Statt ihm einfach die Zügel zu übergeben, machten sie sich für eine Wahl innerhalb der Partei stark. Also schritt Saddam zur Tat. Seinen Aufstieg inszenierte er wie ein Theaterstück.

Am 18. Juli 1979 lud er alle Mitglieder des Revolutionsrats und Hunderte anderer Parteiführer in einen Konferenzsaal in Bagdad. Von einer Videokamera ließ er das Ereignis für die Nachwelt festhalten. In seiner Uniform ging er langsam zum Rednerpult, blieb hinter den Mikrofonen stehen und gestikulierte mit einer großen Zigarre. Er schien bedrückt zu sein, mit dem ganzen Körper, dem breiten Gesicht wirkte er traurig. Und sprach von Verrat. Ein syrisches Komplott. Unter ihnen, im Publikum, seien die Verräter. Saddam setzte sich, hinter einem Vorhang kam Muhyi Abd al-Hussein Mashhadi hervor, der Generalsekretär des Revolutionsrats, und gestand seine Beteiligung am Putsch. Ein paar Tage vorher war er heimlich festgenommen und gefoltert worden; jetzt spuckte er Daten, Zeiten und Treffpunkte der Verschwörer aus. Dann fing er an, Namen zu nennen. Während er auf einen nach dem andern im Publikum zeigte, packten sich die Wärter die Angeklagten und führten sie aus dem Saal. (Wochen später, nach geheimen Gerichtsverhandlungen, ließ Saddam die Münder der Angeklagten zukleben, damit sie vor den Erschießungskommandos keine lästigen letzten Worte mehr sagten.)

Nachdem alle 60 „Verräter“ hinausgeschafft worden waren, ging Saddam wieder aufs Podium und wischte sich Tränen aus den Augen, während er die Namen jener wiederholte, die ihn verraten hatten. Auch im Publikum weinten einige - vielleicht aus Angst. Diese furchteinflößende Vorstellung hatte die gewünschte Wirkung. Jetzt wusste jeder im Saal, wie die Dinge im Irak von diesem Tag an laufen würden. Die Zuschauer erhoben sich und klatschten, zuerst in einzelnen Grüppchen, dann alle vereint. Die Sitzung endete mit Jubel und Gelächter.

Das war eine klassische Saddam-Nummer. Er begeht seine Verbrechen in der Öffentlichkeit, verpackt sie als Patriotismus und macht seine Zeugen zu Komplizen. Im Zuge jener Säuberungsaktion soll ein Drittel des Revolutionsrats hingerichtet worden sein.

Während seiner Amtszeit als Vizevorsitzender, von 1968 bis 1979, schienen die Ziele der Partei auch die Ziele Saddams zu sein. Das war eine relativ gute Zeit für den Irak dank Saddams effektivem Durchgreifen als Administrator. Mit drakonischen Maßnahmen ging er gegen den Analphabetismus im Land vor. In jedem Dorf und jeder Stadt wurden Leseschulungen eingerichtet, wer nicht erschien, wurde mit drei Jahren Gefängnis bestraft. Männer, Frauen und Kinder nahmen an dieser Pflichtschulung teil, Hunderttausende Analphabeten lernten lesen und schreiben. Die Unesco verlieh Saddam einen Preis.

Es gab auch ehrgeizige Bemühungen, Schulen, Straßen, Sozialwohnungen und Krankenhäuser zu bauen. Der Irak schuf eines der besten öffentlichen Gesundheitssysteme des Nahen Ostens. Damals wurde Saddam im Westen für seine Erfolge, wenn auch nicht für seine Methoden, bewundert. Nach der fundamentalistischen islamischen Revolution in Iran und der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran 1979 schien Saddam der Mann in der Region zu sein, von dem man sich am ehesten eine säkulare Modernisierung erhoffte.

Das ist lange her. Innerhalb von zwei Jahren nach der Machtübernahme galt Saddams ganzer Ehrgeiz nur noch seinen Feldzügen. Die im Exil lebenden alten Parteigenossen betrachten Saddams Einsatz für Wohlfahrtsprogramme heute als raffinierte Täuschung. Die großen Pläne für das irakische Volk waren die der Partei, sagen sie. So lange Saddam die Partei brauchte, habe er sich deren Programm zu eigen gemacht. Aber sein einziges, alles überragendes Ziel sei es gewesen, die alleinige Herrschaft zu übernehmen.

„Anfangs bestand die Baath-Partei aus der intellektuellen Elite unserer Generation“, sagt Hamed al-Jubouri, der heute in London lebt und einst zum Revolutionsrat gehörte: „Viele Professoren, Physiker,Wirtschaftswissenschaftler und Historiker – wirklich die Elite der Nation. Saddam war charmant und beeindruckend. Er hat uns alle eingewickelt. Wir haben ihn unterstützt, weil er als einziger dazu geeignet schien, ein so schwieriges Land, ein so schwieriges Volk unter Kontrolle zu halten. Er schien sowohl intellektuell wie pragmatisch zu sein. Aber er hat sein wahres Ich versteckt, jahrelang, auf diese Weise ist es ihm gelungen, seine wahren Vorhaben zu verstecken. Vielleicht ist das seine größte Fähigkeit.“

