Der Mob und die Medien

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Der Mob und die Medien Happy End
Happy End:

Der Mob und die Medien

7
19.02.06 23:06
#1
Der Mob und die Medien 2396479
A muslim cleric calms protesters

So viel zum Thema Pressefreiheit und Verantwortung:

Gewalttätige Demonstranten zünden das dänische Konsulat an, lassen sich selbst durch Geistliche nicht aufhalten. Ein Fotograf der Agentur AFP (05.02.2006) macht dieses Foto. Und schreibt dazu: "A muslim cleric calms protesters", also "ein muslimischer Geistlicher beruhigt Demonstranten". U.a. der "Stern" (09.02.2006) deutet das Bild auf ganz eigene Weise: "Ein Geistlicher heizt die Stimmung aufgebrachter Gläubiger in der libanesischen Hauptstadt an."

Quelle: http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_std/0,3147,OID2308372_REF2488,00.html



Ein halbes Dutzend Worte verändern die Stimmung, in denen uns im Moment die Weltlage erscheint. So verhält es sich mit dem gesamten Konflikt. Nichts ist falscher, als das zu tun, wozu der Streit um die Mohammed-Karikaturen am meisten verlockt: aus ihm direkte Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen den Kulturen im Allgemeinen zu ziehen. Ob Samuel Huntington mit seiner düsteren Prophezeiung vom Kampf der Kulturen Recht hatte oder nicht, ob statt Teilhabe an Wohlstand, Nationalität oder Bildung die Religion zum wichtigsten Identitätsmerkmal der Menschen wird - darüber sagen die jüngsten Nachrichtenbilder nicht viel aus.

Welt in Brand?

Allerdings kann man sich zehnmal sagen, dass die Welt komplexer ist als im Fernsehen; sobald die neuesten Nachrichtenbilder über den Bildschirm flimmern, passiert in Kairo wie in Berlin hunderttausendfach das Gleiche: Der Mensch nimmt Ausschnitt und Ausschnitt zusammen und beides für das Ganze. Das hat er gelernt, seit es das Kino gibt. Man sieht den Mob in Beirut, wütende Demonstranten in Teheran, Steinewerfer in Palästina und zieht den Schluss: Da steht die Welt in Brand.

Für das, was wir in den Weltnachrichten sehen, haben wir, anders als für Lokalnachrichten, keine relativierende Eigenwahrnehmung. Die Bilder von den hasserfüllten Menschen verraten nicht, wie repräsentativ sie für den kulturellen Raum sind, aus dem sie kommen. Man sieht nicht einmal, wie klein der Mob ist, der vor westlichen Botschaften randaliert. Man sieht eine den engen Bildrahmen sprengende Menge wütender Menschen. Der Ausschnitt suggeriert, dass die Menge schier endlos ist.

Man kennt das Phänomen vom 1. Mai in Berlin-Kreuzberg: Drei brennende Autos auf dem Mariannenplatz, zwei Schnitte in eine aufgebrachte Menge - und schon entsteht der Eindruck, eine Stadt versinke im Chaos. In der Weltöffentlichkeit der Gegenwart regiert eine unheilige Allianz von Mob und Medien. Wegen der emotionalen Kraft von Aufruhrbildern gehört die ganze Liebe des Fernsehens den randalierenden Menschen. Früher musste der Mob zu beträchtlicher Größe anschwellen, um nach und nach Beachtung zu finden, heute reichen kleine Kommandos, um die Welt binnen Stunden in Angst zu versetzen.

Ein paar tausend Krawallmacher und Steinewerfer in verschiedenen Städten der Welt genügen, um unser Bild von 1,5 Milliarden Muslimen zu prägen. Die schweigende Mehrheit - sie war noch nie stummer als in diesen Nachrichten. Die Bilder des Mobs machen allerdings Politik, nicht nur dort, wo sie von despotischen Regimes befördert werden. Die Gewalt des Mobs potenziert sich milliardenfach, sooft die immergleichen Szenen in den Fernsehern rund um den Globus gesehen werden.

Gezwungenermaßen werden die Medien so zu seinen Helfershelfern. Nach dem gleichen Muster bedient sich der Terror der Medien und macht sich zum Repräsentanten einer Religion. Die furchtbare Bedrohung, die vom Terror ausgeht, sagt bei allen Schrecken nichts aus über das Verhältnis der Kulturen zueinander in Bezug auf die großen Mehrheiten. Vor dem Hintergrund des Schreckens sind wir aber auf das jeweils Schlimmste gefasst.

Die zahllosen mäßigenden Äußerungen islamischer Organisationen machen auch in unseren Ohren wenig Eindruck. Das Alltagsleben mit seinem typischen Desinteresse zwischen den Religionen, die mentale Mittellage an Gläubigkeit, die die islamische Sphäre ebenso kennzeichnet wie den Alltag im Westen, hat in dieser Ästhetik der Erregung keine Chance auf Wahrnehmung.

Es schlägt die Stunde der Fanatiker. Das Nachrichtenwesen gehört den Krakelern, den Ausgeflippten und Wahnsinnigen, die wissen, dass ihre scheinbar spontanen Aktionen sofort in Bilder verwandelt werden, die um die ganze Welt jagen. Weil die Aufrührer in Beirut, Jakarta und Damaskus wissen, dass sie vom verängstigten Westen bereitwillig als Repräsentanten der gan- zen islamischen Gesellschaft wahr genommen werden, geben sie auf den Straßen obskure symbolische Kriegserklärungen ab; man fragt sich, woher plötzlich all die dänischen Fahnen kommen, die vor den Kameras verbrannt oder zertrampelt werden.

