33 Tage: Chronik unseres Unbehagens

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33 Tage: Chronik unseres Unbehagens

 
01.01.03 18:31
#1

Woran wir noch einmal erinnern müssen, damit Sie es endlich vergessen können


Es gibt Jahre, in denen wäre man am liebsten gar nicht erst aufgestanden. Diese Jahre setzen sich aus Tagen zusammen, so schauderhaft, überflüssig oder grotesk, dass man die Zeitung, in der man davon lesen muss, nur noch zum Biomülltonnenauskleiden hernehmen möchte. 33 düstere Highlights haben wir hier noch einmal zusammengetragen, 33 Momente des Unglücks, die man nach dem Lesen dieser Zeilen getrost vergessen darf.

Denn nur wer unverwandt ins Dunkel schaut, kann irgendwann das Licht erkennen. Die Psychoanalyse kennt diese Bearbeitungsstrategie als Technik der doppelten Verneinung: Das Verdrängte, Abgespaltene muss noch einmal durchgearbeitet werden, um es endlich durchstreichen zu können, ihm auf immer den schmerzlichen Stachel zu nehmen. Dreh Dich noch einmal um, bevor wir auseinander gehn und unbeschwert in ein neues, sinnglitzerndes Jahr schlendern können, ein Jahr, in dem Vernunft und pralle Lebensfreude walten mögen, ganz ohne Borer, Bohlen und Teurosen.


Trinkgeld

Frankfurt/Main, 1. Januar. Der Tag, an dem der Euro eingeführt wurde. Ein Tag der Persönlichkeitsspaltung: Seitdem wohnen wieder zwei Seelen in jeder deutschen Brust, die eine kann mit zwei multiplizieren, die andere ist der Magie der kleinen Zahl verfallen; im Zweifelsfall siegt die letztere. Leidtragende des Hingangs unserer Deutschen Mark sind die Bettler, Taxifahrer, Friseure und Trinkgeldempfänger jeder Art, weil niemand mehr ein Trinkgeld abschätzen kann und deshalb nach Attacken sinnloser Großzügigkeit mit sich anschließender Partnerschaftskrise die Trinkgeldzahlung ganz eingestellt hat. Nur die Wirte haben profitiert, weshalb nicht weniger, aber lustloser getrunken wird.

Frühstück

Wolfratshausen, 11. Januar. Der Tag, an dem bei einem gemeinsamen Frühstück im oberbayrischen Wolfratshausen die K-Frage gelöst wurde. Angela Merkel („ich werde meinen Beitrag leisten“) verzichtete zugunsten Edmund Stoibers („ich will meinem Vaterlande dienen“). Dazu Erwin Huber: „Ich sehe keine Verlierer.“

Böse I

Washington, D.C., 29. Januar. Der Tag, an dem US-Präsident George W. Bush die „Achse des Bösen“ entdeckte. In seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress nannte er als Achsenmächte Irak, Iran und Nordkorea. Internationale Beobachter reagierten verwirrt und warteten auf Verifizierung durch eigene Geheimdienste und den Vatikan. Nach US-Definition soll der politische Begriff „böse“ einem Staat ab sofort vorangestellt werden, wenn folgende Bedingungen zutreffen: die Etablierung eines autoritären bis diktatorischen, jedenfalls grausamen Systems, mehrere anmaßende bis feindliche Gesten in Richtung USA sowie ein übermäßiges Verlangen nach nuklearen Anlagen oder Massenvernichtungswaffen. Diplomatischen Quellen zufolge wollen die drei koaxialen Staaten in den kommenden Monaten versuchen, den von amerikanischer Seite in sie gesetzten Erwartungen voll und ganz zu entsprechen. Unklar sei nur noch, wie Bush das mit der „Achse“ eigentlich genau gemeint habe.

Slip

Braunschweig, 26. Januar. Der Tag, an dem sich Thomas Gottschalk, der Tycoon des Herrenwitzes, Sarah Connor als Stargast zu „Wetten, dass...?“ eingeladen hat. Die Soul-Simulantin, Delmenhorsts Beitrag zur Pop-Geschichte, verstörte das Publikum mit einem Kleid, das den Blick auf ihre fleischfarbene Unterwäsche lenkte. Im Anschluss daran wurde eine Woche lang auf der Titelseite der Bild-Zeitung die spitzenfindige Frage diskutiert, ob das Nichts ein Etwas war.

