"Nicht alles so machen wie die Amerikaner"
Porsche-Chef Wendelin Wiedeking führt einen einsamen Kampf gegen die Börse. Er denkt langfristig, verweigert kurzfristige Erfolgsmeldungen - ein ZEIT-Gespräch
Von Dietmar H. Lamparter (Gesprächsführung)
DIE ZEIT: Herr Wiedeking, die Deutsche Börse AG will Porsche aus dem M-Dax werfen, weil Sie sich geweigert haben, alle drei Monate einen Quartalsbericht vorzulegen. Alle anderen 70 in diesem Aktienindex notierten Firmen liefern brav ihre Zahlen ab. Warum sind Sie da so stur?
Wendelin Wiedeking: Die Börse ist seit einiger Zeit von sehr großen Kursschwankungen geprägt - weil die langfristige Ausrichtung eines Unternehmens offensichtlich keine Rolle mehr spielt. Es geht nur noch darum, ob das Unternehmen die Erwartungen erfüllt, die Analysten in ein Quartalsergebnis gesteckt haben. Das ist als Geschäftsbesorgungsplan für die Deutsche Börse möglicherweise interessant, aber als Unternehmer halte ich dieses Vorgehen nicht für sinnvoll.
ZEIT: Die Aktionäre, als Eigentümer einer AG, haben doch ein Recht auf aktuelle Daten.
WIEDEKING: Wir informieren unsere Aktionäre sehr umfangreich. Nicht umsonst haben wir in diesem Jahr den Investor-Relations-Preis für die beste Information aller im M-Dax gelisteten Firmen bekommen. Die Deutsche Börse sollte nochmals darüber nachdenken, ob sie wirklich alles über einen Kamm schert. Im Neuen Markt gab's auch Quartalsberichte. Und welchem Anleger haben sie geholfen? Keinem.
ZEIT: Also nützen Quartalsberichte letztlich nur den Aktienhändlern, weil sie bei jeder Umschichtung im Depot Gebühren kassieren?
Wiedeking: Ja natürlich! Bei der Überflutung mit Quartalsergebnissen verliert man leicht den Blick für die wichtige mittelfristige Entwicklung. Man braucht sich doch nur die allabendlichen Börsenberichte im Fernsehen anzuschauen. Dort geht es lediglich um die neuesten Aufs und Abs. Das zeigt doch die ganze Kurzatmigkeit. So lenkt man kein Unternehmen, sondern man bemüht sich um die langfristigen Perspektiven. Ein Unternehmen hat fundamental wichtigere Indikatoren als ein Quartalsergebnis.
ZEIT: Und wo bleibt die Kontrolle?
Wiedeking: Wenn ich mich als Unternehmensführer vor meine Aktionäre stelle und ihnen sage, wohin wir laufen, welche Absatzziele wir haben und wo das Ergebnis liegen wird - was ich auch dieses Jahr wieder getan habe -, dann ist es meine verdammte Pflicht, dies zu erfüllen.
ZEIT: Und wenn Sie es trotzdem nicht schaffen?
WIEDEKING: Wenn Ereignisse eintreten, die mich an der Zielerfüllung hindern, bin ich verpflichtet, meine Aktionäre unmittelbar davon in Kenntnis zu setzen. Und das tun wir auch. Da warten wir nicht bis zum Quartalsende.
ZEIT: Warum verweigern andere nicht auch die Quartalsberichte. Sind die Manager zu feige?
Wiedeking: Gerade von Unternehmern bekomme ich viel Zustimmung für meine Haltung. Aberwir sind da sicherlich auch verdammt mutig. Das können wir sein, weil wir wirtschaftlich unabhängig sind ...
ZEIT: Der Autobauer mit der höchsten Rendite!
Wiedeking: Wir sind in dieser glücklichen Situation. Sicherlich würde ich richtig geprügelt werden, wenn es dem Unternehmen schlecht ginge. Die Banken - die ja die Deutsche Börse AG besitzen - können keinen Druck auf uns ausüben, weil wir keine Kredite aufgenommen haben.
ZEIT: Die Quartalsberichte sind nur ein Indiz für das Vordringen des angloamerikanischen Businessmodells nach Deutschland - von der Maximierung des Shareholder-Value bis zum dominierenden Einfluss der Finanzmärkte. Glauben Sie wirklich, dass das noch zu stoppen ist?
