ROUNDUP: Armut und Ausgrenzung - Jeder Fünfte in Deutschland bedroht

Donnerstag, 03.11.2016 12:29 von

WIESBADEN (dpa-AFX) - Jeder Fünfte in Deutschland ist einer Statistik zufolge im vergangenen Jahr von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht gewesen. Der Anteil der 16,1 Millionen Betroffenen lag nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Donnerstag mit 20,0 Prozent ähnlich hoch wie in den Vorjahren - aber einmal mehr unter dem EU-Durchschnitt von zuletzt 23,7 Prozent.

Sowohl in Deutschland als auch EU-weit waren im vergangenen Jahr mehr Frauen als Männer betroffen. Hierzulande lag der Frauen-Anteil bei 21,1 Prozent und der der Männer bei 18,8 Prozent.

Die Daten stammen aus der Erhebung "Leben in Europa" (EU-SILC). Danach gelten Menschen als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn ihr Einkommen entweder unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt (sogenannte monetäre Armut) oder ihr Haushalt von erheblicher Entbehrung betroffen ist oder sie in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung leben.

Nach Meinung des Sozialverbands VdK zeigt sich an den Zahlen ein großer Handlungsbedarf. "Trotz der anhaltend guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland gibt es keinen deutlichen Rückgang der Armut", erklärte Präsidentin Ulrike Mascher. Armut müsse endlich wirksam bekämpft werden, etwa mit einem auf mindestens 11,60 Euro erhöhten Mindestlohn. De facto steigt der 2017 auf 8,84 Euro.

Der Statistik zufolge waren aktuell Menschen unterhalb des klassischen Rentenalters eher von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht als Ältere. Bei den 18- bis 65-Jährigen waren es 21,3 Prozent, bei den unter 18-Jährigen 18,5 Prozent und bei Menschen ab 65 Jahren 17,2 Prozent. Auf EU-Ebene wies indes die jüngste Gruppe mit 26,9 Prozent den höchsten Wert auf.

Als von monetärer Armut betroffen gelten Menschen, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung haben. Für Deutschland lag die Grenze für Alleinlebende bei 1033 Euro im Monat und bei 2170 Euro für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14. Allein diese monetäre Armut betraf wie im Jahr zuvor 16,7 Prozent.

Materielle Entbehrung erlebt ein Mensch, wenn er zum Beispiel seine Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen nicht zahlen, seine Wohnung nicht angemessen heizen oder sich eine einwöchige Urlaubsreise nicht leisten kann. In Deutschland waren 2015 mit so etwas 4,4 Prozent der Bevölkerung konfrontiert (2014: 5,0 Prozent).

9,8 Prozent der deutschen Bevölkerung unter 60 lebten 2015 in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung (2014: 10,0 Prozent) - wenn also die Erwerbsbeteiligung erwerbsfähiger Haushaltsmitglieder bei weniger als 20 Prozent liegt. Leben zum Beispiel in einem Haushalt zwei erwerbsfähige Menschen, aber nur einer arbeitet zwölf Monate eines Jahres, beträgt die Erwerbsbeteiligung 50 Prozent. Wenn die eine arbeitende Person indes nur vier Monate beschäftigt war, sinkt die Erwerbsbeteiligung auf unter 20 Prozent./chs/DP/fbr