Was will Saddam? Geld scheint ihn nicht zu interessieren, im Unterschied zu anderen Mitgliedern seiner Familie. Seine Frau Sajida ist in New York und London für Millionen Dollar einkaufen gegangen, damals, als Saddam noch gute Beziehungen zum Westen hatte. Saddam selbst ist kein Hedonist; er führt ein geregeltes, eher enthaltsames Leben. Was ihn interessiert, ist der Ruhm. Er möchte bewundert und verehrt werden, für alle Zeiten. Eine 19-bändige offizielle Biografie ist Pflichtlektüre für jedes Regierungsmitglied; Saddam hat sogar einen sechsstündigen Film über sein Leben in Auftrag gegeben, „Die langen Tage“. Terence Young, als Regisseur von drei frühen James-Bond-Filmen bekannt, hat ihn zusammengestellt. Seinem offiziellen Biografen hat Saddam erzählt, dass es ihn nicht interessiert, was die Menschen heute von ihm dächten, sondern, was sie in 500 Jahren von ihm denken würden. Hinter Saddams blutigem, unbeirrbarem Streben nach Macht scheint schlichte Eitelkeit zu stecken.

Doch was für eine grenzenlose Eitelkeit ist das, die einen Mann dazu bringt, alle einzusperren oder hinzurichten, die ihn kritisieren oder widersprechen? Riesige Statuen von sich im ganzen Land aufzustellen? Romantische Porträts in Auftrag zu geben, auf denen der Großonkel der Nation als Wüstenreiter, Weizen mähender Bauer oder Zementsäcke tragender Bauarbeiter dargestellt wird? Fernsehen, Radio, Filmproduktion und Presse jedes Wort, jede Tat von ihm feiern zu lassen? Kann das Ego allein die Erklärung sein? Oder ist es vielleicht eher das Gegenteil? Was für eine gigantische Unsicherheit, was für ein Selbsthass machen solche Kompensationen erforderlich?

Allein das Ausmaß der Taten des Tyrannen spottet jeder Psychoanalyse. Aus Ego und Ehrgeiz wird eine politische Bewegung. Saddam verkörpert zuerst die Partei, dann die Nation. Andere machen sich zu Verschwörern dieser Entwicklung, um ihren eigenen Ehrgeiz zu stillen, selbstlos und selbstsüchtig zugleich. Dann wendet der Tyrann sich gegen sie. Der Kult um seine Person wird zu mehr als einer politischen Strategie. Die Allgegenwart der Bilder von ihm in heroischen oder väterlichen Posen, seines Namens, seiner Leitsätze, seiner Tugenden, seiner Leistungen – diese ständigen Wiederholungen sollen seine Macht unausweichlich, unanfechtbar erscheinen lassen.

III.

Sein Ziel

Jedes Mal, wenn Saddam dem Tod entkam – 1959, als er nach einem missglückten Attentat auf den irakischen Präsidenten Abd al-Karim Qasim mit einer leichten Beinverletzung davonkam; 1964 , als er an einem missglückten Putschversuch der Baath-Partei beteiligt war, aber der Todesstrafe entging; als er im Iran-Irak-Krieg hinter den feindlichen Linien eingeschlossen wurde; als er, mehrmals, Putschversuche überlebte; 1991, als er die amerikanischen Angriffe auf Bagdad überstand und danach die landesweite Revolte nach dem Golfkrieg – bestärkte ihn das in seiner Überzeugung, dass sein Weg gottgewollt, Größe ihm vom Schicksal vorbestimmt war. Und da seine Weltanschauung von Stammesstrukturen geprägt ist, bedeutet Schicksal für ihn Blut. Daher hat er Genealogen beauftragt, ihm einen Stammbaum zu konstruieren, der ihn auf Fatima, Tochter des Propheten Mohammed, zurückführt. Saddam sieht den Propheten weniger als Übermittler der göttlichen Offenbarung, denn als politischen Vorläufer: als großen Führer, der die arabischen Völker vereinte und die arabische Kultur und Macht aufblühen ließ.

Wenn Saddam eine Religion hat, dann ist es sein Glaube an die Überlegenheit der arabischen Geschichte und Kultur, einer Tradition, von der er überzeugt ist, dass sie wieder aufsteigen und die Welt durcheinander bringen wird. Sein Bild von der früheren Größe des arabischen Reiches ist durch und durch romantisch, voll von prunkvollen Palästen und mächtigen Kalifen. Seine Vorstellung von Geschichte hat nichts mit Fortschritt zu tun, mit neuen Erkenntnissen, den Rechten und Freiheiten des Einzelnen, mit all dem, was im Westen zählt. Es geht einfach um Macht. Für Saddam ist die heutige Übermacht des Westens, vor allem der USA, eine Phase. Amerika ist ungläubig und minderwertig. Was dem Land fehlt, ist das reiche, althergebrachte Erbe, über das der Irak und andere arabische Staaten verfügen. Sein Platz an der Spitze der Weltmächte ist nichts als eine Laune der Geschichte, die Folge technischen Fortschritts. Es wird sich nicht halten.

Arabien, das Saddam für den Ursprung der Zivilisation hält, werde eines Tages aber wieder an der Spitze stehen. Wenn dieser Tag komme, ob zu seinen Lebzeiten, in 100 oder gar 500 Jahren, würde sich sein Name unter denen der Großen der Geschichte befinden. Saddam sieht sich im Pantheon großer Männer: Eroberer, Propheten, Könige und Präsidenten, Gelehrte, Dichter, Wissenschaftler. Es ist egal, ob er deren Ideen versteht oder nicht. Wichtig ist allein, dass die Geschichtsschreibung sie in Erinnerung behält, und sie für ihre Leistungen ehrt.