WIEDEKING: Zunächst mal leben wir in Deutschland. Wir haben uns der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet. Es kann nicht angehen, dass wir uns nur noch an den Kapitalmärkten der Welt orientieren. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass wir am Pfingstmontag die Börse öffnen. Wollen wir unsere Kultur denn nur noch der weltweiten Finanzflusslogik unterordnen?
ZEIT: Viel Widerstand ist nicht zu verspüren.
WIEDEKING: Ich mache mir da schon Sorgen um meine Kinder. Welche Werte nehmen die denn da mal mit?
ZEIT: Aber die Regeln der Weltwirtschaft geben nun mal die Amerikaner vor.
WIEDEKING: Wir müssen nicht alles so machen wie die Amerikaner. Die veröffentlichte Meinung ist nicht die Meinung von uns allen. Ich glaube fest daran, dass wir in Deutschland oder in Europa auch unsere Stärken haben. Wir haben uns doch in der Vergangenheit oftmals darüber amüsiert, dass ein Unternehmensführer in den USA sich an Quartalsergebnissen zu orientieren hat.
ZEIT: Da muss es Sie freuen, dass die EU-Übernahmerichtlinie, die den Vorstand im Falle einer feindlichen Übernahme zur Neutralität verpflichten wollte, vom Europaparlament gekippt wurde?
WIEDEKING: Zunächst hat mich irritiert, dass so ein Vorschlag überhaupt so weit kommen konnte. Jetzt bin ich froh, dass das abgewendet wurde. Ich halte es für einen Wahnwitz, dem Finanzmarkt zuliebe einem Vorstand Handschellen und einen Maulkorb anzulegen, wenn sich einer aufmacht, das Unternehmen zu kaufen. Ich bin doch als Vorstand auch meiner Belegschaft verpflichtet und muss meine Aktionäre auf die Fallen in so einem Angebot hinweisen. Schauen Sie sich doch mal die Schlacht Vodafone/Mannesmann an ...
ZEIT: Ein Trauma für deutsche Manager.
Wiedeking: Mannesmann, ein über Jahrzehnte gewachsenes Unternehmen, ist heute zerschlagen. Es kann doch nicht wahr sein, dass das Filetieren von Unternehmen Schule macht! Hinter der feindlichen Übernahme steht der Drang, mit wenig Aufwand schnell das Tafelsilber eines Unternehmens zu plündern und den Rest dann wegzuschmeißen.
ZEIT: Das finden Sie unmoralisch?
WIEDEKING: Diese Mentalität stört mich gewaltig. Außerdem ist das volkswirtschaftlich ein Minusgeschäft. Wir verlieren dadurch Beschäftigung und zerstören das, was sich über Jahrzehnte harmonisch gefügt hat. Deshalb muss eine Diskussion geführt werden, wie man allen Belangen gerecht wird.
ZEIT: Müssen die Aktionäre nicht völlig frei entscheiden können, ob und an wen sie verkaufen?
WIEDEKING: In unserem Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet. Und diesen Satz sollte sich jeder Aktionär anschauen, der meint, er könne sich über alles hinwegsetzen. Aber die meisten Aktionäre denken ja gar nicht so. Wenn ich in der Hauptversammlung darüber berichte, wie ich den Ausgleich zwischen Aktionären, Kunden und Mitarbeitern schaffe und Letztere für ein gutes Ergebnis mit einem Bonus belohne, dann applaudieren die Aktionäre.
ZEIT: Vielleicht sind Porsche-Aktionäre ja besonders sozial eingestellt?
WIEDEKING: Der raffgierige Aktionär ist ein Klischee. Natürlich ist er an einer möglichst hohen Verzinsung seines Kapitals interessiert und daran, dass der Börsenkurs gut gepflegt wird. Aber er will auch, dass die sozialen Belange in dem Unternehmen berücksichtigt werden, an dem er Anteile besitzt. Das kommt zu wenig raus, wenn man nur den Forderungen der großen Finanzinstitute folgt.
ZEIT: Ein Plädoyer für die soziale Marktwirtschaft?
WIEDEKING: Wir haben uns mit der sozialen Marktwirtschaft ein hervorragendes System in Deutschland geschaffen und sollten das ohne Not nicht aufgeben. Es ist viele Jahrzehnte gut gegangen und kann auch noch weiter funktionieren.
