Betrugsprozess um 84 Millionen Dollar

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Betrugsprozess um 84 Millionen Dollar

 
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SPIEGEL ONLINE - 19. März 2007, 14:48
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,472442,00.html

BETRUGSPROZESS

Der tiefe Fall des Gazetten-Barons

Von Johannes Kuhn

Einst gehörte ihm das drittgrößte Zeitungsimperium der Welt. Nun ist Conrad Black in Chicago wegen der Unterschlagung von 84 Millionen Dollar angeklagt. Der Prozess mit vielen Promi-Zeugen gilt als Jahrhundertverfahren - und ist ein Lehrstück über Geldadel und Verschwendungssucht.

Chicago/Hamburg - Es sind Anekdoten wie diese, die Conrad Black sein Leben lang verfolgen: Mit 14 Jahren flog er, Sohn eines kanadischen Brauereikonzern-Chefs, von einer angesehen Privatschule. Er hatte Prüfungsmaterial kopiert und an seine Mitschüler verkauft.

Als Black es nach oben geschafft hatte und in seinen millionenteuren Residenzen in London, Toronto und New York Partys für den Jet-Set gab, wurde diese Anekdote als Zeichen seiner Geschäftstüchtigkeit kolportiert. Nun, da er wegen Betrugs vor Gericht steht, interpretiert sie die Öffentlichkeit als erstes Anzeichen einer unstillbaren Gier.

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Angeklagter Black vor der Geschworenenauswahl letzte Woche: "Wäre ich schuldig, würde ich mich schuldig bekennen"

Black findet sich plötzlich am Boden - nachdem es für den heute 62-Jährigen lange nur bergauf zu gehen schien. Schon während des Studiums nutzte er das Geld seines Vaters, um Firmen zu kaufen und dann gewinnbringend abzustoßen. 1978 wurde er zum Chef des kanadischen Medienkonzerns Ravelston. Mit Hilfe zweier Mitaktionäre drängte er den Mehrheitseigner zum Spottpreis aus dem Unternehmen. Dank eines Einsatzes von insgesamt 30 Millionen kanadischen Dollar kontrollierte Black auf einen Schlag ein Unternehmen, das über Reserven von knapp vier Milliarden verfügte.

In den folgenden 25 Jahren baute er ein Presseimperium auf, das ihn Ende der neunziger Jahre zum drittgrößten Zeitungsverleger der Welt machte. Unter dem Dach seines Medienkonzerns Hollinger bündelte er zeitweise über 400 Titel, darunter klingende Namen wie die "Jerusalem Post", den Londoner "Daily Telegraph" oder die Chicagoer "Sun Times". Um den Erfolg von Neugründungen wie der kanadischen Tageszeitung "National Post" abzusichern, kaufte er schon mal einfach alle potentiellen Konkurrenten auf.

Kissinger, Thatcher, Stoppard - sie alle lauschten Black

Mit dem Erfolg zog er in die High Society ein. Anfang der neunziger Jahre waren seine Londoner Partys stadtbekannt. Politiker, Adelige, Schauspieler, Journalisten, Popstars - ob Margaret Thatcher oder Henry Kissinger, der Schriftsteller Tom Stoppard oder Elton John - sie alle kamen und lauschten Black. Der Milliardär, im Nebenberuf anerkannter Geschichtswissenschaftler, philosophierte am liebsten mit zahlreichen Fremdworten gespickt über militärische Begebenheiten aus den letzten beiden Jahrhunderten. Als Vorbild für sein Geschäftsgebaren nannte er einmal die Panzertaktik der Deutschen während des Blitzkriegs. Sein Unternehmen leitete er von einem Sessel aus, der einst seinem großem Vorbild Napoleon gehört hatte.

Black gilt als redegewandt, charmant, aber auch als humorlos. An Glamour gewann er vor allem dank seiner zweiten Ehefrau, der Journalistin Barbara Amiel. Die spitzzüngige Kolumnistin vertritt nicht nur ähnlich erzkonservative Ansichten, wie sie ihr milliardenschwerer Ehemann durch seine Zeitungen propagierte - sie trug nach der Heirat 1991 mit ihrer Extravaganz dazu bei, dass der Lebensstil der beiden immer wieder die Gazetten beschäftigte.

Einem "Vogue"-Reporter erklärte Amiel einmal, eine "Extravaganz, die keine Grenzen kennt", zu besitzen. Ihr Ankleidezimmer in der vierstöckigen 26-Millionen-Dollar-Villa in London sei vollgestopft mit Hunderten von Abendkleidern, Luxusschuhen sowie Dutzenden Designerhandtaschen, wusste die "Vogue" zu berichten. Zu den über sie kursierenden Anekdoten gehört, wie sie nach dem Besuch eines Kinofilms entsetzt schwor, nie wieder in ein öffentliches Kino mit "all diesen stinkenden Menschen" zu gehen.

Von der Queen geadelt, vom Minderheitsaktionär verfolgt

Im Jahr 2000 jedoch erwischte die Medienkrise auch den Zeitungsbaron: sinkende Auflagen und Anzeigeneinnahmen, dazu kostenintensive Preiskämpfe am Londoner Markt gegen den Medienmagnaten Rupert Murdoch. Für 3,2 Milliarden kanadischer Dollar verkaufte Black seine kanadischen Zeitungen an den in Winnipeg ansässigen Medienkonzern CanWest. 2001 wurde Black zwar noch auf Empfehlung von Tony Blair von der Queen geadelt. Doch "Baron Black von Crossharbor", benannt nach einer U-Bahn-Station in der Nähe seines Londoner Büros, hatte seinen Zenit zu diesem Zeitpunkt schon überschritten.

