Bockwurst ist in, deutsche Grammatik out

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Bockwurst ist in, deutsche Grammatik out

 
18.03.03 09:28
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Bockwurst ist in, deutsche Grammatik out

Die amerikanischen Soldaten haben mit Begeisterung reagiert, als sie hörten, dass FOCUS-Reporter Christian Liebig aus Deutschland kommt.
17. März

„Du bist aus Deutschland?“, ruft Hauptfeldwebel Cruz.
„Komm, ich muss dir was zeigen.“ Der Logistiker, der im Stab bei der 3. Infanteriedivision arbeitet, öffnet den Kühlschrank in seinem Feldbüro und holt stolz ein Glas „Deutschländer"-Bockwürste heraus. „Hat mir meine Frau geschickt.“

„Wie geht es Ihnen?“, „Ich hätte gerne ein Bier“, „Auf Wiedersehen!“ Wer sich im Wüstencamp New York als deutscher Journalist zu erkennen gibt, erntet ein großes Hallo. Es ist fast unmöglich, in dem Feldlager einen US-Soldaten zu finden, der keine Beziehung zu Deutschland hat. Und ebenso schwer ist es, jemanden zu finden, der nicht Deutschland-Fan ist.

Bei manchen ist es nur die deutsche Abstammung, auf die sie stolz sind. „Weber“, „Merz“, „Ulrich“, „Steffenhagen“ ist auf dem Namenschildern ihrer Uniform zu lesen. Hauptmann Westermeyer erzählt, dass zwei von vier Großelternteilen deutsch waren. „Leider haben sie nicht ihre Muttersprache beibehalten“, klagt er auf Englisch. Die Sprache ist offenbar die Sache, die Deutschland am unsympathischsten macht. Wer es in der Schule gelernt hat, kann meistens nur noch ein paar Ausdrücke. „Die Grammatik war die Hölle“, erinnert sich ein weiblicher Leutnant.

Fast jeder der Soldaten, die jetzt im Wüstensand auf den Beginn des Irak-Krieges warten, war schon mal in Deutschland stationiert. Landstuhl, Vilseck, Schweinfurt oder Bamberg – die US-Soldaten erinnern sich wehmütig an ihre Zeit in Deutschland zurück. Sie bedienen dabei jedes Klischee, das Deutschland und die amerikanische Sicht zu bieten hat: „Great Bier“, „Bratwurst“, „Weihnachtsmarkt“.

US-Soldaten sehen etwas von der Welt. Wer sich freiwillig zur Armee meldet, hat gute Chancen, Italien und Bosnien, Südkorea und Guam, Saudi-Arabien und die Philippinen kennen zu lernen. Viele dieser Nomaden haben sich nur in Deutschland heimisch gefühlt.

Nicht wenige haben eine deutsche Frau geheiratet. Stabsfeldwebel Thomas Egner ist seit fast zehn Jahren mit Kathrin aus Wilhelmshaven verheiratet. Kennen gelernt hat er sie in Heidelberg, ist mit ihr durch ganz Deutschland gereist. „Einmal waren wir in zwei Tagen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und in der Schweiz“, erzählt er. „Vier Länder an einem Wochenende!“ Der 36-Jährige mit einer Vorliebe für Spießbratenbrötchen weiß, dass viele Verwandte seiner deutschen Frau gegen den Krieg sind. „Aber das ist schon okay, jeder hat seine eigene Meinung.“

Die jüngste transatlantische Krise erwähnen die wenigsten. Manche Soldaten fragen vorsichtig: „Ihr Deutschen seid gegen den Krieg, oder?“ Um sofort hinzuzufügen: „Viele meiner Freunde wollen den Krieg auch nicht.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder wird nicht erwähnt.

16. März

Über mir ist nur der Himmel. Ich liege festgezurrt auf einer Trage und kann nur nach oben starren. „Keine Sorge, Kumpel“, höre ich eine Stimme. „Wir lassen dich schon nicht fallen.“ Mit einem Ruck werde ich von vier Soldaten angehoben. Im Laufschritt geht es voran, ich werde durchgeschüttelt. Auf einmal sehe ich außer dem Himmel noch kreisende Rotorblätter.

