ROUNDUP 2/Thyssenkrupp: Fortschritte reichen noch nicht - Umbau geht weiter

Donnerstag, 24.11.2016 13:28 von

(neu: Aussagen zu Stahl-Konsolidierung, Umbau und USA sowie Aktienkurs.)

ESSEN (dpa-AFX) - Die Sanierung des Industriekonzerns Thyssenkrupp (ThyssenKrupp Aktie) ist auch fast sechs Jahre nach dem Amtsantritt von Vorstandschef Heinrich Hiesinger noch nicht beendet. "Fortschritte sind zwar klar zu erkennen, aber das ist immer noch zu wenig", sagte der Manager am Donnerstag bei der Bilanz-Pressekonferenz in Essen. Der Umbau müsse weitergehen. Hiesinger will den Konzern durch eine stärkere Ausrichtung auf Technologiegeschäfte robuster machen und die Abhängigkeit vom schwankungsanfälligen Stahlgeschäft reduzieren. "Wir werden diesen Weg konsequent weitergehen", sagte Hiesinger.

Im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr hatten die lange schwachen Stahlpreise die Erholung des Konzerns empfindlich gebremst. Der operative Gewinn (bereinigtes Ebit) rutschte um zwölf Prozent auf knapp 1,5 Milliarden Euro ab. Dabei stabilisierten Einsparungen von fast einer Milliarde Euro das Ergebnis. Der Umsatz schmolz um 8 Prozent auf 39,3 Milliarden Euro. Unter dem Strich verdiente der Konzern 296 Millionen Euro, vier Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Die Dividende will Thyssenkrupp mit 15 Cent pro Aktie stabil halten, Analysten hatten hingegen mit einer Erhöhung gerechnet.

VORSICHTIGE PROGNOSE

Nach anfänglicher Enttäuschung pendelten Thyssenkrupp-Aktien im Laufe des Tages um den Vortagsschlusskurs und lagen zuletzt knapp ein halbes Prozent im Minus. Die Hoffnung auf eine Erholung der Stahlpreise hatte der Branche in jüngerer Zeit Rückenwind verliehen. Im Jahresverlauf haben Thyssen-Aktien mittlerweile rund 20 Prozent zugelegt.

"Wir müssen noch stabiler werden", sagte Hiesinger. Langfristig will er den operativen Gewinn auf zwei Milliarden Euro steigern. Im neuen Geschäftsjahr hält der Vorstand das angesichts der großen globalen Unsicherheiten noch nicht für realistisch. Als Ziel für den operativen Gewinn gab der Vorstand 1,7 Milliarden Euro aus, 300 Millionen davon sind im ersten Quartal geplant. Allein 850 Millionen Euro Gewinnbeitrag sollen weitere Sparanstrengungen liefern. Der Überschuss soll sich deutlich verbessern.

HOFFNUNG AUF TRUMP-SCHUB

Einen Schub erhofft sich der Konzern dabei vom geplanten Investitionsprogramm des künftigen US-Präsidenten Donald Trump. Mit seinem umfangreichen US-Geschäft könne Thyssenkrupp von Infrastrukturinvestitionen profitieren, sagte Hiesinger. Auch die geplante Förderung der Stahlbranche in den USA könne helfen, ergänzte Finanzvorstand Guido Kerkhoff. Er verwies darauf, dass das konzerneigene Stahlwerk in Brasilien vor allem Vorprodukte für die USA produziere.

Eingetrübt hat sich im vergangenen Jahr die Finanzlage. So verringerte sich in den zwölf Monaten bis Ende September das Eigenkapital um mehr als ein Fünftel auf 2,6 Milliarden Euro. Das lag vor allem daran, dass der Konzern wegen des Zinstiefs seine Rückstellungen für Pensionszahlungen erhöhen musste. Damit liegt die Eigenkapitalquote bei einem für einen Industriekonzern schwachen Wert von 7,4 Prozent. Die Schulden stiegen um drei Prozent auf 3,5 Milliarden Euro an.

NEUE SORGEN-SPARTE Als Stütze erwiesen sich wieder einmal das Aufzugsgeschäft und die Komponentenfertigung, die beide ihren Gewinn steigerten. Dagegen entwickelte sich der Großanlagenbau, zu dem die U-Boot-Sparte gehört, wegen einer schwachen Auftragslage zu einem Sorgenkind. Ein Sanierungsprogramm soll nun Besserung bringen. Allerdings muss Thyssenkrupp das ohne den dafür ursprünglich vorgesehenen Manager durchziehen. Dieser hatte vor wenigen Tagen seinen Hut genommen, weil er gegen die konzerneigenen Regeln der guten Unternehmensführung verstoßen hatte. Hiesinger versicherte, dass die Reform der Sparte dadurch nicht gebremst werde.

Um 36 Prozent sogar sackte der Gewinn der europäischen Stahlsparte ab. Sie hatte lange unter dem durch massive Importe aus China ausgelösten Preisverfall zu leiden. Zuletzt erholten sich die Preise aber auch dank der Einführung von Strafzöllen in der EU wieder, so dass sich die Aussichten für dieses Geschäft etwas aufgehellt haben.

AUCH OHNE FUSION EINSCHNITTE IM STAHL

Seit Jahren kämpft die Sparte schon mit der durch Überkapazitäten ausgelösten Branchenkrise. Der Vorstand sucht deshalb aktiv nach einem Befreiungsschlag und will eine Bereinigung in der Industrie vorantreiben. Im Sommer bestätigte das Unternehmen Verhandlungen über einen Zusammenschluss seiner hiesigen Stahlsparte mit dem europäischen Stahlgeschäft des indischen Industriekonglomerats Tata. Auch mit anderen werde gesprochen, erklärte Hiesinger. "Wann und mit wem diese Gespräche zu einem Abschluss geführt werden können, wissen wir nicht."

Hiesinger betonte zugleich, dass die Stahlsparte nun nicht in einer Wartestellung verharre. Es werde auch unabhängig von einer möglichen Fusion mit einem Konkurrenten weitere Einschnitte geben müssen. Entsprechende Gespräche würden derzeit mit den Arbeitnehmern geführt.

Derweil reduzierte das brasilianische Problemstahlwerk seinen Jahresverlust deutlich. Der viel zu teure Bau der Anlage hatte Thyssenkrupp vor wenigen Jahren in eine tiefe Krise gestürzt. Inzwischen läuft das Werk stabiler. Langfristig will Thyssenkrupp sich von der Anlage trennen. Zuletzt hatte es Gerüchte über einen Verkauf an den argentinischen Stahlkonzern Ternium gegeben, dazu wollte sich das Management nicht äußern./enl/nmu/men