Uschi

Kitzbühel, 18. Februar. Der Tag, an dem Klausjürgen Wussow (72) Uschi Glas (57) beleidigte. Während die durch die Affäre ihres Mannes Bernd Tewaag (57) mit der blonden Brezelverkäuferin Anke S. (30) gekränkte Uschi Glas noch die Strahlen der Wintersonne von Kitz genießt, bezeichnet Klausjürgen Wussow sie in der Bild-Zeitung als „zu dünn und zu zickig“ und bescheinigt ihr mangelnde Knusprigkeit.

Verkehr

Karlsruhe, 19. März. Der Tag, an dem der Bundesgerichtshof den endgültigen infrastrukturellen Zusammenbruch der Innenstädte beschloss, indem er Inlineskates mit „anderen außergewöhnlichen Verkehrsmitteln“ gleichsetzte.

Bilateral

Berlin, 21. März. Der Tag, an dem es im Schatten des Kanzleramts angeblich zu einer ernsthaften internationalen Verstrickung kam. Die Galanteriewarenhändlerin Djamile R. (34) behauptete, der Schweizer Botschafter Thomas Borer habe sie in seinen Amtsräumen zu einem Meinungs austausch unter vier Augen empfangen. Im Verlauf des Gesprächs sei es zu einer Übereinstimmung in wichtigen bilateralen Fragen gekommen. Im Bulletin, das Frau R. über die Bunte verbreiten ließ, wurde die entspannte Atmosphäre gelobt, in der die Gespräche stattfanden („Er wollte nur meinen Körper“). Das Schweizer Außenministerium ließ Borer (44) abberufen, weil sich dieser bei seinen Verhandlungen „nicht optimal“ verhalten habe. Noch suboptimaler hatte sich allerdings Djamile R. verhalten: Sie hatte ihre Aussagen frisch von der Leber weg erfunden.

Nass I

Los Angeles, 24. März. Der Tag, an dem Halle Berry weinte. „This moment is bigger than me“, schluchzte Berry, als sie bei der Oscar- Verleihung als erste schwarze Schauspielerin einen Hauptdarsteller-Preis bekam. Die perfekte Inszenierung des Augenblicks, wahren Gefühlen zum Verwechseln ähnlich – besser kann man Hollywood nicht repräsentieren. Denzel Washington gewann als bester Hauptdarsteller, Sydney Poitier, bislang in dieser Kategorie einziger schwarzer Sieger, wurde für sein Lebenswerk geehrt. Sonst blieb alles beim alten in Hollywood, bloß ohne schlechtes Gewissen.

Böse II

Erfurt/Frankfurt/Berlin, 26. April. Der Tag, an dem der Teufel sein wahres Gesicht zeigte, und es sah aus wie „Counterstrike“. Der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, bei dem ein ehemaliger Schüler 16 Menschen und sich selbst tötete, konnte sofort erklärt werden. Nach der Tat kam die Information in Umlauf, der Täter habe gerne den Ego-Shooter „Counter- Strike“ gespielt. Mutige Hilfsermittler der FAZ sahen sich das Spiel an – dabei die Gefahr nicht scheuend, selbst zu Amokläufern zu werden. Zwei Tage später publizierten sie ihre Erkenntnisse: Die Wurzel des Übels schien gefunden, die Journalisten haben dem Teufel ins Gesicht gesehen. Die Klarheit ihrer Erkenntnis erschütterte das Land, ging aber in den Mühlen der Konsensgesellschaft schnell wieder verloren: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften weigerte sich, „Counter-Strike“ auf den Index zu setzen.

Stütze

Berlin, 13. Mai. Der Tag, an dem Bundeskanzler Gerhard Schröder Bildungsministerin Edelgard Bulmahn als „Stütze“ seiner Regierung bezeichnete. „Was ist mit diesem Kanzlerwort gemeint?“, fragten sich daraufhin die Deuter und Interpreten – bislang ohne einhelliges Ergebnis. Soll es bedeuten, dass Frau Bulmahn eine Krücke ist, die dem kranken Mann Europas Beine macht? Ist es eine höhnische Anspielung auf die Stütze, von der die Akademiker, die durch die Hochschulreform arbeitslos werden, nun leben müssen? Oder entstammt das Bild der Architektur? Ministerin heißt „Dienerin“, und gewisse zierende Stützen gotischer Kirchen heißen „Dienste“. Allerdings verbindet man mit ihnen das senkrecht in die Höhe Strebende und nicht den schiefen Turm von Pisa.