Fluchend, weil meine Trage nicht sofort einrastet, hieven mich die Soldaten in den Blackhawk-Hubschrauber. Dann liege ich dort, unter mir ein Verwundeter, 20 Zentimeter oberhalb meiner Nase ein weiterer. Ich habe einen Granatsplitter abbekommen. Das hat zumindest Oberstleutnant Willie Williams beschlossen, bevor die Übung „Medevac“ begonnen hat. Nicht lebensbedrohlich, aber ernst genug, um zu einer Operation geflogen zu werden. Der Hubschrauber hebt ab, und in ein paar Minuten wäre ich in einem Militär-Hospital, das wie ein gutes Kreiskrankenhaus ausgerüstet ist. In weniger als einer Stunde ("The Golden Hour"), idealerweise aber in der Hälfte der Zeit, sollen verwundete amerikanische Soldaten von der Frontlinie in gute ärztliche Betreuung gebracht werden.

Erste Anlaufstelle, noch vor dem Hubschrauberabtransport, ist ein Operationsraum in einem kleinen Zelt. Dort arbeitet der Chirurg Major Michael Weber. Mit Kriegsverletzungen kennt er sich bestens aus. Gelernt hat er sein Handwerk in Baltimore. „Und da“, sagt er, „werden jeden Tag ein Haufen Menschen niedergestochen oder erschossen.“ Besonders hygienisch, geschweige denn aseptisch sieht es in seinem OP nicht aus. Aber, so versichert er, die Rate der Wundinfektionen nach einer Operation sei hier auch nicht höher als in einem normalen Krankenhaus. „Das sind ja alles widerstandsfähige junge Männer.“ Soldaten versichern immer wieder, dass sie großes Vertrauen in die ärztliche Versorgung der Streitkräfte haben. „Wenn's dich erwischt, dann holen sie dich da ganz schnell raus, Mann“, erzählt ein älterer Hauptfeldwebel einem Gefreiten. „Medevac"-Übungen haben vor allem das Ziel, dies den Soldaten deutlich zu machen. Oberstleutnant William weiß, wie wichtig das zur Stärkung der Moral bei den kämpfenden Soldaten ist: „Sie gehen ins Gefecht im Vertrauen auf unser schnelles und gründliches Evakuierungssystem.“

15. März

Unter dem wolkenlosen Himmel Kuwaits blinzelt ein kurzgeschorener Soldat in sandfarbener Uniform in die gleißende Mittagssonne. Sein M-16-Gewehr mit aufmontiertem Granatwerfer hängt mit dem Lauf nach unten über seiner Schulter und schlägt von Zeit zu Zeit gegen die Hüfttasche seiner ABC-Maske. Ein olivfarbener Schwerlaster, offenbar gerade aus dem Einsatz im Kosovo hierher beordert, donnert an ihm vorbei. Der Wüstenstaub, den er aufwirbelt, macht für einen Moment jede Orientierung unmöglich.

Aus der Staubwolke tauchen die Scheinwerfer eines Humvee-Geländewagen auf. Die mehrere Meter lange Antenne des Fahrzeuges neigt sich zur Seite, als er auf das Tor eines von Stacheldrahtrollen umzäunten Geländes einbiegt. Aus der Dachluke guckt ein Maschinengewehrschütze, der sich lässig auf die vor ihm angebrachte zwei Meter lange Waffe stützt. Der Fahrer steigt aus und fragt einen der im Schatten von Rucksäcken lagernden Soldaten nach dem Weg. Über ihre Köpfe knattern zwei Blackhawk-Hubschrauber, am Horizont ist eine Panzerkolonne am aufgewirbelten Wüstensand zu erkennen.

Hollywood 2013? Realität 2003. Die amerikanischen Militär-Camps in Kuwait, nur ein paar Dutzend Kilometer von der Grenze zu Irak entfernt, sind auf den ersten Blick chaotisch zusammengewürfelt. Defekte Lastwagen stehen neben Schlafzelten, junge schwarze Soldatinnen spielen Volleyball, während daneben an einem Anhänger geschweißt wird. Auch der möglicherweise nur noch ein paar Tage entfernte Kriegsbeginn lässt die Geschäftigkeit nicht in Hektik umkippen.