In einem Buch mit dem Titel „Saddam's Bombenmacher“ (2000) erinnert sich der Atomwissenschaftler Khidhir Hamza an seine erste Begegnung mit Saddam, als der zukünftige Diktator offiziell noch Vizevorsitzender war. Ein großer neuer Computer war gerade in Hamzas Labor installiert worden, und Saddam kam angerauscht, um ihn sich anzusehen. Aber der Computer interessierte ihn kaum; eine Reihe von Bildern, die Hamza an die Wand gepinnt hatte, erregte seine Aufmerksamkeit, ein berühmter Wissenschaftler neben dem anderen, von Kopernikus bis Einstein. Die Bilder waren aus Zeitschriften herausgerissen.

„Wer sind die Leute?“, fragte Saddam.

„Das sind die größten Wissenschaftler der Geschichte“, erklärte ihm Hamza. Daraufhin sei Saddam wütend geworden: „Was für eine Beleidigung! Diese ganzen großen Wissenschaftler! Und Sie haben so wenig Respekt vor diesen großen Männern, dass Sie ihre Bilder nicht einmal rahmen? Sie können sie nicht besser ehren als so?“ Saddam schien persönlich beleidigt zu sein. Er sieht sich schließlich als einen der großen Männer der Geschichte, als Teil der Geschichte. Mangelnde Ehrerbietung gegenüber einem Bild von Kopernikus könnte auf mangelnde Ehrerbietung gegenüber Saddam hindeuten.

Der Journalist Saad al-Bazzaz, der 1992 aus dem Land floh, hat viel über diesen Punkt nachgedacht - während seiner Zeit als Zeitungsredakteur und Fernsehproduzent in Bagdad und seither als Verleger einer arabischen Zeitung in London. „Ich brauche ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber“, erklärte er mir in der Hotellobby des „Claridge's“. Er breitete das Blatt auf einem Tisch aus und teilte es mit einer Linie.

„Sie müssen verstehen, dass das Verhalten im Alltag einfach ein Ausdruck der Mentalität ist. Die meisten Leute glauben, dass der Grundkonflikt der irakischen Gesellschaft ein konfessioneller ist, zwischen Sunniten und Schiiten. Aber der wirklich große Graben hat nichts mit Religion zu tun. Es ist der Unterschied der Mentalitäten von Dörflern und Städtern. Also: Das hier ist ein Dorf.“ Al-Bazzaz schrieb auf die rechte Seite des Blattes ein D und zeichnete darunter lauter einzelne kleine Vierecke. „Das sind Häuser oder Zelte“, meinte er. „Beachten Sie die Abstände dazwischen. Das liegt daran, dass in einem Dorf jede Familie ihr eigenes Haus hat, und die Häuser manchmal kilometerweit auseinander liegen. Die Menschen sind autark, bauen ihre eigene Nahrung an, nähen ihre eigenen Kleider. Wer auf dem Dorf aufwächst, hat vor allem Angst. Es gibt dort keine Überwachung der Gesetze, keine Zivilgesellschaft. Jede Familie fürchtet sich vor der anderen, und alle zusammen fürchten sie sich vor Fremden. Das ist das Stammesdenken. Die einzige Loyalität, die sie kennen, ist die ihrer Familie oder ihrem Dorf gegenüber. Du kannst lügen, betrügen, stehlen, sogar töten, das ist alles okay, solang du Deinem Dorf oder Stamm gegenüber treu bist. Für diese Menschen ist Politik ein blutiges Spiel, in dem es allein darum geht, Macht zu erlangen oder zu behalten.“

Über die linke Seite des Blatts schrieb al-Bazzaz das Wort „Stadt“. Darunter zeichnete er eine Zeile aneinander grenzender Vierecke. Darunter noch eine Zeile und noch eine. „In der Stadt lässt man die alten Stammesbindungen hinter sich. Alle leben nah beieinander. Der Staat spielt im Leben aller eine große Rolle. Sie haben Jobs und kaufen Lebensmittel und Kleider in Geschäften. Es gibt Gesetze, Polizei, Gerichte und Schulen. Die Menschen in der Stadt verlieren ihre Angst vor Fremden und interessieren sich für Dinge aus dem Ausland. Das Leben in der Stadt beruht auf Kooperation, auf komplexen sozialen Netzwerken. Man erreicht nichts, ohne mit anderen zusammenzuarbeiten, weshalb in der Stadt Politik eine Kunst der Kompromisse und der Partnerschaften ist. Die höchsten Ziele der Politik sind hier Zusammenarbeit und Wahrung des Friedens. So ist die Politik in der Stadt per definitionem gewaltlos. Das Rückgrat urbaner Politik ist nicht Blut, sondern das Gesetz.“

Nach Ansicht von al-Bazzaz verkörpert Saddam die Stammesmentalität. „Er ist der Inbegriff des irakischen Patriarchen, der Dorfhäuptling, der eine Nation unter seine Kontrolle gebracht hat. Und weil er es so weit gebracht hat, glaubt er sich vom Schicksal gesalbt. In den letzten Jahren hat er in seinen Reden wiederholt Sätze aus dem Koran zitiert, wobei er die Worte so spricht, als seien es seine eigenen. Im Koran sagt Allah: „Wenn ihr mir dankt, so werde ich Euch mehr geben.“ Die gleiche Formulierung wählte Saddam bei einer Ordensverleihung an seine Offiziere. Er hält sich nicht mehr für einen gewöhnlichen Menschen. Dadurch ist ein Dialog mit ihm unmöglich geworden. Er kann nicht begreifen, warum Journalisten ihm kritisch begegnen dürfen sollen.

