Das Eva-braun-Prinzip

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AbsoluterNeuling: Das Eva-braun-Prinzip
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29.11.06 13:52
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Die Mitte der Gesellschaft in Deutschland denkt wieder rechts. Die alten, ideologischen Ansichten werden nicht nur propagiert, sondern auch mehrheitlich akzeptiert. Das glauben Sie nicht?
Dann lesen Sie doch noch einmal genau nach - zum Beispiel bei Eva Herman

VON THEA DORN

Unlängst führte ich in meinem Freundeskreis ein kleines Experiment durch. Ich fragte: "Woher stammt folgendes Zitat?": "Viele Frauen wollen Kinder und eine harmonische Familie. Selbst Frauen, die im Beruf aufgehen, verspüren den Wunsch nach Kindern. Von ihrem Opfer und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft und auch die Einschnitte danach auf sich zu nehmen, hängt das Überleben des deutschen Volkes ab." 50 Prozent meiner Freunde tippten auf das "Eva-Prinzip" von Eva Herman und ihrer Co-Autorin Christine Eichel. Knapp 50 Prozent tippten auf Frank Schirrmachers Frühjahrsbestseller "Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft". Und die wenigen unter meinen Freunden, die Die Zeit wirklich gründlich lesen, tippten auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript von Ulrich Greiner, der im April in besagter Wochenzeitung die Opferbereitschaft der Frau als Mutter besungen hatte. Alles falsch. Die zitierten Sätze finden sich auf der Homepage der NPD. Und zwar auf der Berliner "Heimseite" unter dem Titel "Frauen, die sich trauen ".

Was will uns dieses Experiment zeigen? Dass ich einen zu Sarkasmus neigenden Freundeskreis habe? Oder dass wir in den letzten Monaten von wohletablierten Diskursteilnehmern mit grenzbraunen Ansichten in Sachen "Mutterschaft" und "natürliche Rolle der Frau" dermaßen zugeschüttet wurden, dass uns der Sound bekennender Rechtsradikaler in diesem Bereich gar nicht mehr "radikal" erscheint? Hätte ich dasselbe Experiment vor einem Jahr gemacht, vor "Minimum" und "Eva-Prinzip", hätte nicht jeder einigermaßen wache Zeitgenosse sofort gesagt: "Was willste denn mit dem Neonazi-Zeug?"

Die unlängst erschienene Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung "Vom Rand zur Mitte" weist nach, dass in Deutschland 2006 rechtsextremes Gedankengut beileibe kein Privileg derjenigen ist, die marodierend durch die ostdeutsche Provinz ziehen bzw. am Wahltag ihr Kreuz bei NPD, DVU oder anderen rechtsextremen Splitterparteien machen. Sondern - wie der Titel der Studie nahe legt - in der "Mitte" der Gesellschaft fest verankert ist. Die Studie untersucht, wie verbreitet sozialdarwinistische, antidemokratische, totalitäre, ausländerfeindliche und antisemitische Einstellungen heute sind. Das Ergebnis: ein Schock. So stimmen etwa 26 Prozent unserer Landsleute der Forderung zu, was Deutschland jetzt brauche, sei "eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert". Rund 18 Prozent glauben, dass "der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß ist". Neben diesen offensichtlichen Kernkompetenzen der Rechtsextremen fragten die Forscher aber auch sexistische Einstellungen ab. Zum Beispiel: "Die Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen" oder "Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen". Das Ergebnis: Je rechtsextremer das sonstige Weltbild des - und ebenso der - Befragten, desto höher die Zustimmung zu sexistischen "Thesen".

Bei jeder antisemitischen oder ausländerfeindlichen Verbalattacke rufen alle: "Wehret den Anfängen!" Wieso ruft dies niemand bei den publizistisch-sexistischen Amokläufen dieser Tage? Weil wir Sexismus - im Gegensatz zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus - für Folklore halten? Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt einmal mehr: Sexismus ist keine Einstellung, die mit Rechtsextremismus zufällig einhergeht wie meinetwegen Vegetarismus. Sexismus ist ein ebenso treuer Begleiter des Totalitären wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Ist das Hirn erst einmal mit biologistischen Geschlechterstereotypen zutapeziert, sinkt die Scheu, den Rassegedanken einziehen zu lassen.

"Emanzipation der Frau von der Frauenemanzipation ist die erste Forderung einer weiblichen Generation, die Volk und Rasse, das Ewig-Unbewusste, die Grundlage aller Kultur vor dem Untergang retten möchte." Was glauben Sie? Von wem stammt dieses Zitat? Nein. Auch nicht. Nein. Es findet sich im "Mythus des 20. Jahrhunderts", dem zentralen Werk von Alfred Rosenberg. Er war der Chefideologe der Nazis. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er zum Tode verurteilt. "Na toll", werden Sie sagen, "genauso klingt es ja auch." Aber wie klingt der folgende Satz: "Ist es Zeit, die wahre Bestimmung der Weiblichkeit zu erkennen und in unserer Gesellschaft zu installieren, um uns zu retten"? Klingt er nicht verdammt ähnlich? Er findet sich im "Eva-Prinzip".