Gesichert sind die Camps mit Erdwällen und Wachtürmen. Einige Schützenpanzer haben sich ebenfalls eingegraben. An den Eingängen stauen sich Militärkonvois, die vollbeladen vom Hafen Kuwait kommen. Ein kuwaitischer Zementmischwagen wird besonders genau inspiziert. Der Fahrer muss das Arabertuch, das er sich kunstvoll um den Kopf gebunden hat, abnehmen. Der Wachsoldat guckt dreimal zwischen dem Gesicht des Mannes und dem Ausweisphoto hin und her, bevor er ihn passieren lässt.

Als nächstes steigen zwei Männern um die 30 aus einem weißen Luxus-Geländewagen. Sie tragen Jeans, Polohemden und Turnschuhe, checken durch ihre verspiegelten Sonnenbrillen kurz die Umgebung, bevor sie am Waffenkontrollpunkt routiniert ihre Pistolen aus dem Hosenbund zu ziehen, um die Patrone aus dem Lauf zu holen und sie ins Magazin zu stecken. Wer sind sie? Geheimdienstler? Mitarbeiter amerikanischer Rüstungsfirmen? Der Wachsoldat blickt nur kurz auf ihre Ausweise und winkt sie lässig durch.

13. März

Ein Sandsturm fegt durch New York, einem riesigen Camp der US-Truppen an der Grenze Kuwaits zu Irak. Was als heißer, aber schöner Tag in der Wüste begonnen hat, wird nach Anbruch der Dunkelheit zum tobenden Inferno. Der Sand, der mit 100 Stundenkilometern über die Wüste geblasen wird, brennt in den Augen und auf der Haut und bedeckt auch innerhalb der Zelte alles mit einer feinen Staubschicht. Alles, was zwei, drei Meter entfernt ist, verschwindet hinter einem Vorhang aus Sand.

Vier Stunden für 500 Meter

Die Humvee-Geländewagen der 3. Infanteriedivision schleichen im Schritttempo über die Pisten, wer nicht unbedingt muss, bleibt im Zelt. Eine Woche zuvor hatte sich ein Soldat auf dem Rückweg vom Abendessen verlaufen. Für 500 Meter brauchte er vier Stunden. „Zwei mal wöchentlich haben wir solche Sandstürme“, berichtet Major Bradley Bragg.

Für die Soldaten des 10. Infanterieregiments bedeuteten sie einen ganz besonderen Willkommensgruß. Sie waren erst wenige Stunden zuvor von ihrem Heimatstützpunkt in Fort Drum/New York angekommen. Todmüde legten sie sich im Freien schlafen, weil ihre Zeltstangen nicht für den Wüstenboden geeignet waren, berichtet Stabsunteroffizier Chris Brown. Zwei Stunden toste der Sandsturm über ihre Schlafsäcke hinweg, bevor sie eine Unterkunft fanden. Für Brown kein Problem: „Ich mag's hart.“

Verbindung ins All abgebrochen

Das sehen die Techniker und Kommunikationsexperten ganz anders. Dutzende von Sandsäcken reichten nicht aus, die sieben Meter breite Satelliten-Schüssel der Division zu stabilisieren – sie schwankte so stark, dass sie die Verbindung ins All verlor. Die US-Armee nutzt die Satellitentechnik und das Internet nicht nur für die Beschaffung von Ausrüstung, sondern auch, um online einen Überblick über den eigenen Truppenaufmarsch und die Bewegungen von Saddams Soldaten zu erhalten. Deshalb können Sandstürme auch die Kriegsplanung gegen Irak beeinträchtigen.

Zwar funktioniert auch bei stärkstem Sturm noch die Kommunikation über Funk, aber die Gefahr, dass versehentlich eigene Soldaten beschossen werden, steigt. Besonders das Blitzkrieg-Konzept
könnte über den Haufen geworfen werden. Die US-Streitkräfte wollen mit Luftlandetruppen im Handstreich wichtige Punkte in Irak besetzen. Bei einem Sandsturm müssen die Hubschrauber jedoch am Boden bleiben. Einige würden sogar für längere Zeit ausfallen: Die Sandkörner können sich so stark in die Rotorblätter fressen, dass diese unbrauchbar werden.