Auch wenn Saddam über die reiche Geschichte Arabiens ins Schwärmen gerät, gesteht er dem Abendland eine eindeutige Überlegenheit in zwei Bereichen zu: erstens im Bereich der Waffentechnik, weshalb er unermüdlich die neueste militärische Hardware zu importieren und eigene Massenvernichtungsmittel zu entwickeln versucht. Zweitens in der Kunst, Macht zu erlangen und zu behalten. Er hat sich intensiv mit einem der größten Tyrannen der Weltgeschichte beschäftigt: Josef Stalin. In seiner Biografie „Saddam Hussein: Die Politik der Rache“ (2000) berichtet Said Aburish von einem Treffen Saddams mit dem kurdischen Politiker Mahmoud Othman im Jahre 1979. Es war am frühen Morgen, Saddam empfing Othman in einem kleinen Büro in einem seiner Paläste. Othman hatte den Eindruck, Saddam habe in diesem Büro übernachtet: In einer Ecke stand ein schmales Feldbett, der Präsident empfing ihn im Morgenmantel. Neben dem Feldbett, erinnert sich Othman, standen „mehr als zwölf Paare teurer Schuhe. Den gesamten Rest des Büros nahmen Regale mit Büchern über einen einzigen Mann ein, über Stalin. Man könnte also sagen, dass Saddam mit dem russischen Diktator ins Bett ging.“

Saddams Einmarsch in Kuwait im August 1990 gehört zu den größten militärischen Fehleinschätzungen der modernen Geschichte. Eine Frucht des Größenwahns. Wagemutig geworden durch seinen „Sieg“ gegen den Iran, wollte Saddam weitere unrealistische Unternehmungen in Angriff nehmen. Er hatte eine Armee von mehr als einer Million untätiger Soldaten – mit Sicherheit genug, um den Nachbarstaat Kuwait mit seinen reichen Ölvorräten überrollen zu können. Saddam glaubte, dass dies dem Rest der Welt egal wäre. Ein Irrtum. Drei Tage nachdem Saddam das winzige Königreich besetzt hatte, ließ Präsident George Bush im Krisengebiet eine der größten Streitmächte aller Zeiten aufmarschieren.

Anfang 1991 wartete Ismail Hussain in der Wüste Kuwaits auf den Gegenangriff der USA. Er ist ein kleiner, gedrungener Mann, ein Sänger, Musiker und Komponist. Die ganze Zeit, während der er zwangsweise in einer Uniform steckte, war ihm klar, dass er nicht hineinpasste. Er hoffte, nicht kämpfen zu müssen, doch wo er hinsah, lauerte der Tod. Ging er auf die Amerikaner zu, erschossen sie ihn. Rannte er davon, würde er von seinen Vorgesetzten umgebracht - weil diese umgebracht würden, wenn ihre Männer desertierten. Es gab keinen Ausweg. Das amerikanische Kampfflugzeug, das ihm das Bein abschoss, hat er nie gesehen.

Allen Angehörigen der irakischen Armee, von einberufenen Soldaten wie Hussain bis zu Saddams höchsten Generälen, war klar, dass sie gegen eine solche Streitmacht nicht ankamen. Saddam hingegen sah das anders. Al-Bazzaz erinnert sich, wie sehr ihn das erschreckte. „Wir hatten am 14. Januar 1991, zwei Tage vor dem Angriff der Alliierten, eine erschreckende Sitzung“, erzählte er mir: „Saddam hatte gerade den Uno-Generalsekretär getroffen, der in letzter Minute noch eine friedliche Lösung aushandeln wollte. Ihre Sitzung hatte mehr als zweieinhalb Stunden gedauert, weshalb die Hoffnung groß war, es sei eine Lösung gefunden worden. Doch dann sprach Saddam, und es war klar, dass er die Gelegenheit nicht genutzt hatte. Er sagte: ,Fürchtet euch nicht. Ich sehe die Tore Jerusalems vor mir aufgehen.’ Ich dachte, was soll der Scheiß? Demnächst würde ein Feuersturm auf Bagdad niedergehen, und dieser Mann erzählte uns was von seinen Visionen von der Befreiung Palästinas?“

Wafic Samarai steckte in einer besonders schwierigen Lage. Wie kann man als Geheimdienstchef eines Tyrannen arbeiten, der die Wahrheit nicht hören will? Sagt man ihm die Wahrheit, und sie widerspricht seinem Gefühl der Unfehlbarkeit, sitzt man in der Patsche. Sagt man ihm nur, was er hören will, würden diese Lügen mit der Zeit unweigerlich aufgedeckt.

Samarai war sein Leben lang Offizier gewesen. Er hatte Saddam während des langen Krieges gegen den Iran beraten und beobachtet, wie Saddam sich ein recht hoch entwickeltes Verständnis militärischer Begriffe, Waffen, Strategien und Taktiken angeeignet hatte. Aber Saddams Sicht der Dinge wurde stark beeinträchtigt von seiner ausgeprägten Neigung zum Wunschdenken – dem Untergang so vieler Amateur-Generäle. Samarai lieferte unablässig Geheimberichte darüber, wie die USA und ihre Verbündeten eine Truppe von beinahe einer Million Mann in Kuwait zusammenzogen, mit einer Luftwaffenschlagkraft, die alles übertraf, was die Iraker aufbieten konnten, mit Artillerie, Raketen und Panzern, die der irakischen Ausrüstung um Jahrzehnte voraus waren. Die Amerikaner versteckten diese Waffen nicht. Sie wollten, dass Saddam genau wusste, worauf er sich einließ.

