Amerikas Zukunft, das ich und das Andere

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Amerikas Zukunft, das ich und das Andere Schwedenkugel
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Amerikas Zukunft, das ich und das Andere

 
28.05.04 17:20
#1
Kein Americano Dream

05. Mai 07:57
Samuel P. Huntingtons Slogan vom «Kampf der Kulturen» wirkt noch heute nach. Nun entdeckt der Politologe in Gestalt der hispanischen Bevölkerung die Gefahr aber im eigenen Land.


Von Ralf Hanselle
Samuel P. Huntington meldet sich zurück. Der Politologe, der 1996 mit seiner umfangreichen Streitschrift «The Clash of Civilizations» einen internationalen Bestseller und damit das seither immer wieder gern benutzte Stichwort vom Kampf der Kulturen lancierte, wird in diesen Tagen in den USA sein neues Buch vorstellen. Weil er damals für viele konservative Intellektuelle die Blaupause für die Interpretation der neuen globalen Konflikte geliefert hatte, sind die Erwartungen hoch. Und eines scheint bereits jetzt sicher: «Who Are We. The Challenges to America's National Identity», so der Titel des neuen Werkes, wird zumindest in den USA abermals die Gemüter erhitzen.

Denn in guter Tradition läßt Huntington auch diesmal wieder die Kulturen aufeinanderprallen. Hatte er in «The Clash of Civilizations» die Gräben zwischen Orient und Okzident zu vertiefen versucht, so entdeckt er in «Who Are We» den Kampf der Kulturen nun an der amerikanischen Heimatfront – dies zu einer Zeit, in der die US-Gesellschaft unter George W. Bush so gespalten ist, wie seit der Ära McCarthy nicht mehr. Den Wissenschaftler treibt eine große Sorge um: Amerika, so wie wir es seit über 300 Jahren kennen, könnte bald für immer der Geschichte angehören. Schuld daran ist nicht etwa der Verlust rechtsstaatlicher Tugenden, auch nicht der neokonservative Traum vom «Imperium Americanum». Schuld am Niedergang der USA sind die spanischsprachigen Einwanderer, die von Mexiko oder Kuba aus versuchen, us-amerikanischen Boden unter die Füße zu bekommen.


In Englisch muss geträumt werden

In einem Vorabdruck in der von Huntington mitbegründeten Zeitschrift Foreign Policy umreißt er das Problem so: «Den amerikanischen Traum kann es nur geben, wenn er von einer anglo-protestantischen Gesellschaft geträumt wird. Mexikanische Einwanderer können daran teilhaben. Dies aber nur, wenn sie in Englisch träumen.» In Amerika, über Jahrhunderte hinweg der Schmelztiegel der Kulturen, beginnt also ein Streit über die Leitkultur. Äußere Anlässe hierfür gibt es genügend. So lag die Zahl der neugeborenen Hispanics in Kalifornien im Jahr 2000 erstmals bei über fünfzig Prozent. In einer Stadt wie Los Angeles wird im Jahr 2010 jeder zweite Einwohner der einstigen spanischsprachigen Minderheit angehören.

Selbst an der Ostküste sind für die WASPs, die weißen, angelsächsischen Protestanten längst schlechte Zeiten angebrochen. In Miami etwa, seit der Revolution Castros der Fluchtpunkt zahlreicher Exil-Kubaner, lag der Anteil der Hispanics an der Gesamtbevölkerung im Jahr 2000 erstmals bei über 33 Prozent. Für Huntington ist klar: Im anwachsenden «MexAmerica» scheint die Gesellschaft der WASPs in die Defensive gedrängt zu werden. Dabei waren es doch gerade sie, die als zumeist englischstämmige Siedler im 17. und 18. Jahrhundert das Antlitz Amerikas prägten und die Gesellschaft nach religiösen, ethnischen und kulturellen Kategorien prägten. Und auch wenn sich mit dem Zustrom von irischen oder deutschen Einwanderern dieses Selbstbild über die Jahrhunderte erweitert hat, so fußt die amerikanische Unabhängigkeitserklärung nach wie vor auf den Gedanken der Pilgrimväter, auf der Suche nach jenen Freiheiten, die 1620 mit der Mayflower in der Neuen Welt landeten.


Zukunft statt Geschichte, Angelsachsen statt Mexikaner

Einen «Americano Dream», da ist sich der streitbare Politologe sicher, kann und wird es niemals geben. Nicht nur, weil eine große Zahl der mexikanischen Einwanderer nicht Willens sei, die englische Sprache zu erlernen oder sich in die US-Gesellschaft zu integrieren. Vielmehr fehle ihnen der Draht zu den Wurzeln: Denn Amerika, so Huntington, erschließt sich «in der englischen Sprache; im Christentum, den religiösen Gemeinschaften, den englischen Vorstellungen von Recht und Gesetz, dem Arbeitsethos und dem Glauben, dass menschliche Wesen die Pflicht und die Möglichkeit haben, den Himmel auf Erden zu erschaffen.»