Christian Liebig/Camp New York/Kuwait

FOCUS gehört zu den wenigen deutschen Medien, denen das Pentagon erlaubt hat, die US-Truppen in der Golfregion bei ihrem Aufmarsch und einem möglichen Krieg zu begleiten.

FOCUS-Reporter Christian Liebig ist bei der 3. Infanteriedivision, einem Kampfverband mit rund 20 000 Soldaten, dem eine zentrale Rolle bei einem Einmarsch in Irak zugesprochen wird. Er wird für FOCUS Online regelmäßig über den US-Einsatz berichten.

17.03.03, 22:30 Uhr





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Wir tun, was uns befohlen wird

 
#2
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„Wir tun, was uns befohlen wird“

Die Kriegsbegeisterung der amerikanischen Soldaten in der Wüste Kuwaits hält sich in Grenzen.

Von Christian Liebig

Gehen die US-Soldaten mit Freude in den Krieg? Das Bild, das das Fernsehen vermittelt, deutet darauf hin. Soldaten, die auf Bomben „Für dich Saddam“ oder „Grüße nach Bagdad“ schreiben, Soldaten, die martialische Kampfrufe ausstoßen.
In der Wüste Kuwaits sieht das anders aus – auch nach der Rede von Präsident George W. Bush, in der er Saddam Hussein 48 Stunden gegeben hat, um das Land zu verlassen.

Auf die Frage, wie sie zu einem Krieg stehen, bekommen Journalisten erst einmal die Standard-Antwort: „Wir tun, was uns befohlen wird.“ Nachbohren hat meist hochgezogene Augenbrauen und Schulterzucken zur Folge, bevor in allen Variationen eine immer wiederkehrende Aussage kommt: „Bringen wir's hinter uns.“

Einige der Soldaten sind bereits seit mehr als einem Dreivierteljahr in Kuwait, und so richtig genießt niemand den Aufenthalt bei Höchsttemperaturen von über 40 Grad im Sommer, Alkoholverbot und einem Leben in der Wüste. „Wo kommen Sie her?“, fragt General Louis Weber von der 3. Infanteriedivision beim Besuch einer Artillerie-Batterie. „Aus Maine“, antwortet der Soldat. „Kalt da oben, was?“, fragt der General. „Immer noch besser als Kuwait“, kontert der Soldat.

Den Irak-Krieg schnell und gesund hinter sich zu bringen, ist das Ziel der meisten Soldaten, die Kuwait schon in „u wait“ (Du wartest) umgetauft haben. Und so wird der General nicht gefragt, ob der Krieg gefährlich wird, sondern wann er seine Jungs zurückbringt. „Wird noch eine Weile dauern. Nach dem Kampf müssen wir ja auch noch warten, bis sich der Staub gelegt hat“, sagt Weber und merkt, dass er damit nicht den richtigen Ton getroffen hat. „Andererseits: Irgendwer muss doch bei den Siegesparaden mitmarschieren.“ Kaum ein Soldat zeigt Kriegsbegeisterung.

„Saddam hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er betrügt, und er wird es wieder tun“, sagt ein Soldat beim Abendessen. „Also sollten wir ihn lieber jetzt als später loswerden.“ Das sieht Unteroffizierin Lashelle Elliott auch so. Vor der irakischen Armee und den Chemiewaffen hat sie keine Angst. „Wir sind Saddam haushoch überlegen“, sagt die 31-Jährige aus Minnesota. Ob sie den Krieg für eine gerechte Sache hält? „Das möchte ich nicht beantworten“, sagt sie verlegen grinsend.

Stabsunteroffizier Mynor Gaitan will vor allem eins – schnell nach Hause. Und das liegt zur Zeit in Oberfranken, wo er stationiert ist. „Wissen Sie, was hier gesagt wird? Die Straße nach Bagdad führt weiter nach Bamberg.“

18.03.03, 11:54 Uhr







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