ZEIT: Lange Jahre haben wir gehört, dass Industriearbeitsplätze in Deutschland zu teuer seien.
WIEDEKING: Teuer ist relativ. In Deutschland sind durchaus Werte vorhanden, die uns auch in Zukunft wettbewerbsfähig dastehen lassen. Auch die Menschen bei uns sind bereit, liebgewonnene Vorteile aufzugeben und sich den internationalen Regeln anzupassen. Es ist nicht nur der Kapitalmarkt, der sich verändert, sondern ebenso die Beschäftigungsseite. In einem vereinten Europa gibt es auch einen Wettbewerb der Arbeitskräfte.
ZEIT: Welchen Vorteil haben da die Deutschen?
WIEDEKING: Die Deutschen sind sehr gut ausgebildet, sehr arbeitswillig und auch motiviert.
ZEIT: Deshalb ziehen Sie das neue Werk für den Porsche-Geländewagen in Leipzig hoch.
Wiedeking: Wir haben mit Leipzig nur positive Reaktionen geerntet. Das ist auch wichtig für das Image. Unsere Kunden legen großen Wert darauf, dass wir zu dem Standort stehen. Die wollen ein Auto made in Germany, und das bringt uns auch einen Mehrwert. Die möglichen Kostennachteile werden dadurch mehr als aufgewogen.
ZEIT: VW hat der IG Metall mit der Verlagerung des neuen Minivan-Werkes ins Ausland gedroht, wenn sie bei den Tarifen nicht nachgibt, warum lief das bei Porsche so glatt?
WIEDEKING: Natürlich haben wir auch Konflikte mit den Belegschaftsvertretern, das ist aber ganz natürlich. Entscheidend ist, dass wir uns am Ende zusammenfinden. Das VW-Modell scheint mir insbesondere für die vielen Arbeitslosen in Deutschland sehr interessant. Warum soll man nicht mal ein Experiment wagen. Ich wünsche mir, dass da mal der eine oder andere Gewerkschafter über seinen Schatten springt.
ZEIT: Aber das letzte Lohnprozent scheint für Sie nicht den Ausschlag zu geben?
Wiedeking: Die Qualifizierung der Mitarbeiter ist die Schlacht entscheidende Größe. Da darf man sich gar nichts vormachen. Natürlich sind die Arbeitskosten essenziell, und man muss sie unter Kontrolle halten. Aber wir haben in den letzten Jahren auch gelernt, viel effizienter zu werden. Jedes Jahr holen wir sechs bis acht Prozent mehr Produktivität aus dem Unternehmen raus. Das kommt auch dem Kunden zugute.
ZEIT: In einem Niedriglohnland müssten Sie sich vielleicht nicht so um Effizienz bemühen.
WIEDEKING: Werke mit sehr niedrigen Lohnkosten sind in ihrer Effizienz oft ganz, ganz lausig. Das ist für die Grundeinstellung eines Unternehmens nicht gut. Ein Unternehmen muss immer mit viel Druck unterm Kessel arbeiten. Damit jeder weiß, was er leisten muss.
ZEIT: Die Steuerreform scheint den Druck etwas gemindert zu haben. Sie haben sich sogar als Werbe-Model für Hans Eichel zur Verfügung gestellt.
WIEDEKING: Wir beteiligen uns nicht erst seit gestern intensiv an der gesellschaftspolitischen Diskussion. Schon vor fünf Jahren habe ich mich für die Steuerreform stark gemacht. Dass sie jetzt da ist, ist für uns als Kapitalgesellschaft richtig positiv: Anstatt 40 Prozent Körperschaftsteuer zahlen wir nur noch 25 Prozent. Und auch die Privatperson Wiedeking profitiert. Durch die Reform ist der Standort Deutschland wieder so attraktiv geworden, dass wir gar nicht darüber nachdenken müssen, in andere Länder zu gehen.
ZEIT: Der Opposition dürfte diese Parteinahme aber gar nicht gefallen haben.
WIEDEKING: Ich bin parteilos. Sie brauchen Zugang zu allen politisch relevanten Kräften, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Bei der Übernahmerichtlinie habe ich vorher auch mit Herrn Schröder geredet. Das gilt für alle Fragen zum Thema Automobil, die in der EU behandelt werden. Und als mich Hans Eichel fragte, ob ich zu meinen Aussagen zur Steuerreform stehe, habe ich natürlich zugesagt. Da bin ich gradlinig.
