Der Fernsehkonsum und seine Folgen

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Der Fernsehkonsum und seine Folgen AlanG.

Der Fernsehkonsum und seine Folgen

 
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Der Fernsehkonsum und seine Folgen


Von Dirk Jürgensen

Schon vor Jahren habe ich dem Privatfernsehen abgeschworen. Wut- und Verzweiflungsattacken überkamen mich stets, wenn Spielfilmhandlungen durch lärmende Werbeblöcke zur Unkenntlichkeit zerschnitten wurden, hysterische Moderatorinnen und berufsjugendliche Moderatoren billiger Talkshows ihre durcheinanderprügelnde Gästeschar nicht bändigen konnten, öffentlichkeitssüchtige Minderbemittelte zur beobachteten Käfighaltung verbannt und Nachrichtensprecher durch arbeitslose Vorwerkvertreter ersetzt wurden – kurzum: das Unterhaltungs- und das Informationsniveau geriet ins Fahrwasser der Nautilus.

Leider konnte ich meinen Boykott nicht dem Ausmaß des Zornes entsprechend durch das Einbehalten von Gebühren krönen, doch geht es mir seitdem gesundheitlich besser. Wesentlich besser, denn die Erinnerung schwindet Tag für Tag.

Nur noch selten geschehen Dinge mit mir, bei denen ich hoffe, daß sie zu meinem Schutze in der Öffentlichkeit geschehen und nicht im stillen Kämmerlein. So, wie vor einigen Tagen, als ich die beruhigende Abendsonne genießend, im Biergarten meiner Lieblingskneipe sitzend, eine übertägige Ausgabe der Rheinischen Post durchblätterte.

Die üblichen Nachrichten über einen indifferenten Reformkurs unserer Parteien, die ewige Nahostkrise und die Nachricht, daß die USA nun endlich den, selbstverständlich gewaltfreien, Sturz Castros vorbereiteten, ließen mich kalt. Unwetterkatastrophen gingen an mir wirkungslos vorüber, bis ich im Vermischten auf einen winzigen Beitrag stieß, der mich augenblicklich aufschreien ließ.

Die Kontrolle über meinen sonst eher behäbigen Bewegungsablauf entwich in einer Sekunde. Ein Kreischen, als Lachen gedacht, ließ Herzen stillstehen, Tabletts durch die Luft fliegen und Gläser zerspringen. Ich – nein es! – schmiß mich auf den Asphalt  – , wälzte mich auf dem Boden, mit den Beinen zappelnd den Tisch umstoßend. Ein beherzter Zeitgenosse, Epilepsie vermutend, rammte mir entschlossen ein abgerissenes Stuhlbein zwischen die Kiefer, sonst wäre ich erstickt, und meine Zunge hätte nur noch den Status einer der Verdauung dienenden fetten Beute gehabt.

Erst ein über meinen Schädel geleerter Sektkühler brachte mich wieder zur Besinnung.

Heute geht es wieder. Gut, aufgrund der angerichteten Schäden wurde mir ein Lokalverbot erteilt, aber ich kann endlich diese Zeilen hier niederschreiben, nachdem ich mir mit einigen Flaschen Starkbier Mut angetrunken habe. Die Tür zu meiner Wohnung lasse ich vorsorglich offen. Man weiß ja nicht, was passiert. Die Nachbarn sind vorgewarnt. Sie wissen, was zu tun ist.

Ein bißchen geht es mir wie dem tragischen Helden eines alten Horrorfilms, dessen Ende frühzeitig angebahnt wird, indem er sich eine eklige Substanz spritzt, die ihn zum Werwolf werden läßt.

Doch auch ich muß es tun.

Also breite ich die bewußte Seite der Rheinischen Post vor mir aus, lasse meinen Blick scheinbar ziellos über das Papier streifen, spiele Gelassenheit und sehe schon die verhängnisvolle Überschrift. Es geht um Arabella. Arabella Kiesbauer, jener Urmutter der lauten, bildungsfreien, ungeordneten Kommunikation alltagsuntauglicher Menschen, die seit wohl einem Jahrzehnt Schwachsinn wie „Wie soll ich es meiner besten Freundin sagen? Ich bin siebzehn und liebe den schwulen Großvater meines Kindes“ in den bundesweiten Themenrang hebt.

Nein, ich muß ruhig bleiben. Sachlich bleiben.

Ich will den Text sauber zitieren. Ich muß ihn dazu lesen. Ich muß es versuchen. Es geht um das irrwitzige Selbstverständnis einer unerträglichen Nervensäge. Es fängt wieder an. Wehr Dich! Sie glaubt, sie wäre…

Hier bricht der Text ab.

Wie der behandelnde Arzt, Psychiater und Hobbyarchäologe Dr. H. v. W. (53) berichtete, wurde der Autor mit starken Krämpfen und einem seltsam lachenden Gesichtsausdruck ins Krankenhaus eingeliefert. Der Patient war nicht ansprechbar. Die Nachbarn fanden den unmenschlich verdrehten Körper auf dem Boden vor seinem fest verankerten Schreibtisch, auf dem der ebenso fest verschraubte PC noch lief.

Der Mediziner konnte den durch Speichel und Bier arg durchtränkten Zeitungsausschnitt rekonstruieren, der sich bei der Einlieferung ins Krankenhaus im Mund des Autoren befand und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als für den letzten Anfall ursächlich einzuschätzen war:

„Arabella: ‚Niveau im freien Fall’

Pro7-Moderatorin Arabella Kiesbauer sieht das Niveau des Fernsehens ‚im freien Fall: Heute regieren Deppen den Bildschirm mit programmlichen Inhalten, die eigentlich keine sind’ sagte die 35-jährige Österreicherin in einem Interview. Ihr gehe‚ dieses effekthascherische Herumgegeifer’ einiger Moderatorinnen total auf den Wecker. ‚Die tun so, als würde es sich bei dem Stumpfsinn, den sie verbreiten, um einen neuen Trend oder Kult handeln.’“
(RP vom 5. Mai 2004 / ap)
Mittlerweile befindet sich der Autor auf dem Weg der Besserung. Der Kuraufenthalt auf der verlassenen, empfangslosen Atlantikinsel scheint ihm zu helfen. Ob er jemals wieder fernsehen oder Zeitung lesen darf, ist ungewiß.

Die Einseitig-Redaktion wünscht ihm alles Gute und seine restlose Genesung!

Von Dr. H. v. W. (53), dem wir den restaurierten Artikel zu verdanken haben, fehlt seit Tagen jede Spur.

Lesen Sie auch "Reaktion auf die ausgehende Gefahr? Arabella wird enthront." auf RP-Online.

www.einseitig.info



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