So stachelt die modernste Technik zu archaischen Drohgebärden und Schmähungen an, die an Stammesfehden erinnern - das Global Village ist durch und durch altmodisch. Die Welt ist klein geworden, heißt es immer wieder, nur weil sie sich schneller umrunden und komplett in Aktienwerten darstellen lässt. Nachrichtentechnisch ist sie auf einen Computer reduzierbar. Live und synchron erscheint sie in den Abendnachrichten - komprimiert auf das Sensationellste. Das Wichtigste ist das nicht.

Der Schriftsteller Orhan Pamuk, kürzlich wegen einer Anklage aufgrund der "Verunglimpfung des Türkentums" in ebendiese Nachrichtenwelt geraten, hat unlängst bei einer Rede in Berlin eine seitenlange Aufzählung von Beispielen aus dem Istanbuler Alltag vorgelesen, die für ihn diese Stadt und ihre eigentümliche Melancholie bezeichnen. Eine verrostete Schaukel kam beispielsweise darin vor und Männer, die nach einem Fußballspiel rauchend nach Hause streben. Aus diesen Dingen besteht die Wahrheit, aus dem Leben, das vor jeder Bedeutung einfach nur vor sich geht. Aus dem, was in den Nachrichten nichts hermacht, wohl aber in der Literatur.

Große Überforderung

Dieses scheinbar Langweilige ist das Allerwichtigste, unsere Existenz, das Leben der schweigenden Mehrheit. Das globale Dorf aber ist in seiner lückenlosen Zeichenhaftigkeit und Bedeutungssucht eine Chimäre, vor der man schnell den Respekt verliert, auch voreinander. Es ist ein enges, stickiges Dorf, in dem dumpfe Ressentiments mit feinster Technik verbreitet werden. Die Techniken zur kommunikativen Schrumpfung der Welt bilden für den Menschen eine gewaltige Überforderung.

Das Nachrichtenuniversum aus Satelliten und Internet ist ein erfüllter Menschheitstraum, dessen Erhabenheit typischerweise für jede Lächerlichkeit offen ist. So können unter der klaustrophobischen Glocke des Global Village Karikaturen aus einer dänischen Provinzzeitung den Anschein eines Weltbrandes entfachen. Man sitzt vor dem Fernseher wie die Gefangenen in Platos Höhlengleichnis. In Wirklichkeit ist die Welt so groß, wie sie immer war. Unermesslich vielfältig und still wie die Menschen, die in den Nachrichten nicht vorkommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2006)  
Der Mob und die Medien zorroc
zorroc:

Du meine Güte!

 
20.02.06 07:00
#2
Was ist da nur los in der westlichen Medienwelt? Sind die Medien etwa schon gleichgeschaltet und das westliche Fernsehen mit seinen Bilder ist zur deutschen Wochenschau verkommen? Neben der Bild-Zeitung nun auch noch so renommierte Magazine (U.a., wie der Artikel betont!), die ganz bewusst Fälschungen betreiben. Wo ist sie hin, die Ethik im Journalismus?

Und es muss dem überzeugten Demokraten doch die Zornesröte ins Gesicht steigen, wenn man bedenkt, dass die meinungsbildenden Fernsehbilder immer noch mehrheitlich von den mit GEZ-Geldern, gerade aus Gründen des unabhängigen Journalismus, finanzierten Häusern ARD und ZDF stammen.

Ich meine, was läuft da schief? Ist die Medienvielfalt, welche uns ja erst dieses Global Village beschert, der Grund allen Übels? Vor 60 oder 70 Jahren konnten sich die Menschen bei Fehlentwicklungen ja noch damit rausreden, dass ihnen nicht schnell genug genügend Informationen zur Verfügung standen, bzw. das vorhandene Material reine Propaganda war, um wirkungsvoll gegenzusteuern. Jetzt soll es die Vielfalt der Medien sein die Falschbewertungen erst verursacht? Doch nicht nur das, es wird auch noch der Eindruck vermittelt, dass sich trotz der Medienvielfalt eine politisch und/oder religiös motivierter Block im Hintergrund gebildet hat, die diese Medien zur breiten Meinungsbildung gezielt steuert.

Man muss dann auch noch weiter denken. Denn was werden die Geschichtsschreiber zukünftig über diesen Konflikt schreiben, denn schließlich werden sie sich ja zum Großteil aus den Archiven der Medien bedienen müssen. Und zum Schluss ist dann sogar die Frage berechtigt, was von der uns bekannten Geschichte entspricht den überhaupt der Wahrheit, wenn es damit schon in der Gegenwart gewaltig hapert?
Der Mob und die Medien Happy End
Happy End:

*kopfschüttel*

 
20.02.06 09:17
#3
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Der Mob und die Medien Happy End
Happy End:

...wieder aktuell

 
18.09.06 15:48
#4
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Der Mob und die Medien Happy End
Happy End:

Aber die meisten interessiert´s eh nicht o. T.

 
18.09.06 21:20
#5
Der Mob und die Medien Happy End
Happy End:

up für Henryk Broder

 
21.09.06 08:58
#6
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Der Mob und die Medien Eulenspiegel

Mob?

 
#7
Gehören diejenigen, die die Stimmung anheizen, wie  die Geistlichen in der Islamischen Welt z. B. der nicht belesene Karnevalsprinz aus der Türkei auch zum Mob?
Manche finden schneller eine Ausrede als eine Maus ein Loch.


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