Nass II

Gerstheim, 16. Mai. Der Tag, an dem die Kunst baden ging. Im Rhein-Rhône-Kanal stocherten Soldaten nach dem eine Milliarde Euro schweren Diebesgut des Kunst-Kleptomanen Stéphane Breitwieser. Dessen 51- jährige Mutter Mireille hatte über sechzig Gemälde alter Meister, darunter Pieter Breughel und Antoine Watteau, zerschnitten und die Schnipsel über den gewöhnlichen Hausmüll entsorgt. Alle Kunstwerke, die Frau Breitwieser nicht mit der Schere zerstören konnte, warf sie in den Rhein-Rhône- Kanal in der Nähe von Straßburg. Die französische Polizei unternahm eine so umfangreiche wie ergebnislose Suchaktion.

Traumschiff

Brand, 7. Juni. Der Tag, an dem das brandenburgische Luftschiff-Unternehmen „Cargolifter“ Insolvenz anmeldete, war der Tag, an dem das Träumen bilanziert wurde. Von 2003 an sollten gewaltige deutsche Luftschiffe die Welt bereisen – sollten über den Meeren schweben, sollten über die Alpen gleiten. Nun aber muss man sich von der Vorstellung verabschieden, in Deutschland könnte etwas Zukunft haben, was nicht auf die Herstellung von Betonmischmaschinen oder Insolvenzverfahrensregeln hinausläuft.

Eckenschützen

Yokohama, 30. Juni 2002. Der Tag, an dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft dank Oliver Kahn das Finale der Weltmeisterschaft erreichte. Auch in der letzten Partie wurde der „weizenblonde Wüterich“ ( AP) zur spielentscheidenden Figur. Obwohl er sich in der 52. Minute einen Bänderriss am Ringfinger der rechten Hand zuzog, spielte der „Torwartgigant“ (dpa) weiter. Der brasilianische Stürmer Ronaldo erzielte die Tore zum 2:0-Endstand für die „Sambakicker“ (sid). „Rudis Helden“ (Frankfurter Fans) blieb als Trost ihr vierter Vizeweltmeister-Titel sowie eine Spielstatistik, in der die „Zauberer vom Zuckerhut“ (dpa) mit 3: 13 Ecken hinter „unseren Jungs“ (Bild) zurückblieben.

Erkerstützen

Berlin, 4. Juli. Der Tag, an dem die Deutschen sich für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses entschieden haben, weist über sich hinaus – in die Zukunft der Vergangenheit. Es war jener Tag, an dem die Zeitmaschine eingeschaltet wurde, seither läuft die Zeit rückwärts in Deutschland. Erst baute man das Schloss, dann wurden die Autos durch Kutschen ersetzt und die Nike-Kappen durch Dreispitz oder Rüschenhaube. Dann aber war das Schloss bald zu „modern“ – so wurde es zerstört. Stattdessen wurden Holzhäuser errichtet, die später Höhlen aus Stein weichen mussten. Darin aber hüteten die Frauen das Feuer – bis auch dieses erlosch.

Porno

Moskau, 11. Juli. Der Tag, an dem Russland den Schriftsteller Wladimir Sorokin anklagte. Weil Sorokin in seinem Buch „Himmelblauer Speck“ die Sowjetführer Stalin und Chruschtschow beim Geschlechtsverkehr dargestellt hatte („Gib’ mir den Po, mein süßer Junge.. .“), erhob der Staatsanwalt Anklage wegen Pornografie. Anzeige erstattet hatte die kremltreue Jugendorganisation „Zusammen Gehen“, die zuvor Sorokins Bücher in einem Riesenklo versenkt hatte. Inzwischen ist das Pissoir explodiert, und die Werke Sorokins („Ich bin immer noch der Wurm, der hinkriecht, wo lebendiges Fleisch sitzt“) brechen alle Rekorde. Sein jüngstes, „Eis“, wurde für den russischen Booker-Preis nominiert. Beobachter melden aus dem Land Mandelstams und Solschenizyns einen Literatur-Boom. Doch niemand liest eifriger als der Zensor.