Aber Saddam ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte einen Plan, den er Samarai und seinen anderen Generälen bei einer Sitzung in Basra, Wochen vor dem Beginn der amerikanischen Offensive, erklärte. Er schlug vor, amerikanische Soldaten gefangen zu nehmen und sie als menschliche Schutzschilder an irakischen Panzern festzubinden. „Nie würden die Amerikaner auf ihre eigenen Soldaten schießen“, sagte er triumphierend, als wäre solche Zimperlichkeit ein tödlicher Fehler. Es war klar, dass er selbst keinerlei solcher Bedenken hätte. Im Laufe der Kämpfe, versprach er, würden zu diesem Zweck Tausende feindlicher Soldaten gefangen genommen. Dann könnten seine Truppen ungehindert ins östliche Saudiarabien vordringen und die Alliierten zum Rückzug zwingen. Das war auf jeden Fall sein Plan.

Samarai wusste, dass all das eine reine Halluzination war. Wie sollten die Iraker Tausende amerikanischer Soldaten gefangen nehmen? Niemand konnte sich – und in Massen schon gar nicht – den amerikanischen Stellungen nähern, ohne entdeckt und getötet zu werden. Und selbst wenn: Die Vorstellung, Soldaten als menschliche Schutzschilde zu benutzen, war widerwärtig, verstieß gegen alle Gesetze und internationalen Abkommen. Doch keiner der Generäle, Samarai inbegriffen, sagte ein Wort. Alle nickten pflichtschuldig und machten sich Notizen.

Und doch: Als Chef des Geheimdienstes fühlte Samarai sich verpflichtet, Saddam die Wahrheit zu sagen. Am späten Nachmittag des 14. Januar meldete sich der General für eine Sitzung in Saddams Büro im Palast der Republik. Im gut geschnittenen schwarzen Anzug saß der Präsident hinter seinem Schreibtisch. Samarai schluckte schwer, dann gab er seine düstere Einschätzung der Lage. Bisher seien keine feindlichen Soldaten gefangen genommen worden, und daran würde sich wohl nichts ändern. Die irakischen Streitkräfte seien so dünn über die Wüste verteilt, dass die Amerikaner praktisch geradewegs auf Bagdad losgehen konnten. Samarai hatte viele Belege für seine Einschätzung der Lage – Fotos, Nachrichten, Zahlen. Die Iraker müssten mit einer raschen Niederlage rechnen und befürchten, dass die Iraner ihre Schwäche ausnutzen und im Norden einmarschieren würden.

Saddam hörte sich diese Litanei bevorstehender Katastrophen geduldig an. „Jetzt sage ich Ihnen meine Meinung“, sagte er dann, ruhig und zuversichtlich: „Der Iran wird sich auf keinen Fall einmischen. Unsere Streitkräfte werden härter kämpfen, als Sie glauben. Sie können Bunker graben und so den amerikanischen Luftangriffen trotzen. Sie werden lange kämpfen, und auf beiden Seiten wird es viele Opfer geben. Nur: Wir sind bereit, Opfer hinzunehmen, die Amerikaner nicht. Das amerikanische Volk ist schwach. Sie werden es nicht hinnehmen, wenn viele ihrer Soldaten fallen.“

Samarai war entsetzt. Aber er hatte das Gefühl, seine Pflicht getan zu haben: Er hatte Saddam die Wahrheit gesagt. Und Saddam schien ihm die schlechten Nachrichten nicht übel zu nehmen.

Drei Tage später begannen die schweren Luftangriffe. Fünf Wochen danach, am 24. Februar, folgte die Offensive zu Lande, Saddams Truppen ergaben sich sofort oder ergriffen die Flucht. Tausende wurden am Mutla-Grat erwischt, bei dem Versuch, in den Irak zurückzukehren; die meisten verkohlten in ihren Fahrzeugen. Der Iran machte keinen Versuch, ins Land einzudringen, aber ansonsten entwickelte sich der Krieg genau so, wie Samarai vorhergesagt hatte.

In den Tagen nach dieser Niederlage wurde Samarai erneut zu einer Sitzung mit Saddam geordert. Der Präsident arbeitete in einem geheimen Büro. Zum Schlafen war er in den Vororten Bagdads von Haus zu Haus gezogen, hatte diese einfach nach dem Zufallsprinzip okkupiert, um nicht von amerikanische Bomben erwischt zu werden. Samarai fand, dass Saddam davon nicht nur unberührt wirkte, sondern so, als würde ihm all das auf merkwürdige Weise Auftrieb geben.

„Was ist Ihre Einschätzung, General?“, fragte Saddam.

„Ich glaube, das war die schlimmste Niederlage der Militärgeschichte“, sagte Samarai.

„Wie können Sie so etwas sagen?“

„Sie ist schlimmer als die Niederlage bei Khorramshahr“ (dort hatten die Iraker im Krieg gegen den Iran Zehntausende verloren).