ZEIT: Mischen sich Ihre Kollegen zu wenig ein?
WIEDEKING: Auch die Politiker brauchen Anregungen aus der Wirtschaft. Es reicht nicht aus, immer nur zu kritisieren. Es fehlen die konstruktiven Vorschläge. Wenn die Wirtschaft weniger Steuern zahlen will, muss sie sagen, wie es gehen soll. Wir haben gesagt: Staat, zahl keine Subventionen mehr, und fang bei der Automobilindustrie an!
ZEIT: Womit Sie die Chefs von BMW, VW und Daimler sehr geärgert haben.
WIEDEKING: Stimmt. Aber weniger Steuern bedeutet auch weniger Staatsausgaben. Da müssen wir auch den Mut haben und sagen: Dann streicht bitte dies und jenes. Es gibt viele permanente Meckerer, aber konstruktive Vorschläge kommen nicht.
ZEIT: Derzeit wird die Konjunktur beklagt.
Wiedeking: Man kann in der Tat die Stimmung schlecht reden.
ZEIT: Ihrer Branche geht es vergleichsweise gut. Warum ist die deutsche Autoindustrie in den vergangenen Jahren so erfolgreich?
WIEDEKING: Anfang der Neunziger glaubte jeder, dass bald die Autos weltweit nur noch asiatisch sprechen. Man hat die Menschen hier unterschätzt. Jedes Unternehmen hat hart an sich gearbeitet, das Produktprogramm erneuert, auf neue Technologien gesetzt, frische Designsprachen entwickelt. Deutsche Autos setzen heute im Weltmarkt die Standards. Von der asiatischen Übermacht spricht keiner mehr. Heute ist Deutschland als Produktionsstandort wieder ein ganz ernst zu nehmender Wettbewerbsfaktor in der Welt. Das Automobil schafft in Deutschland die meisten Arbeitsplätze. Das ist ein Stück Zukunftssicherung für unser Land.
ZEIT: Die Produktprogramme der deutschen Hersteller überschneiden sich immer mehr. Mercedes, BMW und auch der VW-Konzern bauen ihr Sportwagenprogramm aus, Porsche tritt demnächst mit dem Geländerenner Cayenne gegen den BMW X5 und die M-Klasse von Mercedes an. Muss es da nicht Verlierer geben?
WIEDEKING: Natürlich sind wir Wettbewerber, aber der Weltmarkt ist groß genug für uns alle. Als etwa der Porsche Boxster auf den Markt kam, hieß es, neben dem ebenfalls neuen Mercedes SLK und dem BMW Z3 sei dafür kein Platz mehr auf dem Roadster-Markt. Was ist passiert? Heute ist der Weltmarkt für Roadster so groß wie nie zuvor. Und unser Cayenne wird sich auch durchsetzen.
ZEIT: Aber jetzt scheinen die deutschen Konzernherren doch ein Stück weit dem Größenwahn zu verfallen. Alle wollen die Welt mit neuen Superluxuswagen beglücken, zu Stückpreisen von einer halben bis zu zwei Millionen Mark. Kann man mit den Maybachs, Bugattis, Bentleys, Rolls-Royce, Mercedes SLR und Porsche Carrera GT am Ende auch Geld verdienen?
WIEDEKING: Ich hoffe, dass jeder so antritt. Wir jedenfalls gehen nur in das Marktsegment, wenn wir mit dem Produkt Geld verdienen. Die Kundenreaktionen auf die Studie unseres Carrera GT waren überwältigend. Wir haben im Sportwagensegment eine hohe Glaubwürdigkeit. Da reicht es nicht, dass sie einfach alte Markennamen revitalisieren.
ZEIT: Es wird also auch Verlierer geben?
WIEDEKING: Natürlich treiben auch Produkte den Markt. Aber so viele Kunden, wie es sich die Kollegen erträumen, wird's wohl nicht geben, obwohl ich jedem den Erfolg wünsche.
Wendelin Wiedeking kam 1992 an die Spitze der Porsche AG. Der schwäbische Sportwagenbauer kämpfte mit Absatzproblemen, Gewinn- und Kurseinbrüchen. Heute kann der 48-jährige Westfale eine glänzende Bilanz vorweisen: 4-mal so viele verkaufte Autos, 5-mal so viel Gewinn, 25-mal höherer Börsenkurs