Socken

Frankfurt, 15. Juli. Der Tag, an dem herauskam, dass Verteidigungsminister Rudolf Scharping sich vom Lobbyisten Hunzinger 54 885 Mark hatte spendieren lassen, um sich beim Herrenausstatter was zum Anziehen zu kaufen. Doch nicht die Socken für 35 Mark waren das Problem. Es waren Scharpings Versuche, Privatmensch im öffentlichen Dienst sein zu wollen. Die Tollereien im Pool, der legere Umgang mit Spesen und Geschenken. Und es dämmerte den Deutschen, dass sie den Mann, der über solche Glücksreserven verfügte, vier Jahre zuvor fast zum Kanzler gewählt hätten.

Normal

Magny-Cours, 21. Juli. Der Tag, an dem Michael Schumacher mit seinem achten Sieg im elften Lauf Formel-1-Geschichte schrieb. Der Liebling der Ferraristi wurde zum fünften Mal Weltmeister. Nach dem Rennen sagt Schumacher: „Ich bin ein ganz normaler Mensch.“ Die Gazzetta dello Sport behauptet hingegen: „Ein Menschenfresser.“ Oder ist Schumi eine Mensch-Maschine, Stephen Kings Christine? The horror, the horror.

Nass III

Dresden, 17. August. Der Tag, an dem die Elbe gegen 8 Uhr den Pegelhöchststand von 9,40 Metern erreicht hat. Bis 11 Uhr stagniert der Strom auf diesem Niveau. Die Semperoper ist seit Freitag verlassen, ohne Vorwarnung wurden die Pumpen von den Kulturstätten abgezogen. Das Taschenbergpalais und der Zwinger, seit vier Tagen von Wasser eingeschlossen, sind nun ebenfalls geflutet. Touristen waten durch kniehohes Wasser. In der Nacht haben Mitarbeiter der Galerie Alte Meister Gemälde und Rahmen in die oberen Stockwerke gebracht. Die Dresdner erfahren in diesen dramatischen Tagen viel Zuspruch: Zu Wochenbeginn lief Joschka Fischer durch den Großen Garten. Nach Kanzler Gerhard Schröder absolvierte auch der Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber, am Freitag einen Kurzbesuch in Dresden. Niemandem soll es nach der Flut schlechter gehen.

Böse III

Stuttgart, 20. August. Der Tag, an dem die Zukunft ihre schönsten Tage erlebt hatte und Porsche sein Fahrzeug für die anstehenden Verteilungskämpfe in den Vorstädten des Wohlstands vorstellte. Kein Sportwagen mehr, kein Symbol des windschlüpfrigen Voraneilens, sondern ein schwerfälliges Ungetüm namens „Cayenne“. In solchen Autos kehrt der Berittene wieder, die Person von Rang und Stand, die voller Verachtung auf die Masse der Fußgänger herunterblickt – unter ständiger Androhung von Gewalt.

Hitler I

Berlin, 29. August. Der Tag, an dem der Historiker Dr. Helmut Kohl den Kulturwissenschaftler Wolfgang Thierse den „schlimmsten Bundestagspräsidenten seit Hermann Göring“ nannte.

Murx

Zürich, 1. September. Am letzten Wochenende seiner Theaterferien erfuhr Christoph Marthaler, dass man ihm gekündigt hat. Drei Monate zuvor war ihm schon einmal gekündigt, die Kündigung aber aufgrund eines Volksentscheids gekündigt worden, die man nun plötzlich wieder kündigte, bis sich erneut so massiver Widerstand formierte, dass man wiederum zwei Monate später und also fünf Monate nach der ersten Kündigung die gekündigte Kündigung wieder kündigte. Was aber, wenn die Kündigung der Kündigung der Kündigung nicht wieder gekündigt wird? Theater für Unkündbare, also Zurückgebliebene.

Hitler II

Derendingen, 18. September. Der Tag, an dem die deutsche Volljuristin Herta Däubler-Gmelin den amerikanischen Politiker George W. Bush mit einem österreichischen Postkartenmaler verglich: Bushs Methoden kenne man hierzulande seit „Adolf Nazi“.

Hitler III

Berlin, 23. September. Der Tag, an dem der Historiker Dr. Christoph Stölzl den rot-grünen Sieg bei der Bundestagswahl mit dem „Unglück der Erdrutschwahlen von 1931/32“ verglich.