Saddam sagte erst mal gar nichts. Samarai wusste, dass der Präsident nicht blöd war. Er hatte mit Sicherheit mitbekommen, was alle gesehen hatten: die Massen-Kapitulation seiner Truppen, das Gemetzel am Mutla-Grat, die verheerende Zerstörung durch die amerikanischen Bombardements. Doch selbst wenn Saddam die Einschätzung des Generals geteilt hätte - es auszusprechen, hat er nicht über sich gebracht. Bis dahin konnten immer die Generäle die Schuld für eine Niederlage zugeschoben bekommen. Dann waren die Militärs der Sabotage, des Verrats, der Unfähigkeit oder Feigheit bezichtigt worden. Es hatte Verhaftungen und Hinrichtungen gegeben, und konnte sich Saddam der Illusion hingeben, dass er die Wurzeln der Niederlage beseitigt hatte. Aber diesmal lag die Ursache der Niederlage klar bei ihm. Das hätte er natürlich nie zugeben können. „Das ist ihre Meinung“, sagte er kurz angebunden und ließ es dabei bewenden.

Auf diese militärische Niederlage reagierte Saddam in den folgenden Jahren mit immer wilderen Plänen und Träumen, die er in seiner typischen Rhetorik wie ein Messias zum Ausdruck brachte. Im August letzten Jahres erklärte er in einer Fernsehansprache ans irakische Volk: „Mit Ihnen und durch Sie werden die guten Araber den Sieg davontragen. Ihr Sieg wird großartig, unsterblich, makellos und von einem Glanz sein, den nichts zu trüben vermag. In unseren Herzen und Seelen ebenso wie in den Herzen und Seelen edler und glorreicher irakischer Frauen und hochgemuter irakischer Männer sind wir vom Sieg absolut überzeugt, so Allah will. Das Pflücken der endgültigen Frucht in Einklang mit ihrer Beschreibung, auf die alle Welt hinweisen wird, ist eine Frage der Zeit, deren Art und letzte, endgültige Stunde entschieden wird vom gnädigen Allah. Und Allah ist der Größte!“

Um Allah zu helfen, hatte Saddam bereits geheime Entwicklungsprogramme für biologische, chemische und Kernwaffen in Auftrag gegeben.

IV.

Seine Grausamkeit

Anfang der 80er Jahre erlebte ein irakischer Bürokrat, der auf mittlerer Ebene im Wohnbauministerium in Bagdad arbeitete, wie mehrere seiner Kollegen von Saddams Regime beschuldigt wurden, Bestechungsgelder angenommen zu haben. Wahrscheinlich zu Recht, meinte er. „Es gab in unserer Abteilung Fälle von Bagatellkorruption“, sagte er. Die Angeklagten wurden alle zum Tod verurteilt.

„Allen im Büro wurde befohlen, an ihrer Hinrichtung teilzunehmen“, erzählt der ehemalige Bürokrat, der heute in London lebt: „Ich beschloss, nicht hinzugehen, aber als meine Freunde davon erfuhren, riefen sie mich an und beschworen mich, es mir noch einmal zu überlegen, weil ich mich sonst verdächtig machen würde.“ Also ging er hin. Zusammen mit den anderen aus seinem Büro wurde er in einen Gefängnishof geführt und sie mussten mitansehen, wie ihre Kollegen und Freunde – mit denen sie jahrelang zusammengearbeitet hatten, mit deren Kindern ihre eigenen Kinder spielten, mit denen sie auf Partys und Picknicks gewesen waren – herausgeführt wurden mit Säcken über den Köpfen. Sie sahen und hörten, wie die Angeklagten flehten, weinten und ihre Unschuld beteuerten. Einer nach dem andern wurde erhängt. In dem Moment beschloss der Bürokrat, den Irak zu verlassen.

Grausamkeit gehört zur Kunst des Tyrannen. Er studiert sie und macht sie sich zu eigen. Seine Herrschaft beruht auf Angst, aber Angst allein genügt nicht, um allen Einhalt zu gebieten. Es gibt Männer und Frauen, die sehr mutig sind, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um dem Tyrannen Widerstand zu leisten.

Doch der hat Mittel und Wege, auch diesem Mut zu begegnen. Denn von denen, die den Tod nicht fürchten, fürchten einige Folter, Schande oder Demütigung. Und sogar wer diese Dinge für sich selbst nicht fürchtet, fürchtet sie für Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Frauen und Kinder. Der Tyrann benutzt all diese Mittel. Er befiehlt nicht nur Akte der Grausamkeit, sondern auch grausame Schauspiele. Wenn Saddam gegen schiitische Geistliche vorgeht, lässt er nicht nur die Mullahs, sondern auch deren Familien hinrichten. Schmerz, Erniedrigung und Tod werden zu öffentlichen Spektakeln. Schuld oder Unschuld sind im Grunde unwichtig, denn es gibt keine Gesetze oder Werte, die schwerer wiegen als des Tyrannen Willen: Will er jemanden verhaften, foltern, verurteilen und hinrichten lassen, genügt das. Das geschieht nicht nur zur Warnung, Strafe oder Säuberungszwecken, sondern soll seinen Untertanen, Feinden und potenziellen Rivalen demonstrieren, wie stark er ist. Mitleid, Fairness, Rücksicht auf ordentliche Verfahren oder Gesetze sind nichts als Zeichen von Unentschlossenheit. Unentschlossenheit bedeutet Schwäche. Grausamkeit beweist Stärke.

