Die FDPsierung der Medienlandschaft

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Die FDPsierung der Medienlandschaft Happy End

Die FDPsierung der Medienlandschaft

 
#1
Der Sozialstaat, ein Modell von vorgestern: Da sind sich mittlerweile alle seltsam einig
 
Hätten die Leser und Leserinnen von Bild das letzte Wort, gäbe es - so die jüngste Umfrage des Blatts - "im Land der Lügen" (Spiegel) längst eine große Koalition. Oder, anders gesagt: ein Wiedergutmachungs-Bündnis der "größten Lügner", um im Jargon des Hamburger Nachrichtenmagazins zu bleiben. Dabei gibt es angesichts ständig neuer Horrorzahlen aus dem Fundus bundesrepublikanischer Wirklichkeit seit Monaten bereits das, was in der Politik gelegentlich mit Bauchgrimmen praktiziert wird, wenn ansonsten gar nichts mehr läuft: den Zusammenschluss aller Willigen mit dem Ziel der Gefahrenabwehr. Wer in diesen Wochen die Kommentarspalten in Tageszeitungen und Wochenschriften verfolgt, wird den Verdacht nicht los, dass sich tonangebende Chefredakteure allmorgendlich bei einer geheimen Konferenzschaltung der Printmedien in die Hand versprechen, auch heute wieder im Meinungsteil keinen Millimeter vom Pfad marktwirtschaftlicher, liberaler, neoliberaler Tugenden abzuweichen.

Und wollte man - bei aller Vorsicht natürlich und eingedenk anfechtbarer Seriosität solcher Szenarien - das Team benennen, dessen Mitglieder sich zu einer Phalanx wider die Bremser aus der konkursverdächtigen Deutschland AG verschworen haben, so könnte das bei der Suche nach einer Galeonsfigur beginnen. Zu denken wäre an einen Mann, der als Politiker und im Mediengeschäft erhaben beide Seiten der Kommunikations-Medaillen prägt: an Helmut Schmidt, Mitherausgeber der Zeit, Weltökonom, kompetent demnach. Am 22. Mai hatte er auf breiter Front des Wochenblatts im Stil einer Proklamation der herrschenden Grundmelodie (es muss etwas geschehen !) die höheren Weihen gegeben. Lebte Rudolf Augstein noch, dann säße trotz einstiger Neigung zu Platzhirschgebaren ein namhafter Kombattant gedanklich vermutlich schon mit im Boot. Nun hat der Spiegel aber keinen leitartikelnden und lebenden Herausgeber mehr. Meinungen dort werden nur noch "embedded" im Rudel angeboten. Soweit sie bei diesem Kapitel zu erkennen sind, passen sie aber inhaltlich auch meist ganz gut zu dem, was der Elder Statesman des alten Europas sich aufs Panier geschrieben hat.

Das lässt sich weiterspinnen. Müsste Helmut Schmidt Ausschau halten, welche Zeitungen er in seine mediale Große Koalition aufnehmen wollte, bestünde die einzige Schwierigkeit für ihn darin, unter all den Willigen jene auszuwählen, die besonders gut ins Spektrum eines so gedachten Kabinetts passen. Der breite Journalisten-Konsens darüber nämlich, was zur Überwindung der Depression im Lande getan werden müsse, sticht scharf ins Auge. Vergleichbares gabs in der deutschen Medienlandschaft bei anderen großen und umstrittenen Themen wohl nie.

Um das Phänomen der punktuellen Einheitsfront zu belegen, genügen wenige Beispiele aus dem Wust der täglichen Kommentare. Da redet Helmut Schmidt vom Leiden am Reformstau, vom "Überwuchern der Bundesgesetzgebung", von "erpresserischen Streikdrohungen" durch Verdi. Der Spiegel schaut von Woche zu Woche abgründig auf einen "wild wuchernden Sozialstaat", was ja in der Fortsetzung dieses Gedankens nur heißen kann, er müsse radikal beschnitten werden. Parallel dazu wird vom "Sturmgeschütz der Demokratie" in Serie das "verstaubte" Grundgesetz als gröbster Reformblockierer markiert. So ändern sich die Zuneigungen.

Mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Tonlage gar nicht mal besonders bissig ist (hat vielleicht mit einer speziellen Art des in Nordrhein-Westfalen grassierenden Ermüdungsbruchs zu tun), gewinnt das Lager der Ungeduldigen, Drängenden und Besorgten natürlich den idealen Partner, um dem Gedanken der informellen Großen Koalition Plausibilität zu geben. Und wenn die FAZ gegen "Speerspitzen der traditionellen Sozialpolitik" in der SPD antritt, wenn sie Gewerkschaften attackiert, das Schuldenmachen anprangert oder die "Mottenkiste aktiver Arbeitsmarktpolitik", dann ist die Süddeutsche Zeitung nicht allzu weit weg davon. Bis auf Frank Bsirske und Ursula Engelen-Kefer, so stand es dort, sei die Republik reformbereit. Das von links unsinnigerweise verteufelte Modell Gerhard Schröders könne nur funktionieren, würden die nächsten Schritte jetzt bereits vorbereitet.

Ob allerdings die Springer-Produkte ein solches Orchester ideal ergänzen, muss bezweifelt werden. Dass Bild eine "Steuer-Wehr" propagiert und vieltausendfach einen nackten Proll-Adler als Aufkleber unters Volk abschwirren lässt, ist nicht jedermanns Sache. Und richtig Schmidt-kompatibel dürfte es ebenfalls nicht sein, wenn in der Welt ein offenkundig naturnaher Bursche von rot-grünem "Abendglühen" zu raunen beginnt, vom "morschen Kern" sowie von einem "Hammerschlag auf wurmstichiges Gebälk". Sentenzen dieses Kalibers machen immerhin deutlich, dass es sämtlichen Streitern wider den lähmenden deutschen Schlendrian nicht durchgängig um ein Ziel geht. Da gibts eben solche, die Wachstum und nichts als Wachstum wollen und andere, die auch noch das Berliner Bündnis wegfegen möchten.

Dennoch: Auffällig ist eine einheitliche Grundmelodie. Und ihre Komponisten lieben, will man dem Ganzen ein Parteien-Etikett verpassen, unverkennbar den freidemokratischen Sound. Es dominiert demnach in den Debatten eine Variante des politischen Liberalismus, der nicht ganz einfach einzuordnen ist. Mit einem sozial abgeglichenen Freiheitsdenken haben viele Beiträge bestenfalls am Rande etwas zu tun - "sozial" könnte eh zum Unwort des Jahres werden. Das Etikett "neoliberal" dagegen füllt häufig die Rückräume der Parlamente, Podien und Medien. Besonders auffällig ist dabei, dass diese FDP dennoch keinen Profit daraus schlagen kann. Von ihr träumen und reden inspiriert weder die Wähler noch die Publizisten. Keiner schert sich ums Urheberrecht. Bei Helmut Schmidt allerdings wäre das auch zuviel verlangt; denn wenn der FDP hört ...


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