Die Totgeburt

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Die Totgeburt

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Die Totgeburt

Von Fiona Ehlers

Wie ein dicker Fisch zur Staatsaffäre wurde

 Bello Argungu sitzt vor seiner Lehmhütte auf einem gelben Plastikstuhl. Ein dünner Mann von 48 Jahren, Vater von sechs Kindern, ein strenggläubiger Muslim, Analphabet, er spricht kein Englisch, nur Haussa. Er trägt eine gestickte Gebetskappe. Er ist sehr aufgeregt, immer noch, er spricht mit schriller Stimme, die sich oft überschlägt. Er ist berühmt jetzt in Argungu und ein bisschen auch in der Welt.

 

Die Totgeburt 4401535 Die Totgeburt 4401535Bello Argungu hört eigentlich auf den Namen Mallam Bello Yakub. Wenn er seinem liebsten Hobby nachgeht, dem Angeln, nennt er sich Bello Argungu, bester Angler aus Argungu, einer Stadt im Nordwesten Nigerias, bekannt als Austragungsort des größten Angelwettbewerbs in Afrika.

 

Seit zwei Monaten, seit jenem verhängnisvollen Samstag, gilt Bello als Betrüger. Als Mann, der einen toten Fisch ins Wasser warf und dann herauszog, dabei vor Anstrengung stöhnte und am Ende Prämien im Wert von 33 000 Dollar einsackte.

Der Titel sei ihm aberkannt worden, heißt es in der nigerianischen Presse, Bello sei des Betrugs überführt worden und sitze im Gefängnis. Aber Bello sitzt vor seiner Hütte, ein wütender Mann auf einem klapprigen Plastikstuhl, und erzählt seine Version der Geschichte. Glaubwürdiger als die Version seiner Gegner klingt sie nicht.

"Der Fisch war bereits tot, als er mir ins Netz ging", sagt Bello und fuchtelt mit den Händen. "Aber ich war es nicht, der ihn vor dem Wettkampf ins Wasser geschmuggelt hat, jemand anderes war es, ich weiß nicht, wer, und er hat dann vergessen, wo. Ich war nur der Glückliche, der ihn fand. So war es, Gott ist mein Zeuge."

Der Skandal um Bellos Fang nahm seinen Lauf am letzten Tag des viertägigen Angelwettbewerbs im März. Drei Tage lang kampierten Hunderttausende am Ufer des Flusses Matan Fada, Kapellen spielten, Frauen tanzten. Am letzten Tag dann das große Finale, das Wettangeln der Männer.

 

MEHR ÜBER...

Nigeria Argungu Emir Hadsch zu SPIEGEL WISSENPünktlich um neun bliesen Schiedsrichter zum Start, und 30 000 Männer, bekleidet mit Unterhose, stürzten sich ins Wasser, in den Händen Kalebassen und selbstgeknüpfte Netze, die sie durchs schlammige Wasser zogen. Seit 74 Jahren machen sie das so in Argungu, ein Volksfest, ein großer Spaß.

 

Knapp 20 Minuten nach dem Anpfiff, sagt Bello, habe er plötzlich ein Gewicht im Netz gespürt. Er klaubte den Fisch heraus, watete aus dem Wasser, rannte die Zuschauertribüne hinauf und knallte seinen Monsterfang in die blecherne Waagschale. 65,95 Kilogramm, ein Jahrhundertfang. Bello ließ seinen Namen in eine Liste eintragen und wartete. Er wartete gern, denn die Fische, die seine Konkurrenten anschleppten, waren kleiner, keiner wog so viel wie seiner. Nach vier Stunden, als der Wettkampf beendet war, wurde Bello zum Sieger gekürt.

Bello war stolz, er hatte kein schlechtes Gewissen. Oft hatte er am Wettkampf teilgenommen, jedes Mal war er leer ausgegangen, jetzt war er so gut wie sein Bruder, der Sieger von 2005.

Der Minister für Kultur und Tourismus schüttelte ihm die Hand, der Emir, das traditionelle Oberhaupt von Argungu, war anwesend. Bello präsentierte seine Prämien: einen orangefarbenen Honda, einen Fernseher und Flugtickets nach Mekka zur Hadsch.

Vier Tage später war der Traum vom Leben als reicher Mann vorbei und Bello kein Sieger mehr. Polizisten beschlagnahmten die Tickets, den Fernseher und fuhren den Honda vor den Palast des Emirs, dort steht er bis heute.

Bello wurde verhört. Ihm sei zu Ohren gekommen, sagte der Emir, dass der Fisch bereits tot gewesen sei, als Bello ihn aus dem Wasser zog. Bello sollte auf den Koran schwören, dass er kein Betrüger sei. Er tat es nicht. Nach zwei Tagen ließen sie ihn laufen, mangels Beweisen.

Heute, zwei Monate später, spricht Bello von einem Komplott. Die Männer, die betrügen wollten und scheiterten, weil sie den toten Fisch nicht wiederfanden, hätten ihre Niederlage nicht verkraftet. Sie hätten Geld von ihm gefordert, er habe es ihnen verweigert. Dann, sagt Bello, der jetzt aufspringt von dem Plastikstuhl, wild gestikulierend, immer noch wütend, seien sie zum Emir gelaufen und hätten ihm Lügenmärchen aufgetischt.

Ein Fisch, der tot ins Wasser geworfen wird. Vor ein paar Jahren noch wäre das ein Vorgang gewesen, der die Menschen in Nigeria erhitzt hätte, mehr nicht. Jetzt, da die Welt zusammenwächst, geht er als Geschichte um die Erde, als eine von vielen Nachrichten aus Nigeria, neben umstrittenen Präsidentschaftswahlen, Aufständen und Korruptionsskandalen. Auch ein Fisch, der tot ins Wasser geworfen wird, kann dem Image Nigerias als Gaunerstaat neues Futter geben, so jedenfalls sieht man es da.

Der Emir von Argungu trägt einen Turban, er sitzt im Palast auf einem goldverzierten Stuhl. Er windet sich, er sagt, er wolle nicht mehr mit der Presse sprechen, er fürchte eine Staatsaffäre, die den Ruf des Festivals beschädigen könnte. Zu viel sei geschrieben worden, im Internet und in Zeitungen, die einen forderten Lebenslang für Bello, andere, dass man ihn zum Präsidenten mache, weil er schlau sei und gewieft. Das alles sei nicht gut für sein Land, sagt der Emir. Der Prozesstermin gegen Bello Argungu soll auf unbestimmte Zeit vertagt worden sein. Es heißt, die Regierung in der Hauptstadt Abuja habe neue Meldungen über den Angler und seinen toten ...................

www.spiegel.de   15.06.2008



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