Bei den Zulu heißt es, ein Tyrann sei „voll von Blut“. Einer Schätzung zufolge wurden im dritten und vierten Jahr nach Saddams offizieller Machtübernahme (1981/1982) mehr als 3000 Iraker hingerichtet. An Saddams Gräueltaten im Laufe der mehr als 30 Jahre seiner inoffiziellen und offiziellen Herrschaft wird eines Tages in einem Museum und in Archiven erinnert werden. Doch zwischen den allergrößten Scheußlichkeiten drohen kleinere zu verschwinden, die für ihn charakteristisch sind.

Tahir Tahya war irakischer Premierminister, als 1968 die Baath-Partei an die Macht kam. Es heißt, 1964, als Saddam im Gefängnis war, habe Yahya ihn persönlich getroffen und dazu zu bewegen versucht, sich gegen die Baath-Partei zu wenden und mit dem Regime zu kooperieren. Seit er erwachsen war, hatte Yahya dem Irak als Offizier gedient und war eine Zeit lang selbst ein führendes Mitglied der Baath-Partei, einer von Saddams Vorgesetzten. Doch er hatte sich Saddams Verachtung eingehandelt. Nach der Machtübernahme ließ Saddam Yahya, dem er seine Kultiviertheit verübelte, ins Gefängnis werfen. Auf Saddams Befehl musste Yahya einen Schubkarren von Zelle zu Zelle schieben und die Toiletten- und Abfalleimer der Häftlinge einsammeln. „Abfall! Abfall!“, rief er jedesmal. Die Demütigung des ehemaligen Premierministers erfüllte Saddam bis zu Yahyas Tod im Gefängnis mit Freude. Heute noch erzählt er die Geschichte gern und kichert, wenn er „Abfall! Abfall!“ sagt.

1990 kam Saddam zu Ohren, der Generalleutnant Omar al-Hazzaa habe schlecht über ihn geredet. Er wurde nicht nur zum Tod verurteilt. Vor der Hinrichtung ließ ihm Saddam noch die Zunge herausschneiden und außerdem al-Hazzaas Sohn Farouq hinrichten.

Saddam macht sich keine Illusionen darüber, was für brutale Vergeltung er zu erwarten hätte, sollte ihm je die Macht entgleiten. In ihrem Buch „Out of the Ashes“ (1999) erzählen Andrew und Patrick Cockburn von einer Familie, die sich bei Saddam beklagte, eines ihrer Familienmitglieder sei zu Unrecht hingerichtet worden. Ohne eine Spur von Reue erklärte er: „Glaubt nicht, dass Ihr Euch rächen könnt. Sollte sich je eine Gelegenheit dazu bieten, dann wäre bei Eurer Ankunft kein Fetzen Fleisch mehr an unseren Leichen.“

Aber kein Mensch ist frei von Widersprüchen. Selbst von Saddam ist bekannt, dass er Trauer empfunden hat ob gewisser Exzesse. Einige, die ihn während der Säuberungsaktion 1979 am Rednerpult weinen sahen, tun dies als Show ab, doch Saddam ist bekannt dafür, dass er zuweilen in Tränen ausbricht. Während der Hinrichtungswelle nach seiner offiziellen Machtübernahme schloss er sich laut Saïd Aburishs Biografie zwei Tage lang in seinem Schlafzimmer ein, und als er wieder herauskam, waren seine Augen vom Weinen rot und geschwollen. Aburish berichtet, dass Saddam danach der Familie von Adnan Hamdani, dem hingerichteten Regierungsbeamten, der Saddam in den zehn Jahren zuvor am nächsten gewesen war, einen Kondolenzbesuch abstattete, der bei aller Unverschämtheit offenbar ehrlich gemeint war. Er bekundete keine Reue – die Hinrichtung sei notwendig gewesen – , aber Trauer. Bedauernd sagte er Hamdanis Witwe, „nationale Gesichtspunkte“ hätten nun mal Vorrang vor persönlichen. Ab und zu zumindest beklagt also Saddam, der Mensch, was Saddam, der Tyrann zu tun gezwungen ist.

Der Konflikt zwischen seinen persönlichen Prioritäten und denen als Präsident ist besonders schmerzhaft in Bezug auf seine eigene Familie. Uday Hussein, Saddams ältester Sohn, ist allen Berichten zufolge ein sadistischer Verbrecher, wenn nicht gar völlig verrückt. Er ist ein großer, dunkelhäutiger, gut gebauter 37-Jähriger und in seinem Narzissmus und Mutwillen fast schon die Karikatur seines Vaters. Uday hat von diesem die ganze Brutalität, aber offenbar nichts von seiner Disziplin. Er ist ein ausschweifender Trinker und bekannt dafür, dass er seine wilden Aufmachungen selbst entwirft. Fotos zeigen ihn mit riesigen Frackschleifen und Anzügen, deren Farben zu seinen Luxusautos passen.

Ismail Hussain, der als Soldat in der kuwaitischen Wüste ein Bein verlor, erregte als Sänger nach dem Krieg Udays Aufmerksamkeit. Als Lieblingskünstler des Erstgeborenen wurde er eingeladen, auf den Riesenfeten zu singen, die Uday jeden Montag- und Donnerstagabend schmiss. Sie fanden oft in einem Palast statt, den Saddam in der Nähe von Bagdad auf einer Insel im Tigris hatte bauen lassen - so opulent, dass den Besuchern fast die Augen raus fielen: Alle Türklinken und Wasserhähne im Palast waren aus Gold.