In der einstigen Einwanderergesellschaft wird also nur noch jener Tellerwäscher Millionär, der die kulturhistorischen Voraussetzungen mitbringt. Diese Haltung aber hat die amerikanische Geschichte bereits des öfteren auf Abwege geführt: Die Vorstellung, dass allein der Weiße Mann das mythische «Haus auf dem Hügel» errichten könne, brachte einst statt Freiheit für viele nur Reservate, statt Bürgerrechten für viele nur Rassentrennung, statt Free Jazz nur Dixi. Doch glaubt man Huntington, dann ist die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ohnehin nicht des Amerikaners Sache. Der nämlich kam in «Gottes eigenes Land» ja gerade, um der rückwärtsgewandten Tradition Europas den Rücken zu kehren: «Von der Geschichte», so schreibt Huntington an einer Stelle seines Essays, «werden Mexikaner heimgesucht, Amerikaner jedoch von der Zukunft».


Etwas Wärme für die Verunsicherten

Da ist sie wieder; die übersichtliche Dialektik a lá Huntington, die man aus «The Clash of Civilizations» auf der ganzen Welt so lieb gewonnen hat. Die Wirklichkeit, die in zwei Teile zerfällt: Das Ich und das Andere. Und dies nicht, um im Sinne Hegels Bewegung in die Geschichte zu bekommen, sondern einzig, um in der postmodernen Weltenfremde wieder etwas heimische Wärme zu verspüren. Huntington, der nach der Zeitenwende von 1989 immer wieder nach der neuen Identität des Westens gefahndet hat, hat das eigene kulturelle Selbstwertgefühl schon immer aus der Abgrenzung zum scheinbar Anderen gezogen. War es in seinen früheren Werken eine schemenhaft gezeichnete arabische Welt, so hat der Kulturverweser diesmal am eigenen Tische Platz genommen.

Wo andere sich Gedanken über Patchworkidentitäten, transnationale Gesellschaften oder multiethnisches Zusammenleben machen, zieht der akademische Bestsellerautor lieber einen übersichtlichen Strich mit dem Lineal: Amerika ist so am Ende all das, was die Hispanics nicht sind. Doch als wäre das der Xenophobie nicht genug, drückt er aus seinen Gedanken auch noch den allerletzten Saft: Zurück zum besseren Amerikas hieße demnach zurück zur weißen Ursprünglichkeit. Was zuvor nur am rechten Rand die Runde machte, wird bei Huntington in den akademischen Diskurs gebracht: «Das Mischen von Rassen und somit Kulturen führt auf den Weg nationaler Degeneration».

Auf die Debatten, die «Who Are We» in den kommenden Wochen in den Vereinigten Staaten auslösen wird, darf man schon jetzt gespannt sein. Die Frage nach der eigenen Identität war in den USA nie so akut wie nach dem 11. September und im Zuge der ideologischen Feldzüge von Bushs neokonservativen Revolutionären. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass einem in unübersichtlichen Zeiten das simple Denkmodell von der Stange näher liegt als feingewobenes Begriffsdesign. Der amerikanische Traum von Freiheit und Gleichheit, er wird durch Huntingtons Thesen nicht gleich sein Ground Zero erleben. Dennoch gilt auch hier: Nichts ist gefährlicher, als in der offenen Gesellschaft ein wenig zu zündeln.

Samuel P. Huntington: «Who Are We: The Challenges to America's National Identity», Simon & Schuster. 448 Seiten, ca. 18,36 Dollar.

www.netzeitung.de/voiceofgermany/284967.html
Amerikas Zukunft, das ich und das Andere DarkKnight

Die Thesen von diesem Typen waren damals schon

 
#2
voll daneben.

Aber bemerke mit großer Genugtuung: er hat dazugelernt. Vielleicht hat er sämtliche Folgen von "Kojak", "Detektiv Rockford" und "Serpico" aus den Siebzigern reingezogen. Dort ging es nämlich GENAU DARUM. Verpackt als Polizeistory, okay.

Bißchen spät dran, der "Politologe" ... man könnte ihn auch als "Party-Löwen mit wachen Momenten" bezeichnen, und die hatte er offenbar 1978 und 2003.

Immerhin, muß reichen für einen Pest-Seller.


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