Geil

Frankfurt, 11. Oktober. Der Tag, an dem Dieter Bohlen die Frankfurter Buchmesse besuchte. „Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre?“ fragte der Dichter Wolf Wondratschek 1986, als längst klar war, wem dieser Titel in Wahrheit zustand. Bohlen reagierte auf die Intellektualisierung der Popmusik in den siebziger Jahren mit einer groß angelegten Idiotisierung, ein Projekt, das bis heute andauert. Blitzhochzeit mit Verona, Blitzscheidung, Dieter wieder bei Naddel, Dieter nackt im Garten, Estefania hinterher. Nach dem triumphalen Modern Talking-Comeback 1998 fehlte eigentlich nur noch das Buch zum Leben, und Deutschlands erste Ich-AG ließ sich nicht lange bitten. Pünktlich zur Buchmesse erschien der Memoirenband „Nichts als die Wahrheit“, das meistgeklaute Messe-Buch, ein Nummer-Eins-Hit. Die Literaturkritik streckte die Waffen, lobte den schnörkellosen Stil und die erfrischend unkonventionellen Sprachschöpfungen: „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken. Alle Hühner an die Tränke. Tuck, tuck, tuck! Schluck, schluck, schluck!” Bohlen fühlt sich zu einer Fortsetzung ermutigt. „Bin ja nicht doof“, sagt er. „Natürlich setze ich mich jetzt hin und schreibe ,Bohlen 2’. Ich hab noch unheimlich geile Sätze auf Lager.“

Geiz

Ingolstadt, 21. Oktober. Der Tag, an dem das Sparen geil wurde. Pygmalion wohnte in einem silbrigen Raumgleiter auf dem Planeten mit den Ringen, schuf aus einem blauen Blitz eine ätherische Galatea und hauchte ihr die Worte „Geiz ist geil!“ ein. Der Urschrei, der folgte, ist noch Monate danach nicht verhallt. Schwaben gründeten spontan Fanclubs, knauserige DVD- Geräte-Käufer feilschten plötzlich um Cents, und die Rezession hatte ihren hammerhärtesten Slogan. Kampagne: Jung von Matt/Fleet. Regie: Kai Sehr.

Kultur

Linz, 30.Oktober. Der Tag, an dem Lydia Hartl es vorzog, in München als umstrittene Kulturreferentin im Amt zu bleiben und weiterhin verantwortungsbewusst an ihrem für die Stadt lebenswichtigen Medienkonzept zu arbeiten, anstatt an der Linzer Kunstuniversität mit ihrer Bewerbung um eine Medientheorieprofessur in direkter Konkurrenz mit 60 Mitbewerbern zu scheitern.

Böse IV

Rom, 5. November. Der Tag, an dem die Legge Cirami in Kraft trat. Dieses Gesetz stellt eine Bestimmung der faschistischen Strafprozessordnung von 1930 wieder her: Aus Gründen der „lokalen Situation“ (vulgo: Unruhen) und bei „legitimem Verdacht“ (wegen Befangenheit des Richters) können Strafprozesse durch einfachen Antrag des Angeklagten an ein anderes Gericht verlegt werden – mit prozessaufschiebender Wirkung. Vor allem Verfahren mit vielen Angeklagten – gegen organisiertes Verbrechen – lassen sich dann so oft verlegen, bis alle Verjährungsfristen erreicht sind. Italien wird seit zwei Jahren umgebaut: Das Land des Römischen Rechts schafft die Gewaltenteilung ab. Das Land, das die Kontoführung erfunden hat, kennt keine Bilanzfälschung mehr. Das Land der tausend Meinungen hat nur noch einen Medienunternehmer. Eine neue Staatsform entsteht – wir wünschen ihr keine Zukunft.

Formalin

Magdeburg, 8. November. Der Tag, an dem die RAF zum zweiten Mal kopflos wurde. Ulrike Meinhofs Gehirn befand sich nicht, wie angenommen, mit dem Leichnam im Berliner Grab. Das Gehirn war kurz nach ihrem Selbstmord 1976 entnommen und in Formalin konserviert worden. Es ruhte, wie sich nun herausstellte, in der Magdeburger Universitätsklinik. Dort verglich es der Psychiatrieprofessor Bernhard Borgerts mit dem des Massenmörders Ernst August Wagner. Erst im Dezember wurde es bestattet.