„Während ich auf diesen Partys sang“, sagt Ismail, der heute in Toronto lebt, „stieg Uday gern mit einem Maschinengewehr auf die Bühne und feuerte in die Saaldecke. Alle warfen sich vor Schreck zu Boden. Da ich schwerere Geschütze als Udays Kalaschnikow gewohnt war, sang ich einfach weiter. Manchmal waren auf diesen Parties Dutzende von Frauen, aber nur fünf, sechs Männer. Uday besteht darauf, dass alle sich mit ihm betrinken. Wenn er richtig besoffen ist, werden die Gewehre hervorgeholt. Seine Freunde haben alle furchtbar Angst vor ihm, weil er sie ins Gefängnis werfen oder umbringen lassen kann. Ich habe einmal einen seiner Wutausbrüche gegenüber einem Freund erlebt. Er gab ihm einen solchen Tritt in den Hintern, dass sein Stiefel abflog. Der Mann raste los, um den Stiefel zu holen und versuchte verzweifelt, ihn Uday wieder anzuziehen, der ihn in allen Tönen verwünschte.“

Saddam duldete die Exzesse seines Sohns - bis Uday 1988 auf einer Party einen der höchsten Berater des „Großonkels“ ermordete. Uday versuchte sich sofort, mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Die Cockburns schreiben: „Während Uday der Magen ausgepumpt wurde, kam Saddam in die Notfallstation, schob die Ärzte zur Seite, schlug Uday ins Gesicht und schrie: ,Dein Blut soll fließen wie das Blut meines Freundes!’“ Dann ließ sich der Vater erweichen: Der Mord wurde als Unfall eingestuft. 1996 wurde auf Uday selbst ein Anschlag verübt: Er wurde von acht Kugeln getroffen, seitdem ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. Sein Verhalten dürfte ihn um die Nachfolge seines Vaters gebracht haben. In den letzten Jahren hat Saddam deutlich gemacht, dass er Qusay aufbaut, ein ruhigerer, disziplinierterer, pflichtbewussterer Erbe.

Aber das Attentat auf Uday war Saddam eine Warnung. Es hieß, es sei von einer Gruppe gebildeter irakischer Dissidenten ausgeführt worden – Tausenden von Verhaftungen und Verhören zum Trotz wurde keiner von ihnen gefasst. Gerüchten zufolge sollen die Attentäter zum Umfeld der Familie von Omar al-Hazzaa gehören, dem Offizier, dessen Zunge herausgeschnitten wurde, bevor man ihn und seinen Sohn hinrichtete. Dem mag so sein; aber es mangelt im Irak nicht an Menschen, die Unrecht rächen wollen.

Allen Bedrohungen zum Trotz betrachtet Saddam sich als unsterblich. Nichts könnte das besser illustrieren als die Handlung seines ersten Romans „Zabibah und der König“. Die simple Fabel, die in einer mythischen arabischen Vergangenheit spielt, handelt von einem einsamen König, der hinter den hohen Mauern seines Palastes eingesperrt ist. Da er sich von seinen Untertanen abgeschnitten fühlt, geht er gelegentlich hinaus unters Volk. Auf einem dieser Ausflüge in ein Dorf sticht ihm die Schönheit der jungen Zabibah ins Auge. Sie ist mit einem brutalen Mann verheiratet, aber der König lässt sie zu sich in den Palast kommen, wo ihr ländliches Gebaren von den weltgewandten Höflingen zunächst verachtet wird.

Doch im Lauf der Zeit bezaubert Zabibah durch ihre liebenswerte Einfachheit und Tugendhaftigkeit den Hof und gewinnt des Königs Herz - ihre Beziehung freilich bleibt keusch. Als der König seine strengen Methoden in Frage stellt, versichert ihm Zabibah: „Das Volk braucht strenge Maßnahmen, damit es sich durch seine Strenge beschützt fühlt.“ Doch dunkle Mächte dringen in das Königreich. Von aussen kommende Ungläubige plündern und zerstören das Dorf, unterstützt von Zabibahs eifersüchtigem und gedemütigtem Ehemann, der seine Frau vergewaltigt. (Diese schändlichen Geschehnisse tragen sich am 17. Januar zu, am Tag also, an dem 1991 die USA und ihre Verbündeten den Luftangriff auf den Irak begonnen hatten.) Zabibah wird umgebracht; der König besiegt seinen Feind und erschlägt Zabibahs Ehemann. Danach versucht er seinem Volk mehr Freiheiten zuzugestehen, doch das führt zu Kämpfen innerhalb des Volks. Die Streitereien werden unterbrochen durch des guten Königs Tod, worauf das Volk begreift, wie groß und wichtig er gewesen ist. Der weise Ratschlag Zabibahs, die den Opfertod gestorben ist, ruft ihm in Erinnerung: Das Volk braucht strenge Maßnahmen.

So propagiert Saddam die einfachen Tugenden einer glorreichen arabischen Vergangenheit und träumt davon, dass sein Königreich, auch wenn es allenthalben verachtet und besudelt wird, eines Tages neu erstehen und triumphieren werde. Wie der gute König ist er auf eine Weise wichtig, die erst nach seinem Hinscheiden wirklich begriffen werden wird. Erst dann werden wir alle die Worte und Taten dieser großartigen, der Unbill trotzenden Seele studieren. So erwartet er seinen Augenblick des Triumphs in einer fernen, glorreichen Zukunft, die eine ferne, glorreiche Vergangenheit spiegeln wird.



Talkforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--