Der Pilger von heute ist der Gast von morgen

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Der Pilger von heute ist der Gast von morgen bammie

Der Pilger von heute ist der Gast von morgen

 
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Das schmale Budget der jungen Pilger dämpft die Erwartungen des Einzelhandels an den Weltjugendtag. Die Kölner Wirtschaft setze indes auf den langfristigen Effekt, sagte IHK-Geschäftsführerin Slapio der Netzeitung.

Der Weltjugendtag soll nach Schätzungen des Industrie- und Handelskammertages (IHK) Köln der Region Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe bescheren. «Das Ereignis hat einen unheimlich großen Effekt für die gesamte Region», sagte die Geschäftsführerin der IHK Köln, Elisabeth Slapio, der Netzeitung. «Wir rechnen mit Einnahmen von etwa 160 Millionen bis 180 Millionen Euro.» Dabei seien die registrierten Pilger, die mit einer Rundum-Versorgung ausgestattet sind, nicht berücksichtigt.

Der geschätzte zusätzliche Umsatz sei nur der primäre Effekt, sagte Slapio weiter. Die langfristigen Auswirkungen seien gar nicht zu beziffern. «Die jungen Menschen, die jetzt nach Köln strömen, werden sich auch noch viel später an dieses Ereignis erinnern», betonte sie. «Der Pilger von heute ist der Gast von morgen.» Bislang haben sich mehr als 400.000 Pilger aus 197 Ländern bei den Organisatoren des Weltjugendtages (WJT) registrieren lassen. Weitere 400.000 nicht angemeldete Besucher werden erwartet.

Nach Ansicht Slapios bietet das internationale Großereignis die Chance, sich als «weltoffene und gastfreundliche» Region zu präsentieren. Allein die weltweiten Fernsehübertragungen entsprächen etwa 560.000 Werbespots, hob Slapio hervor. Über 7000 Journalisten aus rund 160 Ländern wollen über den Besuch von Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag berichten.

Keine «spürbaren» Auswirkungen

Ungeachtet der geringen Zahlungskraft der jungen Besucher prognostiziert die IHK auch für den Einzelhandel ein Umsatzplus von 20 Millionen Euro: «Die Jugendlichen sind zwar mit keinem großen Portemonnaie unterwegs, doch auch die Gastfamilien werden ihre jungen Gästen mit einem kleinen finanziellen Budget ausstatten», hofft die IHK-Geschäftsführerin.

Weit weniger optimistisch sind die Einzelhändler vor Ort: «Da schreiben wir mal ein großes Fragezeichen dahinter», sagte der Hauptgeschäftsführer des Einzelverbandes Nordrhein-Westfalen, Uwe Klein, der Netzeitung. «Wir werden keinen Umsatzsprung machen», dämpfte er die hochgesteckten Erwartungen. Er geht auch nicht davon aus, dass sich das Ereignis «spürbar» auf die Umsatzentwicklung auswirken wird. Eine konkrete Prognose wollte er allerdings nicht wagen.

Die IHK rechnet damit, dass die jungen Pilger ungefähr 65 Euro pro Tag ausgeben, was dem durchschnittlichen Budget eines Tagestouristen entspricht. Da sei viel zu optimistisch, warnte Klein. «Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass ein junger Pilger jeden Tag soviel Geld verbraucht. Die jungen Leute reisen doch mit einem schmalen Budget», gab er zu Bedenken.

«Nicht unsere Zielgruppe»

Der Branchenverband setzte nach Aussage Kleins zwar längere Ladenöffnungszeiten für seine Mitglieder durch. Doch nur 40 Prozent werden davon Gebrauch machen. «Mehr als 50 Prozent unserer Mitglieder sehen in den jungen Gästen des Weltjugendtages nicht ihre Zielgruppe.»

Für die Hotellerie rechnet die IHK mittlerweile nur noch mit einer Auslastung von 60 bis 70 Prozent, zuvor hatte die Handelskammer weit über 80 Prozent erwartet. Das sei für den Ferienmonat August eine gute Auslastung, sie entspreche aber nicht den Erwartungen, zeigte sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Nordrhein ein wenig enttäuscht.

Finanzieller Kraftakt

Doch der Weltjugendtag ist auch ein finanzieller Kraftakt – für alle Beteiligten. Allein die Stadt Köln fördert die Veranstaltung mit 1,5 Millionen Euro in bar. «Im Haushalt 2005/2006 wurde zudem ein Sonderposten von 500.000 Euro für den Notfall angesetzt», sagte Günter Wieneke von der Stadtverwaltung Köln der Netzeitung. Er leitet die Event-Betreuung für die Stadt. Ob dieses Geld angetastet werden müsse, sei noch nicht absehbar, fügte er hinzu.

Für die Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen und Schulen zur Unterbringung der Gäste stellt die Stadt den Organisatoren pauschal zwei Euro je Pilger und Nacht in Rechnung. Doch von den 220 Schulen seien bislang nur 80 Prozent in Anspruch genommen. «Die Bereitschaft der Kölner und Rheinländer, die jungen Besucher privat aufzunehmen, ist doch viel größer als erwartet», sagte Wieneke.

Die Ausgaben für Polizei, Feuerwehr, Sicherheitskräfte und Katastrophenschutz ließen sich zwar budgetieren, aber sie führten nicht zu Mehraufwendungen im Haushalt, beteuerte Wieneke. Die Kosten würden zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aufgeteilt.

Auch das nordrhein-westfälische Innenministerium konnte keine Angaben zu den zusätzlichen Kosten machen. «Im vorhinein gibt es keine Schätzung. Das können wir erst danach sagen», sagte eine Ministeriumssprecherin der Netzeitung.

Lediglich einen Posten konnte sie nennen: Das Land musste für den Papstbesuch die Pollarwiesen entlang des Rheinufers von Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg säubern lassen. «Das kostete 767.000 Euro», sagte sie. Die Kosten für die Entsorgung der Kampfmittel seien dabei nicht berücksichtigt. Der Papst wird bei seinem Besuch in Köln eine Schifffahrt machen und auf der Höhe der Pollarwiesen eine Ansprache halten.

WJT will «schwarze Null» schreiben

Die Organisatoren rechnen mit Kosten von etwa 100 Millionen Euro. Der WJT erhält für das Ereignis neben der Förderung durch die Stadt Köln vom Bund sieben Millionen Euro und von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen drei Millionen Euro. Die Europäische Union schießt nochmals 1,5 Millionen Euro dazu.

Der Rest - etwa 40 Prozent - soll über Beiträge der Pilger finanziert werden. Die Bistümer zahlen rund 26 Millionen Euro, und rund 15 Prozent sollen durch Spenden, Sponsoren und Merchandisung erwirtschaftet werden.

Die Organisatoren hoffen, ihren Finanzrahmen einhalten zu können. Das sagte der Geschäftsführer des WJT, Hermann-Josef Johanns, am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Ziel sei eine «schwarze Null». Johanns räumte jedoch ein, das schlechte Wetter zu Beginn der Veranstaltungswoche habe weitere Kosten verursacht.


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