US-WAHL/Deutsche Wahlpartys: Lädierte Pappkameraden, lange Gesichter

Mittwoch, 09.11.2016 07:30 von

BERLIN/STUTTGART/FRANKFURT (dpa-AFX) - Plötzlich finden die Trump-Anstecker doch noch Liebhaber. Je weiter die Nadel in der US-Wahlnacht in Richtung von Kandidat Donald Trump ausschlägt, desto begehrter werden die Souvenirs auf deutschen Wahlpartys. Zugleich werden viele Gesichter länger. Denn die Sympathien waren eigentlich klar verteilt - und zwar an die Demokratin Hillary Clinton und nicht an den überraschend starken, in Deutschland stark kritisierten Republikaner Trump.

Viele geben auf den Wahlpartys frustriert vor dem Schluss auf. Um kurz vor fünf Uhr, als Trump schon deutlich führt, kommentiert der SPD-Bundestagsabgeordnete Niels Annen in Berlin: "Das sind wirklich schockierende Neuigkeiten." Andere wollen überhaupt nichts mehr sagen, verabschieden sich still nach Hause. SPD-Chef Sigmar Gabriel ist da schon längst weg.

Gefeiert wird mit Donuts, Popcorn und Hamburgern. Auf den Partys in Berlin, Frankfurt und Stuttgart sind Anstecker mit den Gesichtern der Demokratin Clinton und ihres Vize-Kandidaten Tim Kaine zunächst deutlich häufiger zu sehen als jene mit Trumps Konterfei. Bei traditionellen Party-internen Abstimmungen wählen die Gäste mit großer Mehrheit Clinton. Zugleich verfärbt sich die Landkarte der USA im Fernsehen Stück für Stück mehr republikanisch rot als demokratisch blau.

Eine Meinung hat in dieser Nacht fast jeder. Über Trump sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil: "Es ist ein verheerendes Zeichen, wenn jemand mit einer solchen Strategie der Spaltung, Polarisierung und der Demütigung ganzer Wählerschichten Erfolg hat."

Doch der umstrittene Republikaner hat auch Anhänger. "Ich will, dass Trump gewinnt, weil er einfach besser ist als die Clinton", sagt der 65-jährige Unternehmensberater Lothar Ziegler in Stuttgart. "Er ist von der Mentalität ein Macher und Geschäftsmann." Clinton habe "das Gen nicht".

"Ob man es mag oder nicht, Trump hat da etwas angezapft", sagt der Chicagoer Michael Pierce. Ein anderer Exil-Amerikaner vergleicht Trumps Wähler mit denen der AfD in Deutschland. "Die Leute, die das wählen, wollen das System kaputt machen und neu anfangen", sagt er. "Aber das ist nicht meine Vorstellung von Neuanfang."

In Frankfurt sieht es einmal am Wahlabend so aus, als hätten sich die Kandidaten versöhnt. Einander zugewandt stehen sie an eine Sesselgruppe gelehnt. Pappkameraden, die in dieser Nacht fotografiert, herumgeschoben, umarmt werden. Eine ältere Dame tanzt sogar mit ihnen. Am Ende der Party sehen sie lädiert aus. Wer gewonnen hat, weiß man da noch nicht./tam/DP/fbr