Beruf: Professioneller Demonstrant

Beitrag: 1
Zugriffe: 330 / Heute: 1
Beruf: Professioneller Demonstrant Happy End

Beruf: Professioneller Demonstrant

 
#1
---> OUTING: proxicomi ist Ferdinand Birnbaum


Protest auf Bestellung

Die Jugend von heute geht nicht mehr selbst auf die Straße, sie lässt lieber andere demonstrieren. Ein Plakatträger schwenkt ihre Demosprüche direkt vor dem Reichstag. Die Aufträge kommen online aus dem Netz oder per SMS. Pro Tag schafft es eine Forderung bis in die Bannmeile.

André Gäbler hat einen außergewöhnlichen Beruf. Er ist professioneller Demonstrant. Jeden Tag stehen er oder einer seiner drei Kollegen mit einem Plakat vor dem Berliner Reichstag. Was aber auf dem 15 Kilogramm schweren, orange umrahmten Schild steht, denkt sich der 28-Jährige nicht selber aus. Er demonstriert nur für das, was ihm die Internetnutzer aus aller Welt diktieren.

Jeder kann auf der Internetseite www.mein-demonstrant.de oder per SMS Vorschläge für den Plakattext abgeben. Am Abend werden vier Forderungen oder Statements, die tagsüber eingegangen sind, ausgewählt und den Usern zur Wahl angeboten. Der Slogan, der bis 10 Uhr des folgenden Tages die meisten Stimmen bekommen hat, schafft es vor den Reichstag.

"Alles ist möglich - mit Ausnahme von Grußbotschaften oder rechtsradikalen Parolen", sagt Thomas Sassenbach, Initiator der Aktion. Es solle jedoch ein politisch oder gesellschaftlich relevantes Thema betreffen. "Es ging mir darum, zu zeigen, dass unsere Jugend nicht unpolitisch ist", erklärt der Chef der Münchner Werbeagentur Sassenbach Advertising sein Projekt. "Egal ob in Garmisch oder auf Helgoland, die jungen Menschen haben politische Interessen. Sie können sie vielleicht nur nicht so ausdrücken", fügt er hinzu.

Ihn habe gestört, dass in Deutschland so viel gejammert und schwarzgesehen werde und keiner etwas tue. "Deshalb habe ich die Sache einfach mal in die Hand genommen und vier professionelle Demonstranten angestellt, die die Meinung der Jugendlichen vor den Reichstag tragen", erklärt Sassenbach. Er betont jedoch, dass hinter seiner Idee kein politisches Interesse stecke.

Eigentlich liegt um den Reichstag eine so genannte Bannmeile. Das heißt, dass Protestveranstaltungen nicht näher als einige hundert Meter an das Gebäude herankommen dürfen. "Demonstrationen bestehen jedoch aus mindestens drei Personen", erläutert Sassenbach. Auch wenn sein "Berufsdemonstrant" die Meinung vieler widerspiegele, dürfe er, solange er allein ist, sein Schild hoch halten.

In der Augustsonne steht André Gäbler nun neben der mehrere hundert Meter langen Menschenschlange, die sich die Kuppel des Reichstages ansehen wollen. Während der Wartezeit ist der Blick auf den jungen Mann mit dem orangen T-Shirt und dem großen Schild willkommene Abwechslung. Heute hält er die Forderung: "Die Renten müssen auch noch für die Jungen sicher sein" hoch. "Recht hat er", ist sich die Reisegruppe älterer Damen aus dem Saarland einig. Auch die 17-jährige Nadine aus Köln findet die Idee "prima". So gebe es eine Möglichkeit, seine Meinung direkt zu den Politikern zu tragen, findet sie. Immer wieder bleiben Passanten stehen und diskutieren mit dem Schildträger über Rentenversicherung und "Harz IV".

Mit dem Spruch auf seinem Schild kann sich Andre Gäbler gut identifizieren. "Ich habe eine Ausbildung zum Erzieher gemacht, habe ein Jahr gearbeitet und würde gerne studieren, finde aber keinen Studienplatz", erzählt Gäbler. Seit November war er arbeitslos. Bis er wieder einen Job fand: als Berufsdemonstrant.


Talkforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--