Das Geschäft mit der Armut

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Das Geschäft mit der Armut Nassie

Das Geschäft mit der Armut

 
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In Deutschland boomt das Geschäft mit der Armut
Immer mehr überschuldete Bürger landen in den Fängen von Kredithaien und skrupellosen Schuldnerberatern - Experte: Banken tragen Mitverantwortung
von Jens Wiegmann

Berlin  -  "Sofortkredit auch bei Altschulden", "Nur noch eine Rate", "Keine Wartezeit" - Werbeslogans wie diese haben Hochkonjunktur. Je schlechter die Wirtschaftslage, desto besser laufen die Geschäfte skrupelloser Kreditvermittler und selbst ernannter Schuldnerberater. Dass sie trotz ihrer unglaubwürdigen und zum Teil rechtswidrigen Verheißungen immer neue Kunden gewinnen, liegt nicht nur an der Verzweiflung ihrer Klientel, sondern auch an den mangelnden Angeboten einer seriösen Schuldnerberatung. Das berichtete die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände am Donnerstag in Berlin. Mitglieder in der AG sind unter anderem Arbeiterwohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz, Deutscher Caritasverband und die Verbraucherzentrale Bundesverband.


Dabei ist Überschuldung längst keine Randerscheinung mehr. Rund drei Mio. Haushalte gäben mehr aus als sie einnehmen, sagt Marius Stark, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft. Die dramatisch schlechte Ausstattung seriöser Schuldnerberatungsstellen sei daher ausgesprochen problematisch. "Häufig beträgt die Wartezeit für einen Beratungstermin ein halbes Jahr." Und selbst dann reichen die Kapazitäten nur für zehn bis 15 Prozent der Betroffenen.


Hier sehen die Kredithaie ihre Chance. Zwar vollzieht sich der Weg in die Schuldenfalle meist schleichend, doch aus Sicht der Betroffenen trifft das Unglück meist plötzlich ein. Nachdem sie schon lange den Überblick über ihre Dispo- und Kleinkredite, ihre Kredit- und Kundenkarten verloren und die Warnsignale übersehen haben, kommt der Moment der Zahlungsunfähigkeit. Dann ist es zu spät: Die Aufnahme neuer Kredite ist nicht mehr möglich, das Konto wird oft gesperrt, es droht die Zwangsvollstreckung.


Versprechen von Firmen oder Vereinen, sie würden sofort und aus einer Hand helfen, fallen dann auf fruchtbaren Boden. "Die Firmen haben gar nicht vor, Kredite zu vermitteln, und können es oft auch gar nicht", warnt Hedwig Risch vom Bundeskriminalamt. Sie verdienen an Gebühren, an der Versendung von Formularen gegen Vorkasse, an teuren Telefonhotlines oder der Provision für den Verkauf von Versicherungen, Bausparverträgen oder Immobilien.


Trotz ihrer Dreistigkeit sind die Betrüger selten strafrechtlich zu belangen. Schon das Auffinden und Vernehmen der Zeugen sei aufwendig, meist einigten sich deshalb Staatsanwaltschaft und Verteidigung, sagt Professor Hans-Heiner Kühne, Strafrechtsexperte der Universität Trier. Und selbst bei erfolgreicher Strafverfolgung sind die Aussichten auf Schadenersatz gleich null: "Das Geld ist ruck-zuck weggeschafft." Um zu verhindern, dass Menschen sich überhaupt verschulden und damit anfällig für Betrüger werden, müssten auch die Banken mehr tun, sagt Kühne. Mit ihrer Politik, großzügig Kredite anzubieten, trügen sie erheblich zur hohen Verschuldung bei. "Aber wenn dann wirklich Beratungsbedarf besteht, ziehen sie sich zurück."




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