"Jetzt mal halblang", werden Sie einwerfen. "Eva ist vielleicht ein bisschen dämlich. Aber doch nicht braun." Das ist sie natürlich nicht. Sie schreibt bloß Sätze wie: "Wenn wir das Feld solchen Aufwieglerinnen [gemeint sind Feministinnen, Anm. der Autorin] überlassen, finden wir niemals einen Weg zurück zum selbstverständlichen Muttersein [] Mit der unreflektierten und gehorsamen Gefolgschaft dieser feministischen Äußerungen erlauben wir vereinzelten, mit schwarzen Kutten getarnten Scharfmacherinnen, auf unsere persönlichen Geschicke Einfluss zu nehmen und uns in unser Verderben zu führen [] Hetzen nicht gerade wir Frauen unter großem Druck diffusen Vorstellungen hinterher?" Die gehetzte Frau trieb allerdings auch schon Rosenberg um: "Die ,amazonenhafte' Emanzipierte ist daran schuld, dass die Frau die Hochachtung vor ihrem eigenen Wesen zu verlieren begann und die Werte des Mannes zu den ihrigen machte. Dies bedeutete eine seelische Störung, ein Ummagnetisieren der weiblichen Natur, die denn auch heute irrlichternd dahinlebt." Die Beantwortung der Frage, welche der beiden Textstellen den "stürmerischeren" Sound anschlägt, überlasse ich Ihnen. Die gedankliche Nähe ist frappierend.

Keine Angst. Ich will Eva Herman und ihrer Co-Autorin keinen Plagiatsvorwurf anhängen. Ich will einfach ein paar Zitate gegenüberstellen. "Die Forderung der heutigen Frauenemanzipation wurde im Namen eines schrankenlosen Individualismus erhoben." Bei wem steht's? Richtig. Bei Rosenberg. Denn Eva ist schon einen Schritt weiter: "Das Hohe Lied des Individualismus hat längst seinen verführerischen Klang verloren [] Auch mein Lebensmotto lautete viele Jahre lang: ,Verwirkliche dich selbst!' Doch mittlerweile haben sich mir reichlich Gründe erschlossen, warum man sich von dieser gefährlichen Vorstellung befreien sollte." Was die wahre Bestimmung des Weibes ist, hat es sich erst mal von den "gefährlichen Vorstellungen" befreit, verrät uns Eva natürlich auch: "Wenn wir uns zum Frausein bekennen und unserer Weiblichkeit folgen, werden viele Entscheidungen wesentlich einfacher, weil sie vorgezeichnet sind. Die Gestaltung eines Heims, einer Partnerschaft, in der wir an der Seite eines Mannes segensreich wirken können, das Leben in einer Familie mit Kindern, die uns zwar einiges abverlangen, doch mindestens ebenso viel Lebenskraft, Glück und reiche Erfahrungen schenken - all das ist wichtiger als das quietschende Hamsterrad."

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Was meint Eva mit dem Hamsterrad? Schlagen Sie nach bei Rosenberg: "Hinzu kam nun aber als verstärkendes Moment die sich durch Welthandel und Überindustrialisierung zuspitzende soziale Lage.

Die Frauen waren gezwungen, ihren Männern in der Fabrik behilflich zu sein, um das Leben der Familie zu fristen." Sollte Ihnen diese Formulierung der Kapitalismuskritik zu männlich-terminologisch klingen, hier ist die weiblich-emphathische: "Es ist unumgänglich, eine Wahrheit auszusprechen, die so gar nicht zum heldenhaften Begriff der Selbstverwirklichung passt: Oftmals ist er nur ein Deckmantel für wirtschaftliche Zwangslagen, die Frauen ungewollt in belastende Arbeitsverhältnisse drängen." Wo die beiden recht haben, haben sie recht.

Keine rechte Einigkeit besteht jedoch in der Frage, wer denn nun schuld ist an der ganzen Geschlechterverwirrung. "Der Mann ist angesichts der heutigen Zustände durchaus nicht in Schutz zu nehmen. Im Gegenteil: Er ist in erster Linie schuld an den heutigen Lebenskrisen. Aber seine Schuld liegt ganz woanders, als wo die Emanzipierten sie suchen! Sein Verbrechen ist, nicht mehr ganz Mann gewesen zu sein, deshalb hat auch das Weib vielfach aufgehört, Frau zu sein." Schreibt Rosenberg. Eva teilt die Diagnose. Allerdings mag sie nicht erkennen, dass der verweichlichte Mann angefangen hätte: "Frauen dürfen schon lange keine Frauen mehr sein, wenn man den Thesen des Feminismus folgt, und nun dürfen auch die Männer keine Männer mehr sein! [] Dauernd wird also am Mann herumerzogen, ständig werden neue Rollen und neue Regeln erfunden, als sei er ein wildes Gewächs, das erst beschnitten [sic!] werden muss, um in den Garten zu passen."