Ironischerweise war es ein Minderheitsaktionär, der Blacks Niedergang einleitete. Der Medienmogul hatte sich um kleinere Teilhaber nie gekümmert und seine Unternehmen nach Gutsherrenart geleitet. Doch Christophe Browne, der mit seiner Investmentfirma zehn Prozent an Hollinger hielt, hatte sich die Bücher des Unternehmens genauer angesehen. Dabei fand er undurchsichtige Finanztransaktionen zwischen Hollinger und den zahlreichen Unterfirmen Blacks. In einem wütenden Brief forderte Browne im Ende 2001 Aufklärung vom Aufsichtsrat.

Die internen Untersuchungen dauerten fast zwei Jahre: Im November 2003 trat Black, der einstige Alleinherrscher von Hollinger, als Vorstandsvorsitzender zurück, da ihm die Unterschlagung von mehr als sieben Millionen US-Dollar zur Last gelegt wurde. Doch das sollte nur die Spitze des Eisbergs sein: Wenige Monate später verklagte Hollinger seinen Ex-Vorstand auf mehrere hundert Millionen Dollar Schadensersatz wegen Missmanagements und Veruntreuung. Die High Society hatte sich inzwischen schon längst vom Baron von Crossharbor abgewandt.

84 Millionen Dollar "in betrügerischer Weise umgeleitet"?

Am 15. Dezember 2005 wurde Conrad Black von der US-Staatsanwaltschaft in Chicago angeklagt, wo Hollinger seinen Firmensitz hat. Der Vorwurf: 84 Millionen Dollar aus dem Verkauf der Zeitungsgruppen seien nicht bei Hollinger International gelandet, sondern "in betrügerischer Weise umgeleitet" worden - in die Taschen von Black und Komplizen aus der Firma. Zudem habe Black für seine Ehefrau "Vergünstigungen" des Unternehmens missbraucht.

So hatte der Konzern eine 40.000-Dollar-Geburtstagsparty für Lady Black ebenso finanziert wie Teile eines 600.000-Dollar-Urlaubs des Paares auf Bora Bora im Firmenjet. Teile des Gehalts von Blacks Butler, seinem Koch, des Hausmädchens und des Chauffeurs seien ebenso auf Firmenkosten abgerechnet worden wie die Instandhaltungskosten für Blacks Apartment in der noblen Park Avenue in Manhattan. Jährliche Kosten hierfür: mehr als 100.000 Dollar.

Das alles wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf Black und seine Ehefrau, sondern auch auf den Aufsichtsrat. Die Verteidigung argumentiert, dieser habe alle Zahlungen genehmigt. Pikanterweise war das Kontrollgremium prominent besetzt: Ex-US-Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige Bush-Sicherheitsberater Richard Perle und der frühere Gouverneur von Illinois, James R. Thompson, werden alle in den Zeugenstand treten müssen. Auch der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Burt, könnte vorgeladen werden. Ebenfalls vor Gericht wird Immobilien-Mogul Donald Trump erwartet, der als Gast über Lady Blacks 40.000-Dollar-Geburtstagsparty aussagen soll.

"Wäre ich schuldig, würde ich mich schuldig bekennen"

Black selbst hält den Prozess gegen sich für eine Farce: "Wäre ich schuldig, würde ich mich schuldig bekennen", lässt er sich generös zitieren. In einer E-Mail an die "New York Times" erklärte er, ganz Schöngeist: "Der letzte Teil dieses Dreiakters wird kommen, wenn wir gewinnen. Und wir werden gewinnen."

Sollte Black allerdings verlieren, droht ihm ein Strafmaß von hundert Jahren Haft. Als wichtigster Zeuge gilt Blacks ehemalige rechte Hand, David Radler. Der ehemalige Hollinger-Topmanager hat sich bereits schuldig bekannt und will gegen seinen Ziehvater aussagen. Dafür kommt Radler mit 29 Monaten Gefängnis davon.

Wenn die Staatsanwaltschaft heute die Anklage verliest, werden über 300 Journalisten aus Großbritannien, Kanada und den USA von dem "Jahrhundertprozess" berichten. Geführt wird der Fall vom neuen Star-Staatsanwalt Amerikas: Patrick Fitzgerald hat gerade Lewis "Scooter" Libby ins Gefängnis gebracht und wurde vom "People"-Magazin vergangenes Jahr zu einem der begehrtesten Junggesellen des Landes gewählt. Sein Gegenüber ist kaum weniger prominent. Edward "Fast Eddie" Greenspan hat Blacks Verteidigung übernommen. Greenspan gilt als der Topanwalt Kanadas - er vertritt unter anderen den deutschen Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber.

Die Medien haben sich jedenfalls schon einmal auf ein Spektakel eingestellt: Das "Toronto Life Magazine" beispielsweise hat dem Fall eine eigene Internetseite gewidmet. Dort kann der Leser sogar auf eine Übersetzungshilfe zurückgreifen, wenn Black aussagen sollte. Im "Black-Lexikon" erklärt das Magazin seinen Lesern die außergewöhnlichen Fremdworte, die der Lord in seine Reden einzuflechten beliebt. Dass der Angeklagte in den Zeugenstand tritt gilt jedoch als unwahrscheinlich.

Stattdessen dürfte er sich neben dem Prozess dem Feinschliff seiner nächsten Geschichtsbiografie widmen, die für Juli angekündigt ist. Im Mittelpunkt steht eine der wenigen Figuren, die Black an Kontroversen das Wasser reichen kann: der ehemalige US-Präsident Richard Nixon.

mit Reuters und AP



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Quelle: JP


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