Ausnahmezustand in Japan

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Ausnahmezustand in Japan Happy End

Ausnahmezustand in Japan

 
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Eine Nation im Rausch: Japan schwelgt unter Kirschblüten

Tokio (dpa) - In Japan herrscht Ausnahmezustand. Millionen Japaner stürmen dieser Tage die Parks, Grünanlagen und Gärten des Inselreiches. Sie alle haben nur eines im Sinn: sich einen Platz unter den Kirschbäumen zu sichern.

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Besucher im Ueno Park in Tokio versammeln sich unter den Kirschbäumen.

Wie im Rausch wirkt das Land, wenn sich die Sakura, die Kirschblüte, Jahr für Jahr wie eine blassrosa Flut über das Archipel ergießt. Sobald die ersten Blüten sprießen, gibt es in Nippon kein Halten mehr. Im Fernsehen, im Radio, den Zeitungen und im Internet wird ausführlich über die seit über einem Jahrtausend die Japaner betörende Blütenpracht berichtet.

Gebannt verfolgt die fernöstliche Nation den Verlauf der "Sakura-Front" vom südlichen Kyushu bis in den Norden. Höchst akkurat ermittelt das Wetteramt die voraussichtlichen und tatsächlichen Termine, an denen sich die Knospen in den verschiedenen Gegenden des Inselreiches zur Blütenpracht entfalten. Auf speziellen Seiten im Internet finden sich Kirschblüten-Fotos, die Sakura-Liebhaber im ganzen Land mit ihren in Handys eingebauten Kameras schießen.

Beim "Sakura-Projekt" zum Beispiel kann man sich als so genannter Monitor auf einer Internet-Seite per Handy als eine Art Kirschbaumbeobachter registrieren. Jedes Mitglied hat dann die Aufgabe, die Entfaltung der Blüte eines bestimmten Kirschbaums in seiner Region per Handy-Kamera fortlaufend zu dokumentieren und zu kommentieren. Zeitschriften informieren derweil in Extraausgaben über die schönsten Plätze für das Hanami, die Blütenschau, meist feuchtfröhliche Feiern unter den blühenden Kirschbäumen.

In Parkanlagen und selbst auf schmalen Sandstreifen neben der Straße - kaum ein Fleckchen mit Kirschbäumen, wo nicht fröhliche Grüppchen und ganze Firmenbelegschaften auf Matten hocken und bis spät in den Abend hinein ausgelassen trinken, singen und tratschen. Dabei kommt es mancherorts zu einem regelrechten Konkurrenzkampf um die begehrten Plätze: Manche Firmen, die für den Abend mit ihrer Belegschaft ein Hanami planen, schicken ihre Neulinge schon tagsüber mit Plastikplanen zu den Kirschbäumen, damit sie die Plätze sichern.

Besonders an Wochenenden finden sich Millionen Familien, Freunde, Studentengruppen und Kollegen unter den zarten Blüten ein. Sake- Flaschen kreisen, auf dem Holzkohlegrill brutzeln Hühnchenspieße und Tintenfisch-Tentakeln, Karaoke-Wettbewerbe steigen. Doch nicht immer endet das kollektive Besäufnis fröhlich. Junge Firmenneulinge sehen sich so manches Mal zum gefährlichen ikki genötigt, dem Austrinken in einem Zug. Ein derbes Ritual, das für manchen im Krankenhaus endet. 2004 mussten in der Hanami-Saison laut der Zeitung "Asahi Shimbun" innerhalb von nur 18 Tagen allein in der Hauptstadt Tokio 152 Menschen wegen akuter Alkoholvergiftung ins Krankenhaus.

Die Kirschblüte dauert nur etwa zwei Wochen, doch für die Japaner liegt gerade in der Vergänglichkeit ihrer Schönheit der besondere Reiz der Kirschblüte. Im Mittelalter galt sie den Samurai, die jederzeit zum Sterben bereit sein mussten, als Symbol ihres Ritterstandes. Und Kamikaze-Piloten schmückten sich mit Sakura, bevor sie sich in den Tod stürzten. Ein kurzer Frühlingsschauer reicht schon aus, und die Milliarden von Kirschblüten rieseln binnen Sekunden zu Boden.

Weniger schön dagegen ist, was am Ende der Hanami-Feiern oft auf dem Boden liegen bleibt: Berge von Müll. Im vergangenen Jahr musste die Müllabfuhr allein in Tokios Ueno-Park, wo sich während der kurzen Sakura-Saison rund 1,7 Millionen zum Hanami einfanden, 158 Tonnen Abfall unter den Kirschbäumen wegräumen.


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