In welchen Garten Eva passt, seit sie vom Schöpfer samt Adam und Apfel aus dem Paradies geschmissen wurde, weiß wiederum Rosenberg: "Verbrämt durch Pochen auf ,Persönlichkeitswert' und ,Selbstbestimmung' geben wahnwitzig gewordene Weiber den letzten Schutz ihres Geschlechtes preis, zerstören die einzige Form, die ihnen und ihren Kindern eine Lebenssicherheit bietet. [] Die Worte: ,Eine Frau, die Selbstachtung besitzt, kann eine gesetzliche Ehe nicht eingehen' (Anita Augspurg), darf man als Evangelium des erotischen Programms betrachten." ("Erotisch" können Sie hier mehr oder weniger mit "emanzipatorisch" gleichsetzen.)

Was dem Rosenberg sin Augspurg, is der Eva ihr Beauvoir: "Tief verinnerlicht haben die Enkelinnen Simone de Beauvoirs die Kriegserklärung an die traditionelle Frauenrolle, sind getragen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Männer [] Bringen wir es auf den Punkt: Diesen Frauen hat der Feminismus sehr viel genommen, gegeben aber hat er ihnen nur die Nachahmung der männlichen Rolle [] Einsamkeit. Das war es. Birgit wirkte einsam." Hätte sich Birgit rechtzeitig die richtigen Fragen gestellt, wäre es ihr vielleicht erspart geblieben, in der männlichen Sackgasse stecken zu bleiben: "Vom Standpunkt der Frau könnten Staat, Rechtskodex, Wissenschaft, Philosophie als etwas Äußeres angesehen werden. Wozu denn immer Formen, Schemen, Bewusstsein? Ist das dahinfließende Spontane, Unbewusste im Erleben des Tiefsten nicht größer und schöner? Braucht es denn immer der Werke, um Seele zu beweisen?"

Und als hätte sie in einem früheren Leben nicht mit Bettina Tietjen, sondern mit Alfred Rosenberg Duett gesungen, zwitschert Eva: "Ist es wirklich so erstrebenswert, [] sich im Arbeitsleben zu beweisen? Ist es das, was uns der Verstand diktiert? Es stellt sich heraus, dass wir noch weitaus mehr vergessen haben als unsere ursprünglichen Sehnsüchte. Auch die Intuition wird immer stärker verdrängt, jene wunderbare Gabe, mit der wir Menschen ausgestattet wurden, vor allem die Frauen. Wir alle kennen dieses Bauchgefühl."

Jawohl. Auch ich kenne dieses Bauchgefühl. Und es sagt mir in schönstem Einklang mit meinem Verstand, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn ein Bestseller im Jahre 2006 so klingt wie einer aus dem Jahre 1930. Der "Mythus des 20. Jahrhunderts" ist USA sei Dank heute tatsächlich "Mythus". Ihn brauchen wir nicht mehr zu bekämpfen. Seien wir einfach nur wachsam, wenn freundliche Zeitgenossen am "Mythus des 21. Jahrhunderts" stricken.

taz vom 29.11.2006, S. 13-14, 257 Z. (Kommentar), THEA DORN
drcox: starke partei
 
29.11.06 14:18
#2 downup
"26 Prozent unserer Landsleute der Forderung zu, was Deutschland jetzt brauche, sei "eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert"

Das gibts doch in vielen Ländern. In den Vereinigten Staaten regiert auch eine einzige Partei und nicht erst seit dem 2. Weltkrieg. Nach dieser Logik waren die Amerikaner immer schon Nazis. 26 % ist noch dazu nicht gerade viel.


----"Die Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen" oder "Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen". Das Ergebnis: Je rechtsextremer das sonstige Weltbild des - und ebenso der - Befragten, desto höher die Zustimmung zu sexistischen "Thesen".-----

Und wie wurde in dieser Studie das sonstige rechtsextreme Weltbild gemessen? Man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. In dieser Studie sind bestimmt auch viele Moslems. Die gehören dann wohl auch zu den Rechtsextremen.
 
29.11.06 14:27
#3 downup
zu 1): "In den Vereinigten Staaten regiert auch eine einzige Partei und nicht erst seit dem 2. Weltkrieg."  -- und welche ist das, bitte?

zu 2): http://www.fes.de/rechtsextremismus/pdf/Vom_Rand_zur_Mitte.pdf
gifmemore: hmm....
 
29.11.06 14:35
#4 downup
vielleicht erklärt das auch, warum die Amerikaner überall Kriege führen und nicht gerade zu den beliebtesten Zeitgenossen gehören!

Zumindest der Oberamerikaner erfreut sich nicht gerade einer stetigen Beliebtheit und wird von vielen gar als Terrorist gesehen.....

Also ich muss dem nicht zwingend nacheifern!
 
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