Die Notenbanken haben ihre Schuldigkeit getan


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Die Notenbanken haben ihre Schuldigkeit getan

 
08.12.02 22:58
Die beiden großen Notenbanken haben ihre Schuldigkeit getan

Nach dem Rücktritt von Finanzminister O'Neill hofft die Wall Street auf ein großes Steuerentlastungspaket / Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt / Von Folker Dries


FRANKFURT, 8. Dezember. Die beiden großen Notenbanken dürften auf absehbare Zeit vom Radarschirm der Anleger verschwinden. Weder von der Federal Reserve (Fed) in Amerika noch von der Europäischen Zentralbank (EZB) sind in den nächsten Monaten weitere Zinsschritte zu erwarten, ist das gängige Echo unter den professionellen Notenbankbeobachtern. Die Fed hatte schon am 6. November den vorläufigen Schlußpunkt dieses Zinssenkungszyklus gesetzt, indem sie ihren Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent zurücknahm - die zwölfte Zinssenkung in nur 20 Monaten. Am vergangenen Donnerstag folgte schließlich die EZB nach einer 13 Monate dauernden Abstinenz und paßte ihren Leitzins um ebenfalls 0,5 Prozentpunkte auf 2,75 Prozent an.

Mit der Beantwortung der Frage, ob die Notenbank des Euroraums damit einen vorläufigen Schlußpunkt gesetzt hat, tun sich die Experten schwer. Wahrscheinlich wissen die europäischen Währungshüter selbst noch nicht, wohin der Zug fährt. EZB-Präsident Wim Duisenberg betonte zwar, daß der Leitzins nun - historisch betrachtet - auf sehr niedrigem Niveau liege. Er schlug aber auch keine Tür zu. Weder sagte er, daß der Zinssenkungszyklus sein Ende erreicht habe, noch verstieg er sich zu der Aussage, daß das Manöver vom Donnerstag nur ein Zwischenschritt sei. Angesichts der beträchtlichen Unsicherheit über die weitere Konjunkturentwicklung will er sich offenbar alle Optionen offenhalten. Ob die EZB damit de facto erst einmal einen neutralen Kurs eingeschlagen hat, wenn es so etwas denn gibt, sei dahingestellt. Die amerikanische Fed hat eine solche neutrale Haltung im November explizit eingenommen. Daran dürfte sich auch nichts ändern, wenn der Offenmarktausschuß am Dienstag dieser Woche zu seiner letzten Sitzung in diesem Jahr zusammentritt.

Der Fokus der Finanzmärkte dürfte sich in den nächsten Wochen von der Geldpolitik zur Fiskalpolitik verlagern. Dem unfreiwilligen Rücktritt des amerikanischen Finanzministers Paul O'Neill kommt eine wichtige Signalwirkung zu. O'Neill, dessen Abgang die Wall Street schon seit langem herbeigesehnt hat, sperrte sich bis zuletzt dagegen, über weitere Steuersenkungen das Haushaltsdefizit weiter aufzublähen. Ihm schwebte vielmehr eine weitgehend aufkommensneutrale Vereinfachung des Steuersystems vor. Wen auch immer Bush nun auf den Stuhl des Finanzministers heben wird: Die erste Aufgabe des O'Neill-Nachfolgers wird es sein, ein weiteres Ausgaben- und Steuerentlastungspaket zur Stimulierung der Wirtschaft zu schnüren. In Washington ist von einer Größenordnung von 50 bis 100 Milliarden Dollar die Rede. Dazu wird möglicherweise auch eine Abkehr von der Doppelbesteuerung für Dividenden gehören, was sich als Treibsatz für den Aktienmarkt erweisen könnte.

Die Kehrseite dieser fiskalischen Inkontinenz wird der Anleihemarkt zu spüren bekommen. Erst Ende Oktober vergangenen Jahres hatte das amerikanische Schatzamt unter Führung von O'Neill die Finanzmärkte mit der Ankündigung überrascht, daß es keine Anleihen mit 30 Jahren Laufzeit mehr begeben wolle. Die Rendite des sogenannten "Long Bond" fiel daraufhin deutlich unter 5 Prozent. Heute, gut ein Jahr später, liegt die Verzinsung bei genau 5 Prozent. Da der neue Finanzminister die Kapitalmärkte wieder stärker anzapfen dürfte, kommt er vielleicht nicht umhin, den "Long Bond" wiederzubeleben, ist das Kalkül im Markt.

Kurzum: Die Abberufung O'Neills mag ein gutes Signal für den Aktienhandel sein, nicht jedoch für den Anleihehandel. Dies signalisierte schon das Marktgeschehen am vergangenen Freitag. In Reaktion auf die unerwartet schlechten Arbeitsmarktzahlen vom November war die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe unter 4 Prozent gerutscht. Mit der Rücktrittsankündigung von O'Neill drehte sich der Markt wieder. Am Ende des Tages lag die Rendite bei 4,11 Prozent. Die Arbeitsmarktzahlen selbst waren für die Wall Street ein größerer Dämpfer, nachdem sich in den Wochen zuvor wieder verstärkt Konjunkturoptimismus breitgemacht hatte. Die Arbeitslosenquote ist im November von 5,7 auf 6,0 Prozent gestiegen und liegt damit wieder auf dem Niveau vom April. Der Stellenverlust in der Privatwirtschaft ist sogar der höchste seit Februar. Allerdings darf man nicht vergessen, daß Arbeitsmarktzahlen ein konjunktureller Spätindikator sind. Auch nach der Rezession von 1990/91 hatte es noch 15 Monate gedauert, bis die Arbeitslosenquote ihr Hoch erreicht hatte.

Gleichwohl dürfte die neuerliche Unsicherheit über den Konjunkturausblick in den nächsten Wochen auf dem Aktienhandel lasten. Korrigierte Umsatzprognosen von Unternehmen wie Nokia, Walt Disney, AOL Time Warner und Hewlett-Packard hatten den Aktienhandel in der vergangenen Woche schon vor den amerikanischen Arbeitsmarktzahlen ausgebremst, sowohl jenseits des Atlantiks als auch diesseits. Die vielerorts erhoffte Jahresschlußrally bleibt somit vielleicht auf Oktober und November begrenzt. Ob sich der Aktienhandel vor dem Jahresultimo nochmals zu neuen Höhen aufschwingen kann, wird wohl entscheidend von den Stimmungsberichten aus dem Weihnachtsgeschäft abhängen.

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