Öl

La Coruña, 13. November. Der Tag, an dem der Tanker „Prestige“ sein Öl, das Land Spanien aber sein Prestige zu verlieren begannen... Politiker in Madrid glaubten die Verschmutzung der Strände dadurch aufhalten zu können, dass sie gemeinsam den Kopf in den galizischen Sand steckten. Doch die Ölpest ließ sich durch derart heroische Aktionen nicht bremsen. So wurde in den fjordartigen Buchten und an den Felsküsten Galiziens eines der größten naturnahen Biotope für Meeresfrüchte – die Heimat der einzigartigen Felsenmuscheln – vernichtet.

Gracchialgewalt

Frankfurt/Berlin, 19. November. Der Tag, an dem in Deutschland wieder einmal eine November-Revolution ausgerufen wurde. Diesmal ohne Arbeiterräte, unabhängige oder verbotene Sozialdemokraten und runde Tische. Aber mit der Vision Leipziger Montagsdemonstrationen. Die Parole zum Aufstand gab zur Abwechslung ein Repräsentant der Honoratiorenklasse, der Berliner Politikwissenschaftler Arnulf Baring, in der FAZ. Er untermauerte mit einer Rhetorik, die einen luftigen Bogen von den 1848-Revolutionen ( Bürger, auf die Barrikaden!) zu den Tagen spannte, die die DDR erschütterten (Wir sind das Volk!), seinen Anspruch auf Übernahme der lange Zeit vakanten Planstelle des obersten deutschen Volkstribunen. Freilich eines Volkstribunen neuen Typs. Mit einer Demokratievision neuen Typs. Das Grundgesetz des Jahres 1949 „mit seiner vorsichtig ausgeklügelten Machtverteilung“ kann diesen Ansprüchen nicht genügen. Der Volkstribun des Jahres 2002 – Gaius Gracchus Baring – entdeckte den Charme der präsidialen Notverordnungen und des Artikels48 der Verfassung der Weimarer Republik als Modell beschleunigter Krisenlösung. Die parlamentarische Demokratie galt auch der Novemberrevolution 2002 als eine Staatsform, die zur Bewältigung deutscher Krisen nicht taugt.

Eizeit

Berlin, 25. November. Der Tag, an dem das Überraschungsei zum Kombiprodukt erklärt wurde. Künftig soll für das Ei („was zum Spielen, Schokolade und was Spannendes“) der Mehrwertsteuer-Satz von 16 Prozent gelten. Der Begriff „Verantwortungssteuer“ wurde in anderem Zusammenhang geprägt, aber auch diese steuerpolitisch mutige Entscheidung zeigt, dass der Regierung keine Gerechtigkeitslücke entgeht.

Untergeher

München, 1. Dezember. Der Tag, an dem der Rock’n’Roll lebend gesehen wurde. Die Bar-Kapelle spielte „Easy“ von den Commodores, kurz darauf flogen Gläser, dann Tische – und dann versank das lauschige „Traders Vic’s“ im Bayerischen Hof im Chaos. Protagonist der Schlägerei war Liam Gallagher, der Sänger der britischen Band Oasis. Der war am nächsten Tag zwei Schneidezähne los und seine Band eine Million Pfund für Kaution, die Verwüstungen im Hotel und die auf Grund des Vorfalls abgesagten Konzerte. This is my tooth, show me yours! Noch einmal bebte die Welt unter dem Donner der Zerstörung, der den Rock’n’Roll einst begleitete. Die von Keith Moon gesetzten Standards (aus dem Hotelfenster fliegende Fernseher, im Swimmingpool versenkte Luxuslimousinen) schienen Mythen aus einem Land vor unserer Zeit. Mithin weht ein Hauch des Tragischen um Liam Gallaghers Prügelei in München – dem letzten Fandango eines untergehenden Kults.

Hitler IV

Frankfurt, 12. Dezember. Der Tag, an dem der Jurist Roland Koch Sterne sah und Millionäre mit Holocaust-Opfern verglich.


33 Tage: Chronik unseres Unbehagens 894187
33 Tage: Chronik unseres Unbehagens Egozentriker
Egozentriker:

Danke für die Erheiterung

 
01.01.03 19:02
#2
Klasse Rückblick :-)
Werden die Ereignisse tatsächlich von Jahr zu Jahr grotesker oder kommt mir das im Zuge des Alterns nur so vor ?
33 Tage: Chronik unseres Unbehagens Happy End

*g*

 
#3


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