Der Chef liest mit

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Der Chef liest mit bammie

Der Chef liest mit

 
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Arbeitgeber reagieren auf spektakuläre Fälle von Web-Missbrauch im Büro – mit Überwachung und Kündigungen. Von Sebastian Jutzi

Eine private E-Mail setzte der Karriere von Harry Stonecipher, Vorstandsvorsitzender des Flugzeugbauers Boeing, im März dieses Jahres ein jähes Ende.

Der damals 68-jährige verheiratete Top-Manager hatte eine Affäre mit einer Mitarbeiterin und tauschte mit ihr eifrig erregende Botschaften über das Firmennetzwerk. Stoneciphers Vorstandskollegen in der Konzernzentrale in Chicago erhielten einen anonymen Hinweis, ermittelten und entließen ihren Chef, da sein Verhalten nicht mit dem Verhaltenscodex des Unternehmens übereinstimme.

Private Web-Nutzung als Kündigungsgrund

Gefeuert wegen Surfens. „Private Internet-Nutzung wird immer häufiger ein ganz normaler Kündigungsgrund, der jeden Arbeitnehmer treffen kann", konstatiert Stefan Kramer, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Vor wenigen Tagen verwies das Bundesarbeitsgericht den Fall eines BASF-Mitarbeiters zurück an das zuständige Landesarbeitsgericht. Der Schichtführer hatte während seiner Arbeitszeit Pornoseiten aufgerufen und wurde deshalb gekündigt. Ob er sich ein weiteres Mal erfolgreich gegen seinen Rauswurf wehren kann, ist fraglich.

Polizisten im Porno-Web

Die Zahl der vernetzten Arbeitsplätze und damit der Betroffenen wächst ständig. Ende 2004 hatten nach Erhebungen der Marktforscher von Nielsen Netratings 19,5 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland Internet an ihrem Arbeitsplatz. Shopping-Touren, private E-Mails oder gar Pornographie – der virtuellen Versuchung während der Arbeitszeit widerstehen viele nur schwer.

So luden Thüringer Polizisten Pornos aus dem Internet und verbreiteten sie auf ihren Dienstrechnern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 630 Gesetzeshüter.

Surf-Kontrollen nehmen zu

Die privaten Web-Ausflüge wecken das Misstrauen der Arbeitgeber. Sie setzen verstärkt auf Kontrolle ihrer Mitarbeiter. In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Mummert Consulting gaben zwei von fünf Arbeitnehmern an, dass ihr Rechner vom Chef überwacht werde.

Das Arsenal an Spionage-Software, mit dem ein Firmenleiter seinen Untergebenen auf die Finger sieht, ist prall gefüllt. Programme wie Orvell Monitoring protokollieren alle Zugriffe im Internet, filtern missliebige Inhalte, checken E-Mails, halten den Inhalt von Bildschirmen in bestimmten Zeitabständen fest oder speichern jeden einzelnen Anschlag auf der Computertastatur.

Grenzen der Schnüffelei

Rechtlich gelten für Big Brother im Unternehmen allerdings klare Regeln. Erlaubt der Arbeitgeber die private Nutzung des Web, darf er „Surf-Touren oder E-Mails nicht kontrollieren", weiß Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht an der Fachhochschule Frankfurt. Das führt zu kuriosen Regelungen. „Beispielsweise verbieten manche Arbeitgeber erst einmal die private Internet-Nutzung in einer Betriebsvereinbarung, weil sie stichprobenartige Kontrollen durchführen wollen", erklärt der Jurist. „In einem geheimen Zusatzprotokoll einigen sich Betriebsrat und Geschäftsleitung aber darauf, dass eine moderate Privatnutzung nicht bestraft wird.“

Wer in diesen Betrieben die eine oder andere Web-Einkaufstour riskiert, läuft nicht Gefahr, sich gleich eine Abmahnung einzuhandeln. Trotz derlei Kulanz fordert Karl-Heinz Brandl, Geschäftsführer der Innotec, eines Tochterunternehmens der Gewerkschaft Ver.di, dass „die Politik endlich das lange versprochene Arbeitnehmerdatenschutzgesetz schafft, um Beschäftigte vor ausufernder Überwachung zu schützen“.

Vertrauen geht vor Kontrolle

Das sieht Rainer Schmidt-Rudloff, Experte für betriebliche Personalpolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, anders: „Wir brauchen keine zusätzlichen Regelungen.“ Er empfiehlt Unternehmen, klare Vereinbarungen für das Surfen am Arbeitsplatz zu treffen. Zumindest ein Großteil der 30 Dax-Unternehmen beherzigt bereits diesen Rat.

Eine FOCUS-Umfrage ergab, dass 22 dieser Konzerne die private Internet-Nutzung am Arbeitsplatz regulieren. Immerhin zehn Firmen untersagen generell privates Surfen und überprüfen genau die Einhaltung des Verbots. „Grundsätzlich gilt aber: Vertrauen geht vor Kontrolle", meint Schmidt-Rudloff. US-Unternehmen agieren weitaus strenger. Nach einer Umfrage der Sicherheitsfirma Proofpoint überwachen 63 Prozent der US-Betriebe mit mehr als 1000 Beschäftigten deren E-Mails oder planen derartige Kontrollen.

Internet-Cafés für die Pause

Wie sich die Interessen von Arbeitnehmern und Vorgesetzten ohne Streitigkeiten vereinbaren lassen, demonstriert beispielsweise die R+V Versicherung. „Die private Internet-Nutzung am Arbeitsplatz ist in unserem Unternehmen auf Ausnahmen beschränkt", erläutert Pressesprecherin Rita Jakli.

Damit die Mitarbeiter das Web für persönliche Zwecke nutzen können, hat die R+V an großen Standorten Internet-Cafés eingerichtet, in denen Mitarbeiter während ihrer Pausen auf Online-Exkursion gehen dürfen. „Jeder achte Mitarbeiter", freut sich Jakli, „nutzt dieses Angebot bereits.“


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